#WhyIDidntReport ist die traurige Dunkelziffer von #MeToo

Foto: Getty Images/ Jon Kopaloff
Ein neuer Hashtag trendet aktuell im Netz: #WhyIDidntReport (zu Deutsch: „Wieso ich keine Anzeige erstattet habe“) ist zum einen eine Fortsetzung des #MeToo-Movements und zum anderen eine Reaktion auf eine Reihe von Tweets des Präsidenten der Vereinigen Staaten. Angestoßen hatten die virale Diskussion unter anderem einige Prominente Schauspielerinnen wie Alyssa Milano und Lili Reinhart.
Kurz zum Kontext: Bereits vor einigen Monaten nominierte US-Präsident Donald Trump Brett Kavanaugh als neuen Richter für den Supreme Court. Die Richter des Verfassungsgerichtes gelten als die wichtigsten Gesetzeslenker der USA. Kavanaugh ist wegen seiner sehr konservativen Ansichten besonders bei den Demokraten umstritten.
Ende Juni wurde er von Dr. Christine Balsey Ford, einer Psychologin und Professorin an der Palo Alto University, des sexuellen Übergriffes beschuldigt. In einem Brief an die demokratische Senatorin des Staates Kalifornien offenbarte Ford den Vorfall, der sich in den 80'er Jahren ereignet haben soll. Der zwei Jahre ältere Kavanaugh und einer seiner Freunde sollen die Highschool-Schülerin auf einer Party körperlich sowie sexuell missbraucht haben. Zu Kavanaughs Verteidigung twitterte Präsident Trump: „Sollten die von Dr. Ford gemachten Anschuldigungen stimmen, bin ich mir sicher, dass sie oder ihre liebenden Eltern damals Anzeige bei der Polizei erstattet hätten.“
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Sexueller Missbrauch: Wieso so viele Betroffene keine Anzeige erstatten

Angeheizt von Trumps Annahme, Betroffene würden Übergriffe sexueller oder gewalttätiger Art bei der Polizei melden, begann der Hashtag #WhyIDidntReport viral zu gehen. Neben zahlreichen Prominenten, auch viele derjenigen, die sich während #MeToo im Hintergrund gehalten hatten, nutzen die Sozialen Medien, um ihre bewegenden Geschichten zu teilen – vor allem mit dem Fokus auf die Hintergründe wieso sie nicht zur Polizei gegangen sind und sich erst jetzt trauen, darüber zu sprechen.
Mittlerweile haben über 100.000 Menschen auf Trumps Tweet geantwortet – das ist selbst für den derzeit am meisten diskutierten Politiker der Welt eine beachtliche Zahl. Eine davon war gleichzeitig eine der ersten Prominenten, die sich öffentlich zur Thematik der Anzeigestellung nach einem Missbrauchsvorfall äußerte – Schauspielerin Alyssa Milano. „Hey @Donald Trump, höre verdammt noch mal zu. Ich wurde zwei mal sexuell missbraucht, einmal davon als Teenager. Ich habe nie Anzeige erstattet und es hat 30 Jahre gedauert, bis ich meinen Eltern davon erzählt habe.“ Lili Reinhart, bekannt aus der Netflix-Show Riverdale, nutzte ihre millionenfach abonnierten Kanäle dafür, die Diskussion an die Millennials weiterzutragen – so schnell wird aus einem Hashtag eine Bewegung.

Die erschreckende Dunkelziffer sexuellen Missbrauchs

In den USA wird nur etwa jede dritte Tat auch tatsächlich zur Anzeige gebracht, so berichtet die Rape, Abuse & Incest National Network (RAINN). Bei uns in Deutschland wird vor allem seit Veröffentlichung der Kriminalstatisktik 2017 und dem Bekanntwerden zahlreicher Fälle systematischen Kindesmissbauchs – beispielsweise der eines Kochs in Berlin oder die erschreckenden Zahlen innerhalb der katholischen Kirche – wieder vermehrt über Kindermissbrauch diskutiert. Die Polizei registrierte im vergangenen Jahr fast 14.000 Kinder als Opfer von Vergewaltigungen und anderer sexueller Gewalt, über 11.000 gemeldete Fälle von Erwachsenen kommen aus dem Bericht zur Polizeilichen Kriminalstatistik 2017 noch hinzu. Die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher, so berichtet auch die WHO und geht aktuell von einer halben Million betroffener, deutscher Kinder aus. Die Zahlen in Bezug auf sexuelle Kriminalität gegenüber Erwachsenen sieht nicht viel anders aus: Immer noch bleiben die meisten Übergriffe ungemeldet – aus Angst oder aus Scham, aufgrund von Unwissen über die Gesetzeslage (welche Taten welches Strafmaß unterliegt, kannst du hier nachlesen), wegen der Annahme, es würde nichts bezwecken, einem würde nicht geglaubt oder weil es sich bei dem oder der Täter*in um ein Familienmitglied handelt.
Du brauchst Hilfe oder einfach nur ein offenes Ohr? Dann wende dich an das kostenfreie und anoyme Hilfetelefon Sexueller Missbrauch: 0800-22 55 530
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