„Bossing“ – was tun, wenn dich deine Vorgesetzten mobben?

Foto: Franey Miller
Nachdem sie vor allen Leuten im Büro angeschrien, ihr ein Fortbildungstraining verweigert worden war und sie trotz der Tatsache, dass sie alle ihre Ziele erreicht hatte, nicht für einen Bonus oder eine Beförderung in Erwägung gezogen worden war, brach Anita* zusammen.
Sie konnte ihre toxische Vorgesetzte einfach keine Sekunde länger mehr ertragen. Der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war, als sie ihr mitteilte, dass sie zwei Tage vor Weihnachten ins Büro kommen solle, obwohl sie niemanden hatte, der so spontan auf ihr Kind hätte aufpassen können.
„Nachdem sie mich so unter Druck gesetzt hatte, lachte sie mich aus, als sie nach nur zwei Stunden im Büro wieder ging. Ich weinte, denn ich hatte viel Geld für eine:n Babysitter:in ausgegeben, da ich in letzter Minute jemanden finden musste“, erinnert sich Anita.
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„Mein Selbstvertrauen und mein Selbstwertgefühl waren im Keller. Ich war emotional am Ende und wurde schließlich sogar depressiv.“
Bei dir läuten jetzt bestimmt die Alarmglocken. Anita hätte ohne Frage früher kündigen sollen, aber freiwillig zu gehen, war keine Option für sie. Die 34-Jährige war der Meinung, dass sich ihr Mutterschaftsurlaub bereits negativ auf ihre Karriere ausgewirkt hatte. Außerdem wollte sie das Unternehmen nicht verlassen, da sie darauf angewiesen war, um ihr Visum verlängern zu können.
So schockierend sie auch sein mag, Anitas Erfahrung ist kein Einzelfall. Jüngsten Untersuchungen zufolge hat sich das Verhältnis zwischen Arbeitnehmer:innen und Vorgesetzten im letzten Jahr verschlechtert, wobei weniger als die Hälfte der Nicht-Führungskräfte ihre Beziehung als gut empfindet. Wie eine Studie ergab, in der 14.800 Büroangestellte in 25 Ländern befragt wurden, sind das 17 Prozentpunkte weniger als 2020.
Wie sich herausgestellt hat, ist es zehnmal wahrscheinlicher, aufgrund von „Bossing“ (Mobbing durch Vorgesetzte) zu kündigen, als bei Unzufriedenheit mit dem Gehalt. Dabei sind toxische Führungskräfte in der Regel symptomatisch für eine ungesunde Arbeitsplatzkultur, in der Vielfalt, Gleichberechtigung und Eingliederung nicht gefördert werden, sich Angestellte nicht respektiert fühlen und unethisches Verhalten vorkommt.
Auch dieses Jahr, in dem Manager:innen damit zu kämpfen haben, Teams virtuell zu managen und mit dem zunehmenden Bedarf an Unterstützung aufgrund der Pandemie Schritt zu halten, soll Bossing und problematische Arbeitsplatzkulturen eine der Hauptursachen für die große Welle von freiwilligen Kündigungen in den USA und Großbritannien sein. Diese soll sich mit einiger Verzögerung auch in den deutschsprachigen Ländern ausbreiten. In Deutschland, Österreich und der Schweiz soll einer Studie von XING in Zusammenarbeit mit Forsa zufolge die Wechselbereitschaft unter Angestellten bereits deutlich gestiegen sein.
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Anonyme Unternehmensbewertungen, die durch Glassdoor analysiert wurden, bestätigen diese Entwicklung. Wie sich gezeigt hat, wurde auf dieser Website seit dem letzten Jahr doppelt so oft nach dem Wort „Gaslighting“ gesucht. In immer mehr Reviews werden „Manager:innen kritisiert, die vorgeben, sich für das Wohlbefinden und die Karriere ihrer Mitarbeiter:innen zu interessieren, während sie beides heimlich untergraben“.
Gaslighting ist auch einer der Begriffe, mit denen Jasmine*, eine 35-jährige Unternehmensanwältin, das Verhalten einer ehemaligen Vorgesetzten beschreibt.
Jasmine dachte, sie hätte ihren Traumjob als leitende Rechtsberaterin in einem Start-up-Unternehmen gefunden. Ihre zukünftige Chefin war charmant und charismatisch,und Jasmine sah eine aufregende Wachstumschance für ihre Karriere in diesem Unternehmen, das sich gerade eine bedeutende Investition gesichert hatte. Alles sah vielversprechend aus, weshalb Jasmine das Stellenangebot begeistert annahm.
Innerhalb weniger Wochen geriet diese scheinbar perfekte berufliche Situation aus den Fugen: Jasmine wurde von wichtigen Gesprächen ausgeschlossen und aus dem Informationsfluss herausgehalten, wodurch sie ihren Job nicht zufriedenstellend erledigen konnte. Ihre Arbeit war auf Tätigkeiten beschränkt, die eigentlich nicht zu ihren festgelegten Arbeitsaufgaben gehörten.

Dieses Bedürfnis nach Kontrolle oder Macht deutet in der Regel darauf hin, dass die Person in Frage nicht besonders viel Selbstvertrauen hat. Diese Unsicherheit wird durch toxisches und schikanöses Verhalten überspielt.

Nicole Posner
Jasmine sagt, dass all diese Umstände auf eine Person zurückzuführen waren: auf ihre problematische Chefin.
„Wenn sich Leute bei der Arbeit an mich wandten und um Rechtsberatung baten, unterbrach sie das Gespräch und sagte: ‚Für so etwas ist Jasmine nicht zuständig.‘ Außerdem deutete sie in unseren Einzelgesprächen an, dass ich nicht gut genug oder nicht fähig sei, meinen Job erfolgreich zu machen – ungeachtet davon, dass ich sehr viel Berufserfahrung in diesem Tätigkeitsbereich hatte, als ich anfing, und für diese Art von Arbeit davor sehr gelobt worden war“, erzählt Jasmine.
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Jasmine entschied sich, ihrer Chefin einen Vertrauensbonus zu geben. Als sie dann eine belastende persönliche Situation durchlebte, hielt sie es für das Beste, sich ihr anzuvertrauen. Jasmines Chefin unterstützte sie zwar zu Beginn, machte dann aber einen Rückzieher und gab Jasmin die Schuld an einem Projekt, das misslang, weil diese gedanklich woanders war.
„Ich konnte es einfach nicht glauben. Sie hatte mich vor den Gründer:innen den Wölfen zum Fraß vorgeworfen“, sagt Jasmine. „Ich fühlte mich die ganze Zeit über verarscht. Heute lache ich darüber, aber damals machte mir die Situation ganz schön zu schaffen.“
Der Tropfen, der dann das Fass zum Überlaufen brachte, war, als sie feststellte, dass eine frisch eingestellte Mitarbeiterin, die auf Jasmines Job-Level, aber eine ehemalige Kollegin ihrer Chefin war, viel mehr verdiente als sie selbst. Jasmine und mindestens vier weitere Mitarbeiter:innen beschwerten sich bei den Gründer:innen über das unangebrachte Verhalten dieser Frau, zu dem auch übermäßiges Mikromanagement gehörte und das die psychische Gesundheit der Teammitglieder beeinträchtigte.
Jasmines Vorgesetzte wurde schließlich entlassen. Für sie selbst kam diese Entscheidung aber zu spät, denn der Schaden war bereits angerichtet. Erschöpft und demoralisiert kündigten Jasmine und die Kolleg:innen, die sich ebenfalls beschwert hatten.
„Was mich an dem ganzen Szenario wirklich ärgerte, war, dass die Gründer:innen offensichtlich wussten, dass diese Person extrem gemein zu ihren Mitarbeiter:innen war, aber nichts dagegen unternahmen“, fügt Jasmine hinzu.
„Deshalb waren sie für mich mitschuldig. Ich glaube, sie hatten Angst davor, was passieren würde, wenn sie eine Frau in einer Führungsposition feuern würden.“
Diese Geschichten von Personen, die dachten, einen Traumjob an Land gezogen zu haben, nur um dann von toxischen Vorgesetzten untergraben und Opfer von Gaslighting zu werden, gehen mir sehr nahe – selbst zehn Jahre nach meinen eigenen Erfahrungen mit Bossing.
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In meinem Fall handelte es sich um die Chefredakteurin eines neuen Luxusmagazins. Ich wurde als Ressortleiterin des Feuilletons eingestellt und akzeptierte eine Gehaltskürzung als Opfer für die Chance, an dem mitzuwirken, was sie als „ein neues Modell des Journalismus“ beschrieb. In Wirklichkeit telefonierte ich aber stundenlang mit PR-Firmen, um Produkte anzufordern, die bereits in Magazinen vorgestellt worden waren, die meine Chefin eingekreist und in einem riesigen Stapel auf meinem Schreibtisch hinterlassen hatte. Ich hatte nur kryptische Notizen von ihr als Orientierungshilfe zur Verfügung. Irgendwann tauchte sie dann nach dem Mittagessen mit ihrem kleinen Hund im Schlepptau auf, den ich ausführen und hinter dem ich aufräumen musste, während sie Anrufe annahm und in Meetings war.

„Toxische Führungskräfte haben oft Angst davor, die Kontrolle zu verlieren, verurteilt zu werden oder schwach oder inkompetent rüberzukommen. Ihr gemeines und inakzeptables Verhalten ist also eine Art ‚Schutzpanzer‘ für sie.“

NICOLE POSNER
Damals scherzte ich mit Freund:innen darüber, dass mein Berufsleben wie eine Mischung aus Der Teufel trägt Prada und The Office sei – abgesehen davon, dass die Lage nicht im Entferntesten lustig war. Als das Projekt schließlich scheiterte und mich das zwei Monatsgehälter sowie meinen Verstand und meine Würde kostete, war ich so traumatisiert, dass ich mich ganz aus der Zeitschriftenbranche zurückzog.
Die Auswirkungen von Bossing können gar nicht ausreichend eingeschätzt werden.
Arbeitsplatz-Mediatorin und -Konfliktspezialistin Nicole Posner hat durch ihre Arbeit mit Betroffenen festgestellt, dass es sich bei toxischen Vorgesetzten – und auch solchen, die ihr schädliches Verhalten erkennen und ändern wollen – überproportional häufig um Frauen handelt.
Wie kommt es zu solchen Situationen in einem Umfeld, das eigentlich professionell sein sollte? Posner zufolge kann das Verhalten toxischer Führungskräfte oft auf ihre eigenen tief verwurzelten Unsicherheiten zurückgeführt werden.
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„Dieses Bedürfnis nach Kontrolle oder Macht deutet in der Regel darauf hin, dass die Person in Frage nicht besonders viel Selbstvertrauen hat. Diese Unsicherheit wird durch toxisches und schikanöses Verhalten überspielt. Es kann durchaus sein, dass sie selbst schon einmal gemobbt wurde oder in einer missbräuchlichen Beziehung war“, erklärt Posner.
„Toxische Führungskräfte haben oft Angst davor, die Kontrolle zu verlieren, verurteilt zu werden oder schwach oder inkompetent rüberzukommen. Ihr gemeines und inakzeptables Verhalten ist also eine Art ‚Schutzpanzer‘ für sie.“
Was kannst du also tun, wenn du betroffen bist und stoisches Durchhalten keine Option (mehr) ist? Kämpferisches Gegenhalten solltest du auf jeden Fall vermeiden, denn das wird die Lage nur noch verschlimmern und deine Position schwächen. Eine mögliche Lösung ist es natürlich, einfach zu kündigen, sagt Olivia James, die als Coach ihren Klient:innen dabei hilft, ihr Selbstvertrauen am Arbeitsplatz zu stärken. Damit gibst du dich aber geschlagen und bist am Ende deinen Job und damit deinen Lebensunterhalt los, was dann wiederum möglicherweise schlecht auf deinem Lebenslauf aussieht und bei zukünftigen Vorstellungsgesprächen ein kniffliges Thema sein kann.
Zunächst solltest du deshalb – gegebenenfalls mit Unterstützung des Betriebsrats – in jedem Fall das Gespräch suchen oder dich an die Personalabteilung wenden. Wenn du dabei aber auf Widerstand stößt oder sich danach nichts zum Besseren wendet, kannst du dich an einen Anwalt oder eine Anwältin wenden, der:die auf Arbeitsrecht spezialisiert ist. Zudem solltest du alles ganz genau dokumentieren, denn die Beweislast im Falle von Mobbing liegt in Deutschland bei den Betroffenen.
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Zum Glück gab es für Anita, Jasmine und mich jeweils ein Happy End. Anita konnte in ein anderes Team in einem anderen Büro wechseln. Jasmine trat direkt eine neue Stelle bei einem bekannten Fintech-Unternehmen an und erhielt sofort eine bedeutende Gehaltserhöhung. Ich konnte mich als freiberufliche Journalistin neu erfinden und mir aussuchen, mit wem ich arbeite.
Nichtsdestotrotz hat die Erfahrung mit Bossing bei mir und den von mir befragten Personen eindeutig emotionale Spuren hinterlassen. Anita sagt, sie bedauere, dass sie nicht für sich selbst eingetreten ist, während Jasmine mir erzählt, dass sie fast ein Jahr später immer noch in Therapie ist und alle ihre Vorgesetzten auf Abstand hält, um sich zu schützen.
„Als ich mit meinem damaligen Job anfing, wollte ich mein Bestes geben. Wann immer ich jetzt eine neue Arbeit beginne, habe ich insgeheim die Befürchtung, dass ich wieder gemobbt werden könnte“, sagt Jasmine abschließend. „Warum sollte ich mich also nicht schützen, indem ich distanziert bleibe?“
*Name wurde von der Redaktion geändert.

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