Warum alkoholfreie Bars in Zukunft zur Normalität gehören sollten

Zu einem Freitagabend gehört für viele von uns ein Drink in einer Bar einfach dazu. Alkohol euphorisiert, wird oft mit Entspannung und Belohnung assoziiert und macht es vielen außerdem leichter, auf fremde Menschen zuzugehen. Auf der anderen Seite ist und bleibt Alkohol ein Nervengift und belastet unter anderem die Leber und den Magen. Das wird spätestens mit dem Kater spürbar, der auf einen durchzechten Abend folgt. Nicht selten kostet der nämlich einen ganzen Tag, an dem es einem so mies geht, dass außer auf der Couch zu liegen und Pizza zu bestellen nichts anderes mehr machbar scheint.
Illustration: Louisa Cannell
Alkohol ist ein fester Bestandteil der bisherigen westlichen Kultur. Trotzdem trinken junge Menschen in den USA und auch in Deutschland immer seltener regelmäßig alkoholische Getränke. Das geht beispielsweise aus einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hervor. Laut dieser tranken zehn Prozent der 12- bis 17-Jährigen im Jahr 2016 regelmäßig, also mindestens einmal pro Woche, Alkohol. Im Jahr 2004 lag der Anteil noch bei 21,2 Prozent. Auch bei den 18- bis 25-Jährigen lässt sich dieser Trend erkennen. 2016 tranken 30,7 Prozent regelmäßig Alkohol, 2004 waren das noch 43,6 Prozent. Im europäischen Ausland sind die Zahlen ähnlich. In diesem Jahr sorgte eine vielzitierte britische Studie für Aufsehen: Während im Jahr 2005 noch 18 Prozent der 16 bis 24 Jahre alten Brit*innen komplett auf Alkohol verzichteten, waren es zehn Jahre später, also 2015, ganze 29 Prozent. Schnell wurde daraufhin die gesamte Generation Z in Europa als anti-alkoholisch deklariert. Dass das nicht den Tatsachen entspricht, wird jede*r bestätigen können, der*die in den letzten Wochen Teil einer Ersti-Party an einer Uni gewesen ist. Doch immerhin scheint die Sensibilisierung für dieses Thema gerade unter jungen Erwachsenen immer weiter zuzunehmen. Auch hierzulande hört man immer öfter vom sogenannten Sober October oder Dry January. Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass Leute, die normalerweise Alkohol trinken, einfach mal einen Monat bewusst darauf verzichten.
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Immerhin: Ein Trend ist ein Trend. Und der führt auch dazu, dass es immer mehr Partys und Bars rund ums Nicht-Trinken gibt. Vielleicht hast du schon mal von diesen Pre-Work-Partys gehört, bei denen Menschen vor der Arbeit schnell eine Runde tanzen und sich einen grünen Smoothie gönnen, bevor sie sich auf ins Büro machen. Aber auch abends kann man seit einiger Zeit in Berlin alkoholfrei feiern. Die Partyreihe Sober Sensations verspricht mittwochabends von 18 bis 0 Uhr Partys, bei denen keinerlei Drinks mit Alkohol serviert werden. Stattdessen gibt es gesunde Cocktails und selbstverständlich Musik. Schön unter der Woche tanzen, sich Vitamine reinpfeifen und dann früh nach Hause, um am nächsten Tag fit zu sein – sicherlich eine vorbildliche Sache, allerdings nicht für jeden oder jede die Definition des Wortes ‚Party‘.
Bis die Pop-up-Location Listen Bar im hippen New Yorker Stadtteil Williamsburg kürzlich ihre Pforten schloss, wurde auch hier auf das Konzept des Verzichts gesetzt: Die Getränkekarte war komplett booze-free. Wie kommt man aber eigentlich auf die Idee, eine Bar ohne Alkohol aufzumachen? Ist das Trinken nicht Grundbestandteil des Erlebnisses, in eine Bar zu gehen? Lorelei Bandrovschi hat die Bar ins Leben gerufen. Sie sagt: „Wieso sollte man nicht auch mal eine Bar aufmachen, in der es um etwas anderes als Alkohol geht? Wir sind für verschiedene Leute da. Solche, die nicht trinken oder die nur manchmal trinken. Ein großer Teil des Konzepts besteht darin, niemanden zu verurteilen.“ Auf die Idee dazu kam sie, als sie selbst mal einen Monat auf Alkohol verzichtete. „Ich war überrascht, wie viel Spaß ich hatte, als ich nicht getrunken habe.“
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Gerade in Großstädten treffen sich viele Menschen nicht zu Hause, sondern eben in Bars, Cafés und Restaurants. Wer vielleicht kein Geld hat, ein Abendessen zu bezahlen, ist quasi gezwungen, sich nach dem Feierabend in einer Bar zu treffen. Und von denen, das sollte man nicht vergessen, geht eben auch einfach eine besondere Anziehungskraft aus. Die gedimmte Beleuchtung, die im Hintergrund laufende Musik und die vibrierende Atmosphäre machen diese Orte, an denen man bis tief in die Nacht zusammensitzen, lachen und reden kann, einfach zu etwas Besonderem. Und dort trinkt man eben für gewöhnlich Longdrinks, Bier oder Wein, selbst wenn die Getränkekarte natürlich auch andere Optionen bereithält. Aber an der Theke einen Apfelsaft zu bestellen, während die anderen sich ein Glas Riesling holen, wird häufig mit Fragen wie „Bist du etwa schwanger?“ quittiert. Bar und Alkohol, das scheint in den Köpfen vieler Menschen einfach zusammenzugehören. Und deswegen ist die Idee einer alkoholfreien Bar, wenn man mal so drüber nachdenkt, eigentlich gar nicht so abwegig.
Illustration: Louisa Cannell
Aber woher kommt es eigentlich, dass sich immer mehr Menschen mit Alkohol auseinandersetzen und somit Konzepte wie eben die alkoholfreie Bar entstehen? In einer Metropole wie New York etwa, in der Unmengen an Geld für kaltgepresste Säfte und Yogaklassen ausgegeben werden und Wellness für viele Menschen zu einem Teil ihres Lifestyles geworden ist, passt das genau in den Zeitgeist. Dabei versucht zum Beispiel die Listen Bar eben nicht auf besonders gesund oder öko zu machen und hat die Inneneinrichtung bewusst dunkel und grungy gewählt. Die Aussage ist klar: Wir sind eine ganz normale Bar – ohne den Alkohol.
Aber fehlt dann nicht doch irgendwie was? Alkohol ist, wie man so schön sagt, ein „soziales Schmiermittel“. Flirten und tanzen Menschen in einer alkoholfreien Bar also tatsächlich auch? Lorelei Bandrovschi von der Listen Bar sagt, dass es natürlich einfacher ist, aus sich herauszugehen, wenn man eh ein extrovertierter Mensch ist. „Ich bin immer die Erste auf der Tanzfläche, selbst wenn ich stocknüchtern bin.“ Aber was ist mit dem Rest von uns? Wochentags doch etwas verhaltener, betont Bandrovschi, dass an einem Samstagabend fast alle etwas mehr aus sich rauskämen. Wie dem auch sei, alkoholfreie Bars und Partyreihen haben nicht den Grundsatz herkömmliche, mit Alkohol ausgestattete Bars zu ersetzen oder gar eine Universallösung für alle existierenden Feierbedürfnisse darzustellen. Vielmehr wollen sie Menschen, die Lust auf ein Nachtleben ohne Alkohol haben, eine Möglichkeit bieten, nach ihrem Geschmack auszugehen. Und das ist doch ein durchaus willkommener Ansatz!
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