„Warum zahlst du mir Geld für getragene Slips?“, frage ich meinen besten „Kunden“

Foto: Poppy Thorpe
Ich fing schon an der Uni damit an, mir als Domina nebenbei ein bisschen Geld zu verdienen: Ich verkaufte auf Reddit meine Slips und Schuhe an Männer. Eine Findom (kurz für „financial dominatrix“, also „finanzielle Domina“) zu sein, war für mich aber eher ein Nebenjob als ein ausgewachsener Lifestyle. Ein bisschen extra Cash und das gelegentliche Macht-High zwischendurch? Immer her damit. Bis heute!
Momentan habe ich ein regelmäßiges „Zahlschwein“ (ein „paypig“ – also einen Mann, der sich mir, seiner Mistress, als finanzieller Diener verpflichtet hat), der die dafür typischen Fantasien hat: Er liebt es, mir die Schuhe zu lecken und mich am Geldautomaten zu treffen, um mir Geld zu geben. Außerdem hat er ein paar Klamotten-Fetische, und die sind zum Teil sehr spezifisch. Er wünscht sich zum Beispiel, dass ich meine Kleidung online zum Verkauf anbiete, für die er dann zahlt – die ich ihm aber nie zuschicke. Außerdem steht er drauf, wenn ich ihm Unterwäsche schicke, die ich tagelang getragen habe, damit er sie dann in seinen Boxershorts oder unter seinem Kissen aufbewahren kann – je nachdem, was ich ihm eben befehle (wobei wir uns natürlich vorher darauf einigen, was geht und was nicht). 
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Für diesen Artikel habe ich mein Zahlschwein darum gebeten, uns zu erklären, warum er so auf meine getragenen Klamotten steht. „Ganz ehrlich: Viele Kleidungsfetische verstehe ich nicht, zum Beispiel im Zusammenhang mit getragenen Socken oder Schuhen“, erzählt er mir. „Aber bei Unterwäsche stehe ich einfach auf diesen Thrill; es ist aufregend, etwas Privates von dir, meiner Dom, zu besitzen.“
Dieses Phänomen, Kleidung an unterwürfige Männer (sogenannte „submissives“) zu verschicken, die sie besitzen möchten, gibt es schon gefühlt seit der Erfindung des Internets – die typische BDSM-Beziehungsdynamik, die ihm zugrunde liegt, sogar noch länger. Warum jemand getragene Unterwäsche kaufen und sich jemand anderem unterwerfen wollen sollte, lässt sich nicht einfach mit einem banalen Spruch wie „Sie wurden eben schon so geboren“ erklären. Laura Vowels arbeitet als Therapeutin für die Sex- und Beziehungstherapie-App Blueheart und erklärt mir: „Die eigene Macht aufzugeben und sich jemand anderem zu unterwerfen, kann ein Gefühl der Erleichterung auslösen. Wer zum Beispiel tagsüber einem anspruchs- und verantwortungsvollem Job nachgeht, hat vielleicht gar keine andere Möglichkeit, einfach mal abzuschalten. Ein Teil davon kommt vielleicht auch durch das in den Medien immer noch weit verbreitete Bild eines sexuell dominanten Mannes und einer sexuell eher unterwürfigeren Frau.“
Da stimmt auch Georgina zu. Sie ist 21 Jahre alt und verkauft Slips, Strumpfhosen und Socken an ihre Submissives. „Ich hatte schon mit älteren, wohlhabenderen Männern mit hoch angesehenen Jobs zu tun, die es sich im Alltag niemals leisten könnten, ihre Fassade fallen zu lassen, bei mir dann aber total unterwürfig waren.“ Sie erklärt die Vorliebe ihrer Klienten mit zwei Gründen: Entweder stehen sie auf finanzielle Dominierung – wobei Georgina dann frei über das Geld der Männer verfügen kann und selbst außerhalb ihrer Treffen einen großen Teil derer Einkünfte bekommt –, oder auf sogenannte „sissification“ (vom englischen „sissy“, also der abwertenden Bezeichnung für einen als feminin empfundenen Mann), bei der sich der männliche Submissive gern als Frau oder Puppe kleiden lässt. 
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Das hat etwas Tierisches. Es ist versaut. Es ist sexy. Es geht darum, eine direkte Verbindung zu meiner Domina zu spüren.

mein Zahlschwein
Georgina findet, dass diese unterwürfigen Bedürfnisse der Männer häufig durch toxische Männlichkeit entstehen. Sie ist der Meinung, dass die „männliche Prahlerei“, zu der sich so viele Männer im Alltag verpflichtet fühlen, im Privaten ganz schnell verpufft. „Ich schätze, sie würden gern irgendwie ihre feminine Seite ausleben, schämen sich dafür aber zu sehr oder wissen gar nicht erst, wie. Deswegen suchen sie dann nach einer Domina, oder prinzipiell nach starken Frauen.“
Nick Hatter ist ein psychodynamischer Verhaltenscoach und vermutet ebenfalls, dass es in der Beziehung zwischen Domina:nt und Submissive letztlich vor allem um Macht geht – oder, im Falle des Subs, darum, diese Macht jemand anderem zu überlassen. Was den Kauf getragener Kleidung des oder der Dom betrifft, meint er: „Das ist ein Machtaustausch. Vielleicht haben die Subs dabei das Gefühl, ihre Doms würden ihnen auf diesem Weg Liebe schenken und sie versorgen – wie ein Elternteil quasi. Der oder die Sub möchte sich dabei einfach geliebt fühlen.“
Und während diese Theorie dazu passt, dass das Spielen mit Fetischen häufig der Verarbeitung innerer Traumata dient, betont Vowels außerdem, dass „BDSM auch für Menschen, die sexuelle Traumata erfahren haben, eine enorme heilende Wirkung haben kann – weil es dabei darum geht, in einem sicheren Umfeld völlig loszulassen, beziehungsweise die Kontrolle zu übernehmen“.  
Den Submissives geht es beim Kauf von Kleidung also um Macht und deren Aufgeben; gleichzeitig ist es aber natürlich auch ein sexueller Akt. Mein Zahlschwein formuliert das so: „Das hat etwas Tierisches. Es ist versaut. Es ist sexy. Es geht darum, eine direkte Verbindung zu meiner Domina zu spüren.“
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Während immer mehr Leute darauf kommen, ihre getragenen Klamotten an die Fetischisten zu verkaufen, die drauf stehen, lässt das Stigma rund um die Beziehung zwischen Dom und Sub allmählich nach. Über diese neue Welle der Findoms freut sich auch Rebekka Blue, die nicht nur selbst auf diese Art ihr Geld verdient, sondern auch andere darin unterrichtet, der oder die beste Findom überhaupt zu werden.

Ich wurde schon immer für meine Kurven und meinen ausgefallenen Kleidungsstil gemobbt. Dieselben Typen, die mich früher gemobbt haben, wollen jetzt von mir dominiert werden.

Georgina
Auf ihrer Website verlinkt Blue zu ihren OnlyFans-Accounts, ihren diversen Online-Stores und ihren eBooks. Die bringen ihren Kund:innen unter anderem bei, woran sie Betrüger:innen erkennen und wie sie „merkwürdige Sachen im Internet verkaufen“. Auf TikTok hat sie über eine Million Abonnent:innen, und dort postet sie auch eine Serie über die Gegenstände, die sie an ihre Subs verkauft. (Dazu gehören nicht nur Kleidungsstücke, sondern auch Bürostühle, benutzte Wattepads oder Flaschen mit ihrem Schweiß, sowie jede Menge anderer Seltsamkeiten.)
In einer Mail an mich erklärt mir Blue, dass sie meist den Eindruck hat, ihre „Sub-Männer stehen auf das unterwürfige Gefühl, Frauen persönliche Gegenstände abzukaufen. Vielleicht sind sie dabei nur in die Verkäuferin verknallt, vielleicht verehren sie sie aber auch als ihre Göttin. Meine Kunden haben meistens den Wunsch, sämtliche Kontrolle aufzugeben und sich völlig der Verkäuferin zu widmen, die ihnen anbietet, die Männer zu beherrschen“. 
Und während sich Blue zwar durch ihre Posts zu ihren außergewöhnlicheren Verkäufen eine riesige Followerschaft aufgebaut hat, erzählt sie mir, dass „Slips und Socken doch am beliebtesten sind“. Außerdem stehen ihre Subs auch auf „Sportklamotten wie Leggings und BHs“. Manchmal sind auch harmlosere Anfragen dabei, wie nach „BHs mit einem Hauch Parfum, oder brandneue Lingerie, wo noch die Schilder dran sind“. Sie meint, dass „die Mehrzahl der Käufer die Klamotten dann selbst tragen“ – weswegen sie anderen Verkäufer:innen solcher Klamotten rät, „Geld dafür zu verlangen, wenn sie Fotos davon bewerten sollen, wie der oder die Käufer:in in der Kleidung dann aussieht“. 
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Für Blue geht es dabei aber nicht bloß ums Geld; sie sieht im Dom-Dasein auch einige andere positive Seiten, die sie gerne erwähnen möchte. „Ich genieße diese Macht über meine Subs, und welche Frau wird nicht gern verehrt?“, fragt sie. „Außerdem bringt jeder Verkauf auch ein echtes High, und der Profit ist erstaunlich hoch. Wenn du einen Slip für ein paar Euro kaufst, ihn dann aber für 50 Euro weiterverkaufst, hast du einfach dieses Gefühl von Freiheit – du bist dein eigener Boss.“
Georgina stimmt ihr darin zu, dass der Dom-Lifestyle eine Macht verleiht, die man in anderen Lebensbereichen so einfach nicht bekommt. „Ich wurde schon immer für meine Kurven und meinen ausgefallenen Kleidungsstil gemobbt“, sagt sie, „aber dieselben Typen, die mich früher gemobbt haben, wollen jetzt von mir dominiert werden und meine getragenen Slips kaufen. Das ist einfach kathartisch.“
Das Universum des Handels mit getragenen Klamotten (oder Zehentrennern, oder Bauchnabelpiercings, oder sogar – in Rebekka Blues Fall – Hormonspiralen) gehört mit jedem Tag mehr zum Mainstream. Tatsächlich hat mir letztens sogar eine Freundin erzählt, die nie als Findom gearbeitet hat, dass sie auf Twitter gefragt wurde, ob sie die Lederjacke von ihrem Profilbild mit einem Spritzer Parfum für über 300 Euro verkaufen würde. Sie musste echt drüber nachdenken. Das Einzige, was sie am Ende davon abhielt, war: „Die Jacke gehörte zu einer limitierten Collection und hat jetzt quasi schon Sammlerwert.“
Ich habe zu dem Ganzen jedenfalls eine eindeutige Meinung: Solange beide Parteien in einer Findom-Sub-Beziehung ihre Rollen ordentlich spielen, ihre Verkäufe ordentlich durchziehen und dabei immer respektvoll und im gegenseitigen Einverständnis handeln, gibt es für mich keinen Grund dafür, warum das nicht zum Mainstream gehören sollte. Und wie auch Blue ganz passend zusammenfasst: „Die Gesellschaft findet solche Deals vielleicht ‚merkwürdig‘, aber ich bewundere jede:n, der oder die selbstbewusst genug ist, um die eigenen sexuellen Wünsche auf sichere, einvernehmliche Art auszudrücken.“
Und auch Vowels hat noch ein wichtiges letztes Wort: Sie betont, dass die Sub/Dom-Dynamik – wie auch andere Fetische – für jede Person, die darauf steht, der wichtigste Aspekt des eigenen Lebens sein kann. „Für manche Leute sind BDSM und solche Machtspielchen eine Art der sexuellen Orientierung; sie fühlen sich schon zu dieser Machtdynamik hingezogen, seit sie sich ihrer Sexualität bewusst sind.“ Das sollte nicht nur respektiert, sondern zelebriert, niemals aber verurteilt werden. Es gibt absolut keinen Grund dafür, verächtlich auf Fetischisten herabzublicken – es sei denn, sie stehen drauf und bitten dich darum. Aber lass dich erst dafür bezahlen.

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