Sex, Drugs & einsame Nächte: So sieht das Liebesleben von Musiker*innen wirklich aus

Alissa Musto, eine 23-jährige Folksängerin aus Boston, benutzt kein Tinder, wenn sie auf Tour ist. Sie braucht es nicht. Warum? Weil sie sich, wie viele Musiker*innen, kaum vor Angeboten retten kann. Sie erklärt sich das wie folgt: „Auch auf deinem Onlinedatingprofil zeigst du dich nur von deiner besten Seite. Wenn du auf der Bühne stehst, ist das noch mal krasser: Du siehst toll aus, bist lustig und einfach in deinem Element. Auf der Bühne zu performen ist also praktisch wie Werbung für dich selbst zu machen“. Es ist also nicht wirklich überraschend, dass Alissa die meisten ihrer Freunde auf ihren Konzerten kennengelernt hat.
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Seit einigen Jahren führt sie das streng durchgetaktete Nomadenleben einer Vollzeitmusikerin und verbringt teilweise monatelang in Tourbussen. Wenn die meisten um 18 Uhr Arbeit Feierabend machen, fängt ihr Job erst an. Ihr Terminplan ist voll und die Arbeit in der hart umkämpften Branche kräftezehrend. Ihr Privatleben ist alles andere als 08/15 und so sind auch die Herausforderungen, die sich ihr stellen, häufig eher ungewöhnlich.
Wie diese Schwierigkeiten aussehen können, zeigt aktuell A Star is Born (der am 3. Oktober in den deutschen Kinos anlief). Aber ist der Film wirklich vergleichbar mit dem echten Leben von Musiker*innen? Um das herauszufinden, haben wir mit sieben Musiker*innen, die alle an unterschiedlichen Punkten ihrer Karriere sind, über die Freuden und Schattenseiten ihres Tour-Liebeslebens gesprochen. Und über die „Reality-TV-Momente“, wie sie Alissa nennt. „Die Geschichten, die du über die Musikindustrie gehört hast, sind wahr. Du willst jemanden abschleppen? Easy. Du hast Bock auf Drogen? Kein Problem“, erzählt Alissa.
Zu unseren Gesprächspartner*innen gehörten neben Alissa Misto die Frontfrau und Mitgründerin der Rockband Halestorm Lzzy Hale, die Pop-Soul-Sängerin Cecily und die Gitarristin Olivia Brownlee, die ihre wilde L.A.-Zeit hinter sich gelassen hat und nach Spokane gezogen ist. Außerdem haben wir die Country-Sängerin Madelyn Victoria, die Cellistin der Pop-Punk-Band Early Riser Heidi Vanderlee sowie Brianne Berkson und Miguel Gluckstern, die verlobt sind und 2016 das Duo BriGuel ins Leben riefen, interviewt.

Affären

Olivia Brownlee: „In L.A. lebte ich ‚Sex und Rock’n’Roll‘ – aber die gesunde Variante. Männer, die auf ihren Tinder-Bildern eine Gitarre halten, habe ich immer direkt aussortiert. Die Gitarre war damals mein Alltag und ich wollte einfach mal nicht darüber reden müssen. Alles, nur nicht Musik.“
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Lzzy Hale: „Wenn ich eine Person kennenlerne, mit der ich mich auf Anhieb gut verstehe und die ich attraktiv finde, dann gehe ich oft einen Schritt weiter – vor allem, weil ich sie wahrscheinlich eh nie wieder sehen werde. Auf unserem neuen Album gibt es einen Song der Do Not Disturb (Bitte nicht stören) heißt. Er fängt mit meinem persönlichen Eisbrecher an: ‚Ich finde, wir sollten rummachen‘. In Wirklichkeit sage ich manchmal auch Dinge wie ‚Ich muss früh raus, um meinen Flug zu kriegen. Wenn du willst, dass was läuft, dann sollten wir jetzt loslegen.‘ Ich sage das nicht, um anzugeben, aber meine Erfolgsquote ist ziemlich hoch.“
Alissa Musto: „Viele Musiker*innen haben Affären – auch weil ernsthafte, feste Beziehungen unrealistisch sind. Aber die Affären haben ein unausgesprochenes Verfallsdatum, was manchmal ziemlich scheiße ist. Besonders wenn du jemanden magst und dann stellst du fest, du hast einen Vertrag unterschrieben, wegen dessen du 20 Monate außer Landes sein musst.“

Probleme beim Daten von Musiker*innen

Cecily: „Ich hatte mal was mit einem Musiker, der auf einer zweijährigen Tour war. Jedes Mal, wenn er in die Stadt kam, trafen wir uns. Ich wollte immer mehr, aber ich hatte das Gefühl, ihn nicht fragen zu können. Ich fühlte mich nicht wertgeschätzt. Es war unmöglich, nicht eifersüchtig zu sein. Ich fragte mich, ob er in anderen Städten andere Frauen hatte. Ich checkte seine Instagram-Posts und fragte mich, wer ihn auf Fotos verlinkte. Das ging so lange, bis ich irgendwann dachte: Du musst damit aufhören.“
Olivia Brownlee: „Es ist wirklich hart, wenn dein*e Partner*in richtig durchstartet und du selbst gerade noch in den Kinderschuhen steckst. Ich vergleiche mich ständig mit meinem Freund. Ich beneidete seine unternehmerischen Fähigkeiten, er mein Talent. Manchmal wurde es chaotisch. Manchmal hässlich. Damit die Beziehung zwischen zwei Musiker*innen überhaupt eine Chance hat, müssen beide in Sachen Kommunikation und Motivation ähnlich ticken.“
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Lzzy Hale: „Ich hab früher viele Bandmitglieder gedatet. Sie waren oft schnell eifersüchtig – nicht nur, weil so viele mit flirteten, sondern auch weil ich Erfolg mit meiner Band hatte und sie nicht.“

Vorteile beim Daten von Musiker*innen

Lzzy Hale: „Eine Beziehung mit Musiker*innen ist super, denn der andere versteht total, was man selbst gerade durchmacht. Wir bleiben bis 4 Uhr wach und rasten wegen eines Albums aus. Musiknerdshalt. Es ist fantastisch. Ich weiß nicht, ob ich jemals mit einem Anwalt hätte zusammen sein können.“
Miguel Gluckstern: „Brianne und ich lieben es zu arbeiten. Wir arbeiten den Großteil des Tages – von 8 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts. Jeden Tag. Wir sind die ganze Zeit zusammen. Es ist wie „Lernen durch Spielen“. Wir haben sehr viel Glück.“
Heidi Vanderlee: „Er versteht es, wenn ich nach einer sechsstündigen Fahrt mit dem Tourbus und Abendbrot an der Tanke um 2 Uhr morgens keine Lust habe zu telefonieren. Trotzdem muss ich zugeben, dass Wettbewerb schon eine Rolle bei uns spielt. Meine Band wurde nicht zu einem Festival eingeladen, auf dem wir wirklich gern spielen wollten. Er durfte jedoch solo dort auftreten. Ich war ein bisschen traurig. Es kratzte an meinem Ego. Und dann sagte er: ‚Warum spielst du nicht einfach zusammen mit mir?‘. Das Festival ist bald und ich werde mit ihm auftreten. Ich freue mich schon wahnsinnig darauf.“

Thema Fans

Olivia Brownlee: „Ein Konzert ist der schlechteste Platz zum Flirten – vor allem, wenn du eine On-stage-Persönlichkeit hast (also dich auf der Bühne anders verhältst als im echten Leben). Bei jedem Menschen, der zu mir kommt, befürchte ich, er oder sie würde mich verehren. Fans haben keine Chance bei mir.“
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Lzzy Hale: „Jeden Abend auf der Bühne zu stehen gibt mir das Selbstbewusstsein, auf komplett fremde Menschen zuzugehen und zu sagen: ‚Hi! Ich finde du bist cool‘. Das Eis ist von meiner Seite eh schon gebrochen, weil ich mich Bühne quasi allen vorstelle. Ich habe also da auf jeden Fall einen Vorteil.“
Alicia Musto: „Ich habe viele meiner langjährigen Freunde bei meinen Konzerten getroffen. Meistens treffen sich erst die Blicke und dann mach ich den ersten Schritt. Ich mache irgendetwas kitschiges, singe zum Beispiel einen Song in ihre Richtung. Am Anfang einer Beziehung finden alle meinen Job cool und wollen ein Teil meines Lebens sein. Aber irgendwann macht es klick: ‚Ich habe sie bei einem Konzert getroffen. Ich frage mich, ob es andere Männer neben mir gibt, die sie auch auf einem ihrer Gigs angesprochen hat‘. Und dann drehen sie durch. Sie werden auf einmal extrem anhänglich, unsicher und eifersüchtig. Sie verstehen das Leben einer Berufsmusikerin einfach nicht. Wenn ich auf der Bühne bin, gehöre ich dem Publikum. Eifersucht war der Grund vieler Trennungen.“

Ungewollte Aufmerksamkeit

Brianne Berkson: „Vor ein paar Monaten haben wir ein paar Gigs vor etwa 50 Leuten gespielt. Es war intim und cool. Es war eindeutig, dass wir nicht nur ein Duo, sondern zusammen sind – ich trug meinen Verlobungsring – und trotzdem quatschten mich nach der Show ein paar Leute an. Sowas finde ich immer sehr unangenehm.“
Miguel Gluckstern: „Sobald du ein Micro in der Hand hast, finden dich auf einmal alle hot. Das ist schmeichelhaft, aber ich bin glücklich vergeben. Ich versuche einfach, dem nicht mehr so viel Aufmerksamkeit zu schenken. Die Zeiten sind vorbei.“
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Madelyn Victoria: „Es gibt schon einige Leute, die nach dem Konzert zum Merch-Stand kommen und mit mir flirten wollen. Ich spiele ein wenig mit – das ist irgendwie auch Teil meines Jobs – aber es gibt Grenzen. Wenn ich dann später Nachrichten auf Facebook oder so bekomme, wird es manchmal ein bisschen creepy.”

Voller Terminkalender vs. Liebesleben

Brianne Berkson: „In vergangenen Beziehungen musste ich mich immer zwischen meiner Musik und der Liebe entscheiden. Wählte ich meine Leidenschaft, geriet die Beziehung ins Stocken. Wählte ich die Beziehung, wurde ich schnell unglücklich. Doch dann lernte ich glücklicherweise Miguel kennen. Wir sind einfach in allen Dingen auf einer Wellenlänge.“
Olivia Brownlee: „Für eine ernsthafte Beziehung hatte ich bei meinem straffen Terminplan in L.A. einfach keine Zeit. Du schaffst dir ja auch keinen Hund an, wenn du von vornherein weißt, dass du nie zu Hause bist.“
Cecily: „Bevor ich meinenEhemann kennenlernte, habe ich für eine kurze Weile einen anderen Typen gedated. Es hat direkt zwischen uns gefunkt. Doch irgendwann verhielt er sich mir gegenüber sehr distanziert. Wie rief mich an und sagte: „Du bist eine Künstlerin. Du wirst mal ganz groß rauskommen. Du wirst durch die Weltgeschichte touren und busy sein. Ich bin an einem anderen Punkt: Ich bin bereit, sesshaft zu werden, zu heiraten und ein Haus zu kaufen“. Ich dachte damals, das wäre nur eine Ausrede und er würde mich anlügen. Aber jetzt ist er verheiratet, hat ein Kind und ein Haus. Er wusste, was er will und ich wusste, was ich will. Er hatte recht – es hat einfach nicht gepasst. Meine Karriere ist mir wirklich sehr wichtig.“
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Madelyn Victoria: „Ich habe schon seit sieben Jahren keine ernsthafte Beziehung mehr gehabt. Wenn ich einen Typ kennenlerne und wir versuchen, einen Termin für ein Date zu finden, ist das meist schwierig. Ich bin am Wochenende busy und in der Woche auch. Irgendwann stellt er dann fest, dass er das nicht will. Viele wollen etwas Festes. Etwas, das sie kennen. Wenn sie es nicht kennen, dann ziehen sie sich irgendwann zurück.“

Sesshaft werden & Kinder kriegen

Brianne Berkson: „Ich hatte schon aufgegeben. Ich hatte beschlossen, mich auf meine Karriere zu konzentrieren und single zu bleiben. All meine Freund*innen bekamen Kinder, aber anscheinend sollte es bei mir nicht sein. Aber dann, zwei oder drei Monate später, traf ich Miguel.“
Cecily: „Wenn du eineFrontfrau in einer Band bist, ist das Thema Mutterschutz so ein Ding. Ich kenne viele Musikerinnen, deren Karriere steil bergauf ging. Aber dann bekamen sie ein Kind und verloren den Schwung. Wenn du ein*e professionelle*r Künstler*in bist, führst du automatisch einen egoistischen Lifestyle. Vieles dreht sich nur um dich. Du bist dein eigenes Business. Sobald ich ein Kind habe, muss sich das ändern. Und dafür bin ich noch nicht bereit.“
Alissa Musto: „Ich bin 23 und es gibt so viel, dass ich noch machen möchte. Im Moment geht meine Karriere vor. Aber ich weiß, dass der Tag kommen wird, an dem die richtige Person in mein Leben tritt. Jetzt habe ich erst mal Spaß und genieße den Fakt, dass mich niemand zurückhält.“

Die ideale Partnerin oder der ideale Partner

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Lzzy Hale: „Ich persönlich bin einer fantastischen Situation. Ich bin seit über zehn Jahren mit derselben Person zusammen. Er unterstützt mich auch darin, dass ich mich zu Frauen und Männern hingezogen fühle. Es ist super, jemanden zu haben, mit dem du all deine Geschichten teilen kannst. Es gibt keine Eifersucht zwischen uns, denn unsere Beziehung ist so stabil, dass sie jede Techtelmechtel problemlos übersteht.“
Cecily: „Als Musiker*in brauchst du jemanden an deiner Seite, der nicht eifersüchtig ist und dir komplett vertraut. Und ich meine nicht nur, wenn ich auf Tour bin. Mein Ehemann muss damit klarkommen, dass ich ständig Menschen umarme, sie anstrahle und Gespräche mit Fans führe, die auch mal eine Stunde dauern können. Es wird immer Leute geben, die versuchen werden, mit mir zu flirten. So sind Menschen nun mal. Du musst mit jemandem zusammen sein, der das wirklich versteht und sich nicht dadurch einschüchtern lässt.“

Song-Inspiration

Cecily: „Ich schreibe ständigSongs über meinen Ehemann. Also nicht für ihn, sondern über ihn. Es gibt aber auch einen Song auf meinem neuen Album, der über einen Musiker ist, den ich mal gedatet habe. Aber der weiß nichts davon.“
Heidi Vanderlee: „Mein Freund hat einen Song geschrieben, bei dem ich erst dachte, er würde von mir handeln: ‚Mein Baby mag es nicht, wenn ich mitten in der Nacht nach Hause komme‘. Aber dann fand ich heraus, dass es um seine Katze geht.“
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