Warum ich seit meinem ersten Liebeskummer mit 28 intensiver liebe

Illustrattion: Jessica Meyrick
Es ist mitten am Nachmittag, als meine Mutter mich zu einer einsamen Bank in unserem örtlichen Park führt, weit weg vom Gemurmel des normalen Lebens um uns herum. Normalerweise liebe ich diesen Ort, aber an diesem Tag möchte ich nichts davon sehen oder hören. Ich fühle mich so weit weg von mir selbst, dass ich das fröhliche Geschrei der Kinder um uns kaum noch wahrnehme.
Meine Mama setzt sich zu mir und dreht sich eine Zigarette. Ich bin dankbar für die momentane Stille, die so entsteht, denn ich spüre ihn kommen: ein neuer Stich im Herzen, der mich so heftig trifft, dass ich zu weinen beginne. Meine Mutter tut so, als würde sie meine Tränen nicht bemerken – eine gutgemeinte Geste, für die ich dankbar bin, die mich aber gleichzeitig noch trauriger macht.
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Ich bin gerade 28 geworden, wurde abserviert und bin untröstlich.
In der Woche zuvor beendete mein Partner, mit dem ich drei Jahre zusammen gewesen war, unsere Beziehung. Im Nachhinein betrachtet war das vorhersehbar, da es Monate davor schon zu kriseln begann. Obwohl ich hoffte, dass es nicht passieren würde, glaube ich, dass ich insgeheim bereits wusste, dass es dazu kommen würde. Das milderte aber weder den Herzschmerz, den ich in seiner Abwesenheit fühlte, noch die lähmenden Selbstvorwürfe, die mir keine Ruhe gaben.
Während dieser ersten Tagen nach der Trennung erinnerte mich alles an ihn: der Geruch von frischem Kaffee am Morgen, der Anblick des Fahrrads, das er, als unsere Beziehung noch gut lief, geduldig für mich zusammengebaut hatte. Selbst eine Bemerkung meiner Mutter darüber, wie gut ich doch im Gemüseschneiden sei, brachte mich zum Weinen. Schließlich hatte er es mir beigebracht.

Für das Scheitern einer Beziehung ist selten nur eine Person verantwortlich – selbst wenn ihr die Schuld dafür gegeben wird.

Die Wahrheit ist, dass er mir eine Menge beigebracht hat. Eine viel schwierigere Sache, mit der ich nun zurechtkommen musste, war die Tatsache, dass er mir nie wieder etwas beibringen würde.
Die unmittelbare Zeit nach einer Trennung fühlte sich wie ein täglicher Kampf mit der Zeit an. Morgens war es am schlimmsten. Eine Weile hatte ich das Gefühl, dass ich es am Morgen nicht aus dem Bett schaffen würde, und griff stattdessen zum Telefon, um meine Mutter anzurufen. Nach einigen Tagen dieser Art waren es ihre Anrufe, die mich regelmäßig weckten. Sie waren mein einziger Lichtblick. Still hörte sie mir am anderen Ende der Leitung zu, als ich versuchte, mir meinen Liebeskummer von der Seele zu reden. Sie versicherte mir, dass mein Schmerz mit der Zeit erträglicher werden würde, und obwohl ich ihr nicht glaubte, klammerte ich mich an ihre Worte.
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Viel zu selten hören wie Geschichten von Frauen in ihren späten 20ern oder 30ern, die ihr Leben nicht perfekt im Griff haben. Es gibt diesen Mythos, dass wir bis zu unserem 30. Lebensalter gut organisiert sein sollen.
Das war meine allererste Erfahrung mit Liebeskummer und sie war furchtbar. Ich war zum Abendessen bei Freund:innen eingeladen, die ein Paar waren und über ihre bevorstehenden Pläne sprachen – Hausanzahlungen, Verlobungsringe, die Namen ihrer zukünftigen Kinder – und fühlte mich wie ein Kind, das am Erwachsenentisch saß.
Ich war davon überzeugt, dass ich meine letzte Chance auf Glück in der Liebe verpasst hatte und dass ich mich den Rest meines Lebens verloren ohne meinen Ex fühlen würde.
Wenn wir von lebensverändernden Momenten hören, von jenen bedeutenden Durchbrüchen, die Menschen nach einer schwierigen Erfahrung erleben, klingen sie ungemein wichtig: ein monumentaler Meilenstein auf der eigenen Karte des Lebens. Mein Wendepunkt war aber vergleichsweise subtil. Wochenlang fühlten sich alltägliche Aufgaben wie Berge an, die es zu erklimmen galt. Ich wusste nicht mehr, wohin ich gehen oder was ich anziehen sollte oder was mir Freude bereiten würde.
Ich fing an, zu begreifen, dass ich irgendwann, im Chaos meiner 20er, mein Selbstempfinden verloren hatte. Damals hatte ich kaum eine Vorstellung davon, was ich wollte oder wer ich war. Ich war so bereitwillig zu einem „Wir“ geworden und hatte mich so in das Narrativ eines starken männlichen Protagonisten verstrickt, dass ich keine Ahnung mehr hatte, was ich für mich selbst wollte. Als ich das erkannte, änderte sich alles auf einen Schlag.
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Von dem Zeitpunkt an entschied ich mich, das Unbehagen und die Einsamkeit, die mit der Trennung verbunden waren, auszuhalten, bis ich wieder wissen würde, wer ich bin.
Zunächst betrachtete ich meine Beziehung und den Grund, warum sie gescheitert war, wie jemand auf einer Aussichtsplattform, der die Szene aus sicherer Entfernung beobachten kann. Mir Fehler einzugestehen, ohne mir dabei Selbstvorwürfe zu machen, war eine sehr schwierige Gratwanderung. Es fühlte sich an, als wäre ich eine Ballerina ohne jegliche Anmut mit zwei linken Füßen auf einer Weltbühne. Es fühlte sich unmöglich an.
Ich gab aber nicht auf. Ich nahm mich genauso ernst wie meinen Ex damals und nahm mir ein paar Tage frei, um meiner Traurigkeit freien Lauf zu lassen und die Trennung zu verarbeiten. Ich begann eine Therapie, schilderte meine Erlebnisse bis ins kleinste Detail und sprach Dinge aus, die ich vorher nie laut zu sagen gewagt hatte.
Nicht alles, was ich dabei herausfand, gefiel mir, aber je mehr ich grub, desto tiefer konnte ich in mich hineinblicken und die Wunden, die für mein Verhalten und mein geringes Selbstwertgefühl verantwortlich waren, entdecken. Ohne auch nur den geringsten Hauch von Selbstempfinden, dafür aber mit jeder Menge Unsicherheiten, hatte ich einen unerschütterlich selbstsicheren Partner gesucht, den ich in jeder Hinsicht als überlegen ansah.

Irgendwann, im Chaos meiner 20er, muss ich mein Selbstempfinden verloren haben. Damals hatte ich kaum eine Vorstellung davon, was ich wollte oder wer ich war. Ich war so bereitwillig zu einem „Wir“ geworden und hatte mich so in das Narrativ eines starken männlichen Protagonisten verstrickt, dass ich keine Ahnung mehr hatte, was ich für mich selbst wollte.

Schon bald nach der Trennung und kurz nachdem ich mit dem Verarbeitungsprozess begonnen hatte, spazierte ich mit einer guten Freundin durch einen Park. Beschämt gab ich ihr gegenüber zu, dass ich dachte, mein Selbstwertgefühl sei gering, woraufhin sie lachte und sagte: „Das weiß ich doch schon lange.“ Daraufhin lachten wir beide. Das war ihr bereits die ganze Zeit über klar gewesen und trotzdem war ich ihr sehr wichtig. Das war eine große Erleichterung für mich.
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Ich war entschlossen, mir meine eigenen Gelegenheiten zu schaffen, um mich selbst glücklich zu machen, anstatt darauf zu warten, dass sie sich ergeben. Meine Wochenenden verbrachte ich zu gleichen Teilen allein und mit Menschen, in deren Gegenwart ich mich wohlfühlte. Ich plante Solo-Aktivitäten: Urlaube, lange Spaziergänge, ich ging schwimmen und macht neue Erfahrungen in unbekannten Terrains. Diese kleinen Schritte zusammengenommen machten einen großen Unterschied.
Irgendwann sammelte ich all meine Selbsthilfebücher ein und legte sie beiseite. Stattdessen las ich alle möglichen Bücher, für die ich mir bisher keine Zeit genommen hatte. Ich sah mir Frances Ha wieder und wieder an. Ich stellte mir vor, wie ein Leben aussehen würde, das mich erfüllten könnt – als eine Frau, die sich Zeit lassen kann und zu ihren Überzeugungen steht. So gelang es mir, wieder zu träumen.
Nach einigen Monaten hatte ich einige Lektionen gelernt.
Jene Dinge, die wir nicht sagen, können genauso viel Schaden anrichten wie Worte, die in Eile geäußert werden. Jemanden zu lieben, ist keine Entscheidung, aber die Person nach einer Trennung weiterzulieben ist etwas, für das wir uns jeden Tag entscheiden können oder nicht. Wie Farben kann auch Liebe verblassen, wenn nicht genügend Licht vorhanden ist. Liebe kann aber auch trotz Chaos und Missgeschicken gedeihen. Sie kann durch Herausforderungen stärker werden. Sie ist aber auch eine zerbrechliche Sache. Damit sie bestehen bleiben kann, müssen Partner:innen bewusste Handlungen setzen und an sie glauben.
Bei manchen anderen Lektionen habe ich länger gebraucht. Folgende ist eine der wichtigsten davon: Für das Scheitern einer Beziehung ist selten nur eine Person verantwortlich – selbst wenn ihr die Schuld dafür gegeben wird. Es ist normal, weiterhin Gefühle für eine Person zu haben, auch wenn du nicht mehr neben ihr einschläfst und aufwachst. Kein anderer Mensch kann sie ersetzen. Das ist auch gut so.
Die vielleicht schwierigste aller Lektionen ist: Es ist nicht möglich, zu viel oder zu wenig für die richtige Person zu sein. Sich vor der Liebe zu verschließen, bringt niemanden an sein Ziel. Liebe kann uns auf die beste und die schlimmste Weise überraschen. Und es ist nie zu spät, uns selbst zu überraschen.
Es gibt eine Zeile von der Dichterin Mary Oliver, zu der ich immer wieder zurückkehre. Sie hebt hervor, dass wir nur ein Leben haben und wie kostbar es ist und fragt, was wir daraus machen wollen. Meine Antwort lautet: mit Liebe zu leben, die bei mir beginnt, aber kein Ende hat. Sie frei und furchtlos zu geben, obwohl – oder gerade weil – ich weiß, was danach kommen kann. Ich will ein Leben, in dem ich weiterträume, hoffe und lerne; ein Leben, in dem ich auch auf wackeligem Grund sicher stehe; ein Leben, in dem ich meinem Geist und meinem Herzen erlaube, unbelastet zu sein. Denn schließlich fängt Liebe bei uns selbst an.

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