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Für Hochstaplerinnen wie Anna Delvey gehört der Style zum Betrug

Anna Sorokin – besser bekannt als „Anna Delvey“ – überzeugte halb New York City davon, sie sei eine deutsche Milliardenerbin, indem sie Alaïa-Kleider und Celine-Sonnenbrillen trug. Elizabeth Holmes ließ sich für ihren Style von Steve Jobs inspirieren, um Investor:innen, Politiker:innen und Technokrat:innen vorzugaukeln, sie könne die Gesundheitsindustrie revolutionieren. Und obwohl die Gesellschaft diese Hochstaplerinnen – und ihre Verbrechen – heute, Jahre später, genau als solche erkennen kann, bewundern wir doch immer noch irgendwie ihren Style. Schließlich erfordert es viel Mühe, reich und wichtig auszusehen.
„Das ist, als würde man ein Kostüm anziehen, vor allem im Fall von weiblichen Betrügerinnen“, meint die Journalistin Jessica Pressler, die die beiden New-York-Magazine-Artikel hinter der Netflix-Serie Inventing Anna und dem 2019er-Film Hustlers schrieb.
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„Frauen werden zum Großteil anhand ihrer Erscheinung verurteilt. Was du trägst, ist quasi, was du bist – und da spielen die Details eine große Rolle“, sagt sie. „Die Kleidung gehörte zu ihrem Schauspiel dazu.“
Der Schlüssel zu einem erfolgreichen Betrug liegt darin, wie gut es einem:einer Hochstapler:in gelingt, von anderen ernst genommen zu werden. Das spiegelt sich oft darin wider, wie sich prominente Betrüger:innen wie Anna Sorokin und Elizabeth Holmes kleiden. Pressler zufolge trugen sowohl Sorokin als auch die Hustlers-Frauen zum Beispiel oft Schwarz, um glaubwürdiger zu wirken: „Anna trug häufig diese kurzen schwarzen Babydoll-Kleider von Alaïa, und die Hustlers-Frauen machten es ähnlich. Sie sagten, sie hätten [ihren Look] bei ihren Dates dezenter halten wollen – also trugen sie Schwarz.“
Foto: Michael Kovac/Getty Images.
Auch die Theranos-Gründerin Elizabeth Holmes nutzte Schwarz, um sich von der Stanford-Uni-Studienabbrecherin in eine Silicon-Valley-Unternehmerin zu verwandeln. „Die Überzeugung, nicht ernst genommen zu werden, brachte Elizabeth dazu, Steve Jobs’ Rollkragenpulli-Look nachzuahmen. Dadurch sollte sie so aussehen, als hätte sie keine Zeit zum Shoppen, weil sie sich auf Theranos und dessen Erfolg konzentrierte“, sagt Claire Parkinson, die Kostümdesignerin für die bevorstehende Serie The Dropout, die auf Holmes’ Geschichte basiert.
Parkinson nahm Holmes’ „Uniform“ als eine Art Ausgangspunkt für ihre Arbeit an der Serie. „Das Erste, was ich Amanda Seyfried [die Elizabeth Holmes spielt] anprobieren ließ, war der schwarze Rollkragenpulli, damit sie ein Gefühl dafür bekam, wer dieser Charakter werden sollte“, erinnert sie sich.
Um Holmes’ Entwicklung darzustellen, kreierte Parkinson einen harten Kontrast zwischen Holmes’ College-Uniform und ihrem CEO-Image. Dazu griff sie für die Anfangsjahre zu nicht sonderlich stylischer 2000er-Mode (inklusive Abercrombie- und American-Eagle-Hoodies) und für die späteren Jahre der Geschichte zu Designerklamotten von The RealReal, bevor dann der schwarze Rolli zum Einsatz kam.
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„Innerhalb des Drehbuchs und der Geschichte gibt es da diese Phase, in der sie mit Theranos immer erfolgreicher wird und eine Frau kennenlernt – die es wirklich gibt und das erste iPhone mitdesignte –, die in Elizabeth den Wunsch auslöste, ihren Style ernster zu nehmen“, erklärt Parkinson. Die Kostümdesignerin nutzte diesen Moment in der Serie, um die Transformation von Holmes’ Charakter modisch zu veranschaulichen. 
Für Lyn Paolo, die Kostümdesignerin von Inventing Anna, spielte sich diese Verwandlung rückwärts ab: Die Zuschauer:innen sehen Anna zuerst am Höhepunkt ihrer Karriere – während sie gerade die New Yorker Elite und ihre weniger wohlhabenden Freund:innen um Tausende von Dollar betrügt, um damit angeblich ihre „Anna Delvey Foundation“ zu gründen, in Wahrheit damit aber ihren extravaganten Lifestyle finanziert –, dann später im Gefängnis. Das Publikum erlebt mit, wie sich Sorokin von einer glitzernden Fassade in eine unschuldig aussehende junge Frau verwandelt, die zu ihrer Gerichtsverhandlung 2019 in gedecktfarbigen Kleidern auftaucht. „Die Leute hielten Anna für eine echte Fashionista“, meint Paolo, die auch für Scandal arbeitete. „Wie sehr sich die Medien für sie interessierten – sogar für ihre Gerichts-Outfits –, war faszinierend.“
Foto: bereitgestellt von Netflix.
„Das Spannende an der Serie ist, dass du quasi zehn verschiedene Annas zu sehen bekommst, basierend auf den unterschiedlichen Geschichten der einzelnen Leute“, erzählt Paolo weiter. „Weil sie sich jedes Mal mit einer anderen Gruppe Freund:innen isolierte, dachten die, ihre Klamotten seien total neu. Wir hingegen sehen, dass sie dasselbe immer und immer wieder trägt.“
Genau diese Beständigkeit, meint Pressler, erlaubt es Betrüger:innen wie Sorokin und Holmes, andere von ihren Handlungen abzulenken. „Sie verstanden, dass es bestimmte Menschen gibt, die sich auf bestimmte Weise kleiden. Das war sehr clever“, sagt sie.
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Das richtige Outfit kann dich außerdem so aussehen lassen, als würdest du dazugehören. Kari Ferrell, bekannt als „hipster grifter“ (z. Dt.: „Hipster-Trickbetrügerin“), ist ein weiteres Beispiel dafür. In den späten 2000ern stürzte sich Ferrell auf die Hipster-Community im New Yorker Stadtteil Williamsburg, brachte sie um ihr Geld und erschwindelte sich einen Job bei Vice. She bekam die Stelle, weil sie schon so aussah, als würde sie dazugehören. Noch mehrere Jahre nach dem Artikel über Ferrell im The Observer war ihr bekannter Look in New York ein beliebtes Halloweenkostüm. Alles, was man dafür brauchte, waren ein Fake-Tattoo auf der Brust, American-Apparel-Leggings, eine rechteckige schwarze Brille und ein Tube-Top.
Ähnlich lief es Mitte der 2010er ab, als Elizabeth Holmes zur Ikone der Girlboss-Generation aufstieg. 2015 bekam sie den „Unternehmerin des Jahres“-Preis bei den Glamour Women of the Year Awards verliehen, den sie in einem komplett schwarzen Zweiteiler-Kostüm mit passenden Pumps entgegennahm. Im selben Jahr erschien sie auf den Covern von The New York Times Style Magazine, Inc. und Forbesimmer ähnlich gekleidet, und immer mit ihrem berühmten schwarzen Rollkragenpulli.
„Sie war eindeutig eine Nachahmerin“, meint Parkinson und bezieht sich damit auf die Parallelen zwischen Holmes’ Style und dem anderer mächtiger weiblicher Unternehmerinnen des Jahrzehnts – inklusive Sophia Amoruso von Nasty Gal, Emily Weiss von Glossier und Audrey Gelman von The Wing. Holmes’ Erklimmen der Forbes-Liste hatte sehr viel mit ihrem mühsam aufgebauten Image zu tun, das größtenteils auf einem Schrank mit 100 Rollkragenpullis basierte.
Obwohl Holmes, Sorokin und Ferrell alle des Betrugs schuldig gesprochen wurden, verraten ihre „Betrugs-Uniformen“ Pressler zufolge viel über unsere Kultur. „Das waren nicht nur sie. Wir machen das alle“, sagt sie und meint damit, wie wir uns mithilfe von Style ein Image erschaffen. „Wir alle schauspielern mit unserer Mode. Sie kleideten sich einfach für den Job, den sie haben wollten.“

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