„Ich wische nicht nur Hintern ab“: Eine Pflegerin schreibt über Job-Alltag

Dieser Artikel erschien zuerst bei Huffington Post 
“Es nervt mich total, wenn jemand Pfleger ‘bessere Arschabwischer’ nennt”, schreibt die 24-jährige Krankenschwester Beth Sturgis aus dem englischen Plymouth am Anfang eines langen Facebook-Beitrags. In ihrem Post berichtet sie über ihren Berufsalltag als Pflegerin und wendet sich gegen Vorurteile gegenüber Pflegern. Ihr Beitrag verbreitete sich viral auf Facebook.
Sie schildert die emotionalen Beziehungen zu ihren Patienten: Wie sie einer Alzheimerpatientin ihre Medikamente verabreicht, einen alten, gebrechlichen Mann wäscht und einer Gehbehinderten bei der Bewältigung des Alltags hilft.
Sie sei stolz auf ihren Beruf und kümmere sich gern um Menschen, schrieb sie. “Ja, ich wische vielleicht Ärsche ab, aber es ist nicht das Einzige, was ich tue. Ich bin stolz darauf, Pflegerin zu sein und in dieser Branche zu arbeiten.”
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“Ich sah den Schmerz in ihren Augen”

Hier ihr ganzer Post im Wortlaut:
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“Es nervt mich total, wenn jemand Pfleger ‘bessere Arschabwischer’ nennt und sie so naiv sind zu glauben, dass das alles ist, was wir tun.
Ja, ich wische Ärsche ab. Ja, ich mache Sachen, die nicht jeder machen will. Aber das ist nicht alles, was ich tue.
Heute habe ich einem Mann beim Waschen und Anziehen geholfen, der den Krieg überlebt hat. Das Alter setzt ihm zu. Er kann diese Sachen nicht mehr selbst machen und auch nicht mehr laufen. Sein Körper altert schneller als sein Geist. Trotzdem ist er lebensbejahend und hat immer ein Lächeln auf den Lippen.
Heute habe ich einer Dame geholfen, die letztes Jahr um diese Zeit noch ein ganz normales Leben führte bei alltäglichen Aufgaben. Jetzt leidet sie an einer schrecklichen Krankheit und ist an den Rollstuhl gefesselt. Heute kann sie ihren Alltag nicht mehr selbst bewältigen.
Ich sah den Schmerz in ihren Augen, dieses “Warum ich?”, die Verzweiflung hinter ihren Lächeln und ihre Tapferkeit und Willen, das durchzustehen.
Heute habe ich einer Dame Medikamente verabreicht, die an Alzheimer leidet.
Medikamente, von denen sie nicht einmal weiß, warum sie sie nimmt. Medikamente, von denen sie und ich wissen, dass sie das Unvermeidbare nicht verhindern können. Medikamente, die nicht verhindern können, dass sich eines Tages nicht mehr erinnern wird, wer ihre Familie ist anstatt wie heute nur Sachen verlegt.
Medikamente, die diese schreckliche Krankheit nicht heilen können, weil solche Medikamente noch nicht erfunden worden sind und vielleicht nie gefunden werden.
Heute sah ich die Angst in ihren Augen.
Heute war ich Putzfrau, Köchin, starke Schulter, Aufmuntererin, Baderin, Zofe, Helferin, eben eine Pflegerin: Heute war ich ein Mensch.
Ich verdiene weniger als jemand der im Supermarkt Regale einräumt. Stört mich das? Ja.
Gehe ich jetzt Regale einräumen? Nein.
Weil nichts das Lächeln schlagen kann, das ich jemandem ins Gesicht zaubere. Oder die Befriedigung, eine Kleinigkeit im Leben von jemandem verbessert zu haben. Oder jemandem zu helfen, sein Leben so selbstbestimmt wie möglich zu leben, Sinn zu spüren.
Nein, mein Beruf ist nicht einfach. Es gibt Tage, an denen ich heim komme und wegen der Sachen, die ich erlebe, weine. Sachen, die ich nicht kontrollieren kann. Und Dinge, die ich nicht einfach wegzaubern kann. Und glaubt mir, ich erlebe oft Situationen, wo ich bete, ich könnte das.

Ich habe schwere Tage, aber auch wundervolle Tage. Ich war schon bei Beerdigungen von Menschen, um die ich mich gekümmert habe. Von Menschen, die ich jeden Tag zwei, vielleicht vier Mal gesehen habe. Ich habe geweint, als sie aus dem Leben geschieden sind.
Manchmal trifft es mich so hart als hätte ich jemanden aus meiner eigenen Familie verloren, weil es so schwer ist, keine persönliche Bindung zu jemandem aufzubauen.
Ich mache diesen Job, weil er mich wichtig ist.
Ja, manchmal wische ich Ärsche ab, aber das ist nicht alles, was ich tue. Ich bin stolz darauf, eine Pflegerin zu sein und in dieser Branche zu arbeiten. Bitte überlegt euch in Zukunft genau, ob es wirklich das einzige ist, was Pfleger tun.
Nein, ich rette keine Leben, aber ich bin mir verdammt sicher, dass ich viele Leben leichter mache. An alle Pfleger da draußen: Ich ziehe meinen Hut vor euch.
Vielleicht wird sich niemand an meinen Namen erinnern, aber man wird sich daran erinnern, dass ich viele Leben verbessert habe. Und ich werde mit der Gewissheit sterben, dass ich anderen geholfen habe!
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P.S.: Ich bin überwältigt davon, wie oft mein Post geliket, geteilt und kommentiert wurde. Ich möchte mich bei allen dafür entschuldigen, die ihn geliket oder geteilt haben, dass nicht jedem Einzelnen von euch persönlich antworten konnte.
Danke für eure lieben Kommentare. Und danke nochmal an alle Pfleger für alles, was ihr tut. Ihr macht die Welt zu einem besseren Ort!
Vergesst nicht, dass jeder Einzelne von euch die Welt verbessern kann. Auch die, die in einem Supermarkt arbeiten. Das war nicht böse gemeint, ich wollte nur Gehälter und Branchen vergleichen.
An alle die sich überlegen, in der Pflege zu arbeiten: Ich verspreche, dass ihr es nicht bereuen werdet!
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Viele Facebook-Nutzer erzählen ihre eigenen Erfahrungen in der Kommentarspalte unter Sturgis Beitrag.
Eine Frau schreibt: “Ich sage immer: ’Was könnte denn befriedigender und lohnender sein, als Menschen in Not zu helfen? Es ist einfach ein sehr dankbarer Job. Ermüdend ja, aber es ist es wert. Ich bin selbst Vollzeit-Pflegerin.”
Eine andere Nutzerin erzählt: “Mein Vater war in einem Pflegeheim. Wir haben immer gesagt, dass die Pfleger Engel in Zivil sind. Weiter so mit deiner wundervollen Arbeit!”
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