Er ging jahrelang fremd – mit mir. Ich ahnte davon nichts

Sommer 2014: Ich war gerade mit ein paar Freundinnen bei einem Musikfestival und hatte überhaupt keine Lust darauf, mich in der ewig langen Schlange vor den Dixi-Klos anzustellen. Eine von uns entdeckte die Feuerwache auf der anderen Straßenseite; gemeinsam flitzten wir rüber,  in der Hoffnung, dort mal das Klo benutzen zu dürfen. Wir durften – und wurden dann von den Feuerwehrmännern auch direkt zu einer Runde Pool eingeladen.
Nach einer Weile ging der Alarm los, und der Feuerwehrmann, mit dem ich ein wenig geflirtet hatte – nennen wir ihn mal Martin –, schlüpfte in sein Outfit und sprang an Bord des Einsatzwagens. Er versicherte mir, dass wir uns bald wiedersehen würden. Herzklopfend blieb ich zurück, während der Truck mit lautem Sirenengeheul verschwand.
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Und Martin hielt Wort: Wir sahen uns wieder. Zwar waren wir nie fest zusammen, sahen uns aber über Monate hinweg regelmäßig. Wir spielten Pool, tranken Whiskey-Shots und hatten keine Probleme damit, uns unsere Zuneigung auch in der Öffentlichkeit zu zeigen. Mehrmals pro Woche übernachteten wir beieinander und wurden sogar Arm in Arm bei einem Event von einem Party-Fotografen geknipst. Als sein Hund starb, kam er weinend bei mir vorbei, und besuchte mich an Weihnachten. Ich lernte einige seiner Freund:innen kennen. Es war der typische Beginn einer Liebesbeziehung – nur wusste ich nicht, dass es stattdessen eine Affäre war. Ich hatte keinen Grund, seinen Single-Status infrage zu stellen.
Im Frühjahr 2015 zog ich dann in eine andere Stadt und war für mehrere Jahre weg. Während dieser Zeit hatten wir keinen Kontakt. Und dennoch: Als ich im Herbst 2019 zurückkehrte, suchte ich seine alte Nummer raus und schrieb ihn an. Er schlug mir vor, ihn noch am selben Abend zu treffen.
Ich lud ihn in eine Bar ein, wo ich gerade mit meiner 23-jährigen Cousine saß.  Martin kam rein und umarmte mich direkt überschwänglich. Er sah immer noch genauso aus wie früher, und die Funken zwischen uns sprühten wie eh und je. Ich fragte ihn scherzhaft, ob er inzwischen eine Frau und Kinder habe – immerhin war unser letztes Gespräch einige Jahre her. Er lachte und meinte, er sei ein Workaholic, was ich als „Nein“ deutete. Nach ein paar Stunden Quatschen & Cocktails deutete ich meiner Cousine gegenüber ganz vorsichtig an, dass es für sie Zeit sei, zu gehen. Sie war noch nicht mal zur Tür raus, als mich Martin zu sich drehte und mir einen Kuss auf die Lippen drückte. Wir verbrachten daraufhin die Nacht zusammen; am nächsten Tag schrieb er mir: „Hatte vergessen, wie gut du küssen kannst.“
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Anfangs wirkte es noch so, als würden wir einfach dort weitermachen, wo wir Jahre zuvor aufgehört hatten. Nur antwortete er mir nach ein paar Wochen und zwei Dates irgendwann einfach nicht mehr auf meine Nachrichten. Zuerst war ich davon genervt und ließ meinen Frust auf Twitter aus: „Entweder ghostet mich mein Feuerwehrmann… oder er ist tot“, twitterte ich. „Sollte ich trotzdem noch zu der Feuerwehr-Party heute Abend gehen, zu der er mich eingeladen hat?“
Das meinte ich größtenteils als Witz; gleichzeitig machte ich mir aber doch irgendwie Sorgen darum, ob er sich bei der Arbeit vielleicht verletzt hatte. Auf Rat meiner Follower hin ging ich also zur Feuerwehr-Happy-Hour, zu der er mich zuvor noch eingeladen hatte. Er tauchte jedoch nicht auf. 
Einige Wochen lang fragte ich Martin immer noch, ob es ihm gut ginge. Er antwortete nie, und da er keinen Social-Media-Account hatte, hatte ich keine andere Möglichkeit zur Kontaktaufnahme. Inzwischen hatte ich richtig Angst davor, dass ihm was passiert sein könnte, und recherchierte, ob es in der Zwischenzeit irgendwelche großen Brände in der Gegend gegeben hatte. Ich überlegte sogar, die Feuerwache mal anzurufen.
Irgendwann verabredete ich mich dann mit derselben Cousine zum Dinner, die bei unserem ersten Wiedersehen dabei gewesen war. Während wir an unseren Margaritas nippten, beschloss sie, den Mann ausfindig zu machen. Und das tat sie auch – in nur wenigen Minuten. Sie fand die unoffizielle Facebookseite der Feuerwoche, und als wir uns dort durch alte Posts scrollten, entdeckten wir Fotos von ihm auf der Wache… mit einer Frau und Kindern. Auf den Bildern trug er einen Ehering, und die Kinder waren ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Von da aus war es für meine Cousine ein Leichtes, Martins Verwandte auf Facebook zu finden. Und voilà: Da waren unzählige Fotos von seiner Hochzeit, von den Geburtstagsfeiern seiner Kinder, und, und, und. Den Bildern zufolge hatte er schon mindestens ein Kind gehabt, als wir uns 2014 kennenlernten.
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Ich fühlte mich, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich war, ohne es zu ahnen, jahrelang seine Affäre gewesen – hatte vielleicht sogar unwissentlich eine Ehe, eine Familie zerstört. Und dabei war es nicht mal so, als hätte es keine Warnsignale gegeben. Da war zuallererst seine ausweichende Antwort, als ich nach seinem Beziehungsstatus gefragt hatte; die Tatsache, dass wir seit unserem Wiedersehen in einem Hotel und einem Auto Sex gehabt hatten, anstatt bei ihm zu Hause; seine Bitte, das Hotelzimmer mit meiner Kreditkarte zu bezahlen; seine fehlende Online-Präsenz. Dabei war ich unter anderem deswegen nicht wirklich an einer Beziehung mit ihm interessiert gewesen, weil er mich intellektuell nicht stimulierte; ehrlich gesagt hatte ich ihn immer ein bisschen dumm gefunden. Stellte sich raus, dass ich die Dumme von uns beiden war. Er hatte mich jahrelang verarscht. 
Um Antworten zu bekommen, rief ich ihn an und schrieb ihm – alles umsonst. Ich twitterte darüber, was Martin mir angetan hatte, und einige Frauen sprachen mir darunter ihr Mitleid aus. Eine schrieb mir, sie sei mal in einer ähnlichen Situation gewesen, und dass ich nichts Falsches getan habe. Meine Cousine war total empört und verbot mir, mich für Martins Verhalten schuldig zu fühlen.
Und sie hatten ja völlig Recht; es war nicht meine Schuld gewesen. Hätte ich geahnt, dass Martin verheiratet war, hätte ich mich nie auf ihn eingelassen. Obwohl ich mir Vorwürfe dafür machte, dass ich nicht kapiert hatte, was hier lief, hatte er absichtlich jahrelang seine Familie vor mir verheimlicht. Und auch seine Freund:innen hatten die Affäre zugelassen; sie hatten schließlich tatenlos zugesehen, wie wir uns küssten. Martin hatte sogar dreist vorgeschlagen, seinen Bruder mit meiner Cousine zu verkuppeln. Er musste genau gewusst haben, dass ihm sein Schichtdienst und die fehlenden Social-Media-Accounts ein Doppelleben ermöglichten – aber darauf wäre ich nie gekommen.
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Die ganze Situation hatte aber auch etwas Gutes: Diese Erfahrung war mir eine Lehre darin, das loszulassen, was ich ohnehin nicht kontrollieren kann. In diesem Fall waren das Martins unverfrorene Lügen, sein Betrug, sogar sein Ghosting. Ich werde wohl nie wissen, wie seine Ehe aussieht, und welche Rolle ich darin unwissentlich spielte. Ich bin aber inzwischen an einem Punkt angelangt, an dem ich akzeptiere, dass sein Verhalten seine Verantwortung war – nicht meine. Und ich habe beschlossen, mir dafür zu verzeihen, dass ich nicht mehr Fragen stellte. 
Trotzdem tat mir Martins Betrug lange sehr weh und schmerzt auch heute noch. Vor allem, weil ich Männern inzwischen weniger vertraue. Um zu verhindern, dass ich jemals wieder in so eine Situation komme, frage ich jeden Typen, ob sie wirklich zu 100 Prozent Single sind. Wenn sie so wirken, als sei ihnen die Frage unangenehm, sehe ich das als Zeichen dafür, dass sie zumindest nicht völlig emotional verfügbar sind. Außerdem macht es mich unsicher, wenn jemand keinen Social-Media-Account hat; dabei frage ich mich sofort, ob sie etwas oder jemanden zu verheimlichen haben.
Trotzdem werde ich für immer dankbar dafür sein, wie sich Frauen gegenseitig bestärken, nachdem sie von Männern schlecht behandelt wurden. Die Hilfe, die ich von meinem Umfeld bekam – von meiner Cousine, meinen Freund:innen, die mir nach dem großen Schock zur Seite standen, und meine virtuellen Vertrauten auf Twitter –, war unbezahlbar und ein toller Kontrast zu Martins selbsterhaltendem Verschwinde-Trick. All diese Frauen verleihen mir jeden Tag neue Kraft, indem sie mich daran erinnern, dass es nicht meine Schuld war, dass ich die „andere Frau“ in diesem Liebesdreieck war. Das hat mir die Last der Schuld von Schultern genommen, die ich nie hätte tragen müssen.

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