Innerhalb von zwei Jahren habe ich meinen Vater und meinen Ehemann verloren

illustrated by Assa Ariyoshi; illustrated by Assa Ariyoshi.
Fünfundzwanzig und Witwe.
Ich hätte nie geglaubt, das mal mit meiner Mutter gemein zu haben. Eine Witwe zu sein. In weniger als zwei Jahren habe ich zwei der wichtigsten Männer meines Lebens verloren. Erst meinen Vater, dann meinen Ehemann. Wie soll das irgendjemand auch nur ansatzweiße verstehen?
2016, kurz nach meinem 23. Geburtstag, beschlossen mein Freund Samuel und ich, für meinen Job von Australien nach Los Angeles zu ziehen. Wir verkauften unser Hab und Gut und kauften drei Flugtickets – eins für unsere Katze Sneaky Bon Beakie. Im April hatten wir uns einigermaßen eingelebt und heirateten im kleinen Kreis: wir beide, unsere Trauzeug*innen und die Fotografin. Ich wusste, mein Vater würde es nicht schaffen, mich zum Altar zu führen. Er hatte schon seit 17 Jahren einen Gehirntumor, der seine Beweglichkeit einschränkte. Wenn nicht er, dann niemand.
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Im Juni verschlechterte sich seine gesundheitliche Situation und wir beschlossen, zurück nach Australien zu ziehen, damit ich meiner Familie beistehen konnte. Es war egoistisch, aber in meinem Kopf flehte ich meinen Vater an, nicht zu gehen. Ich wusste, dass es jederzeit passieren konnte, aber als ich schließlich den Anruf bekam, veränderte das alles. Es traf mich schlimmer als gedacht – wirklich darauf vorbereitet, ist man wohl nie.
Das ist ein Tagebucheintrag vom 2. Dezember 2016, weniger als ein Monat, nachdem mein Dad gestorben war:
„Ich vermisse ihn. Ich habe T-Shirts, die nach ihm riechen, aber sie fühlen sich noch viel leerer an als sie es in Wirklichkeit sind. Ich habe das Gefühl, er ist irgendwo da draußen, aber ich weiß nicht wo. Ich kann ihn nicht sehen, nicht berühren, nicht mit ihm reden. Ich bekomme keine Email, SMS oder Anrufe von ihm. Ich habe Angst vor dem Tag, an dem es nicht mehr wehtut. Ich will nicht, dass es nicht mehr wehtut, meinen Dad, meinen besten Freund, verloren zu haben. Wo bist du? Und wann werde ich dich wiedersehen?”
Monatelang vegetierte ich vor mir hin. Ich schleppte mich vom Bett zum Sofa, duschte kaum noch, putzte mir nur selten die Zähne. Eines Tages – wahrscheinlich kurz nachdem ich Samuel heulend angerufen und gebeten hatte, Donuts mitzubringen (was er jedes einzelne Mal anstandslos machte) – sagte ich, alles was ich bräuchte, wäre ein Hund zum Kuscheln. Also holten wir Pockets, einen geretteten Windhund. Ich liebte sie so sehr. Sie war der süßeste Hund überhaupt und lag den ganzen Tag neben mir. Sie schwamm sogar im See vor unserem Ferienhaus auf dem Land, was für mich ein Zeichen dafür war, dass der Geist meines Vaters in ihr weiterlebte (ich versuchte auf jede erdenkliche Art und Weise an meinem Dad festzuhalten).
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Pockets starb Heiligabend nach einem Unfall – nur eine Woche, nachdem wir sie gekauft hatten. Ich konnte es nicht fassen und fühlte mich wie betäubt vor Traurigkeit. Wir suchten überall nach einem anderen, katzenfreundlichen Windhund. Sneaky sollte nämlich bald zu uns nach Hause fliegen. Wir fanden Monkey und adoptierten noch einen zweiten Hund: Mavis. Monkey war frech und lebhaft, Mavis eine goldige, zierliche, alte Lady. Ein bisschen wie meine Oma Ber Ber, die ein paar Monate nach meinem Dad gestorben war. Auch bei ihr war es unvermeidbar und wir hatten schon damit gerechnet. Aber trotzdem ist es einfach herzzerreißend, sich von der Großmutter verabschieden zu müssen. Meine Oma hatte immer daran geglaubt, mein Vater wäre im Himmel und würde von einem Stern auf uns alle hinunterschauen. Und jetzt ist sie auch dort oben.
Foto: Dane Peterson
Siobhan O'Keefe
Irgendwann fühlte ich mich wieder besser. Ich verlies das Haus, duschte, putzte meine Zähne. Aber zu Hause lief nicht alles rund. Wegen ihrer Rasse durfte Sneaky noch nicht in Australien einreisen, wodurch wir uns wie Eltern fühlten, die ihr Kind im Stich gelassen haben. Samuel und ich lebten uns auseinander und hatten unterschiedliche Vorstellungen davon, wie es weitergehen sollte. Ich wollte wirklich gern zurück in die Staaten gehen, arbeiten und das Beste aus meinen Möglichkeiten machen. Als mein Vater starb, ist auch ein Teil von mir gestorben. Manche Sachen machte ich nur deswegen nicht, weil ich ihm nicht mehr davon erzählen konnte. Er war der Grund für alles gewesen, was ich gemacht hatte: Ich bereiste die Welt und arbeite überall und nirgendwo, damit ich mehr Geschichten hatte, die ich mit ihm teilen konnte. Jedes Mal, wenn ich ihn im Krankenhaus besuchte, sagte eine Krankenschwester: „Ihr Vater hat mir alles von Ihnen und Ihren Geschichten erzählt!”. Bei einem Gespräch mit einer Psychologin wurde mir bewusst, dass er auch weiterhin mein Antrieb sein könnte. Ich könnte weiter Sachen für ihn machen, aber ihm anschließend nichts davon erzählen.
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Nach etwa neun Monaten des Nichtstuns ging ich – mit Samuels Unterstützung – alleine zurück nach L.A., um zu arbeiten und herauszufinden, was verdammt noch mal der Sinn dieses Lebens ist. Ich sprach mir selbst Mut zu, indem ich mir einredete, mein Vater würde durch die Wolken spazieren und ich würde ihn vielleicht sehen und stieg ins Flugzeug.
Eines Tages beschlossen Samuel und ich während eines Telefonats, es wäre das Beste für uns beide, eine Beziehungspause einzulegen. Weihnachten kann so schon eine beschissene Zeit sein, aber in diesem Jahr war es für mich besonders schwer. Vor einem Jahr war mein Vater gestorben und jetzt würden mein Mann und ich uns scheiden lassen. Wir telefonierten zwar trotzdem fast noch jeden Tag, aber wir waren an einem Punkt angekommen, an dem es praktisch keinen anderen Ausweg mehr gab. Es war niederschmetternd, herzzerreißend und eine der schwersten Dinge, die ich je machen musste.
Ich weiß noch, wie ich versuchte, den ganzen Papierkram zu händeln, weinte und dachte, es wäre so viel einfacher, in einer unglücklichen Ehe zu bleiben.
Trotz allem – der Hoch- und Tiefpunkte – blieben wir Freunde. Wir unterschrieben die Scheidungspapiere gemeinsam, küssten uns und ich sagte: „Ich liebe dich”. Wenn ich meine Augen schließe, kann ich immer noch spüren, wie seine Lippen vor Traurigkeit zittern und wie warm sich seine Hände an meinem Gesicht anfühlten, als wir uns küssten. Das war das letzte Mal, dass ich Sammy sah.
Es gibt viele Symptome, die wir bei einem Schock erleben können: unkontrollierbares Zittern, Übelkeit, Benommenheit, … Ich erlebte alle in einem Nachmittag im Februar 2018. Ich saß auf der Treppe vor meinem Haus in West Hollywood. Ich hatte wieder einen Anruf bekommen und wieder war auf einmal alles anders.
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Ich konnte mir fast einreden, es wäre wegen der Zeitverschiebung noch gar nicht passiert. Samuel musste einfach noch am Leben sein. Es tat so unglaublich weh, als ich realisierte, was geschehen war. Mir wurde richtig übel. Jedes Mal, wenn ich versuchte, darüber zu reden, fing ich an zu zittern. Es fühlte sich so an, als würde mir jemand ein Messer in den Bauch rammen. Ich kannte jeden Zentimeter seines Körpers und jetzt war er einfach so weg. Ich wollte ihn beschützen, ihn wärmen. Der Gedanken, dass er ganz allein und kalt war, lähmte mich. Es war zu schmerzvoll. Ironischerweise war er die einzige Person auf der ganzen Welt, die ich in so einer schweren Zeit an meiner Seite haben wollte. Ich brauchte ihn. Er sollte mir Donuts bringen, wenn ich nicht duschen konnte.
Samuel, der jahrelang gegen die Sucht gekämpft hatte, erzählte mir immer, Trauer kommt in Wellen. An manchen Tagen sind die Wellen nicht so schlimm und du kannst die Wohnung verlassen. An anderen Tagen wird aus einer Welle ein verdammter Tsunami. Ich lernte, damit umzugehen. Die Wellen auszuhalten. Es ist okay, einfach nur dazusitzen und traurig zu sein. Es ist okey, den ganzen Tag auf dem Sofa zu liegen, Donuts zu essen und wirklich schlimm zu stinken. Es ist okay, darüber zu sprechen, zu schreiben, zu singen oder zu malen. Sonst frisst es dich von innen heraus auf und du gehst dabei kaputt.
Es gibt einige – viele –die in diesem Club sind, in dem niemand sein möchte. Manche wissen noch nicht mal, dass er existiert. Wenn du jemanden aus diesem Club triffst, fühlst du dich weniger allein. Wenn du noch nie jemanden verloren hast, keine Berührung mit dem Tod hattest, weißt du nicht, was in Menschen vorgeht, die das durchstehen mussten. Du wirst nie ganz verstehen können, wie wir uns fühlen. Und das ist nicht schlimm.
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Ich versuche, jeden Tag aufzustehen und happy zu sein. Ich versuche, etwas für mich zu tun, denn – wie Samuel sagen würde – „L.T.S., mate. Das Leben ist zu kurz”.

Ich sehe mich nicht als Opfer des Todes, aber meine Erfahrungen haben meine Sicht auf das, was mir im Leben wichtig ist, geändert. Manche Dinge sind den Stress (oder meine Zeit) einfach nicht Wert – das ist mir jetzt klar. Ich rege mich jetzt nicht mehr über Kleinigkeiten auf. Und wenn mich etwas nicht glücklich macht oder ich davor Angst habe, dann mache ich es auch nicht. Ich versuche, jeden Tag aufzustehen und happy zu sein. Ich versuche, etwas für mich zu tun, denn – wie Samuel sagen würde – „L.T.S., mate. Das Leben ist zu kurz”.
Ich hatte immer vor, nach London zu reisen. Mein Vater unterstütze mein Fernweh immer. Meine Oma liebte die Stadt und redete stundenlang darüber. Samuel stammt aus Großbritannien und er hatte dort gelebt, bis er 17 war. Als sich mir also die Möglichkeit bot, selbst dorthin zu fliegen, war das eine emotionale Angelegenheit für mich. Models 1 nahm mich unter Vertrag, buchte mein Ticket und jetzt bin ich hier in meiner Wohnung in East London und schreibe diesen Artikel – während meine Lichterkette mein Zimmer in sanftes Licht hüllt und im Hintergrund sanfte Musik läuft. Zwischendurch mache ich Pausen und male mit meinen neuen Wassermalfarben.
Viele Menschen können sich nicht vorstellen, wie die letzten zwei Jahre für mich gewesen sein müssen und wie ich es geschafft habe, „stark zu bleiben”. Aber das Leben ist zum Leben da. Du musst es nur machen. Ich wollte nicht schon wieder ein Jahr Donut essend auf der Couch verbringen. Mich mit Menschen treffen, die mir wichtig sind, neue Dinge sehen und erleben. Ich wollte mir den Arsch abarbeiten und Risiken eingehen, auch wenn ich vorher schon wusste, dass das nichts wird. Wenigstens hatte ich es versucht.
Ich trauere nicht mehr um das, was hätte sein können; die Momente, die wir hätten zusammen verbringen können; die Momente, in denen sie nicht für mich da sein können. Ich zittere nicht mehr, wenn ich von ihnen erzähle. Es bereitet mir keine Bauchschmerzen mehr, wenn ich daran denke, sie warm halten zu wollen. Ich frage mich nicht mehr, wo sie sind und ob sie zurückkommen.
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