Milgram-Experiment 2.0: Wenn Gehorsam anderen Menschen schadet

Foto: Julia Sadler
Wer hätte gedacht, dass genau die Eigenschaften, die gesellschaftlich hoch angesehen sind, mit einem zerstörerischen Verhalten einhergehen können? Alles, was es dafür braucht, ist anscheinend eine Autoritätsperson, die dieses Verhalten anordnet.
In den 1960ern offenbarte das Sozialexperiment von Stanley Milgram, wie einfach es für Menschen in einer autoritären Rolle ist, das Verhalten von anderen zu beeinflussen. In der Studie sollten Proband*innen auf Anordnung einer Autorität ihnen unbekannten Menschen Stromschläge zufügen und wie sich herausstellte, folgten viele der Teilnehmer*innen den Befehlen, ohne sie zu hinterfragen. Damals lag der Fokus jedoch nur auf der Macht, die Autoritäten haben. In einer neueren Studie, die das Milgram-Experiment noch einmal aufgriff, untersuchte man diesmal vor allem die Persönlichkeiten der Proband*innen. Verleiten bestimmte Eigenschaften eine Person dazu Befehle blind zu befolgen, auch wenn diese anderen Menschen schaden könnten?
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Für das Experiment wurden 66 Teilnehmer*innen im Alter von 26-54 Jahren ausgesucht. Sie sollten in einer Art TV-Show mitmachen, in der sie angewiesen wurden, ihre Teampartner*innen mit Stromschlägen zu bestrafen, wenn sie eine Frage falsch beantworteten. Mit jeder falschen Antwort wurde die Stromstärke gleichzeitig erhöht – das war eine unmissverständliche Regel des Spiels. Dann, acht Monate später, sollten die Teilnehmer*innen einen Fragebogen ausfüllen, von dem sie dachten, er wäre nicht Teil des eigentlichen Experiments. Dadurch versuchten die Forscher*innen herauszufinden, in welchem Maße die Persönlichkeitsmerkmale Freundlichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neugier und Offenheit zu jeder einzelnen Person passen.
Das Ergebnis der Studie war überraschend: Die Forscher*innen fanden heraus, dass Teilnehmer*innen mit einem starken Sinn für Harmonie und einer gewissenhaften Einstellung am ehesten bereit waren, den Befehlen zu folgen – und damit ihren Gameshow-Partner*innen auch schwere Schockstöße zu verpassen. Am ehesten geweigert haben sich dagegen diejenigen, die nach eigenen Angaben linkspolitisch orientiert sind.
„Viele Studien zeigen, dass ein gehorsames Wesen und Gewissenhaftigkeit weitgehend mit positiven Aspekten wie einer stabilen psychischen Gesundheit, einem langen Leben, akademischen Top-Leistungen, reduzierter Aggressionsbereitschaft und einem sozialen Verhalten zusammenhängen“, erklärt Laurent Bègue, Professor und Forschungsleiter der Studie. „In einigen speziellen Situationen können sie aber auch die dunklen Seiten eines Menschen zum Vorschein bringen, da diese Eigenschaften zu destruktivem und unmoralischem Gehorsam führen können.“
An dieser Stelle also mal ein Appell an alle Darlings da draußen: Auch die "wünschenswerten" Eigenschaften, die euch zu beliebten Kolleg*innen und tollen Freund*innen machen, können dazu führen, dass ihr anderen Menschen Schaden zufügt. Das muss aber nicht sein; jeden Tag setzen wir uns mit sozialen Normen auseinander und geraten hin und wieder in Situationen, in denen wir am liebsten dem Gruppendruck unterliegen wollen. Wenn du aber tief im Inneren spürst, dass du eine andere Entscheidung treffen solltest, dann hör auch mal auf dein Bauchgefühl. Manchmal solltest du einfach gegen den Strom schwimmen und vielleicht tust du so jemandem sogar etwas Gutes – wer weiß?
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