Warum mir die Vorstellung, für immer alleine zu bleiben, keine Angst mehr macht

Foto: Georgina Martin.
Meine letzte ernste Beziehung ist jetzt fast drei Jahre her. Seitdem bin ich Single. Vier meiner Cousinen haben sich in der Zeit verlobt, zwei von ihnen sind mittlerweile verheiratet, eine ist sogar schon Mutter. Ich wiederum bin in meine eigene Wohnung gezogen, habe meinen Traumjob bekommen und eine Affäre mit einem Typen gehabt, den ich zwar nie im Leben offiziell zu meinem „Freund“ gemacht hätte, der mir jedoch regelmäßig ganz von selbst ein Taxi schickte, um mich zu ihm zu bringen.
Zur gleichen Zeit ging ich allerdings noch mit anderen Männern aus. Einer von ihnen wohnte einen Monat lang bei mir, andere wiederum habe nicht mehr als zu einem ersten Date gesehen – alle waren sie unterschiedlich, keinen von ihnen hätte ich jemals für etwas Ernsteres in Erwägung gezogen. Ich war auf diversen Websites angemeldet, hatte sämtliche Apps heruntergeladen. Im Prinzip bin ich die Personifizierung der Vanity Fair „Dating-Apokalypse“. Doch bis zum jetzigen Zeitpunkt scheint ein Aspekt auf der Strecke geblieben zu sein: die Liebe.
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Das hat mir schon immer Angst gemacht. Meine Eltern sind bis heute wie frisch verliebt. Regelmäßig wurde ich als Kind mit Disney-Filmen und Jugendbüchern gefüttert. In einer sehr traditionsbewussten italienisch-amerikanischen Familie aufgewachsen, wurde bei uns immer viel Wert auf die Familie gelegt – auf die, die man bereits hatte, und auf die, die man selbst noch gründen würde. Alles, was ich jemals wollte, war, mich zu verlieben. Solange ich denken kann, habe ich meine Liebeserfolge an denen anderer Frauen gemessen – eine Gewohnheit, die ich leider bis heute nicht ganz ablegen konnte. Sogar heute noch, wenn ich höre, dass eine Freundin oder Verwandte verliebt oder neu liiert ist, frage ich mich zu allererst, warum es bei mir einfach noch nicht soweit gekommen ist.
In letzter Zeit habe ich begonnen, darüber nachzudenken, wie es wäre, ein Leben ohne Liebe zu führen. Und wenn ich ehrlich bin dann finde ich den Gedanken daran, niemals die eine Person zu finden, mit der ich mich niederlasse, furchteinflößend. Freddy-Krüger-furchteinflößend. Sobald ich aber jemandem von meiner Befürchtung erzähle, reagieren die Leute im Gleichklang: „Ach, du bist doch noch jung! Mach dir keinen Stress, das kommt schon noch. Niemand bleibt sein Leben lang alleine!“
Der Gedanke – und auch diese Standardantwort – ist erschreckend und frustrierend. Zum einen, weil ich nie aufhören werde, darüber nachzudenken. Ich gebe offen zu, dass ich gerne ALLES unter Kontrolle habe. Ich wollte Journalistin werden, also wurde ich Journalistin, mit all den Nachtschichten und Überstunden und Unsicherheiten, die der Job nun einmal mit sich bringt. Ich wollte eine eigene Wohnung, also ermögliche ich sie mir, auch wenn das bedeutet, dass ich strengstens auf meine Finanzen achten muss, um meine Miete sicher zu haben.
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Die Unfähigkeit, etwas zu kontrollieren, das ich so gern von A bis Z in der Hand hätte, macht mir Angst.

Doch die Liebe ist der eine Aspekt, auf den ich scheinbar wirklich keinen Einfluss habe, egal wie sehr ich es versuche. Die Unfähigkeit, etwas zu kontrollieren, das ich so gern von A bis Z in der Hand hätte, macht mir Angst. So sehr, dass ich mich sogar in Therapie begeben habe, um herauszufinden, ob mit mir etwas nicht stimmt. Ich glaube, dass diese Angst aus einem Grundgedanken herrührt, den viele von uns verinnerlicht haben: „Wenn du nur hart genug arbeitest, dann bekommst du im Gegenzug auch etwas dafür“. Das ist ein sehr Millennial-spezifischer Gedanke, den uns niemand geringeres als unsere Eltern eingetrichtert haben. Doch im Gegensatz zu unserer Generation, war er für viele von ihnen noch sehr wahr.
Wir, die Generation der 18- bis 34-Jährigen, sind in dem Glauben groß geworden, dass wir für Engagement und Arbeit belohnt werden – ich meine, gab es vorher jemals Siegerurkunden für die bloße Teilnahme an einem Sportwettbewerb? Doch die Wahrheit sieht (mittlerweile) anders aus. Nach den ersten Jahren im Job winkt nicht mehr zwangsläufig ein Kleinwagen. Nach dem Berufsleben erwartet einen nicht unbedingt die existenzsichernde Rente. Es ist durchaus möglich, sich dumm und dämlich zu arbeiten, und am Ende keine Anerkennung dafür zu erhalten. Das trifft für mich auch auf mein Liebesleben zu. Das heißt nicht, dass ich nie wieder in einer Beziehung sein werde. Es heißt aber: Ich könnte mich schon übermorgen Hals über Kopf verlieben, mich mit Zeit und Emotion hingeben, jahrelang in Zweisamkeit verbringen und am Ende doch wieder alleine da sitzen. Irgendwo passiert das jeden verdammten Tag.
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Doch hier möchte ich mich – und alle, denen es gerade genauso geht – beruhigen: Es gibt zahlreiche Frauen, die so leben und fein damit sind. Es geht ihnen gut. Tatsächlich zeigte eine erst kürzlich veröffentlichte Studie mit mehr als 51.000 Erwachsenen in den USA, dass Frauen, die im hohen Alter unverheiratet sind, zu den glücklichsten Menschen des Landes gehören. Die Daten beziehen sich auf einen Zeitraum von 31 Jahren und untersuchen Level der eigenen Zufriedenheit bei unterschiedlichen Gruppen von Männern und Frauen: verheiratet, unverheiratet, geschieden und verwitwet.
Und obwohl verheiratete Frauen und Männer im Rahmen der Studie dazu tendierten, glücklicher abzuschneiden als geschiedene und verwitwete Menschen, waren unverheiratete Frauen gleichauf mit ihren vermählten Kontrahenten. „Mit steigendem Alter wurde es zunehmend irrelevant, ob die Frauen verheiratet oder unverheiratet waren“, erklärt Prof. Gary Ralph Lee, einer der Studienforscher aus Ohio. Während also viele Leute, mich selbst inbegriffen, ein negatives Bild von älteren Singlefrauen haben, ist die Wahrheit weitaus rosiger.
Mittlerweile frage ich mich: Wie sehe mein Leben perspektivisch aus, wenn ich nun einmal nicht die große Liebe finde? Ich könnte meinen Lebensmittelpunkt zum Beispiel zwischen New York und… irgendwo in Europa aufteilen, so wie ich es mir immer erträumt habe. Dabei müsste ich mir nie Sorgen machen, irgendjemanden zu hinterlassen. Eine eigene Familie wollte ich zwar immer schon, aber prinzipiell hält mich auch so nichts davon ab, ganz egal ob durch meine eigene Schwangerschaft oder durch Adoption. Sollte ich mich dafür entscheiden, keine Kinder zu bekommen, kann ich immer noch, wie mein Bruder es sich einmal für mich ausmalte, die reiche, stylische Tante sein, die um die Welt reist. Und nur weil ich nicht heirate, heißt das nicht, dass mir die Liebe im Leben fehlen wird. Ich habe meine Familie und meine Freunde. Und für die andere Art der Liebe bliebe mir eine ganze Welt voll Männer, mit denen ich alternierend Zeit verbringen könnte.
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Ich versuche, meinen akribisch durchgeplanten Lebenslauf über Bord zu werfen – denn forcieren kann ich nichts, das ist mir jetzt klar.


Wenn ich das hier so aufschreibe, klingt es alles gar nicht mehr übel. Wenn ich mich allerdings mal wieder auf einem misslungenen Tinder-Date wiederfinde, oder ein Typ, mit dem ich seit Wochen ausgehe, aus dem Nichts beschließt, er müsste mich von jetzt auf gleich ausblenden, verfalle ich wahrscheinlich schnell wieder der Schwarzmalerei. Ich weiß also nicht, wie die Antwort lauten wird. Ich muss mich einfach damit abfinden, dass jede Antwort, egal wie sie nun ausfallen mag, in Ordnung sein wird. Ich habe schließlich nur ein Leben.
Momentan lerne ich Schritt für Schritt, die Zügel aus der Hand zu geben. Von der Kontrolle loszulassen. Anstatt nervös und panisch zu werden, wenn ich einen Mann kennenlerne, versuche ich mich einfach auf den Moment zu konzentrieren und darauf, was ich tief im Innern wirklich will. Wenn ich merke, dass sich jemand von mir distanziert, versuche ich nicht, meine SMS zu durchwühlen auf der Suche nach einem Indikator dafür, ob ich etwas hätte anders machen können oder sollen. Ich versuche, meinen akribisch durchgeplanten Lebenslauf über Bord zu werfen – denn forcieren kann ich nichts, das ist mir jetzt klar.
Und dieses Gedankenexperiment wirkt tatsächlich. Ich fühle mich ein bisschen ruhiger, ein bisschen freier. Anstatt Dating-Apps und -Sites zu nutzen, versuche ich, mir neue Hobbys zuzulegen, gehe beispielsweise öfter zum Yoga, mit Freunden brunchen oder probiere neue Cafes aus. Außerdem habe ich gelernt, Abende alleine zu Hause zu genießen.
Der beste Weg, mich meiner alten Ängste zu entledigen, war jedoch, sie solange abzusitzen und sie sacken zu lassen, bis ich die Bedrohung nicht mehr gespürt habe. Bis ich irgendwann ganz natürlich satt war. Ein bisschen wie ein Häutungsprozess: Irgendwann liegen die alten, toxischen Gedanken immer hinter einem. Vor allem aber – und das mag nichts Neues sein, doch es ist umso wichtiger, sich das selbst wirklich klarzumachen – bedeutet ein Leben ohne Mann keinesfalls ein Leben ohne Liebe und allgemein kein Leben ohne Erfüllung. Das nächste Mal, wenn mir also mal wieder jemand den gut gemeinten Rat gibt, „Gib nicht auf, es findet sich schon jemand“, werde ich antworten, „Klar, vielleicht kommt da noch jemand. Vielleicht werde ich meine Zeit aber auch mit unterschiedlichen Menschen verbringen, anstatt nur mit einem. Wie dem auch sei, es wird mir gut gehen. Und jetzt reich mir bitte den Wein rüber.“
Egal, wie es kommt, es wird gut.
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