32, single, kinderlos: Durch die Pandemie verliere ich gerade wertvolle Datingzeit

Illustrated by Assa Ariyoshi.
Dating und Corona. Das klingt nicht gerade nach dem perfekten Traumpaar, oder?

Vor der Pandemie verliefen meine Dates alle inetwa gleich: Erst saß ich nervös im Bus und checkte aller paar Minuten, wiemeine Haare aussehen und ob da nicht doch was zwischen meinen Zähnen klemmt.Dann traf ich einen Fremden in einer vollen, dunklen Bar, trank ein paar GinTonics und hoffte, dass es zwischen uns irgendwann funken würde. Manchmal tates das auch, meistens aber nicht. Danach fuhr ich immer (!) mit einem Uber nachHause und schrieb einer Freundin dabei, wie es gelaufen war.

Es fühlt sich an, als wäre das alles schon drei Jahre her. Und nicht drei Monate.
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Als im März die Maßnahmen zur Bekämpfung von Corona eingeführt wurden, war mein Liebesleben das Letzte, woran ich gedacht habe. Heute sieht die Sache anders aus. Langsam, aber sicher wird mir bewusst, dass ich – eine 32-jährige heterosexuelle Single-Frau, die Kinder haben möchte – gerade wertvolle Zeit verliere.
Als ich 30 wurde, war ich noch ziemlich selbstbewusst. Ich dachte, die 30er wären die Jahre, in denen ich alles erreichen würde. Ich wusste, dass ich zwar nicht kontrollieren kann, wann es geschehen würde, aber ich hatte keinen Zweifel daran, dass ich innerhalb der nächsten zehn Jahre einen Mann kennenlernen und eine Familie gründen würde. Ich habe noch nie viel geplant. Ich war nie eine von den Personen, die eine Doodle-Umfrage rumschickt, wenn es darum geht, einen Termin für ein Treffen mit Freund*innen zu finden. Geplanter Spaß sorgt bei mir immer für Panik. Ich war mir einfach immer irgendwie sicher, am Ende würde schon alles glattlaufen – auf ganz natürliche, ungeplante Art und Weise.

Über mir, und vielen anderen cis Frauen, die Kinder haben wollen, schwebt dieses große Damoklesschwert.

Aber – und ich verwende diese Phrase wirklich nur sehr, sehr ungern – meine biologische Uhr tickt langsam immer lauter. Über mir, und vielen anderen cis Frauen, die Kinder haben wollen, schwebt dieses große Damoklesschwert. Ganz gleich, wie weit die Gesellschaft mittlerweile in Sachen Gleichberechtigung ist (oder vorgibt zu sein): Es gibt nun mal körperliche Limits und dagegen können wir nichts tun. Es ist nicht fair, aber so ist es nun mal.
Bevor COVID-19 begann, sich auf der ganzen Welt auszubreiten, habe ich all meine Energie auf meine Arbeit, meine Freund*schaften und meine Wohnsituation gerichtet. Ich hatte beschlossen, dass es Zeit für mich war, Geld zu sparen, damit ich irgendwann einen Kredit aufnehmen und mir eine Wohnung kaufen kann. Also war ich zurück zu meinen Eltern gezogen. Während ich bei ihnen wohnte, gab es immer mal wieder Phasen, in denen ich Dating-Apps benutze. Ich traf ein paar großartige Männer, ein paar schreckliche Männer und ein paar Männer, die mein Herz brachen. Sobald auch nur der Hauch eines Gedanken daran, wie viel Zeit ich noch hatte, “den Richtigen“ zu finden, aufkam, schob ich ihn in die hinterste Ecke meines Kopfes.
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Als dann Corona so langsam zu uns herüber schwappte, hatte ich jedes Mal, wenn ich wieder nach Hause kam, Angst, ich könnte das Virus direkt zu meinen Eltern bringen. Ich hatte Albträume in denen sie an Sauerstoffgeräten hingen. Freund*innen zu treffen wurde auf einmal riskant – genauso wie Blind Dates. Selbst, wenn man sich nur mit Abstand im Park treffen würde.
Wie viele andere auch, habe ich seit Beginn der Selbst-Isolation mehr Zeit als früher. Zeit, um zum ersten Mal in meinem Leben wirklich über mein Alter nachzudenken. Ich bin 32. Ich hatte Dating nie ernst und vielleicht sogar für gegebenen genommen, wenn ich ehrlich bin. Doch jetzt wurde mir auf einmal schlagartig bewusst, dass die Monate vergingen und ich nicht mal die Chance hatte, den Mann meines Lebens kennenzulernen. Ich verlor Woche um Woche, in der ich nach ihm hätte suchen können. Und das gerade jetzt in meinem Alter. Ich weiß, 32 ist nicht alt, aber wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich den Vater meiner zukünftigen Kinder schon gern erst mal ein paar Jahre kennenlernen, bevor wir mit der Familienplanung beginnen. Und dann kann mir ja auch niemand versprechen, dass ich direkt schwanger werden würde, sobald wir anfangen, es zu versuchen. Rein rechnerisch wird es dann schon langsam knapp. Dieser Gedanke macht mir wirklich Bauchschmerzen. Kein Wunder, dass ich ihn bisher immer verdrängt hatte.
Und dann kommt auch noch der Druck von außen. Ich meine schau dir nur mal an, wie die Medien über das Thema Dating während der Pandemie schreiben. Ständig lese ich irgendwo von den Vorteilen des Video-Datings. Oder schlimmer noch: darüber, dass Singles die Zeit der Selbst-Isolation vernünftig nutzen und ihre Netze auswerfen sollen. Sie meinen, jetzt wäre die perfekte Zeit dafür, Duzende neue Leute kennenzulernen, mit denen man sich treffen kann, wenn wieder “alles normal“ ist. Logisch, dass Aussagen wie diese für noch mehr Druck bei mir sorgen.
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Also habe ich nachgegeben und meine Dating-Apps wieder aktiviert. Ich führte ein paar lange, leicht weirde Telefonate mit einem Mann, der wahrscheinlich besoffen war – was mir aber erst im Nachhinein klar wurde. Dann gab es noch ein paar Telefonate mit anderen Männern, die ganz okay waren, aber das verlief sich alles im Sande. Und dann war da noch dieser eine Typ, der mich anbettelte, die Regeln zu brechen und zu ihm nach Hause zu kommen. Ich erklärte ihm höflich, dass ich das nicht machen kann, weil die Gesundheit meiner Familie an erster Stelle steht. Er antwortete mit extrem aggressiven Nachrichten. Sein Verhalten war ziemlich krass, aber ehrlich gesagt keine Seltenheit in der heutigen Datingwelt, traurigerweise.
Mittlerweile müssen wir uns an den Gedanken gewöhnen, dass wir so schnell nicht wieder zurück zur “Normalität“ gehen werden. Wenn überhaupt. “Normal“ existiert nicht mehr. Es gibt eine “neue Normalität“ und in der ist Social Distancing angesagt. Als die The New York Times 511 Epidemiolog*innen fragte, was sie glauben, wann wir uns wieder per Handschlag begrüßen oder uns umarmen können, sagten 42 Prozent das könne noch über ein Jahr dauern. Bis es einen Impfstoff gibt, ist ein Ende des Social Distancings nicht in Sicht.
Natürlich bin ich nicht die Einzige, bei der Corona einen Strich durch das Liebesleben und die Familienplanung macht. Die 34-jährige Claudia erzählte mir beispielsweise Folgendes: „Ich möchte Kinder haben und durch die Pandemie mache ich mir deswegen immer mehr Sorgen. Mir ist mein Alter praktisch über Nacht sehr bewusst geworden. Ich lebe allein und habe angefangen, wie verrückt auf Tinder zu swipen – als würde mein Leben davon abhängen. Und das, obwohl ich maximal jemandem im Park treffen könnte. Single zu sein und weit weg von deiner Familie zu wohnen, ist doppelt schwer. Letzte Woche habe ich so sehr bei einem Telefonat mit meiner Mutter geweint, dass ich am Ende Nasenbluten bekam.“
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Ich lebe in Großbritannien und bei uns gab es lange Zeit ein richtiges Sexverbot wegen Corona. Letzte Woche wurde es aufgehoben, als Boris Johnson bekannt gab, Singles, die allein leben, dürfen sogenannte “Support Bubbles“ mit einem anderen Haushalt gründen. Auch, wenn auf Twitter sofort alle darüber sprachen, wie viel Sex sie jetzt haben würden, sieht die Realität bei mir und vielen anderen anders aus. Es gibt viele Singles, die sich lieber mit ihrer Familie oder Freund*innen zusammenschließen wollen, statt mit irgendwelchen Fremden, die sie über eine Dating-App kennengelernt haben. Und es gibt viele Singles, die bereits mit anderen – wie ihrer Familie oder Mitbewohner*innen – zusammenwohnen, deren Gesundheit sie nicht aufs Spiel setzen wollen.
Als die Lockerungen einsetzten und Dates (natürlich mit Abstand) wieder erlaubt wurden, wusste ich, das ist nichts für mich. Ich will nicht auf Dates gehen, bei denen du dein Gegenüber nicht anfassen kannst; bei den du nicht herausfinden kannst, ob da was ist. Gleichzeitig geht das Leben um mich herum weiter. Hochzeiten, die diesen Sommer hätten stattfinden sollen werden auf 2021 verschoben. Kinder werden gemacht und geboren. (Sage und schreibe sieben meiner Freundinnen sind gerade schwanger.)

Die 20er sind dafür da, sich auszutoben. Und in den 30ern stellst du dann fest, dass plötzlich alle um dich herum sesshaft werden und Familien gründen.

Die 20er sind dafür da, sich auszutoben. Und in den 30ern stellst du dann fest, dass plötzlich alle um dich herum sesshaft werden und Familien gründen. Der Druck, der mit dieser Erkenntnis einhergeht ist überwältigend und lähmend.
Ob du Video-Dates oder Spaziergängen im Park eine Chance geben willst, liegt natürlich komplett bei dir. Das ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Für mich kommen beide Optionen nicht wirklich in Frage und deswegen scheint der einzige Weg für mich zu sein, eine Pause einzulegen.
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Ich habe mich mit der Beziehungspsychologin Jo Hemmings über die ganze Sache unterhalten. Sie sagt, es wäre eine gute Idee, diese Zeit zu nutzen, um herauszufinden, was du tun willst, wenn wir die Pandemie überstanden haben. „Wenn es irgendetwas gibt, das wir aus der Situation, in der wir uns gerade befinden, lernen können, dann ist es, dass wir jetzt die Chance haben, uns auf die Zukunft vorzubereiten und darüber nachzudenken, was wir von einer zukünftigen Beziehung erwarten und was wir uns wünschen“, so Hemmings. „Vielleicht überdenkst du noch mal, mit welchem Typ Mensch du zusammen sein willst, wo du leben möchtest oder ob du dich beruflich verändern möchtest. Wenn du Kinder haben willst, könntest du anfangen, über Möglichkeiten nachzudenken, die du vorher vielleicht nicht in Betracht gezogen hast – wie eine alleinerziehende Mutter zu werden oder (allein oder irgendwann mit einem Partner) ein Kind zu adoptieren. Du kannst die aktuelle Situation nicht ändern, aber du kannst darüber nachdenken, ob du manche Dinge in der Zukunft vielleicht auch anders machen kannst, als du es dir bisher vorgestellt hast.“
Natürlich will nicht jede Frau Kinder haben. Aber ich persönlich wünsche es mir sehr. Ich plane zwar wie gesagt nie groß im Voraus, aber trotzdem dachte ich irgendwie immer, ich würde etwa mit 35 schwanger werden. Und Corona hat mir bewusst gemacht, dass es bis dahin gar nicht mehr so lange hin ist. Drei Jahre, um genau zu sein. Ich fange langsam an, mir Sorgen zu machen, dass das Virus mein Leben in einer Art und Weise beeinflussen könnte, die ich bis vor kurzem nie vermutet hätte.
Während wir auf einen Impfstoff hoffen und unendlich dankbar dafür sind, dass unsere Familien und Freund*innen gesund sind, wird klar, dass das Virus uns noch eine Weile begleiten wird. Und während ich Dating früher unglaublich anstrengend und nervig fand, freue ich mich jetzt schon richtiggehend auf das erste “normale“ Date – inklusive der nervenaufreibenden Busfahrt zur Bar. Ich hätte niemals gedacht, dass ich das mal sagen würde.

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