„Ich war auf dem Weg ins Einkaufszentrum, als die Schüsse fielen" – Münchnerin erzählt von ihrer Angst

ILLUSTRATION: Guijarro IsabelCastillo
Ich sitze in der S-Bahn, Linie 8 Richtung Hauptbahnhof, und ärgere mich, dass ich nicht wie geplant eine Stunde eher aus dem Büro gekommen bin, um meine Erledigungen im Einkaufszentrum zu machen. In dem Moment piepst mein Handy: „Geht es dir gut???" schreibt meine Kollegin. Und sofort hinterher: „Schüsse im OEZ!!!" Sie schießt eine Schreckensmeldung nach der anderen in den WhatsApp-Chat. Mir wird schlecht, denn das Olympia Einkaufszentrum, kurz OEZ, ist das Ziel meines Weges. Ich bin nur noch wenige Minuten davon entfernt, wollte gleich umsteigen in die U3.

Geistesgegenwärtig stürme ich am nächsten Halt aus: Marienplatz. Hier wohne ich zwar nicht, doch der Bruder meines Freundes. Ich eile Richtung Isartor, die Sirenen der Polizeiwagen begleiten mich und die vielen Menschen auf der Straße. Währenddessen versuche ich im Internet zu erfahren, was hier gerade passiert in meiner Stadt. Als ich an der Wohnung ankomme und panisch klingel', macht mir mein Freund schon zitternd die Tür auf.

Wir sitzen im Wohnzimmer und schauen uns den Live-Stream von N24 an. Es ist wahr: Um die Ecke wurden unschuldige Menschen hingerichtet. Ich verstehe die Worte der Sprecherin und doch verstehe ich es nicht. Ich kann es nicht greifen. Wäre ich früher aus dem Büro gekommen, wäre ich vielleicht nicht mehr am Leben.

Der blanke Horror, das Gefühl und das Wissen, dass Menschen verletzt und gar getötet wurden, macht mich nicht einfach nur traurig, es lähmt mich. Doch der Alarm auf der Straße bringt mich wieder ins Hier und Jetzt. Ich muss meine Eltern anrufen. Und meine Freunde. Während ich Papa am Telefon beruhige, logge ich mich bei Facebook ein. Der Safety Check ploppt auf. „Befindest du dich im betroffenen Gebiet?" werde ich gefragt und klicke auf „Ja, meine Freunde sollen benachrichtigt werden."

Ich fühle mich zum Kotzen. Der Safety Check ist nun also auch in München notwendig. Ich habe die Benachrichtigungsfunktion schon während des Erdbebens in Nepal gesehen, dann während des Attentats in Paris, Brüssel, Nizza...und jetzt hier.

Wir sind zu dritt in der Wohnung, keiner sagt ein Wort. Über dem Dach kreist immer wieder ein Hubschrauber. Die Polizei schreibt bei Facebook und Twitter, dass man öffentliche Plätze meiden und auf sich aufpassen soll. Aus dem Fenster können wir den Großeinsatz vor der Haustür nur am Rande beobachten, Polizisten mit Schutzwesten und Schusswaffen. Es sind immer noch Menschen auf der Straße, obwohl Meldungen die Runde machen, dass die Täter noch in der Stadt sind. Es gibt auch Gerüchte, dass das Feuer an weiteren Stellen eröffnet wurde. Angeblich auch am Isartor, 200 Meter von dem sicheren Platz, an dem ich mich gerade befinde. Vor meinem Lieblingskino um die Ecke, um genau zu sein. Wenige Minuten später kommt raus, dass es sich um eine Falschmeldung handelt, ebenso wie die angebliche Schießerei am Stachus.

Auch wenn ich nicht absehen kann, wo noch etwas Grausames passiert oder auch welches Motiv einen Menschen antreibt, der andere tötet, will ich ganz klar sagen: Ja, ich habe Angst vor der Zukunft, aber werde mir das Gefühl von Freiheit nicht nehmen lassen. Ich werde nicht nachgeben oder gar mein Leben ändern. Ich werde München nach wie vor genießen, mit meinen Freunden an die Isar gehen und auf Konzerte mit vielen Menschen ins Zenith. Die Angst vor Terror darf nicht siegen.

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