The Dropout ist die Betrugsstory, die wir uns gewünscht haben

Foto: bereitgestellt von Disney+.
Die brutale Demütigung durch die eigenen Eltern kann der Beginn eines roten Fadens sein, der sich durch den Rest des Lebens zieht – und genau dort beginnt die Geschichte von Elizabeth Holmes in The Dropout. Indem uns die Serie diesen entscheidenden Moment aus der Kindheit der in Ungnade gefallenen Theranos-Gründerin zeigt, gewährt sie uns direkt einen tieferen Einblick ins Innenleben der meisterhaften Hochstaplerin, als es ähnliche Betrugs-Storys drüben bei Netflix vermochten (siehe: die unbefriedigende Anna-Delvey-Verfilmung Inventing Anna, die dank ihrer Oberflächlichkeit eher an Gossip Girl erinnert).
Basierend auf dem gefeierten gleichnamigen ABC-Audio-Podcast zeigt uns die Serie innerhalb von acht Episoden Elizabeth Holmes’ faszinierende Entwicklung von der schüchternen Teenagerin zur milliardenschweren CEO. Wir sehen, wie sie sich auf bizarre Art ihre tiefere „öffentliche“ Stimme zulegt, sich sorgsam ihr „Girlboss“-Image aufbaut und sich immer stärker auf den Erfolg fokussiert – komme, was wolle.
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Dabei geht es ihr immer um das Geld. In den ersten Minuten der Serie sehen wir Holmes (gespielt von Amanda Seyfried) noch als Schülerin, die miterlebt, wie ihr Vater – der ehemalige Vizepräsident der Firma Enron, die zu einer der berüchtigsten Betrugsstorys der US-Wirtschaftsgeschichte wurde – einen erfolgreichen Nachbarn um einen Job anfleht. In einem erniedrigenden Machtkampf zwingt der Nachbar die Holmes-Kinder, im Zimmer zu bleiben, um die Verzweiflung ihres Vaters mitanzusehen. Du musst kein psychoanalytisches Wissen, um zu verstehen, dass ein solches Erlebnis tiefe Narben in uns allen hinterlassen kann. Direkt danach, als Holmes gefragt wird, was sie später mal werden möchte, zögert sie keine Sekunde: „Milliardärin.“
Die Jahre ziehen ins Land, und Holmes übertrifft an der Uni in Stanford alle Erwartungen. Sie ist darauf versessen, eine neue, nie dagewesene medizinische Erfindung zu machen. Das Ergebnis ist Theranos – eine Kombination der Begriffe „Therapie“ und „Diagnose“ –, ein portables Gerät, das Blut ganz ohne Nadeln auf diverse Krankheiten testen kann. Alles, was es dazu braucht, sind ein paar Tropfen Blut aus der Fingerkuppe. Die Idee ist bahnbrechend und macht sie schließlich nicht bloß reich, sondern ähnlich berühmt wie ihre einstigen Idole: Elon Musk, Bill Gates, Steve Jobs. Der einzige Haken daran: Das Gerät funktioniert nicht.
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Der Apple-Gründer Steve Jobs, den Holmes als Teenagerin sogar als Poster in ihrem Schlafzimmer zu hängen hatte, war bekannt für seinen bescheidenen Lifestyle; es ging ihm nie um Prunk und Protz. In The Dropout wird klar, dass Holmes andere Prioritäten setzt: Die Serie zeigt, was passiert, wenn Geld und Ruhm das Ziel, nicht nur das Nebenprodukt einer Innovation sind. Holmes geht es allein um ihren Erfolg. Die Tatsache, dass ihre Erfindung nicht funktioniert, ist in ihren Augen ein kleines, unwichtiges Detail; ein Problemchen, das sie sicher noch lösen kann, sobald sie mithilfe eines manipulierten Prototypen jede Menge Geldgeber:innen überzeugt hat. Wir erkennen jeden Moment, in dem sie mal auf „Pause“ hätte drücken oder ihr eigenes Versagen hätte zugeben sollen. Tut sie aber nie. Zu ihrem eigenen Nachteil zieht sie das Ganze immer weiter durch – bis aus einer kleinen Lüge schließlich ein gigantischer Betrug wird. Wer sich gegen sie stellt, wird aggressiv niedergewalzt. Holmes versteckt sich hinter ihrem soziopathischen, machthungrigen Image.
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The Dropout gewährt uns außerdem einen finsteren Blick darauf, welche Rolle Holmes’ Umfeld in ihrer Verwandlung spielte. Im Silicon Valley (und natürlich auch überall sonst) werden Frauen völlig anders beurteilt als Männer; die schlichte Uniform à la Zuckerberg und Jobs reicht für Holmes einfach nicht. Wir bekommen gezeigt, wie sie für einen sichtbaren BH-Träger, ihre hohe Stimme und ihren perfekten Look verurteilt wird. Schließlich findet sie zu ihrer finalen Form (ihr charakteristischer schwarzer Rollkragenpulli wurde daraufhin zum Thema vieler Charakterstudien), und diese letzte Transformation wird uns in einer Gänsehaut-Szene präsentiert, untermalt von Amy Winehouses „Back To Black“.
Holmes schafft es, in der Tech-Bro-Ära der 2010er die Karriereleiter zu erklimmen, in der Frauen dazu ermutigt (wenn nicht gar gezwungen) werden, stärker, fieser und ehrgeiziger zu sein als ihre männlichen Kollegen. Dazu verlässt sich Holmes auf ihre Girlboss-Mentalität, für die sie sogar nach Bekanntwerden ihres Betrugs teilweise gefeiert wird, weil es ihr gelingt, einige der mächtigsten Männer der Welt um einige Millionen zu bringen. Schon früh in der Serie sehen wir Holmes nach einem vermeintlichen sexuellen Missbrauch in Stanford, den ihr niemand zu glauben scheint (sie hat den Missbrauch inzwischen vor Gericht genutzt, um ihre Motivation für ihren Studienabbruch und die Gründung von Theranos zu rechtfertigen). Dennoch ist sie diejenige, die ihre Eltern deswegen trösten muss: „So etwas wird mir nie wieder passieren.“ Diese Szene steht im starken Kontrast zu einer anderen, in der wir sehen, wie sie ihr Gesicht vor dem Spiegel verzerrt, verschiedene Mimiken und Stimmen ausprobiert. Dann lässt sie gezielt bei einem Business-Verhandlungsgespräch die Tränen fließen, um ihr Gegenüber zu manipulieren. Und später, in einer schockierenden Szene, führt sie klinische Tests an hoffnungsvollen Krebspatient:innen durch – in dem Wissen, dass ihr Gerät nie funktioniert hat. Elizabeth Holmes ist eiskalt.
The Dropout ist fantastische, erschreckende Unterhaltung – nicht bloß wegen Seyfrieds manischer Darstellung (die vom sensiblen Mädchen zur manipulativen CEO schwankt und uns abwechselnd mit Mitgefühl und Hass erfüllt), sondern auch, weil die Serie der Realität treu bleibt. Und deswegen weißt du am Ende auch genau, auf wessen Seite du eigentlich stehst.
The Dropout ist zum Streamen auf Disney+ verfügbar.

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