Mirna Funk Kolumne aus Tel Aviv:„Lebst du?" – Operation Ramadan

Mirna Funk wurde 1981 in Ostberlin geboren und studierte Philosophie sowie Geschichte an der Humboldt-Universität. Sie arbeitet als freie Journalistin und Autorin, unter anderem für „Nido“, „Neon" und das »Zeit Magazin«, und schreibt über Kultur und ihr Leben zwischen Berlin und Tel Aviv. 2015 erschien ihr Debütroman ›Winternähe‹, für den sie mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis 2015 für das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet wurde.

Vor zwei Nächten wachte ich von Feuerwerksgeräuschen und lauter arabischer Musik auf, dann schlief ich wieder ein, weil ich kurz an meiner Tochter roch und dieser Babygeruch eben eine Art Wunderschlafmittel ist. Seit drei Wochen sind wir in Tel Aviv, besser gesagt in Ajami, weil ich von hier aus an meinem neuen Manuskript schreibe. Ajami ist ein Bezirk in Jaffa, so wie Prenzlauer Berg eben einer in Berlin ist. Jaffa wiederum ist eine kleine Stadt, aus der ursprünglich Tel Aviv entstand, weil man vor Jaffa, das ausschließlich eine arabische Bevölkerung hatte, Siedlungen baute. Das passierte alles vor etwa 100 Jahren. Nur damit ihr ein bisschen bescheid wisst. Jaffa ist heute diverse, wie man so schön sagt. In Jaffa koexistieren Araber und Juden. Aber auch Franzosen, Deutsche und Engländer, die hier vor vielen Jahren begonnen haben die alten, sehr heruntergekommenen Häuser aufzukaufen und zu sanieren. Genauso wie die Schwaben es in den Neunzigern im Prenzlauer Berg getan haben. Ajami aber, im Gegensatz zur Altstadt von Jaffa, ist in etwa so gentrifiziert wie Neukölln vor zehn Jahren. Es geht los, ist aber immer noch sehr pur. Authentisch und so.

Wenn man zur Yefet Road spaziert, der Einkaufsstraße von Ajami, dann sieht man mehr Frauen mit Hijab als Frauen ohne. Immer haben diese Frauen ihr Handy zwischen Ohr und Hijab geklemmt und telefonieren laut. Das ist wahnsinnig praktisch Leute, und ein wahrlich guter Grund auch Hijab zu tragen. Möglicherweise aber auch der einzige.

Jedenfalls schlief ich wieder ein, wachte dann aber eine Stunde später auf, diesmal weil mein Telefon die ganze Zeit vibrierte. Ich habe einen leichten Schlaf. Das geht allen Müttern so. Nur Vätern nicht. Die können schlafen, selbst wenn das Baby schreit oder glücklich gluckst. Ich blickte auf mein Display und sah mehrere Nachrichten, in denen Dinge standen wie: „Lebst du?", „Ist alles in Ordnung?" oder „Geht es euch gut?" Dann gluckste meine Tochter und ich drehte mich zu ihr, küsste ihre Wange und nahm unabsichtlich einen großen Atemzug Etta zu mir, und schlief sofort wieder ein. Am nächsten Morgen weckte sie mich, wie sie es immer tat, in dem sie ihren Schnuller lachend gegen meinen Kopf schlug. Nach einer ausgiebigen Runde Morningaction übernahm ihr Vater und ich konnte meine Mails checken und durch meinen Facebook-Feed scrollen. Es dauerte maximal fünf Sekunden bis ich den ersten Artikel sah und begriff, warum ich am Abend zuvor Feuerwerkskörper gehört hatte.

Palästinensische Terroristen hatten in einem beliebten Café in Tel Aviv um 21:30 Uhr wahllos auf die Besucher geschossen. Vier Personen kamen dabei ums Leben, mehrere wurden verletzt.
Nicht nur in Ajami feierte man diese Attacke mit Feuerwerk, sondern auch in der West Bank. Dort gab es außerdem Bonbons für vorbeifahrende Autos. Ein Klassiker übrigens. Immer, wenn es zu solchen Attacken kommt, wird auf palästinensischer Seite groß gefeiert. Unter dem Hashtag „Wir brechen das Fasten, indem wir sie töten" (allerdings auf Arabisch) kann man auf Twitter Tausende unterschiedlicher Jubelrufe auf dieses Ereignis finden.

Kurz nach unserer Ankunft, nach einem tollen Nachmittag am Strand, wo Etta mit ein paar anderen palästinensischen Babys um die Wette krabbelte, sagte ich zu meinem Partner Yaniv, ach lass uns eine kleine Wohnung in Ajami mieten, es ist so schön wie Koexistenz hier funktioniert, ich will das unterstützen. Am Tag nach der Attacke musste ich zur Yefet Road, um Wasser und Brot zu kaufen. Diesmal fühlte ich keine Koexistenz mehr, diesmal hatte ich Angst. Angst, dass man mir und Etta etwas antun könnte, weil ich kein Hijab trug. Etwas, dass unter den Begriff Operation Ramadan fiele, so jedenfalls wird die Attacke genannt, und viele weitere sollen in den nächsten Tagen und Wochen folgen.

Heute Morgen lief ich zum Strand, wo Etta so fröhlich gespielt hatte. Ich setzte mich in den blaugrünen Korbstuhl des Beachrestaurants Cassis, starrte auf die fröhlichen kleinen Mädchen, die in ihren Burkinis im Meer plantschten. Und dann versuchte ich das 20. Kapitel meines Manuskripts zu schreiben, brachte aber kein Wort raus.
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