Black Trauma: Diese Pandemie wird nie enden

Rodney King. Das ist der Name des ersten schwarzen Mannes, der der Polizei zum Opfer fiel. Besser gesagt ist es der erste Name, an den ich mich erinnern kann. Ich war drei Jahre alt, als er gewaltvoll von weißen Polizisten zusammengeschlagen wurde.
Von diesem Zeitpunkt an war die Gefahr, wegen meiner Herkunft ermordet zu werden, etwas, das oft zuhause angesprochen wurde. Es wurde so regelmäßig thematisiert wie das Händewaschen vorm Essen oder die Ermahnung, dass meine großen Brüder und ich unser Gemüse aufessen sollen. Von einem Polizisten zusammengeschlagen zu werden, schien wie etwas, das wir verhindern können – wenn wir immer artig sind (die Hände da halten, wo man sie sehen kann) und die richtige Kleidung tragen (nicht zu baggy, keine Hoodies). Wie eine drohende Erkältung, die man mit heißem Tee abwenden kann.
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Heute wissen wir, es ist egal, wie wir uns verhalten. Unsere Kleidung spielt keine Rolle. Und manche Menschen sind der Meinung: Black lives don’t matter. Mitten in einer globalen Pandemie, in der sich so gut wie alles in unserem Leben verändert hat, hat sich im Hinblick auf eine Sache nichts geändert: Die Rede ist vom Trauma der Schwarzen. Wie sich herausgestellt hat, helfen auch keine Masken gegen die White Supremacy (weiße Vorherrschaft).
Unser Trauma stellt unsere eigene Pandemie dar. Du musst dir nur mal die letzten zwei Wochen anschauen. Erst gefährdete eine weiße Frau namens Amy Cooper das Leben eines schwarzen Mannes namens Christian Cooper (nicht verwandt), der einfach nur in Ruhe Vögel im Central Park in New York beobachten wollte. Dann wurde ein Video veröffentlicht, auf dem man sieht, wie George Floyd nach Luft ringt und sagt, er könne nicht atmen, während ein weißer Polizist sein Knie auf Floyds Hals drückte, um ihn am Boden zu halten. Einen Tag später ging #JusticeForRegis viral, ein Hashtag, der sich auf Regis Korchinski-Paquet bezieht – eine schwarze Frau, die 24 Stockwerke herunterstürzte und starb, nachdem die Familie die Polizei in die Wohnung gerufen hatte, um ihnen zu helfen. Aktuell wird der Fall noch untersucht, doch die Familie hat Grund zur Annahme geäußert, die Polizisten haben gestoßen – nicht zuletzt, weil ihre letzten Worte “Mom, help“ waren.
All diese brutalen Taten gegen schwarze Menschen sehen zu müssen – gegen Menschen, die wie ich aussehen – ist einfach zu viel für mich und für viele andere.
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In den letzten Tagen habe ich viel über den Begriff Normalität nachgedacht – auch wenn meine Gedanken immer wieder abdrifteten und ich ständig das Bild von Floyd vor Augen hatte, auf dessen Hals ein weißer Polizist kniete. Weiße Menschen unterhalten sich in letzter Zeit oft darüber, dass sie es kaum abwarten können, bis ihr Leben endlich wieder normal ist. In den Medien fallen Begriffe wie “The New Normal“ oder “die neue Normalität“. Auf Twitter trendete der Hashtag #WhenThisIsAllOver vor Kurzem, unter dem Menschen die Dinge mit ihren Followern teilten, die sie machen wollen, sobald die Corona-Krise vorbei ist – wie heiraten oder verreisen. Ich verstehe, dass es einfacher ist, so zu tun, als würde irgendwann alles wieder wie früher sein, statt zu akzeptieren, dass sich deine Realität für immer verändert hat. Sich daran festzuhalten, dass das Gefühl von kollektiver Trauer, das wir gerade erleben, irgendwann wieder vorbeigeht, ist ein Bewältigungsmechanismus, um mit dem Schmerz umgehen zu können. Das verstehe ich.
Doch für schwarze Menschen ist es eine schmerzhafte, nicht durch uns kontrollierbare Realität etwas, womit wir tagtäglich konfrontiert werden. Ja, auch wir heiraten, verreisen auch erleben Freude. Doch mit Trauer und Unbehagen umzugehen, ist uns so vertraut, wie es das tiefe Bedürfnis für dich ist, endlich mal wieder eine alte Freundin umarmen zu können.
Black Trauma ist normal. Versehentlich beim Scrollen durch die sozialen Medien über ein Video zu stolpern, in dem ein schwarzer Mann gelyncht wird, ist normal. Ein neuer Hashtag nach dem Tod einer schwarzen Frau ist normal.
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In einem Essay aus dem Jahr 2016 mit dem Titel “Um wie viele schwarze Menschen kannst du in einer Woche trauern“ schrieb Hannah Giorgis, als schwarze Person in Amerika zu leben bedeutet, permanent in quälender Nähe zum Tod zu leben. Sie erklärt, dass du das nicht einfach von dir wegschieben kannst. Es gibt keine Verschnaufpause. Es gibt keine Möglichkeit, das Thema aus deinem Leben zu verbannen – wie etwa einen Insta-Account, den du blockierst oder entfolgst. Und es gibt auch keine “Nach-der-Pandemie“-Zeit für das rassistische Fundament, auf dem unser System gebaut wurde. Wir können unser Trauma nicht auf 2021 verschieben.
In Kanada (speziell in Toronto), ist die Wahrscheinlichkeit für eine schwarze Person 20 Mal höher, von der Polizei erschossen zu werden. Und auch in den USA ist es für schwarze Männer und Jungen wahrscheinlicher, von der Polizei getötet zu werden als für weiße. In beiden Staaten ist das Risiko für Komplikationen bei der Geburt bei schwarzen Frauen höher. Schwarze Personen sind überproportional von Armut und einer instabilen Wirtschaft betroffen. Das Risiko, an Corona zu erkranken und daran zu sterben, ist bei uns höher.
Tod. Zerstörte Familien. Unvorstellbare Verluste. Freiheitsberaubungen. Verlust von Arbeitsplätzen. Eine endlose Liste menschlicher Tragödien. Aber du kannst nur gegen diese Ungerechtigkeiten protestieren ohne dabei Tränengas abzubekommen, wenn du weiß bist. Welch eine Ironie. Ich würde lachen, wenn es nicht zum Heulen wäre.
Tausende von – hauptsächlich schwarzen – Menschen gingen in den letzten Tagen in Minneapolis auf die Straße, um gegen Polizeigewalt und Rassismus zu demonstrieren. Man begegnete uns mit Tränengas, Gummigeschossen und unfairen Darstellungen in den Medien. Trump drohte auf Twitter an, mit dem Militär gegen Demonstrant*innen vorgehen zu wollen. Nur wenige Wochen zuvor hatten bewaffnete weiße Männer und Frauen die Polizei angeschrien und angespuckt, weil sie die den Lockdown verachteten, den die Regierung zu ihrer Sicherheit verhängt hatte. Ihnen begegnete man mit ruhigen, Mund-Nasen-Schutz tragenden Polizist*innen. Der Präsident nannte die Demonstrant*innen „very good people“. Mit diesem und weiteren Beispielen zeigt die Polizei der Welt, dass sie weiße Menschen als ungefährlich einstufen – selbst wenn sie die Cops anspucken. Doch schwarze Menschen sehen sie als Bedrohung – obwohl sie einfach nur versuchen, zu überleben.
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Die letzten zwei Monate haben uns eine Reihe von Beispielen gegeben, dass die “Normalität“, zu der die weißen Menschen so verzweifelt zurückkehren wollen, immer noch die Ermordung schwarzer Menschen beinhaltet. Menschen wie Ahmaud Arbery, ein Mann, der beim Joggen erschossen wurde. Oder D’Andre Campbell, ein Mann, der an psychischen Problemen litt und der von Polizisten erschossen wurde, nachdem er sie angerufen und um Hilfe gebeten hatte. Oder Breonna Taylor, eine Frau, die in ihrem eigenen Zuhause von der Polizei umgebracht wurde. Doch Rassismus zeigt sich nicht immer nur in Form von gewalttätigen weißen Männern mit Dienstmarken. Die eingefleischte Engstirnigkeit privilegierter weißer Frauen ist genauso gefährlich.
Was Amy Cooper getan hat, ist auch normal. Auch hier bei uns in Kanada. Als ich herausfand, dass sie eine Kanadierin ist, nickte ich zustimmend. Ich kenne Frauen wie Amy “Ich bin keine Rassistin” Cooper. Sie benutzen ihre White Privilege als Waffe. Wie The Cut bereits gesagt hat, könnte sie „deine Chefin oder deine Nachbarin oder deine Lehrerin sein, wenn sie am falschen Tag gestört wird“. Das sind die Rassist*innen, die damit prahlen, schwarze Freund*innen zu haben. Das sie die, die deine Haare anfassen und ohne schlechtes Gewissen das N-Wort beim Rappen verwenden, bis sie irgendwann erwischt werden. Das sind die, die sagen: „Wir sehen keine Farben in Kanada“. Das klingt vielleicht nach kleinen, verzeihbaren Dingen, aber sie führen alle auf das Gleiche hinaus: Diese Personen weigern sich, eine Mitschuld einzugestehen und zuzugeben, Teil eines Systems und einer Sozialpolitik zu sein, die ihnen Vorteile bringt und andere unterdrückt. Dadurch lassen sie mutwillig zu, dass schwarze Menschen sterben. Weiße Menschen: Scrollt nicht am Leid schwarzer Menschen vorbei. Diesen Luxus können wir uns nicht leisten, und ihr solltet es auch nicht tun.
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Während der globalen Krise, die von manchen (wie Madonna) als „großer Gleichmacher“ bezeichnet wird, werden die Ungleichheiten zwischen schwarzen Menschen und allen anderen immer größer. Das Virus tötet die Ältesten und zerrüttet unsere Communities. Das gilt für alle Menschen auf der ganzen Welt. Aber für die schwarzen Menschen in den USA und in Kanada kommt zur emotionalen Belastung des Virus die Pandemie des Rassismus. Zahlreiche Studien zeigen, es hat verheerende Auswirkungen auf unsere mentale Gesundheit, wiederholt zu sehen, wie schwarze Menschen sterben. Das Trauma, das durch Jahrzehnte der Unterdrückung entstanden ist, lebt in unseren Körpern. Die Auswirkungen auf unsere Psyche können nicht quantifiziert werden. Das Trauma nagt an uns und verbreitet sich. Es ist ansteckend und tödlich. Es ist unvergleichbar erschöpfend. Und trotzdem stehen wir früh auf und arbeiten. Wir nehmen das Seidentuch vom Kopf und werfen Zoom an. Selbst, wenn es uns nicht gut geht, machen wir gute Miene zum bösen Spiel. Wir nutzen die sozialen Medien, um unser Leben zu verteidigen. Wir appellieren an unsere Verbündeten, mehr zu tun. Wir trauern gemeinsam. Wir drücken unsere Wut aus. Wir weinen. Wir kämpfen. Wir unterstützen uns gegenseitig, mit Freude und einem Lächeln und unserer unschlagbaren Kultur. Wir wissen, wir sind nicht allein. Aber wir wissen auch, das wird nie enden. Und die Hoffnungslosigkeit, die wir fühlen? Die ist normal.
Wie alle Eltern bringen auch schwarze Eltern ihren Kindern bei, in die Armbeuge zu husten und 1,5 Meter Abstand zu anderen Menschen zu halten. Aber sie müssen mit ihnen auch noch das Gespräch führen. Sie müssen ihren Kindern von George Floyd erzählen. Und von Ahmaud Arbery. Und Breonna Taylor. Und diese Namen werden sie für immer in ihren Köpfen behalten.
Weiße Menschen: Wenn ihr wirklich Verbündete sein wollt, behandelt Rassismus gegen Schwarze wie die Pandemie, die sie ist.

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