Offene Beziehungen: Wenn im Wir zu viele Ichs sind

ILLUSTRATION: Huang Shawna
Vielen ist es ein leidiges Thema. In jedem Fall jedoch ein leidenschaftliches. Weil sie es hatten und es nicht funktioniert hat. Weil sie es wollen, aber nicht können. Weil sie es ablehnen und als Spielerei sehen. Weil es nicht in ihr Weltbild passt. Oder aber weil sie es sich wünschen. Testen wollen, aber der Partner möchte nicht. Oder der Mut fehlt. Das Modell der offenen Beziehung jedoch existiert seit jeher – egal wie man dazu steht. Aber geht das überhaupt?

Zwei Menschen, die sich mögen, idealerweise lieben, führen eine Beziehung. Soweit so gut. Dass eine Beziehung zwischen zwei menschlichen Individuen jedoch nicht monogam oder exklusiv sein muss, dürfte mittlerweile jeder gewusst haben. Genau wie Mode, Küchenrichtungen, Haarschnitte oder Urlaubsziele unterliegen gerade alternative Beziehungsmodelle Trends. Im Gegentrend zum Traum unserer Großeltern und dem vieler, die sich aktuell rückbesinnen, nämlich den einen/die eine zu finden, zu heiraten und eine Familie zu gründen, steht aktuell wieder der, besonders locker und individuell zu lieben. Vielleicht polyamor, aber vor allem gern ohne Verpflichtung und mit viel Abwechslung in Gesprächen – aber auch im Bett.

Seit jeher unterliegen genau diese offenen Beziehungsmodelle trotz ihrer Locker- und Offenheit strengen Regeln. Lieben tun die meisten Verfechter nämlich nur einen und das ist ganz klar der Partner. Freigestellt sind sexuelle Beziehung zu Menschen, deren Anziehung so stark ist, das man quasi nicht drum herum kommt, sich mit ihnen keuchend durch die Laken zu wälzen und am Morgen befriedigt aber dennoch mit einem kleinen mulmigen Gefühl im Magen, zerknautscht aus dem Bett zu rollen.

In meinem Freundeskreis gibt es so ein Paar. Nennen wir sie Emily und Max. Emily und Max sind drei Jahre zusammen. Irgendwann haben sie über ihrer beider Wünsche gesprochen. Dass sie jeden Morgen neben dem anderen aufwachen wollen, eine Zukunft teilen. Ein Wir sein. Eins, dass zusammen wohnt und im Freundeskreis fester Bestandteil ist. Das gemeinsam Geschenke für seine Mutter und ihre Schwester aussucht und eins, was zusammen als Gast zu einer Hochzeit geht. Und vielleicht selbst einmal Hochzeit feiert. Aber dass sie mit anderen schlafen wollen. Mit einem Stefan und einer Lisa. Oder auch mal mit einer Marielle. Am Anfang haben sie niemandem davon erzählt, weil sie die Grenzen erst abstecken wollten. Vielleicht auch die Schmerzgrenzen. Am Anfang hat es ein wenig weh getan, wenn Max mit einer Lisa unterwegs war, weiss ich von Emily. Und Max hat sich vorgestellt, ob Emily bei einem Stefan auch so stöhnt und schaut wie bei ihm. Aber über die Jahre haben sie sich eingespielt. Wenn mal etwas passiert, ein Blick zu viel, ein Geruch, der viel mehr verspricht als bare Sympathie und eine Zuneigung, die eine Nacht anhält, schlafen sie mit anderen. Keine Affären, nur One Night Stands. Keine Gefühle die über Anziehung und nächtliche Zuneigung hinaus reichen. Keine Details, keine Eifersucht, aber das vage Wissen, da war was.

Seit einem halben Jahr kriselt es zwischen den Beiden. Sie lieben sich nach wie vor. Sie schlafen miteinander. Sie schlafen mit anderen. Aber es hat sich Misstrauen eingeschlichen. Emily hat jetzt Tinder. Und Tinder ist kein Mann mit dem sie schläft – Tinder ist kein Club, kein zufälliger Blick, keine Nacht. Eine Nacht, die vielleicht einmal im Monat vorkommt – wenn es hoch kommt. Oder auch nur alle drei Monate. Tinder ist das Fließband der One Night Stands. Wenn Emily eine Stunde die Woche an ihrem Smartphone hängt, nach links und rechts wischt, ein „Hej“ hier, ein „Was machst du heute?“ da, hat sie so viele Dates, dass für Max quasi keine Zeit mehr bleibt. Und der zweifelt. Ist aus seinem Modell überbordender Lust eine zerrüttete Beziehung geworden?
Was wenn die erlaubten Seitensprünge gar nicht mehr dem Zufall überlassen werden, sondern gezielt immer wieder nach Dates gesucht wird auf Tinder und Co? Sind das überhaupt noch Beziehungen?

Wenn man Paartherapeuten fragt, was das Wichtigste in einer Beziehung ist, dann hört man meist Vertrauen. Auch oder vielleicht gerade in offenen und polygamen Beziehungen. Den anderen zu teilen, kann zur Zerreißprobe werden. Was aber ist mit dem Vertrauen, wenn der andere gezielt immer wieder nach Ausbrüchen sucht? Wenn aus dem großen Wir ein kleineres wird. Oder im Wir plötzlich zu viele Ichs sind?

„Das ist dann nur noch ein Konstrukt. Man bleibt zusammen oft wegen des sozialen Status, nicht alleine zu sein“, sagt Brigitte Hentschel, Psychotherapeutin aus Berlin, die auch Paare und Familien betreut.
Gerade in Großstädten wie Berlin ist es zurzeit Trend eben nicht monogam zu leben. Man gibt sich betont locker im Umgang mit Sexualität und präsentiert sich als offen gegenüber jeglicher Art von Beziehungsmodell. Doch entstehen Trends wie diese einfach nur, weil es gerade angesagt ist „anders“ zu sein und sich gegen die gesellschaftliche Norm zu stellen, oder weil unsere Gesellschaft gerade wirklich einen Wandel erlebt und offener und toleranter wird? Therapeutin Brigitte Hentschel hat dazu eine eindeutige Meinung. „Über 50 % der Menschen in Berlin sind Single. Das Single-Sein ist hier eine – für viele Alleinstehende traurige – Realität. Sie geben sich ultracool, leiden aber unter Einsamkeit und der Abwesenheit von Innigkeit und Verbundenheit. Viele geben es nicht zu. Alle sind hip, cool, keiner will seine Sehnsucht zeigen. Da kommen die Tinders dieser Welt gerade recht, da bekommt das Partnersuchen einen Warencharakter. Es ist wie Menschen-Shoppen. Tinder wird aus Not gewählt.“ Das sei dahingestellt, doch eins ist sicher: Viele Menschen halten Treue für das Elementarste einer Beziehung. Das jedoch ist ein weitgefächerter Begriff und lässt so viele verschiedene Auslegungsmöglichkeiten zu, wie es Beziehungsmodelle gibt.
Ist Max Emily treu und Emily Max? Das hätten beide seit jeher mit einem deutlichen Ja beantwortet. Jetzt ist sich Max plötzlich unsicher. Ist das noch emotionale Treue zum Partner, wenn der Drang nach Anderen so groß ist, dass gezielt immer wieder nach Abenteuern gesucht wird? Wieso ist das Gras auf der anderen Seite auf einmal so viel grüner als noch vor einem halben Jahr?

Wenn sich Beziehungen verändern, Prioritäten verschieben, Bedürfnisse auftauchen und Zweifel sich breit machen, muss man miteinander reden. „Es muss ein reifes , kluges Paar sein, das aushandeln kann. Langsam Grenzen erweitert und auslotet. Es ist ein Prozess des Lernens“, sagt Paartherapeutin Hentschel. Für eine solche Beziehung, muss man eine gewissen Reife erreicht haben. Das ist klar. Man muss Grenzen ziehen, aber auch miteinander sprechen, muss seine Regeln vielleicht neu definieren und sich im Klaren sein, was das Beste für einen selbst ist. „Es braucht ernsthafte Absprachen, Vertrauen – und es kann dann ganz gut funktionieren, oft jedoch auch nicht, weil einer ausschert.“ Emily ist ausgeschert. Das ein oder andere Mal und es scheint, das ein oder andere Mal zu häufig. Tinder ist ein bisschen zur Sucht geworden. Sie sagt, es sei so einfach. Man wisse gleich wer jemanden attraktiv finde – und da seien oft Männer bei, die viel anziehender seien, als die, an die sich sonst herantraue. Anziehender als Max? Vielleicht, sagt sie verlegen.
In diesem Fall ist Brigitte Hentschel wohl zuzustimmen. Max und Emilys Beziehung scheint ein Konstrukt geworden zu sein. Wer trotzdem mutig sein will in Zeiten von Tinder und Co, dem Partner Freiheiten lassen möchte und sich selbst auszuprobieren, für den hat Hentschel ein paar Tipps. Sie rate nie konkret zu etwas in so einem Fall. Sie frage, sagt die Therapeutin: Wollen Sie es probieren? Würden Sie dabei über ihre Grenzen gehen? Könnte es eine „Selbstverletzung“ sein? Und was könnte für Sie dabei an Schönem entstehen? Machen Sie es um ihn/sie nicht zu verlieren? Und wie hoch ist eigentlich der Preis ? Fragen die man sich stellen sollte.
Zum Pfeiler einer solchen Beziehung gehört mehr als reines Vertrauen. Lebenserfahrung und die Fähigkeit zur Unterscheidung was Wunsch und auf der anderen Seite Fähigkeit ist. Ein Ich ist wichtig. Ein Wir in einer Beziehung aber mindestens genauso. Bei Max und Emily sind plötzlich zu starke Ichs im Wir entstanden. Oder ein zu starkes Ich. Ob das die Grenze überschreitet, entscheiden in letzter Instanz die beiden selbst.
„Es gibt kein Geheimrezept“, sagt Brigitte Hentschel. „Wenn es jemals gut für Beide laufen würde, wäre es ideal. Aber wo gibt es schon ideale Konstellationen? Menschen verändern sich, entwickeln sich oder auch nicht. Verträge müssen immer neu ausgehandelt werden – auch in Beziehungen.“
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