Einfach machen: Hilfsmittel & Denkanstöße für Introvertierte

Photo by Zhafran Hariz / EyeEm.
Heutzutage schmeißen viele mit dem Begriff „Introvertiertheit“ um sich. Sie denken, eine Person sei introvertiert, weil sie lieber einen Abend auf dem Sofa verbringt als bei After-Work-Drinks. Oder weil sie manchmal allein Mittagspause macht, statt mit den Kolleg*innen. Oder weil sie weniger redet und sich nicht permanent in den Mittelpunkt stellt. So einfach ist es aber nicht. Introvertiertheit umfasst noch viel mehr.
Das Online-Lexikon für Psychologie und Pädagogik definiert Introversion als angeborenes oder erlerntes Verhaltensmuster beziehungsweise Persönlichkeitsmerkmal. Es handelt sich also nicht um eine psychische Krankheit oder Störung. Introvertierte Menschen haben generell eine relativ niedrige Reizschwelle – was an der größeren Sensibilität und Konnektivität der Synapsen im Hirn liegen könnte. Das bedeutet, schon eine geringe Stimulation kann eine hohe Hirnaktivität bewirken und viel in ihnen auslösen. Das verbraucht dann wiederum viel Energie und wirkt ermüdend – die Person ist schnell erschöpft und sehnt sich nach Ruhe. Nach außen zeigt sich das Ganze meist in einem zurückhaltenden, ruhigen, wortkargen Verhalten. Auf der anderen Seite brauchen introvertierte Menschen auch nicht so viele Reize, um glücklich zu sein und fühlen sich deshalb seltener einsam oder gelangweilt. Oft sind sie sehr verlässlich, kreativ, aufmerksam und empathisch. Jedoch kann sie ihr Verhaltensmuster auch davon abhalten, ihr Best Life zu leben, weil sie beispielsweise bestimmte Situationen vermeiden und Angst vor der Interaktion mit anderen haben.
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Vielleicht überlegst du jetzt, ob Betroffene das ganze Leben introvertiert sind – schließlich klingt „Persönlichkeitsmerkmal“ nach etwas Unumstößlichem. Die gleiche Frage hat sich auch Jessy Pan – die sich als schüchterne, introvertierte Person (Shintrovert) identifiziert – gestellt. Die Antwort darauf, versucht sie in ihrem Buch zu finden. In Sorry I’m Late, I Didn’t Want to Come dokumentiert sie ein Jahr ihres Lebens, in dem sie Dinge getan hat, die sie sich normalerweise nie getraut hätte. Dinge, bei denen jeder introvertierte Mensch sofort Gänsehaut bekommt. Wie Fremde in der U-Bahn anzusprechen, alleine zu verreisen oder Stand-up-Comedy auszuprobieren. Der Auslöser für Jessys Experiment war zum einen die Erkenntnis, weder einen Job, noch Freund*innen zu haben. Zum anderen merkte sie, dass sie ihr Leben durch das häufige Neinsagen nicht in vollen Zügen genießen kann und Sachen aus Angst nicht macht, auf die sie eigentlich Lust gehabt hätte.

Hello, what's the name of the Queen of England?

Bei der ersten Challenge, die sich die britische Autorin gestellt hat, ging es darum, mit Fremden zu sprechen und die Angst, dabei dumm zu klingen, zu verlieren. Am Anfang fiel ihr das extrem schwer. Doch irgendwann realisierte sie, dass die Welt nicht untergeht, wenn sie eine von Londons ungeschriebenen gesellschaftlichen Regeln bricht. Im Laufe des Jahres traut sie sich immer mehr – wie vor hunderten von Leuten zu sprechen, den ersten Schritt bei der Suche nach neuen Freund*innen zu machen und sogar Zauberpilze im bulgarischen Wald zu essen.
Genau wie die Autorin selbst ist auch das Buch herzlich und lustig. Mit einer großen Portion Selbstironie bringt sie dich zum Lachen, ohne dabei ein Gefühl von Mitleid zu erzeugen. Zum Beispiel spricht sie sich vor jeder Challenge immer gut zu. Sie sagt dann Sachen wie „Ich bin das Gleitmittel der Gesellschaft, ich bin die Königin der Knigge, ich bin Julia Komp“. Diesen Pep Talks hielt sie, bevor sie ihr erstes Thanksgiving-Dinner ausrichtete.
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Die Ergebnisse ihrer persönlichen sozialen Experimente lassen jeden – ob introvertiert oder extrovertiert – darüber nachdenken, wie sie miteinander interagieren. Außerdem gibt sie uns auch viele Erkenntnisse mit, wie: „Der Schlüssel zu Charisma ist, dieselbe Energie zu entwickeln wie dein Gegenüber“ oder „Beim Networking geht es um’s Geben, nicht um’s Bekommen“. Am Ende des Jahres ist aus Jessy zwar kein extrovertierter Mensch geworden (Einzelgespräche sind ihr immer noch am liebsten und einen eigenen YouTube-Channel wir sie so schnell auch nicht auf die Beine stellen). Aber ihre Welt ist gewachsen, weil sie zufälligen Begegnungen Raum gegeben hat. Sie hat neue Freund*innen und ein neues Hobby (Improtheater!) gefunden und viel über Kommunikation und Selbstbewusstsein gelernt.
Im Folgenden verrät sie einen Teil ihrer Erkenntnisse und gibt Tipps für alle, die mehr aus sich herauskommen wollen.

So beginnst du ein Gespräch mit Fremden

Komplimente können tolle Gesprächsaufhänger sein. Wenn ich eine Frau sehe und ihre Schuhe, ihre Handtasche oder ihren Lippenstift mag, dann sage ich ihr das. (Obwohl ich zugeben muss, ich würde einem Mann wahrscheinlich kein Kompliment für seine Klamotten oder so machen. Ich hätte Angst, er könnte vermuten, ich will ihn nur anmachen. Und ich bin verheiratet.) Das ist eine kleine Interaktion, die nicht so viel Überwindung kostet, aber eine große Wirkung haben kann. Du übst damit, Fremde anzusprechen und zauberst ganz nebenbei jemandem ein Lächeln auf die Lippen.
Und dann gibt es noch bestimmte Situationen, in denen der Gesprächseinstieg einfacher ist als in anderen. Angenommen du stehst im tiefsten Winter zusammen mit anderen an der Haltestelle und der Bus kommt nicht. Auch, wenn ihr euch gar nicht kennt, teilt ihr in diesem Moment das gleiche Schicksal und seid sozusagen Leidensgenossen. Dadurch entsteht automatisch ein Gefühl der Verbundenheit – und das ist eine tolle Grundlage für eine Unterhaltung oder zumindest ein freundliches, verständnisvolles Zunicken. (Nonverbale Kommunikation ist auch Kommunikation!)
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Der erste und zweite Schritt

Mach den ersten und den zweiten Schritt. Ich habe bei Bumble BFF Frauen gematched, die richtig cool und interessant waren. Aber dann hat sich keiner von uns beiden getraut, als erste zu schreiben. Als ich mich dann endlich dazu aufraffte, waren die Reaktion durchweg positiv. Wenn das erste Date (oder in meinem Fall freundschaftliche Treffen) gut lief, solltest du ein zweites vorschlagen. Es ist schwer genug, Menschen zu finden, die auf einer Wellenlänge mit dir sind. Also verdirb dir nicht die Chance auf eine tolle Freundschaft (oder Beziehung nicht), nur weil du Angst hast, den ersten Schritt zu machen. Und sie es mal so: Wenn es schiefgeht, musst du die Person nie wiedersehen. Du hast also nichts zu verlieren.

Smalltalk vs. tiefgründige Unterhaltungen

Das Wetter, der Arbeitsweg, das Tagesgeschäft: Mit Themen wie diesen kratzt du nur an der Oberfläche. Aber wenn du über deine Wünsche, Träume und Sehnsüchte sprichst, kannst du die Unterhaltung auf ein ganz neues Level bringen. Beim Networking tendieren wir dazu, Smalltalk zu halten – was prinzipiell auch vollkommen okay ist! Ich sage nicht, dass du anfangen sollst, mit jedem beliebigen Menschen über deine Ängste und Sorgen zu quatschen. Doch wenn du Interesse an anderen Aspekten des Lebens deiner Gesprächspartnerin oder deines Gesprächspartners zeigst, kannst du a) mehr über die Person herausfinden und b) eine echte Verbindung aufbauen. Ich frage mich deswegen vor jedem Gespräch, was der Zweck der Unterhaltung ist: Will ich einfach nur schnell an Informationen kommen (zum Beispiel, weil mein WLAN nicht funktioniert), höfliche Floskeln austauschen (zum Beispiel bei einem Presse-Event oder ähnlichem) oder jemanden wirklich kennenlernen? Wenn Letzteres der Fall ist, versuche ich, mich zu überwinden, wohlüberlegte, tiefgehendere Fragen zu stellen.
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Tipps zum Networking

Auch, wenn es vielleicht cool wirkt: Geh’ nicht zu spät auf ein Event. Wenn du ankommst und alle schon in Trauben zusammenstehen und in tiefe Gespräche vertieft sind, fühlst du dich noch mehr wie ein Outsider. Gehst du pünktlich hin, hast du die Chance, dich etwas zu entspannen und einzelne Leute kennenzulernen. Für mich persönlich ist es außerdem immer hilfreich, mir vorher schon einen Grund zu überlegen, warum ich (früher) gehen muss. Dann muss ich mir nicht spontan etwas ausdenken, wenn ich mich ohnehin schon unwohl in meiner Haut fühle. Manchmal sind kleine Notlügen im Sinne der Selbstfürsorge okay.

Versuch’s mit Trockenübungen

Für mich ist es sehr wichtig, einen Testdurchlauf zu machen, wenn ich einen Vortrag, eine Rede oder ähnliches halten muss. Wenn es dann soweit ist und du vor einer großen Gruppe (oder auch nur mit deinem Schwarm) sprichst, bist du zwar wahrscheinlich immer noch nervös und besorgt. Aber die Generalprobe nimmt dir wenigstens einen Teil der Angst und du glaubst dann nicht mehr, dass die alle beobachten und dich für verrückt halten.

Es ist nicht alles in Stein gemeißelt

Es gibt eine Studie, die besagt, unsere Persönlichkeit ist ausgereift, wenn wir 30 Jahre alt sind. Als ich das gelesen habe, war ich am Boden zerstört, weil ich dachte, das würde bedeuten, meine Ängste und Unsicherheiten würden mich für immer begleiten. Aber dann stieß ich auf den Psychologen Brian Little. Er ist der Meinung, sowohl unsere Gene als auch unsere Umwelt beeinflussen, wer wir sind. Durch die Dinge, die wir tun, können wir uns verändern, was einleuchtend klingt, finde ich. Wenn du dich überwindest und Sachen machst, die dir Angst machen, verändert dich das. Wir Menschen sind dafür gemacht, uns zu verändern und wir können manchmal nur schwer beurteilen, was wir denken, was wir in Zukunft mögen werden.
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Selbstfürsorge

Ist es Selbstfürsorge oder einfach nur Faulheit, nein zu etwas zu sagen oder eine Verabredung abzublasen? Manchmal ist es gar nicht so leicht, die beiden Beweggründe zu unterscheiden. Vielleicht ist es aber auch gar nicht so wichtig, warum du die Entscheidung getroffen hast, sondern nur, dass du sie getroffen hast. Ich denke, du solltest immer auf deinen eigenen Körper hören: Wenn du wirklich richtig starke Angst hast oder dich von etwas komplett überfordert fühlst, was in deinem Leben gerade passiert, sag ab.
Auf der anderen Seite kam es bei mir auch schon vor, dass ich im Nachhinein gedacht habe, es wäre gar nicht so schlecht gewesen, rauszugehen. Andere Menschen zu treffen und mit ihnen zu sprechen. Vielleicht ist es besser, sich vorher Gedanken darüber zu machen, ob man Lust auf etwas hat oder nicht – also nicht erst dann, wenn das Event kurz bevorsteht, sondern wenn man die Einladung bekommt. Wenn du eigentlich Lust darauf hast, aber im letzten Moment kalte Füße bekommst, kann es helfen, dich darauf zu besinnen, warum du ursprünglich zugesagt hast. Vielleicht weil du dich auf bestimmte Leute, leckeres Essen oder gute Musik gefreut hast? In diesem Fall solltest du dir einen Ruck geben. Wenn du aber von vornherein weißt, dass dich auf der Party eine Reizüberflutung erwartet, mit der du nicht umgehen kannst (oder willst), dann sag besser erst gar nicht zu.
„Sorry I'm Late, I Didn't Want To Come“ von Jessica Pan ist jetzt bei Amazon erhältlich.
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