Wie der Rat meines Vaters nach seinem Tod meine Beziehungen bestimmt

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie mein Dad mal zu mir sagte, mein Freund sei „es nicht wert“. Ich war 16, hatte gerade meine erste Liebe und erste Trennung hinter mir. „Du bist ein tolles Mädchen, Laura“, meinte mein Vater. Wir saßen gerade zusammen im Auto. „Du bist intelligent. Und du solltest dich nicht auf Menschen einlassen, die dich traurig machen.“ Es war ein simpler Ratschlag, aber irgendwie blieb er mir im Gedächtnis hängen. In den darauffolgenden Jahren erinnerte ich mich oft an seine Worte – vor allem kurz nach einer Trennung.
Als zum Ende letzten Jahres aber meine bisher längste Beziehung in die Brüche ging, konnte Dad mir mit seinen Worten nicht mehr helfen; leider fiel die Trennung nämlich mit dem schleichenden Abschied meines Vaters in die Demenz zusammen. Das war eine furchtbare Zeit für mich. Ich war gerade zu Besuch bei meinen Eltern in Neuseeland, als ich herausfand, dass mich der Freund, mit dem ich seit fünf Jahren zusammen war, betrogen hatte. Ich war am Boden zerstört – wollte mir aber nichts anmerken lassen. Schließlich war ich bei meinen Eltern, um mich von meinem Vater zu verabschieden. Sein Zustand wurde immer schlechter.
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Ich flog zurück nach New York, wo ich mit meinem Partner zusammengewohnt hatte, und war plötzlich Single – zum ersten Mal seit meinem Studium. Nach der offiziellen Trennung wanderten meine Gedanken direkt wieder zu dem Gespräch mit meinem Vater zurück. Während mein Exfreund also seine Taschen packte und auszog, war mein einziger Trost die Erinnerung an Dads Ratschlag: „Lass dich nicht auf Menschen ein, die dich traurig machen.“
Danach stürzte ich mich schnell in die Dating-Welt – aber nicht, weil ich es wirklich wollte. Mein Ex hatte in Paris schnell jemand Neues an seiner Seite und führte sie überall dorthin aus, wo wir ein paar Monate zuvor noch zusammen gewesen waren (auf unserem Jahrestags-Trip, ironischerweise). Meine instinktive Reaktion war: Pff, wollen wir doch mal sehen, wer hier wem wehtut. Also entwickelte ich eine Routine. Ich ging auf Dates, für die ich noch gar nicht wirklich bereit war, kehrte dann alleine in eine Wohnung zurück, die sich merkwürdig leer anfühlte, checkte die Insta-Story von meinem Ex und rief dann meine Mutter an, um sie zu fragen, wie es meinem Vater in dem Demenz-Heim ging, in das er in Neuseeland gerade gezogen war. 
Während dieser Zeit machte ich viele neue Bekanntschaften – keine von ihnen tat mir aber wirklich gut. Ich tat so, als ließe mich die Trennung weitestgehend kalt, und erwähnte anderen gegenüber mit keiner Silbe, was in meinem Elternhaus gerade Schlimmes passierte. Ich ließ mich von anderen schlecht behandeln – was ich sonst nie getan hätte –, hatte schnell von Leuten die Schnauze voll, und machte sofort mit jedem Typen Schluss, der mir auch nur ansatzweise „zu nett“ war. „Du bist einfach zu glücklich. Ich bin es nicht“, sagte ich einmal sogar ganz offen.
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Was ich mir nicht eingestehen wollte, war das: Ich trauerte um den langsamen Verlust meines Vaters und den sehr abrupten Verlust meiner Beziehung. Mein Exfreund war für mich Teil meiner Familie geworden, und ich lebte weit, weit von meinem eigentlichen Zuhause in Neuseeland entfernt. In diesem emotionalen Zustand suchte ich eigentlich gar nicht wirklich nach einem neuen Partner, sondern nach Sicherheit, nach Geborgenheit – doch musste ich schnell lernen, dass es mir mehr wehtat, Intimität mit jemandem zu erzwingen, als einfach mal alleine zu sein. Oft wünschte ich mir nach dem Ende eines Dates, ich hätte den Kerl wirklich gemocht, und gab ihm daher eine zweite, vielleicht sogar dritte Chance, immer in der Hoffnung, es würde doch noch funken. Dasselbe zog ich immer wieder neu durch, wenn ich zwangsläufig doch irgendwann einsah, dass ich kein Interesse hatte. 
Durch Glück und Zufall hatte ich irgendwann ein Date mit jemandem, der schnell zu meinem besten Freund wurde. Obwohl wir beide nicht bereit für eine romantische Beziehung waren, gingen wir zusammen zu Events, guckten zu Hause Filme und gingen jede Woche zusammen was essen. Unsere Freundschaft war meine Zuflucht, und ich fühlte mich geliebt. Er war ebenfalls Schriftsteller; wir lasen unsere jeweiligen Texte und hatten ewig lange Diskussionen über Romantik und Liebe. Mit der Zeit öffnete ich mich ihm immer mehr – und erzählte ihm irgendwann auch von meinem Vater. 
Während der Pandemie zog er dann in eine andere Stadt. Im Nachhinein erkenne ich, wie sehr mir unsere Freundschaft dabei half, mir eine gesunde Langzeitbeziehung überhaupt vorstellen zu können. Und noch heute vertiefen wir unseren Kontakt weiterhin jeden Tag. 
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Vor ein paar Monaten starb mein Vater dann, im August. Zu dem Zeitpunkt stand Dating mittlerweile ganz unten auf meiner Prioritätenliste – und anstatt mich jetzt zum Trost auf die Suche nach einem neuen Partner zu machen, bekam ich von allen Seiten die Liebe und Unterstützung meiner echten Freund:innen. Und obwohl ich ja schon beschlossen hatte, beim Dating bewusster und zurückhaltender zu sein, war mir der Ratschlag meines Vaters von früher plötzlich wichtiger denn je. Er trieb mich an und ermutigte mich dazu, alle Menschen aus meinem Leben zu streichen, die darin keine wertvolle Rolle spielten. Ich musste bewusst den sozialen Druck verlernen, der uns glauben lässt, unser Wert als Mensch sei davon bestimmt, wie uns andere sehen. Für mich heißt das jetzt konkret: Ich spreche mit wenigeren Leuten, sage öfter Nein, und investiere mehr Mühe in Freundschaften und mein eigenes Wachstum.
All das setzte ich auch um, als ich zum ersten Mal seit dem Tod meines Vaters auf ein Date ging. Beim Abendessen fiel mir auf, dass ich mich nicht gewürdigt fühlte: Wenn ich von meiner Arbeit erzählte, fiel mir der Typ ins Wort und machte sich ein bisschen über meine Interessen lustig, obwohl er selbst kaum welche hatte. So nett er auf den ersten Blick vielleicht gewirkt hatte, so leise die Warnglocken auch noch waren – der Rat meines Vaters brachte mich dazu, mich gegen ein zweites Date zu entscheiden. Und was jetzt vielleicht wie eine Kleinigkeit klingt, fühlte sich für mich monumental an: Ich hatte mich bewusst dafür entschieden, lieber Single zu bleiben, anstatt eine falsche Beziehung einzugehen, nur um eben vergeben zu sein.
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Drei Monate sind seit Dads Tod vergangen, und meine Mühen haben dafür gesorgt, dass ich mich als Single glücklicher fühle denn je. Ohne die wachsamen Augen meines Vaters bin ich außerdem umso motivierter, besser auf mich selbst aufzupassen. Außerdem habe ich beschlossen, meinen Nachnamen zu behalten, sollte ich mal heiraten (worauf ich übrigens auch gar nicht so doll Lust habe). Und obwohl ich natürlich zwischendurch durch den Verlust eines Elternteils das Gefühl habe, ich sollte mehr neue Kontakte knüpfen, habe ich mir auch außerhalb des Datings ein erfüllendes Leben aufgebaut, das ein neuer Partner nur ergänzen, nicht bestimmen würde.
Ich bezweifle, dass mein Vater überhaupt wusste, dass ein beiläufiges Gespräch über meinen ersten Freund mein Dating-Leben als Erwachsene so entscheidend beeinflussen würde. Seinen Rat sollten wir uns aber alle zu Herzen nehmen: Zu oft lassen wir uns von dem Druck, begehrenswert wirken zu müssen oder nicht alleine sein zu dürfen, in romantische Situationen drängen, die es eben „nicht wert“ sind, um es mit den Worten meines Vaters zu sagen. Diese Tatsache hat meinen Blick aufs Singledasein positiv verändert, und Dads weise Worte haben mir dazu verholfen, Romantik in meinem Leben guten Gewissens als weniger wichtig anzusehen. Und daher will ich auch erstmal Single bleiben – und mich für mich selbst genauso einsetzen, wie mein Vater es getan hätte, wenn er heute noch am Leben wäre.

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