Warum ärgern sich Männer so sehr über meine kurzen Haare?

Photo courtesy of Parisa Hashempour.
Parisa after the cut.
„Aber warum hat sie das getan?“, fragte ein Familienfreund meine Mutter, als er das Foto von mir verdutzt anschaute. „So nehmen sie Menschen mehr ernst“, erklärte meine Mutter recht verteidigend. Dieses „das“, worüber die beiden (in meiner Gegenwart) diskutierten, war meine neue Haarfrisur.
Nachdem ich Wochen damit verbracht habe, mir auf Pinterest die perfekte Länge auszusuchen, entschied ich mich für einen kurzen Bob. Die Entscheidung, meine Haare zu schneiden, war für mich eigentlich kein großes Ding, aber wie ich schnell herausfand, galt das nicht für die Menschen in meiner Umgebung. Für viele schienen meine neuen Haare nämlich so eine Art persönliches, fast schon politisches Statement zu sein – und interessanterweise kamen die meisten Kommentare diesbezüglich von Männern.
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Am nächsten Tag ging ich mit meinem neuen Schnitt und einer guten Portion Selbstbewusstsein auf die Arbeit. Ich fühlte mich großartig und stark. Zumindest so lange, bis ein Arbeitskollege zu mir kam und sagte, dass er lange Haare an Frauen bevorzugte. Ich ignorierte seine Anmerkung und hörte lieber auf meine Kolleginnen, die mir allesamt sagten, wie gut mir diese neue Frisur stand.
Photo courtesy of Parisa Hashempour.
Parisa with longer hair before the cut.
Im Laufe der Zeit wurden die unerwünschten Sprüche der Männer in meinem Umfeld immer penetranter. Einer sagte mir bei unserem Date, dass er durch meine Facebook-Bilder gescrollt hatte und fand, dass mir die langen Haare besser standen. Männliche Freunde und Bekannte erzählten mir nachdrücklich, dass sie „nur langhaarige Frauen“ attraktiv finden.
Wobei ich eine positive Sache nach meinem Umstyling doch bemerkt habe: Mir wurde auf der Straße viel seltener hinterher gepfiffen. Nichtsdestotrotz war es einfach wirklich nervig, mich ständig für meinen neuen Style rechtfertigen zu müssen.

Doch wie sich herausstellte, waren meine Erfahrungen nur halb so schlimm, wie die Dinge, die manch andere Frau zu hören bekam. Die 25-jährige Eva* arbeitete als Börsenmaklerin, als sie sich entschied ihre Haare, die damals bis zu ihrer Hüfte reichten, in Bob-Länge zu kürzen, um im Job endlich ernst genommen zu werden. Doch das Gegenteil war der Fall: Ihre männlichen Kollegen fingen an anstößige Witze zu machen und fragten sie sogar, ob ihr Freund der neuen Frisur überhaupt zugestimmt hätte. „Ihre Kommentare waren einfach nur sexistisch“, erzählt sie mir. „Sie machten mir klar, dass sie zwar lange Haare bevorzugten, meine Länge aber noch in Ordnung wäre, da man meine Haare noch gut ,packen’ könnte – es war also nicht unmöglich mit mir Sex zu haben.“

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In vielen Ländern sind lange Haare ein Zeichen der Jugend und Fraulichkeit.

Bevor die 26-jährige Jasmine ihr rotbraunes Haar in einen Pixie-Schnitt schneiden ließ, wurde sie von männlichen Freunden gewarnt, dass es das Attraktivste an ihr sei und wenn das wegfallen würde, hätte sie kaum Chancen bei Männern. Nachdem die Haare ab waren, sagten ihr einige, sie sehe aus wie ein „seltsamer Junge“ und fremde Männer auf der Straße bezeichneten sie als Lesbe. Kailing Fu, eine chinesisch-singapurische Theaterkünstlerin, rasierte ihr knielanges Haar ab und musste sich daraufhin unzählige Beleidigungen anhören. Einige verspotteten sie, indem sie ihre Hände zusammenlegten und sich vor ihr verbeugten. Andere fragten, ob sie Krebs habe.
Warum haben Männer gegenüber Frauen mit kurzen Haare eine so starke Abneigung? In vielen Ländern sind lange Haare ein Zeichen der Jugend und Fraulichkeit. Aber das war nicht immer so, wie Dr. Alexander Edmonds, Professor der Sozialanthropologie mir erklär: „Früher war es ganz normal, dass Männer lange Haare hatten und sich schminkten, aber seit der Demokratisierung der Mode im 20. Jahrhundert, wurden die Unterschiede zwischen des männlichen und weiblichen Erscheinungsbilds immer größer.“
Heutzutage dienen Haare als Indikator für die Geschlechtsidentität und es scheint, dass Frauen, die sich gegen lange Haare entscheiden, dieses Identitätsgefühl durcheinander bringen und  zu einer Bedrohung werden. „Frauen, die heute kurze Haare haben, begehen somit ähnliche gesellschaftliche Verstöße, wie die, die kein BH oder Kleider tragen“, meint Dr. Edmonds. „Es wird  als eine Art der Ablehnung kultureller Erwartungen gesehen, denen Frauen nun mal unterwürfig sein sollen.“ Kurzes und rasiertes Haar wird als das Gegenteil von Weiblichkeit dargestellt und war im Westen historisch gesehen den entehrten Frauen vorbehalten. Während des Zweiten Weltkriegs wurden französische Frauen, die im von Deutschland besetzten Frankreich Beziehungen zu Nazis hatten, die Haare rasiert, geteert und gefedert.
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Photo courtesy of Parisa Hashempour.
Das Konzept, dass langes Haar gleichzusetzen ist mit Weiblichkeit, wurde uns schon in der Kindheit eingeprägt. Sogar die wunderschönen Prinzessinnen in unseren Märchenbüchern hatten langes, glänzendes Haar. Erziehungswissenschaftlerin Dr. Victoria Showunmi sagt dazu: „Das allein spricht für die romantisierte Vorstellung, dass Frauen erst durch langes, seidiges Haar echte Frauen sind.“ Ebenso beweisen die kühnen Disney-Prinzen, die Ariel und Aurora heiraten, dass ein heteronormativer Mann relativ kurze Haare hat. Dr. Showunmi deutete auch an, dass sich einige Männer von Frauen mit kürzerem Haar entmannt fühlen können.
Aber Frauen stehen vor einer doppelten Herausforderung. Lange Haare erhöhen deine Chancen bei Männern, aber beruflich bringen sie dich nicht weit. Mary Bock, Professorin an der University of Texas, untersuchte die Präsentation von Rundfunkjournalistinnen in den USA. Sie fand heraus, dass „glattes, kurzes bis mittellanges Haar fast schon obligatorisch ist für Journalistinnen.“ So kam sie zu dem Schluss: „Die Botschaft lautet klipp und klar: So sehen Profis aus.“ Lange Haare sind nicht seriös genug. The Guardian nannte beispielsweise den neuen Bob von Ivanka Trump einen „politischen Bob“ (oder „Pob“) und The Express einen „Power-Bob“. Es schien, dass die Tochter des US-Präsidenten durch das Schneiden ihrer langen, blonden Mähne ein neues Image für sich selbst schuf und eine politische Aussage machte. 
Dr. Edmonds erläutert, dass Frauen, die ihre Haare schneiden, eine Bedrohung für die Männer darstellen könnten, die sich Sorgen um ihre Macht in professionellen Bereichen machen. Vielleicht erklärt das die einseitige Reaktion von Jennas Börsenmakler-Kollegen, nachdem sie sich die Haare geschnitten hat. „Längeres Haar bedeutet Weiblichkeit und assoziiert Passivität und Wohlgefallen“, sagt Dr. Edmonds. Kürzeres Haar hingegen „könnte die Bereitschaft und Fähigkeit signalisieren, mit männlichen Kollegen und Vorgesetzten bei der Arbeit zu konkurrieren“.
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Die Art und Weise, wie sich eine Frau präsentieren soll, ist vor allem für schwarze Frauen ziemlich schwierig umzusetzen

Bei farbigen, insbesondere bei schwarzen Frauen, ist der Druck sogar noch stärker. Um langes, fließendes Prinzessinnenhaar zu bekommen, können teure Extensions und aufwändige chemische Glättungsprozesse erforderlich sein. Die britisch-nigerianische Dolly Ogunrinde glättete ihr Haar seit ihrer Kindheit. Mit 17 Jahren waren ihre Locken dann so kaputt, dass sie Haarausfall bekam. Deshalb beschloss sie, alles abzurasieren und ihre Haare auf natürliche Weise nachwachsen zu lassen – auf die Schikanen, die daraufhin folgten, war sie aber nicht vorbereitet. Zum Beispiel sagte ein Typ auf einer Party zu ihr damals, dass sie „ekelhaft und wie ein Junge“ aussah. Sie wurde verspottet, als sie ihren rasierten Kopf versuchte unter einer Perücke zu verstecken. „Die Art und Weise, wie sich eine Frau präsentieren soll, ist vor allem für schwarze Frauen ziemlich schwierig umzusetzen“, sagt sie mir.
Fazit: Menschen nutzen die Haarlänge, um uns zu kategorisieren und zu definieren, um unsere Sexualität oder unser Geschlecht hervorzuheben. Uns wurde weisgemacht, dass wir, wenn wir uns die Haare abschneiden, unsere Weiblichkeit verlieren. Für mich war das Schneiden meiner Haare aber vor allem eines: Befreiend! Ich brauche nur noch die Hälfte der Zeit, um sie zu trocknen, habe mehr Volumen und mit einem schulterfreien Oberteil sehe ich jetzt einfach super aus – im Moment fühlt sich meine Entscheidung richtig an – egal, was die Männer in meinem Umfeld dazu zu sagen haben.
*Der Name wurde zum Schutz der Person geändert.
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