Nippel, Septum, intim oder im Ohr: Der komplette Pflege-Guide zu jedem Piercing

Foto: Natalia Mantini
Die Entscheidung, sich ein neues Piercing stechen zu lassen, sollte genauso gut überlegt sein wie die Anschaffung eines Hundes. Klar macht es Spaß, die schönsten Gassigeh-Routen der Stadt zu googeln, aber da hört die Arbeit noch lange nicht auf. Dasselbe gilt für Piercings – oftmals denkt man nur an die schönen Seiten und lässt keinen Gedanken an die nötige, intensive Pflege zu.
Rund um das Thema Piercingpflege gibt es weit verbreitete Irrglauben, die viele Fragen aufwerfen. Wie lange muss man nach dem Stechen mit dem Schmuckwechsel warten? Wie reinigt man Piercings? Wieso ist mein Nippelpiercing so verkrustet? Um fundierte Antworten auf genau diese Fragen geben zu können, haben wir zwei absolute Piercings-Profis konsultiert. Chef-Piercerin im Studio New York Adorned, Cassi Lopez, und den Piercer der Stars, Brian Keith Thompson aus Los Angeles.
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Piercings richtig pflegen – wie geht das?

Uns ist noch wichtig zu erwähnen, dass das Piercen keine Wissenschaft ist und jede*r andere Empfehlungen in Sachen Pflege und Nachbehandlung gibt. „Spricht man mit 100 Piercer*innen, bekommt man wahrscheinlich 100 unterschiedliche Tipps“, meint Thompson. Wir bei Refinery29 arbeiten seit längerer Zeit mit den beiden zusammen und vertrauen ihnen.
Hast du dich also dazu entschieden, dir ein neues Piercing stechen zu lassen, solltest du dich gründlich über Studios in deiner Nähe informieren, Rezensionen lesen und einen Termin zur Vorbesprechung vereinbaren. Auch über deine gewünschte Piercingsstelle solltest du im Voraus einige Artikel lesen, aber das tust du ja gerade schon. Mache dir beim Recherchieren Notizen zu deinen persönlichen Fragen und stelle sie beim Beratungstermin.
Ist der kurze Schmerz nach dem Stechen erst einmal überstanden, geht es nun an die Pflege deines neuen Piercings und die ist fast genauso wichtig wie die Auswahl der Stelle sowie des Studios und zufällig auch vergleichbar mit dem Gassigehen: zwei Mal täglich ist das Minimum und das über mehrere Monate!
In unserer Slideshow haben wir für alle gängigen Piercingsstellen – wie das Ohrläppchen, den Ohrknorpel, das Septum, den Bauchnabel, die Nippel und Intimpiercings – aufgelistet, wie du sie korrekt pflegst, wie lange die Heilung dauert und was sonst noch so zu beachten ist.
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Das Piercing: Das Ohrläppchen

Heilungszeit: Um die zehn Wochen, besser ist es aber drei Monate lang immer wieder zu checken, ob alles richtig heilt.

Die Nachbehandlung: Lopez rät ihren Kund*innen in der Regel von der Benutzung von Seifen ab und empfiehlt die Stelle stattdessen zwei Mal täglich mit Wasser und Kochsalzlösung zu säubern – besonders in den ersten Tagen. Trotzdem verlässt kein*e Gepiercte*r ihr Studio ohne eine kostenlose Packung Babyseife.

„Benutze morgens und abends eine erbsengroße Menge, massiere sie sanft mit Wasser ein und säubere dein neues Piercing damit gründlich, aber vorsichtig. Dafür musst du deinen Schmuck herausnehmen, solltest ihn aber nicht wie wild hin und her drehen, sondern ihn einfach entfernen und dich auf das Säubern des Stechkanals konzentrieren“, rät die Expertin. „Unnötiges Drehen kann nämlich Irritationen hervorrufen und die Heilung des neuen Ohrläppchen-Piercings verlängern. Also Finger weg vom Schmuck, die Technik ist längst veraltet!“

Dr. Melissa Kanchanapoomi Levin, Gründerin von Entière Dermatology, hat noch eine weitere sichere Methode parat, um frisch gepiercte Stellen sauber zu halten. Man kann auf Wasser und Seife verzichten – jedoch bitte nicht beim Händewaschen vorher – und stattdessen Kochsalzlösung auf einen Q-Tip oder ein Wattepad geben und damit den Schmuck vorsichtig zwei Mal täglich einreiben.

Kann ich Alkohol nutzen, um mein Piercing zu säubern?
Vor ein paar Jahren war es durchaus üblich, medizinischen Alkohol zu verwenden. Doch dieser trocknet die Stelle extrem aus und kann so den Heilungsprozess erschweren und im schlimmsten Fall sogar der Grund für eine Infektion sein – etwas, was es mit allen Mitteln gilt zu vermeiden. Dermatologin Dr. Rachel Nazarian rät, Kochsalzlösung zu verwenden. „Diese wird von allen Hauttypen in der Regel einwandfrei vertragen, irritiert und trocknet die Stelle nicht aus.“

Heilen Ringe oder Stecker schneller?
„Generell gilt es in der ersten Zeit nach dem Stechen so wenig Bewegung, beziehungsweise Irritation, wie möglich im Stechkanal zu verursachen und das geht mit geradem Schmuck besser“, so Lopez. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein Ring mit gewissem Durchmesser und Größe als erstes Schmuckstück völlig ausgeschlossen ist, aber wenn man nach etwa sechs Wochen keine gute Heilung beobachtet, solltest du deine*n Piercer*in aufsuchen und dir eine Alternative einsetzen lassen.

Hier kannst du noch mehr zum Thema Ohrenpiercings nachlesen.
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Das Piercing: Das Knorpelpiercing

Die Heilungszeit: Länger als beim Läppchen, ein Minimum von drei bis fünf Monaten, auch wenn es vorher schon abgeheilt aussehen mag.

Die Nachbehandlung: Behandle dein Knorpelpiercing genauso wie das Piercing am Ohrläppchen und halte dich unbedingt an die vorgegebene Zeitspanne. Viele Kund*innen kommen zur Nachbehandlung einen Monat zu früh in Thompsons Studio, weil sie fürchten, sich eine Infektion eingefangen zu haben. In den meisten Fällen ist die Stelle dann noch gar nicht zu Ende abgeheilt oder aber die Säuberung wurde zu früh eingestellt.

Die Moral von der Geschicht? Behandle dein Piercing wie in der ersten Slide beschrieben: kein Drehen, sondern sanftes Säubern und absolut kein Schmuckwechsel, bis die Stelle komplett abheilen konnte.

Wieso ist der Heilungsprozess beim Knorpel länger als beim Läppchen?
„Das Ohrläppchen ist vaskulär und heilt wegen der besseren Durchblutung besser als das fast gefäßlose Gewebe um den oberen Ohrenknorpel. Je weniger Blut durch die zu piercende Stelle fließt, desto länger und komplizierter verläuft die Wundheilung“, erklärt Lopez. Thompson vergleicht ein frisch gestochenes Knorpelpiercing sogar mit einem neugeborenen Baby, das die Eltern zum ersten Mal aus dem Krankenhaus mit nach Hause nehmen dürfen. „Man muss einfach extra vorsichtig sein!“ – beim Umziehen, Freunde umarmen und beim Telefonieren ganz besonders. Je mehr du mit deinem Piercing in Berührung kommst, desto länger wird es dauern, bis es komplett verheilt ist.

Kann ich meinen Schmuck wechseln, bevor mein Piercing komplett abgeheilt ist?
Nein ist hier die einzig richtige Antwort, meinen auch Thompson und Lopez. Nur im absoluten Notfall, nämlich wenn der Schmuck vom Körper abgestoßen wird (dazu später mehr), muss er ausgetauscht werden – natürlich unter Absprache mit deine*r Expert*in im Studio.

Hier erfährst du alles weitere zu Knorpelpiercings wie Helix oder Tragus.
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Das Piercing: Septum

Die Heilungszeit: Etwa drei Monate.

Die Nachbehandlung: Endlich ein Piercing, das sich nicht anfühlt wie ein Vollzeitjob! Tatsächlich ist das Septum eine der Stellen, die am wenigsten Pflege und Nachbehandlung benötigen. Der Grund dafür ist, dass sich 80 Prozent des Schmucks in der Nasenschleimhaut befindet und die erledigt den Großteil der antibakteriellen Arbeit von selbst.

Wenn du aber deine Nase häufig berührst, solltest du dein Septum-Piercing trotzdem pflegen. Dafür reicht die Säuberung der Haut zwischen dem Ring mit einer milden Seife. Vergiss aber auch nicht die tägliche Anwendung von Kochsalzlösung, um die Heilung zu beschleunigen.

Lese hier noch mehr zum Thema Septum-Piercing.
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Das Piercing: Der Nippel

Die Heilungszeit: Zwischen sechs Monaten und einem Jahr, doch selbst danach können Irritationen auftreten.

Die Nachbehandlung: Lopez gibt ihren Kund*innen den Tipp, ihr Nippelpiercing zwei Mal täglich nur mit Wasser zu säubern – am besten in der Dusche. „Lasse das Wasser für etwa zwei Minuten über dein neues Piercing laufen. So entfernst du jegliche Art von Schmutz oder Lymphflüssigkeit am sanftesten“, so die Pro-Piercerin. „Trockne die Stelle danach statt mit einem Handtuch mit einem Papiertuch ab.“ Dann kann sich nichts am Schmuck verfangen (autsch!). „Finger weg von Alkohol, Seife oder Cremes, nur Kochsalzlösung darf an den Nippel“, fügt sie hinzu.

Ist es normal, dass mein Piercing eine Kruste bildet?
Durchsichtige oder weiße Ablagerungen bedeuten, dass die Stelle heilt und das ist ein gutes Zeichen. Die Kruste selbst besteht aus Lymphflüssigkeit und nicht Eiter, wie viele denken. „Der Körper versucht die Haut um das Piercing und den Stechkanal herum zu erneuern“, erklärt Thompson. „Zuerst bildet sich außen eine schützende Schicht, dann heilt es nach innen weiter.“ Nur bei grüner oder brauner Kruste solltest du unbedingt einen Termin zur weiteren Untersuchung machen, um Infektionen entweder auszuschließen oder um sie korrekt zu behandeln.

Es ist jetzt ein Jahr her und mein Piercing ist immer noch verkrustet. Was bedeutet das?
Krustenbildung ist durchaus normal, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Ist dein Nippelpiercing nach einem Jahr immer noch nicht richtig verheilt, kann das daran liegen, dass es zu häufig durch Berührungen irritiert wurde. Rufe deine*n Piercer*in an und vereinbare einen Kontrolltermin. Zusammen könnt ihr herausfinden, ob ein Schmuckwechsel von Nöten ist, das Piercing eventuell zu tief in der Brustwarze steckt oder der Stecker womöglich zu kurz ist. Solange du keine dunkle Kruste erkennen kannst, hast du wahrscheinlich keine Infektion.

Kann ich mit einem Nippelpiercing trotzdem einen BH tragen?
Auf jeden Fall! Je nachdem wie viel du beim Stechen blutest (manche gar nicht), musst du jedoch in den ersten Tagen zusätzlich einen schützenden Verband tragen. Thompsons Pro-Tipp ist, vorerst auf helle Stoffe zu verzichten, damit deine Unterwäsche nicht von etwaigem Blut oder austretender Lymphflüssigkeit ruiniert wird.

Hier liest du alles weitere, was du über Nippelpiercings wissen musst.
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Das Piercing: Genital

Die Heilungszeit: Ein bis vier Monate, je nach Piercingstelle und deiner persönlichen Anatomie.

Die Nachbehandlung: „Weniger ist bei Intimpiercings mehr!“, sagt Thompson. Hast du vor deinem Piercing regelmäßig einen speziellen Reiniger für deinen Intimbereich benutzt, kannst du dies weiterhin tun – nur bitte keine Experimente nach dem Stechen! Außer milder Seife solltest du nichts an dein Piercing heranlassen, sogar die Kochsalzlösung sollte in diesem Fall im Schrank bleiben. „Verzichte außerdem unbedingt auf Produkte mit Parfüm- oder Duftstoffen, weil diese Irritationen und sogar Infektionen hervorrufen können“, so Thompson weiter. Letztere treten beim Piercen des Intimbereichs aber eher selten auf.

Kann ich mit einem Intimpiercing direkt wieder Sex haben?
Niemand kann dir verbieten Sex zu haben, aber ein wenig Geduld solltest du schon haben, schließlich können andere Körperflüssigkeiten in den Stechkanal geraten.

Alle weiteren Infos zu Intimpiercings findest du hier.
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Das Piercing: Der Bauchnabel

Die Heilungszeit: Zwischen acht Monaten und einem Jahr.

Die Nachbehandlung: Außer dass du die Piercingstelle sauber halten solltest (natürlich wieder mit Kochsalzlösung), ist es ratsam in der ersten Zeit nicht auf dem Bauch zu schlafen. Der Bauch ist ständig in Bewegung, deswegen dauert die Heilung so lange.

Mein Bauchnabelpiercing ist sehr rot und geschwollen. Ist das normal?
Dies kann ein Zeichen dafür sein, dass dein Körper das neue Piercing abstößt. Dein Bauchnabel fühlt sich dann entzündet an und der Schmuck scheint sich selbst aus dem Stechkanal schieben zu wollen. Setze dich dann direkt mit deinem Studio in Verbindung und vereinbare einen Termin zur Kontrolle.

Kann ich meinen Schmuck selbst wechseln?
Ja, aber sowohl Thompson als auch Lopez raten dazu, die komplette Heilungszeit verstreichen zu lassen, bevor du neuen Schmuck einsetzt – schließlich möchtest du dein Bauchnabelpiercing auch lange genießen können und da lohnt es sich, geduldig zu sein.
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