Meine Spielsucht kostete mich über eine Million Euro – und ich bin erst 28

Foto: Anna Jay.
Triggerwarnung: In diesem Artikel geht es unter anderem um Suchtverhalten, Suizidversuche und Depression.
Seit über einem Jahr verbringen wir den Großteil unserer Zeit zu Hause – oft vor unseren diversen Bildschirmen. Obwohl der nicht enden wollende Lockdown die meisten von uns gelegentlich an den Rand des Wahnsinns getrieben haben dürfte, gibt es ein paar eindeutige Gewinner der Corona-Krise, und dazu gehören eindeutig die Online-Casinos.
Das wissen sie natürlich auch selbst, und trotz strikter Vorgaben zur Werbung für Online-Glücksspiele ließen sich die Betreiber:innen solcher Casinos diese Werbung im letzten Jahr besonders viel kosten (nämlich rund 50 Prozent mehr). Kein Wunder: Wer vorher schon spielsüchtig war – in Deutschland sind das rund eine halbe Million Menschen –, musste im Lockdown natürlich zwangsläufig auf die Online-Variante umsteigen. Konkret heißt das: Online-Slotmaschinen, virtuelle Sportwetten und Kartenspiele sind durch Corona beliebt wie selten zuvor. Und das schlägt sich auch in den Zahlen der Hilfe suchenden Suchtpatient:innen nieder. Die britische Spielsucht-Wohltätigkeitsorganisation Gordon Moody stellte vor allem einen Zuwachs der Hilfeanfragen von Frauen fest, die von Online-Glücksspielen abhängig geworden waren. „Diese Spiele sind sehr leicht zugänglich – aber haben auch ein hohes Suchtpotential“, warnt die Organisation.
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Das kann auch die Engländerin Stacey Goodwin (28) bestätigen, die auf TikTok seit Beginn der Pandemie als @thegirlgambler von ihrer acht Jahre langen Spielsucht erzählt und dadurch anderen Frauen zu helfen versucht. „Ich hatte so viel Angst davor, aber Corona gab mir einen Ruck. Weil ich überall Werbung für Online-Glücksspiel sah, dachte ich mir, das muss für Süchtige so schwer sein. Die Leute fühlen sich richtig gefangen“, erzählt sie gegenüber Refinery29.
Stacey selbst kam mit der Glücksspiel-Welt in Berührung, als sie mit 18 in Teilzeit in einem Wettbüro arbeitete. Obwohl sie dort jeden Tag erlebte, wie die Leute Geld verloren, beschloss sie eines Tages, selbst Geld in einen Automaten zu stecken – und gewann „leider“ 36 Pfund. „Das war nicht viel Geld, aber ich war danach richtig high und konnte nicht aufhören, daran zu denken. Da ging das alles los.“
Slot-Maschinen waren ihre Favoriten und bald steckte sie nicht nur Münzen, sondern auch Scheine in die Automaten, obwohl sie sich vorher vorgenommen hatte, es nie so weit kommen zu lassen. „Damit du immer wieder dasselbe High erlebst, musst du deinen Einsatz vergrößern.“ Als ihre Sucht ihren Höhepunkt erreichte, gab Stacey für jeden Versuch (!) 20 Pfund aus. „Das war das Einzige, womit ich das High bekam, das mein Hirn brauchte.“
An manchen Tagen hatte Stacey keine Zeit, um in ein Casino zu gehen, wollte aber trotzdem zocken. „Ziemlich schnell spielte ich zu 99 Prozent online. Ich glaube, mein Lohn blieb nie länger als 40 Minuten auf meinem Bankkonto liegen, weil ich mitten in der Nacht losspielte und direkt alles verlor.“ 
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Das Online-Glücksspiel verschlimmerte ihre Sucht nochmal. „Vorher versuchte ich immer, meine Sucht zu verstecken, indem ich von Casino zu Casino ging; online sieht dich aber ja niemand.“ Wie viel Zeit sie mit dem Glücksspiel verbrachte, war online egal, also fühlte sie sich anonym und urteilsfrei – im Gegensatz zu den echten Casinos, wo sie als junge Frau immer rausstach.
„Online kennt dich niemand, und niemand kann sehen, wie wütend, gestresst oder enttäuscht du bist, weil du dich hinter einem Bildschirm versteckst“, erzählt sie. „Wenn ich in einem Casino die Nerven verlor, kam manchmal jemand rüber und meinte: ‚Das reicht für heute‘, und bat mich dann, zu gehen. Online gibt es das nicht.“ Zwar erfordern manche Online-Casinos Nachweise, ob du dir das Glücksspiel wirklich leisten kannst – wenn dich die Sucht aber so richtig gepackt hast, lügst du einfach, meint Stacey. 
Sie ist sich selbst nicht hundertprozentig sicher, wie viel Geld sie in den acht Jahren ihrer Sucht insgesamt verlor, aber nachdem sie in dieser Zeit „Tausende Pfund pro Monat verzockte“, für die sie sich sogar Kredite einholte, glaubt sie heute, es sei gut eine Million Pfund gewesen – also über eine Million Euro. „Geld sah ich irgendwann nur noch als Casino-Wertmarken“, erzählt sie. „Komisch ist, dass ich damals nie Hunderte Pfund für Klamotten, Make-up oder so ausgegeben hätte, aber gar nicht erst mit dem Spielen anfing, wenn ich nicht mindestens 200 Pfund zum Zocken hatte.“
Rückblickend erkennt Stacey, wie stark sich die Sucht auf ihre geistige Gesundheit und Lebensqualität auswirkte. „Ich kann mich in diesen acht Jahren an keinen Zeitpunkt zurückerinnern, an dem ich glücklich war“, gibt sie zu. „Das war, als hätte mein Gehirn alles abgeschaltet, was nicht mit der Sucht zu tun hatte. Ich lief in ungewaschenen Klamotten rum, kümmerte mich gar nicht um mich und dachte an nichts außer das Glücksspiel und Geld. Ich war durchgehend traurig, weil mir außer dem Zocken nichts in meinem Leben irgendwas bedeutete. Ich hasste mich selbst – ich schämte mich und fühlte mich so schuldig. Die Depression und Angst waren der Horror.“
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Da waren andere Frauen, die dasselbe durchgemacht hatten. Das öffnete mir echt die Augen, weil ich vorher gedacht hatte, ich sei die einzige Frau auf der Welt, die in diese Falle getappt war.

Stacey
Erst, als Stacey innerhalb von sechs Tagen 50.000 Pfund (rund 58.400 Euro) verlor – eine Erfahrung, die sie bis heute verfolgt – und versuchte, sich selbst das Leben zu nehmen, sah sie ein, dass sie professionelle Hilfe brauchte. „Ich dachte mir irgendwann: Hier geht’s um so viel mehr als nur das Geld, und ich muss mir Hilfe besorgen. Entweder meine Sucht oder ich – eins davon muss nachgeben.“
Stacey stieß schließlich auf die Organisation Gordon Moody und schaffte es nach einem viertägigen Aufenthalt in einer Entzugsklinik für weibliche Spielsüchtige, ihr Leben in den Griff zu kriegen. „Da waren andere Frauen, die dasselbe durchgemacht hatten. Das öffnete mir echt die Augen, weil ich vorher gedacht hatte, ich sei die einzige Frau auf der Welt, die in diese Falle getappt war.“ Sie lernte in der Klinik, wie eine Spielsucht entsteht und was sie tun konnte, um ihr Einhalt zu gebieten
Insgesamt meint Stacey jedoch, dass die Hilfsmöglichkeiten für weibliche Spielsüchtige beschränkt sind – zum Teil, weil die Sucht enorm stigmatisiert wird und Frauen dabei häufig vergessen werden. „Die Anonymen Spieler waren toll, aber ich war 22, als ich zu der Gruppe ging – und saß da in einem Raum voller älterer Männer. Ich hatte plötzlich total Angst und ging nie wieder hin“, gesteht Stacey. „Das Hilfsangebot sollte sich mehr an alle Geschlechter und Gender richten. Mir persönlich hat es jedenfalls extrem geholfen, diese anderen Frauen zu treffen.“
Das hat gute Gründe. Einer Studie zufolge wirkt sich die Spielsucht tatsächlich unterschiedlich auf verschiedene Geschlechter aus. Frauen machen zum Beispiel eher schlechte Erfahrungen mit Rubbellosen und Bingo und suchen sich durch das mit der Sucht verbundene Stigma seltener Hilfe. 
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Genau deswegen gibt Stacey eben auf TikTok und Facebook Ratschläge und hat über ihre Erlebnisse sogar ein Buch geschrieben: The Girl Gambler(leider derzeit nur via Amazon UK erhältlich). „Ich gebe ihnen Tipps, verweise sie an Hilfsangebote in ihrer Nähe oder an Dienste, die mir selbst geholfen haben. Die Reaktion ist einfach stark. Ich schreibe die ganze Zeit mit Leuten.“ Außerdem setzt sich Stacey dafür ein, potentiell triggernde Rubbellose von britischen Kiosk-Tresen zu verbannen
Sie glaubt, dass ihre Rolle darin, auf das Problem aufmerksam zu machen und spielsüchtigen Frauen zu helfen, gerade jetzt besonders wichtig ist, wo wir nicht nur so viel mehr Zeit haben, sondern auch noch einen Großteil unseres Alltags vor Bildschirmen verbringen. Und all denjenigen, die gerade still vor sich hinleiden, möchte Stacey sagen: „Du bist nicht allein. Es gibt so viele Frauen da draußen, die durch die Spielsucht ihrem Alltag entkommen wollen, und das wird schnell zum Problem. Wir reden vielleicht nicht oft genug drüber, aber so viele Frauen machen das durch – und können sich helfen lassen.“
Wenn du dir selbst Gedanken über dein Glücksspielverhalten machst oder jemanden kennst, dessen Verhalten bedenklich ist, hol dir bitte Hilfe – zum Beispiel unter Check-dein-Spiel.de oder bei der Glücksspielsucht-Beratungshotline der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

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