Schönheit ist nicht nur feminin – & diese 3 butch Personen beweisen es

Schönheit ist geschlechtsspezifisch – so wird es uns vorgelebt. Oder anders gesagt: Ob jemand als schön bezeichnet und wahrgenommen wird, hängt davon ab, wie wir sein oder ihr Geschlecht wahrnehmen. Auf der einen Seite des Genderspektrums stehen männliche Männer, die "attraktiv", auf der anderen feminine Frauen, die "schön" sein können. Doch was ist mit den Menschen, die sich mit keinem dieser binären Ideale identifizieren?
Die Wahrnehmung von Schönheit basiert in unserer westlichen auf der strikten Einteilung in zwei Geschlechter. Demzufolge gibt es auch (Beauty-)Produkte, die explizit für Männer produziert werden und solche, die ausdrücklich für Frauen gedacht sind. Je nach Zielgruppe variiert das Design der Verpackung, der Duft, der Preis und die Werbung – und zwar selbst dann, wenn es sich praktisch um das gleiche Produkt handelt, wie zum Beispiel bei Rasierern. Diese Einteilung sorgt dafür, dass Frauen bestimmte Eigenschaften verkörpern müssen, um als "schön" zu gelten. Mit der konventionell weiblichen Ästhetik werden beispielsweise das Tragen von Make-up, eine bestimmte Figur und spezielle Frisuren verbunden. 
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Seit Jahren kämpfen Menschen dafür, dass diese Erwartungen sowie die Grenzen der Mainstream-Schönheit hinterfragt werden. Gender, Körperbau, Sexualität und ethnischer Background sollten nichts damit zu tun haben, ob jemand als schön wahrgenommen wird oder nicht. 
Die Beauty-Industrie will uns weißmachen, butch zu sein, wiederspreche einem traditionellen Verständnis von Schönheit. Indem sie bewusst nicht geschlechtskonform auftreten, wirkt es, als würden butch Frauen und Personen konventionelle Formen der Femininität zurückweisen. Doch eine Ablehnung der Femininität kann nicht mit einer Ablehnung von Schönheit gleichgesetzt werden. Und es gibt auch kein Gesetz, das besagt, butch Personen müssten Maskulinität verkörpern oder so männlich wie möglich sein. Das Schöne an Butchness ist gerade das: Sie kreiert ihre eigene Kategorie. Eine Kategorie abseits der patriarchalen Standards, die eine neue Version der Weiblichkeit und der nicht-binären Identität zelebriert.
Um einen nuancierteren Einblick ins Thema zu bekommen, haben wir uns mit drei butch Personen über das Konzept von Schönheit unterhalten. Wir haben darüber geredet, wie es ist, sich selbst treu zu bleiben, wenn eine*n die Welt außerhalb des gängigen Schönheitsideals sieht.

Martha

"Butch" war lange Zeit ein Schimpfwort für mich. Ich fühlte mich schlecht, wenn ich es aussprach. Doch mittlerweile genieße ich es richtig, es zu sagen, weil es für all meine Lieblingsdinge steht: Leder, Denim, Workboots, Swagger und den unkontrollierbaren Drang, zwinkern zu wollen. Es schwingt eine sehr spezielle und differenzierte Energie mit. 
Mein Coming-out hatte ich später als viele andere, mit 25. Etwa sechs Monate nachdem ich es meiner Mutter erzählt hatte, hatte ich das Gefühl, dort weiter machen zu können, wo ich mit 14 aufgehört hatte – mit der Darstellung meines Genders. Ich habe eine angeborene Butchness, die ich lange unterdrückt habe. Deswegen fühlt es sich so an, als würde ich endlich in meinen eigenen Körper zurückkommen. Als ich mir meinen ersten Kurzhaarschnitt schneiden ließ, war es, als würde mein inneres Magnetfeld eine 180-Grad-Wende machen. Das war der Moment in dem ich ich selbst wurde.
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Meine Familie hat sich größtenteils mit meiner Sexualität arrangiert oder versteht zumindest, was sie dazu sagen dürfen und was nicht. Auf der anderen Seite denken sie, es wäre sozial verträglicher, Kritik an meiner Genderpräsentation zu üben als an meiner Sexualität an sich. Der Druck, so zu tun als wäre es für einen okay, dass du butch bist, scheint sehr viel geringer zu sein. So sagte mein Onkel zum Beispiel letztens zu mir: „Warum willst du wie ein Mann aussehen?“. Ich sehe nicht wie ein Mann aus! Ich sehe wie eine butch Frau aus. Und das hat auch nichts mit wollenzu tun. Ich bin butch, weil ich nichts Anderes als das sein kann.
Als ich mich neutraler stylte, wurde ich seltener belästigt, aber jetzt passiert es praktisch täglich. Aus gesellschaftlicher Sicht ist es vollkommen normal, butch Frauen als “anders“ wahrzunehmen, sie als falsch, ordinär oder sogar schmutzig zu sehen. Ich mache all das, was Frauen laut ihrer Erziehung nicht machen sollten. Und die negativen Reaktionen, die ich dafür ernte, sind wie eine kulturell akzeptierte Form der Homophobie. Ich komme eindeutig als eine Person herüber, die es zurückweist, durch Männer und den Male Gaze sexualisiert zu werden.
Die Geschichte der Butchness ist eng mit den Frauen der Arbeiterschicht verbunden, was im Roman Stone Butch Blues von Leslie Feinberg thematisiert wird. Das Buch behandelt die Revolution homosexueller Personen in den 70ern und 80ern, in der viele mittelständische Lesben die Kontrolle in der Community übernahmen und butch Personen und Femmes abwiesen. Das ist einer der Gründe, warum ich mich so in meine Butch-Identität reinhänge. Wenn du einen Arbeiterklassenbackground hast, macht das die Butch- und Homophobie, mit der du konfrontiert wirst noch komplizierter. Ich denke, Stigmen und Schamgefühle spielen hier eine noch größere Rolle. Früher kannte ich keine lesbischen Personen und deswegen dachte ich auch bis zur Uni, lesbisch sein wäre keine Option. Genau deswegen ist es auch so wichtig, als Butch an der Entwicklung der kulturellen Geschichte teilzunehmen.
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Heute gibt es viele ältere butch Frauen in meinem Leben und sie sind für mich einige der wichtigsten Menschen, die ich jemals getroffen habe. Meine Coming-out-Zeit war sehr schwer für mich und ich bin unglaublich dankbar, diese Frauen in meinem Leben zu haben – damals wie heute. Auch wenn es sich so anfühlt, als gäbe es nicht so viele von uns, erkennen wir uns auf der Straße meist direkt. Wir nicken uns im Vorbeigehen freundlich zu oder halten kurze Augenkontakt. Diese kleinen Momente können meinen ganzen Tag erhellen, auch, wenn ich kurze Zeit später mit „Herr“ angesprochen werde, weil ich für eine Sekunde von jemandem gesehen wurde, der versteht, was ich bin.
Schon vor meinem Coming-out war Schönheit ein Konzept, mit dem ich große Probleme hatte. Doch jetzt sehe ich, dass ich natürlich schön bin! Ich finde Frauen sind schön und butch Frauen sind Frauen. Also fühle ich mich jetzt so schön wie nie zuvor. Ich sehe meine Butchness als Teil von einem dreidimensionalen Spektrum von Femininität. Ich höre es nicht gern, wenn mich jemand als "masculine of centre" oder "Mannsweib" bezeichnet. Ich habe Jahre dafür gebraucht, mich selbst zu verstehen, aber jetzt fühle ich mich extrem wohl damit, mich als Frau zu identifizieren, weil ich mich selbst als butch Frau verstehe. Manche denken, ich würde mich in einem Spektrum, das von männlichem Mann bis femininer Frau reicht, eher auf der Seite der Männer einordnen. Doch ich finde ich habe viel mehr mit Femmes gemein als mit cis Männern.

Xandice

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Auch wenn ich mich nie als Lesbe identifiziert habe (mit 17 outete ich mich als queer), habe ich mich immer mit butch Lesben verbunden gefühlt. Ob du eine butch Lesbe bist oder eine sich maskulin präsentierende Frau, ob du bei der Geburt als weiblich eingeteilt wurdest, ob du nun cis oder trans bist oder vielleicht nicht-binär bist: Du fällst immer auf. Auch wenn du versuchst, dich anzupassen, durchschauen dich die Leute und du stichst aus der Masse heraus. Als ich noch zur Schule ging, trug ich die Uniform für Mädchen, aber trotzdem wurde ich oft gefragt, ob ich ein Mädchen oder ein Junge bin. Irgendetwas an der Art und Weise, wie du dich verhältst, was du machst, zeigt, dass keine der binären Genderrollen zu dir passt. Die Leute denken, sie könnten Menschen, die sich maskulin präsentieren, anders – schlechter – behandeln, weil sie sich "falsch" und "nicht ihrem Geschlecht" entsprechend verhalten. Es ist einfach nur queer-, trans- und homophobisch, Menschen nicht zu respektieren, weil du sie nicht attraktiv findest. Butch Personen versuchen nicht, sich heteronormativen sozialen Ideen anzupassen. Wir versuchen nicht, begehrenswert für (cis) Männer zu sein. Wir sind einfach nur authentisch und machen das, was uns glücklich macht. Es ist gefährlich so zu leben, aber anders können wir nicht.
Ich identifiziere mit als trans-maskulin, masculine-of-centre, butch und nicht-binär – Bezeichnungen, die alle eng mit einander verbunden sind. Ich habe mich schon immer als genderqueer identifiziert, was sich, für mich, darin zeigt, butch zu sein. Ich schiebe das weg, was man von mir erwartet zu sein.
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Als ich noch ein Teenie war, dachte ich Schönheit sei etwas, das nichts mit mir zu tun hätte. Aber meine femme Partner*in hat mir geholfen, die Schönheit im butch sein zu sehen. Instagram und Tumblr halfen mir auch, denn dort sah ich nicht nur Menschen wie mich, sondern auch die natürliche Schönheit, die wir teilen. Wenn ich diese Erfahrungen nicht gemacht hätte, würde es mir jetzt wahrscheinlich sehr viel schlechter gehen. Ich bin eine schwarze, nicht-binäre, trans-maskuline butch Person – das ist eine sehr spezielle Nische. Wenn du zu dieser Gruppe gehörst, musst du richtiggehend nach Bestätigung suchen. Die Gesellschaft sagt uns nicht, dass wir schön sind. Also müssen wir anfangen, es uns gegenseitig zu sagen.
Es hat sich schon sehr viel getan seit meinen Teenagertagen, aber Menschen wie ich werden beispielsweise in Serien und Filmen immer noch nicht gezeigt – hauptsächlich, weil die Kreativen und die Geldgeber dahinter meist reiche, heterosexuelle cis Personen sind. Also richten sie sich dem mehrheitlichen cis und heterosexuellen Publikum, die meistens nur offen für harmlose Formen der Queerness sind, wie feminine Lesben und schwule weiße Männer. Menschen, denen sie auf der Straße dumme Kommentare an den Kopf werfen würden in den Medien zu sehen, könnte sie schließlich komplett aus dem Konzept bringen.
Das macht etwas mit dir. Zwar siehst du queere Menschen auf dem Bildschirm, aber die sehen ganz anders aus als du. Und das kann ja nur heißen, dass du nicht begehrenswert bist. Wir müssen versuchen, mehr unterschiedliche Personen zu zeigen – Shane von The L Word reicht nicht aus. Deswegen war es auch so eine Riesensache, Lena Waithe zu sehen, eine wunderschöne, schwarze butch Frau! Genauso bedeutend sind all die unterschiedlichsten queeren Menschen in Orange is the New Black. Ich wünsche mir mehr davor! Lasst die jungen Butchs wissen, sie können ihr Leben leben, butch sein und glücklich sein.
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Nkem

Ich konnte den Fakt, dass ich queer bin, nie verstecken – Leute mussten mich nur anschauen und wussten es sofort. Was ich allerdings versucht habe, ist geheim zu halten, dass ich butch bin. Doch immer, wenn ich probierte femininer zu sein, fühlte es sich einfach falsch an. Also habe ich butch sein immer mit sich wohlfühlen und selbstbewusst sein assoziiert. Ich musste sehr früh lernen, selbstbewusst aufzutreten, auch wenn ich es nicht immer fühlte.
Ich habe erst vor kurzem angefangen, mich selbst als butch zu bezeichnen. Früher war ich immer ein bisschen nervös, wenn es darum ging mich so zu identifizieren, obwohl ich viele Freund*innen hatte, die es bereits machten und stolz darauf waren. Wenn ich heute den Begriff butch verwende, fühle ich mich als Teil einer Gemeinschaft.
Als ich jünger war habe buchstäblich nirgendwo auch nur eine einzige Person gesehen, die aussah wie ich. Heute fühle ich mich wenigstens gelegentlich repräsentiert, wie zum Beispiel bei Orange Is The New Black. Die mit Big Boo verbundenen Assoziationen sind aber nicht immer positiv – als Teil ihrer Butchness wird sie als ruppig und heruntergekommen dargestellt. 
Erst als ich 2014 anfing bei Dr. Martens zu arbeiten, veränderte ich wirklich die Art und Weise, auf die ich mich präsentierte und begann, mich viel wohler in meiner Haut zu fühlen. Ich folge jetzt Menschen auf Instagram, die aussehen wie ich, weil ich es wichtig finde, mich regelmäßig selbst daran zu erinnern, dass es da draußen Menschen gibt, die aussehen wie ich und die ihr Leben leben und genießen. Um ehrlich zu sein folge ich aber immer noch hauptsächlich Tieren.
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Viele Menschen haben bestimmte Erwartungen an mich und daran wie verhalte und wundern sich dann manchmal, dass ich gar nicht so butch bin, wie sie gedacht haben. Zum Beispiel sind sie immer total überrascht, wenn mit meiner sehr hohen Stimme kichere. Im Endeffekt identifiziere ich mich immer noch als Cis-Frau. Ich wünschte, heterosexuelle Menschen wären ein bisschen flexibler, wenn es um Kategorien gehe. Mit anderen Personen der LGBTQ+-Community habe ich solche Erfahrungen auf jeden Fall noch nicht gemacht.
Als ich jünger war, hätte ich mich nie als schön bezeichnet. Tatsächlich hatte ich damit ziemlich zu kämpfen. Ich wusste immer, ich bin nicht hetero, aber ich mochte auch ein paar Jungs in der Schule – auch, wenn sie mich nie beachtet haben. Selbst als ich anfing, mich maskuliner zu präsentieren und meine Partner*in mich schön nannte, fühlte ich mich dabei unwohl. Ich fragte sie, ob ein anderes Wort wie attraktiv verwenden könnte. Ich denke, das ist ein Gender-Ding. Eine maskuline Person, egal welchen Genders, würde man normalerweise nicht “schön“ nennen, sondern eher “attraktiv“ oder gutaussehend. Außerdem glaube ich, dass ich mich als ich jünger war davon distanziert habe, mich schön zu fühlen. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich mich nicht wohl damit fühle, wie ich mich in der Vergangenheit präsentiert habe oder ob ich einfach unsicher war und nie als schön betrachtet wurde. Es könnte auch eine Mischung aus beidem sein.
In der Schule wurde ich ignoriert, aber als ich anfing, mich in der queeren Szene zu bewegen, schenkte man mir auf einmal sehr viel Aufmerksamkeit. Am Anfang verwirrte mich das, weil ich es nicht gewöhnt war. Ich dachte, die Leute würden sich einfach nur über mich lustig machen oder so. Dann begann ich, mich maskuliner zu präsentieren und zu akzeptieren, wer ich bin. Und auf einmal wurde ich viel selbstbewusster, fühlte mich wohler in meiner Haut und dachte: Yeah! Ich sehe tatsächlich gut aus, ich fühle mich schön, ich fühle mich gut.

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