Vergiss Hygge – dank Corona & Gen Z sieht „gemütlich“ jetzt anders aus

In schwierigen Zeiten – zum Beispiel in harten Wintern, oder eben während einer Pandemie – sehnen wir uns nach Gemütlichkeit. In den letzten Jahren hat diese Behaglichkeit auch eigene Fachbegriffe verpasst bekommen: Aus Dänemark schwappte der kuschelige „Hygge“-Trend mit seinen Wolldecken und warmem Kerzenschein zu uns rüber, aus Schweden und Finnland kam die gesellige Keks- und Kaffeepause „Fika“. Vor allem Millennials sahen diese Trends als Definition für „gemütlich“ und lebten sie auf Instagram, TikTok und offline aus – mit Flanellpyjamas vorm Kamin oder mit Glühwein beim Glamping.  
Und dann kam Corona.
Seit März hat sich unsere Vorstellung von „gemütlich“ zwangsläufig ändern müssen. Die Lagerfeuer-Romantik von Hygge lässt sich ohne Lagerfeuer in den eigenen vier Wänden nämlich schlecht umsetzen – und zwischen diesen Wänden haben wir im vergangenen Jahr viel, viel Zeit verbracht. Als Konsequenz wünschen wir uns ein umso kuscheligeres Zuhause, in dem wir uns geborgen fühlen. Und so entstand die „Neue Gemütlichkeit“: eine Post-Millennial-Ästhetik, geboren nicht nur aus dem Alltag einer Pandemie, sondern vor allem auch dem kulturellen Aufstieg der Generation Z.
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Vergiss deine Abendessen mit Freund:innen bei Kerzenschein. Für junge Leute sieht Behaglichkeit 2020 so aus: Du liegst unter einer flauschigen Decke im Bett und guckst dir was auf deinem Laptop an, quatschst via FaceTime mit jemandem oder spielst auf deiner Switch. Das Zimmer um dich herum ist rot, blau, vielleicht auch pink erleuchtet. In einer Ecke pustet ein Diffuser Zitronengras-Duft in die Luft. Aus einer anderen Ecke hörst du leisen Chillhop. Die größte körperliche Anstrengung deines Tages kommt, wenn du dich nach der dampfenden Tasse Kaffee oder Tee auf deinem Nachttisch strecken musst.
Vermutlich kommt dir all das jetzt bekannt vor, mindestens mal aus Social Media; vielleicht sieht dein eigenes Zuhause ja auch schon so aus. Denn die „Neue Gemütlichkeit“ lebt eben nicht mehr nur auf Pinterest, TikTok und Instagram, sondern in unseren Schlaf- und Wohnzimmern, wo so viele von uns derzeit den ganzen Tag verbringen. Und diese Entwicklung war schon in den ersten Tagen der Pandemie abzusehen, als wir plötzlich dazu gezwungen war, uns an einen völlig neuen Alltag zu gewöhnen.
Erinner dich mal an Staffel 1 von Corona zurück: Vielleicht hast du dir damals einen einfarbigen Sweatsuit gekauft, um im Homeoffice immer noch bequem, aber deutlich weniger pyjamamäßig rumzuhängen. Du hattest womöglich auf einmal viel mehr Zeit als sonst – also hast du dich durch Social Media gescrollt und dir eventuell sogar die gleiche hübsche LED-Lichterkette gekauft, die dieser eine TikTok-Teenie im Schlafzimmer zu hängen hatte. Das Bananenbrot hast du inzwischen vermutlich perfektioniert, und es vergingen ganze Tage, an denen du mehr Zeit auf deiner virtuellen Insel bei Animal Crossing verbrachtest als in deiner eigenen Realität. All das waren anfangs bloß Trends; inzwischen sind sie aber fester Bestandteil vieler Leben geworden. Die „Neue Gemütlichkeit“ gehört zur neuen Normalität.
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Und nirgendwo wird das offensichtlicher als bei YouTube. Suchst du da nach „2020 room transformation“ oder „cosy room tour“, spuckt dir der Algorithmus ein Schlafzimmer nach dem anderen aus, das vor lauter Lichterketten, Kuscheldecken und minimalistischer Möbel quasi aus allen Nähten platzt. Das Farbschema? Entsättigt. Die 22-jährige YouTuberin Cel Sang verwandelte ihr Schlafzimmer im Haus ihrer Eltern in eine cremefarbene Kuschelhöhle, deren Töne gut zu den Holzakzenten des restlichen Hauses passten. Und obwohl eine beige-braune Farbpalette zwar theoretisch ziemlich öde klingt, zaubert sie eine besonders beruhigende Stimmung, findet Sang: „Stell dir eine warme Tasse Kaffee oder Kakao vor. Genau so sieht es hier aus: Es fühlt sich so an, wie einen Kaffee zu trinken und mich in meinem Zimmer einzukuscheln. Mir wird innerlich ganz warm, wenn ich hier bin.“ Die „Neue Gemütlichkeit“ mag also neutrale Farben, die tagsüber natürliches Licht reflektieren und so nicht bei der Arbeit ablenken – und sie verwandelt sich in etwas ganz anderes, sobald es dunkel wird und die Lichterketten angeschaltet werden.
Auch die 19-jährige YouTuberin Allison Nicole wohnt derzeit bei ihren Eltern und studiert von zu Hause aus. Ihr Zimmer ist zwar sehr klein, aber sie braucht auch eigentlich nur ihre Gitarre, ihre Switch und ihre Lichterketten, damit der kleine Raum seine gemütlichen Vibes entfalten kann. „Mein Bett nimmt ein Drittel vom Zimmer ein“, erzählt sie Refinery29. „Deswegen ist das hier mein Ort zum Schlafen, Fernsehen, Entspannen. Er ist friedlich und beruhigend.“ Zu Beginn der Pandemie sah sie sich viele Produktivitäts-Videos und Homestudy-Vlogs an – und ließ sich inspirieren. „Diese Videos entspannen mich, weil das Umfeld meinem so ähnlich ist.“
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Dieser neue Standard der Gemütlichkeit ist vor allem in einer Hinsicht erfrischend anders: Er heißt Technik willkommen, anstatt sie zu verbannen. Oft erwarten Trends wie Hygge und Co. von uns, unser Handy beiseite zu legen und möglichst wenig Zeit vor Bildschirmen aller Art zu verbringen. Die „Neue Gemütlichkeit“ hingegen lässt die Grenzen zwischen Bildschirm und Realität verschwimmen: Lichterketten führen diese beiden Welten harmonisch zusammen und tauchen unsere Zimmer in ein ähnliches Licht wie das, das uns von unseren Handys, Tablets und Laptops entgegenstrahlt, und glätten so den Kontrast zwischen On- und Offline. 
Und wenn wir YouTube dann schließen und die Switch zur Seite legen, können wir uns von Chillhop- und Lo-Fi-Playlists langsam in die Stille lullen lassen. Die meisten Titelbilder dieser Playlists auf Spotify und YouTube zeigen kuschelige Homeoffices und niedliche Comicfiguren, die bis spät in die Nacht zu arbeiten scheinen – das perfekte Ambiente für deinen ruhigen Arbeitstag also. Playlists wie diese boomten vor allem während der ersten Pandemiemonate, und ihre kleinen, Kopfhörer tragenden Titelfiguren sind seitdem nicht nur zu Alltagsbegleiter:innen, sondern auch zu Memes geworden – vor allem „Study Girl“, ein animiertes dunkelhaariges Mädchen, das fleißig arbeitet, während ihre Katze auf dem Fensterbrett chillt. Als wir also anfingen, von zu Hause aus zu arbeiten, trösteten sich einige Leute damit, dass Study Girl das scheinbar schon seit vielen, vielen Jahren macht.
Und genau darum geht es ja bei der „Neuen Gemütlichkeit“: Trost – und Ablenkung von der gerade vielleicht etwas tristen Realität. Diffuser pusten uns Gute-Laune-Düfte entgegen, und leckere Experimente in der Küche wärmen uns von innen. Softe Musik und hübsche Lichterketten vertreiben die Stille und Kälte aus der Bude. Dabei ist die „Neue Gemütlichkeit“ natürlich weder produktiv noch sozial; das ist aber auch gar nicht ihr Zweck. Sie ist das absolute Minimum, das wir selbst dann noch hinbekommen, wenn wir uns  angesichts von Corona mal zu ausgebrannt, deprimiert und unruhig fühlen, um hochmotiviert unsere Workout-Challenges oder Leselisten abzuarbeiten. Sie ist dazu da, um unsere Akkus wieder aufzuladen. Und sie ist ehrlich – denn manchmal wollen wir unsere ganze Zeit auch einfach damit verbringen, uns zwischen Decken und Kissen zu verkriechen und am Handy zu hängen.

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