Wie eine Heilpraktikerin dich unterstützen kann, wenn du die Pille absetzt

Foto: Sophia Giesecke
Nimmst du die Pille? Auf diese Frage antworten die meisten Frauen in ihren Zwanzigern mit einem eindeutigen „Ja“. Verständlich, denn die Pille erleichtert uns viele Dinge. Die Einnahme ist unkompliziert und bringt zudem ein paar sehr angenehme Nebeneffekte mit sich. Doch welchen Hormoncocktail Frauen täglich zu sich nehmen & welche Neben- und Nachwirkungen auftreten können, das wird häufig zu wenig oder gar nicht thematisiert. Wir finden, es fehlt eine angemessene Informationspolitik! Diese Kluft wollen wir schließen und läuten nach ausgiebiger Recherche und Gesprächen mit Expert*innen die Themenwoche „BitterSweet“ rund um die Antibabypille ein, um dich umfassend und differenziert zu informieren.
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Katja Trost ist Heilpraktikerin und spezialisiert auf die ganzheitliche Behandlung hormoneller Störungen. Zu ihr kommen besonders viele Frauen, die sich mit dem Absetzen der Pille und einer möglichst unkomplizierten Umstellung auf ein hormonfreies Leben beschäftigen.
Refinery29: Frau Trost, wie lange dauert es, bis sich der Zyklus nach dem Absetzen der Pille wieder eingependelt hat?
Katja Trost: In der Regel dauert es in etwa drei Monate, um den Zyklus wieder herzustellen, denn der Stoffwechsel leidet unter der Einnahme künstlicher Hormone erheblich. Da kann es nach dem Absetzen der Pille schon mal sein, dass man die Symptome so schnell nicht mehr los wird. Besonders stark werden diese im Übrigen durch den Nuvaring ausgelöst.
Wie kommt es dazu?
Die künstlichen Hormone belasten bestimmte Organe, indem sie sie verlangsamen. Man muss sich das so vorstellen: Unsere Zellen produzieren Energie. Wir schränken diese aber bereits durch verschiedene Faktoren ein – zum Beispiel psychisch durch Stress, durch falsche Ernährung oder Ähnliches. Hinzu kommt dann noch die weitere Belastung durch die Pille und die darin enthaltenen Östrogene. Die Leber selbst baut nur dann Östrogene auf, wenn sie gestaut ist. Ansonsten baut sie diese ab. Die Einnahme der Pille stört dies. War die Leber, wie so oft, davor schon gestaut, verschlechtert sich die Lage.
Was bedeutet das in der Folge für den Körper?
Die Energieproduktion wird beschädigt und der Körper hat nicht genug Kraft, die eigene Regeneration anzustoßen. Sobald die Pille abgesetzt wurde, ist der Körper nicht mehr allein in der Lage, in den Zustand zurückzukommen, den er vor der Pille hatte. Wenn er denn überhaupt gut war, denn viele starten ja schon mit einem Problem in die Pillenphase und denken, sie lösen das durch die Einnahme.
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Von welchen Problemen sprechen Sie?
Migräne. Oder Schwierigkeiten mit der Haut, Akne zum Beispiel. Viele junge Mädchen denken sich: „Mensch, ich hab' hier ein Problem und nehme dagegen einfach die Pille.“ Nur sehen sie nicht, dass dieses Problem gesundheitlicher Natur ist und natürlich unterschwellig weiter besteht. Und nur weil das Symptom weg ist, sprich, die Haut schöner wird, heißt es ja nicht, dass die Ursache behoben ist.
Man kann zum Beispiel diese Hautprobleme über zehn, zwölf Jahre unterdrücken und nach dem Absetzen der Pille sind sie noch genauso da, wie vorher?
Ja, manchmal wird es sogar noch schlimmer. Es kommt nicht von ungefähr, dass mittlerweile auch viele jüngere Frauen beispielsweise Brustkrebs haben. Myome und Zysten – all das hat einen Zusammenhang zur Östrogendominanz, wie man so schön sagt. Durch die Einnahme der Pille wird das Gleichgewicht von Östrogen und Progesteron durcheinandergebracht.
Es gibt ja die These, dass sich der Körper nach dem Absetzen der Pille wieder reguliert und sich nach einigen Monaten einpendelt. Stimmt das?
Das kommt darauf an. Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Wunde am Finger und hauen da immer wieder drauf. Lassen Sie den Hammer weg, wird die Wunde in einigen Fällen heilen, in anderen nicht, wenn Sie zum Beispiel schlechtes Heilfleisch haben. Prinzipiell kann man übrigens davon ausgehen, dass die Grundgesundheit der meisten Menschen nicht sonderlich gut ist. Und jedes Hormonproblem ist eine unspezifische Antwort des Körpers auf Stress. Wirklich jedes.
Was für eine Art Stress meinen Sie?
Stress ist nicht „Oh Gott, ich hab' lange keinen Urlaub gemacht. Ich habe wahnsinnig viel Druck im Job.“ Stress ist vor allem erstmal ein biologischer und biochemischer Vorgang. Die meisten Menschen starten mit einem gehörigen Gesundheitsdispo ins Erwachsenenleben. Ab Anfang 20 haben viele schon ein Problem, das sie erst einmal nicht bemerken, weil der Körper anfängt zu kompensieren. Aber irgendwann bricht das System zusammen, der Körper ist abgewirtschaftet. Und dann kommt bei vielen Frauen die Pille dazu, die die Symptome fortan einfach unterdrückt. Irgendwann wird die Pille abgesetzt und man denkt, der Körper würde sich wieder regulieren. Aber nur das Weglassen reicht oft nicht aus.
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Da muss man dann noch zusätzlich ran.
Genau. Und dann kommen viele Patientinnen zu mir. Ich gucke mir nicht nur die Geschlechtshormone an, denn das wäre in meinen Augen sehr kurzsichtig. Wir haben ja im ganzen Körper Zusammenhänge und das betrifft nicht nur die Geschlechtshormone. Mein Ansatz ist also ein ganzheitlicher. Ich schaue unter anderem danach, was die Schilddrüse macht, die Nebennieren, kann der Körper überhaupt Energie produzieren, ist die Leber frei? Und dann beginne ich, nach Ursachen zu suchen.
Was finden Sie dann?
Viele Ursachen liegen oft tiefer und sind in der Psyche begründet. Dann muss die Patientin anfangen, ihr Leben zu ändern und auf gewisse Dinge zu verzichten. Das ist natürlich erst einmal unbequem und erfordert Disziplin und Selbstreflexion. Vielfach sind es nur einfache Sachen, die man ändern muss.
Es klingt so, als müsste man sehr viel dafür tun, damit der eigene Körper im Gleichgewicht bleibt.
Ich betone immer wieder, welch wichtige Rolle die Ernährung in diesem Fall spielt. Denn viele haben eine merkwürdige Vorstellung von dem, was gesund ist. Das hat nichts mit Vegetarier- oder Veganertum zu tun, ich spreche auch nicht von Fat-free. Die meisten Leute, die ich kenne, sind einfach unterernährt, weil sie zu wenig Eiweiße in sich haben. Nahrungsergänzungen oder andere Behandlungsmethoden, die man unternimmt, um das Postpillensyndrom zu beseitigen, kann man die Toilette runter spülen, wenn man nicht auch gleichzeitig die Ernährung umstellt. Das ist leider so, aber auch logisch: Wenn Sie nicht genug Nährstoffe haben, dann ist der Körper nicht gesund. Heute erwarten Leute leider häufig, vom Toastessen gesund zu bleiben.
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Besteht ein Zusammenhang zwischen Milchprodukten und Hormonungleichgewicht?
Das kann man nicht pauschalisieren, da es davon abhängig ist, woher die Milch kommt. Klar, wenn die Milch mit Hormonen versetzt wurde, dann ist das bestimmt ein Problem. In Milch befinden sich auch Progesterone, die grundsätzlich eher nicht schädlich sind. Aber viele Menschen vertragen Milch einfach nicht. Und alles, was sie nicht vertragen, bereitet ihrem Körper Stress. Was dem Körper Stress bereitet, ist wiederum schlecht für das Hormonsystem. Aber jemand, der grundsätzlich Milch gut verträgt und auf richtig gute Milchqualität achtet, für den ist es eine gute Sache.
Kommen eigentlich auch Männer zu Ihnen?
Ja, aber natürlich viel weniger als Frauen. Männer haben es einfach etwas leichter mit dem Hormonsystem. Dazu sind sie leidensfähiger und mussten nie eine Pille nehmen.
Wie begleiten Sie Frauen, die planen die Pille abzusetzen?
Zuerst schaffe ich mir ein Bild davon, wie gut der Körper genährt ist, wie gut die Energieproduktion funktioniert und so weiter. Wie stehen die Chancen, dass der Körper sich selbst heilen kann? Das evaluiere ich anhand eines Haartests. Darüber kann ich die Hormone, die Schilddrüse und die Nebennieren analysieren und sehen, ob die Person einen schnellen Stoffwechsel oder einen langsamen hat, oder ob der Körper gut Zucker verbrennt. Und dann fange ich an, diese Missstände auszugleichen.
Wie lange dauert die Vorbereitungsphase?
Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich und muss auch von der Frau selbst entschieden werden. Aber in der Regel dauert es zwischen sechs Wochen und drei Monaten. Am Anfang steht immer die Leberentlastung, damit das Organ wieder auf Vordermann kommt. Dies entlastet auch die Östrogene. Dann schaue ich mir an, was vielleicht im Leben der Frau verändert werden muss. Isst sie zum Beispiel als Eiweiß nur Soja, rate ich ihr, anderes Eiweiß zu essen, da Soja östrogenbildend wirkt. Und wenn die jeweilige Patientin nach einigen Wochen mit allem gut klar kommt, lege ich ihr nahe, die Pille abzusetzen.
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Das Absetzen der Pille kann man demnach schon von langer Hand angehen.
Ja, klar. Und sobald die Pille dann weggelassen wird, muss man schauen, was mit den Problemen von früher passiert. Kommen sie wieder, und wenn ja, wie stark? Das kann man in der Regel nach etwa drei Monaten erkennen.
Und wie lange dauert es dann, bis man sich wieder ganz normal fühlt?
Das Wohlbefinden des Körpers nach der Aufnahme der Behandlung ist meist schon nach 6-12 Wochen viel besser. Aber eine vollständige Balance erreicht man oft auch erst nach drei bis vier Jahren. Denn wenn jemand mit Mitte dreißig oder Mitte vierzig zu mir kommt und schon einen ordentlichen gesundheitlichen Minusstand mitbringt, kann es auch schon mal drei bis vier Jahre dauern, bis die Person wieder in der Balance ist und sagt: „Wow, mir geht's wieder richtig gut, mein Schlaf ist ausgeglichen, meine Stimmung hat sich verbessert, ich werde nicht mehr so häufig krank“. Vielfach gibt es aber wie gesagt noch psychische Faktoren, die zusätzlich durch eine*n Therapeut*in behandelt werden sollten.
Solltest du die Pille aktuell nehmen und Beschwerden bemerken, die auf die Einnahme zurückzuführen sind, sprich mit deine*r Gynäkolog*in klar und deutlich darüber oder konsultiere eine*n Heilpraktiker*in für holistische Alternativen.
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