Von PCOS bis Proteinmangel: Wie deine Gesundheit sich auf deine Haare auswirkt

Photo: Meg O'Donnell
Unser Körper hat seine eigene, einzigartige Art, uns zu sagen, wenn etwas nicht stimmt, und die Haare sind eine seiner vielen Kommunikationsmittel. Natürlich ist nicht jedes Symptom, dass seine Haare aufzeigen gleich mit einer Krankheit verbunden: Spliss zeigt dir zum Beispiel nur, dass du dich etwas besser um deine Haare kümmern solltest. Und ein paar abtrünnige Kinnhaare sind kein Grund zur Sorge. Andere Anzeichen könnten aber sehr wohl viel Aufschluss über deine Gesundheit geben.
Es gibt unzählige Erkrankungen, die sich auf dein Haar auswirken können: Hormonstörungen, Nebenwirkungen von Medikamenten und sogar eine schlechte Ernährung oder geistige Gesundheit können das Haarwachstum entweder beeinträchtigen oder anregen. „Da das Haar im Grunde ein nicht-essentielles Gewebe ist, reagiert es unglaublich empfindlich auf den allgemeinen Gesundheitszustand und ist oft der erste Teil von uns, der Symptome von Stoffwechsel-, Ernährungs- oder Hormonstörungen zeigt“, erklärt uns die Trichologin Dr. Anabel Kingsley.
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Hormone sind ein wichtiger Faktor für das Haarwachstum, und selbst das geringste Ungleichgewicht in unserem Hormonsystem kann zu Hirsutismus, also einem übermäßigen Wachstum von dickem Haar bei Frauen, führen. „Übermäßiges Haarwachstum betrifft etwa zehn bis 15 Prozent der Frauen in den meisten Bevölkerungsgruppen“, bestätigt Hautarzt Dr. Kapil Bhargava. Zwar sind die häufigsten Formen von übermäßigem Haarwuchs genetisch bedingt, doch „das polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS) ist die häufigste Ursache für Hirsutismus“.

Mein Mann hat mir tatsächlich gezeigt, wie man sich sicher das Kinn rasiert, wobei es echt lustig ist, weil wir manchmal zusammen in der Wanne stehen und uns gemeinsam rasieren.

PCOS ist eine Hormonstörung, die sich auf die Funktion der Eierstöcke auswirkt. Zu seinen Symptomen gehören Eierstockzysten, unregelmäßigen Perioden, Gewichtszunahme und ein erhöhter Spiegel männlicher Hormone im Körper. Die sogenannten Androgene (dazu gehört auch Testosteron) führen zu übermäßigem, oft sehr dickem und dunklem Haarwuchs, typischerweise im Gesicht, auf der Brust und auf dem Rücken.
Bei Jess wurde PCOS offiziell mit 29 Jahren diagnostiziert, sie musste sich aber schon mit neun Jahren regelmäßig rasieren. Eine ihrer größten Ängste war, dass sie niemals jemanden zum Heiraten finden würde. „Ich dachte mir nur: 'Ich bin haarig und damit hässlich'“, erklärt sie. „Natürlich tat ich alles, um die Haare zu entfernen oder zumindest verbergen zu können, aber da mein Mann und ich schon recht früh zusammen gezogen waren, wurde es schwieriger mein Problem von ihm geheim zu halten. Vor allem die Haare im Gesicht machten mir das Leben schwer – mit dem Rest kam ich ganz gut klar, aber die Stoppeln am Kinn und an den Wangen waren einfach zu viel für mich!“
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Nach Jahren des Wachsens, Rasierens und der Laser-Haarentfernung hat Jess nach eigenen Angaben aufgehört, sich Sorgen um ihr Erscheinungsbild aufgrund ihres PCOS zu machen. „Mein Mann hat mir tatsächlich gezeigt, wie man sich sicher das Kinn rasiert, wobei es echt lustig ist, weil wir manchmal zusammen in der Wanne stehen und uns gemeinsam rasieren. In solchen Momenten wird mir klar, was für ein Glück ich habe und ich bin dankbar, dass ich ihn gefunden habe.“
PCOS ist natürlich nicht die einzige Ursache für übermäßige Körper- und Gesichtsbehaarung. Hormonelle Veränderungen sind zum Beispiel auch ein Auslöser dafür. Vor allem Schwangere oder Frauen in den Wechseljahren sind davon oft betroffen. Laut Dr. Bhargava ist Hirsutismus aber auch eine Nebenwirkung von Medikamenten wie Danazol, einem Mittel, das bei Endometriose eingesetzt wird. „Fettleibigkeit kann auch zu einer erhöhten Androgenproduktion führen. Anorexie oder andere Störungen, die zu Unterernährung führen, können aber auch das Haarwachstum im Körper anregen.“
Da wir jetzt die Ursachen für einen übermäßigen Haarwachstum angeschaut haben, fehlt uns jetzt nur noch das andere Ende des Spektrums: Ursachen für einen Haarausfall. „Haarausfall bei Frauen ist gar nicht so selten, wie viele immer glauben“, meint Dr. Kingsley. „Tatsächlich haben Studien bewiesen, dass eine von drei Frauen auf irgendeine Weise mit dem Thema zu tun hat.“ Und jede Frau mit langen Haaren musste schon einmal den Abfluss von Haaransammlungen befreien, oder? Das ist aber in den meisten Fällen kein Grund zur Sorge. Im Gegenteil: Das gehört zum normalen Zyklus unseres Haarwachstums dazu.

Die Tatsache, dass ich davor weglaufe, bedeutet gleichzeitig, dass ich vor mir selbst weglaufe. Wenn ich eine solide Beziehung zu mir selbst haben will, muss ich auch eine Beziehung zu den Dingen aufbauen, die ich an mir nicht unbedingt mag.

Es gibt so viele mögliche Trigger für Haarausfall, dadurch ist es so schwierig, den genauen Grund dafür sofort zu ermitteln. Dr. Kingsley meint aber, dass der Haarverlust meistens reaktiv ist, sprich: Er wird durch ein inneres Ungleichgewicht ausgelöst. „Die häufigsten Ursachen sind Vitamin- und Mineralstoffmängel. Auch eine Crash-Diät, ein Mangel an Proteinen in der Nahrung, Stress, Schwangerschaft und ein Ungleichgewicht der Schilddrüse können Auslöser sein“, sagt sie.
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„In solchen Fällen kann die Antibabypille helfen und den Haarausfall sogar stoppen“, sagt Dr. Bhargava. Sie wird oft auch bei PCOS verschrieben. Aber trotzdem ist laut dem Experten hier Vorsicht angesagt: „Durch Pillen, in denen mit Progesteron männliche Androgene nachgeahmt werden, kann Haarausfall sogar noch verstärkt werden. Und zur Behandlung von Hirsutismus bringen die dann auch nichts.“
„Mit Krankheiten wie Hirsustismus klarkommen zu müssen, ist für viele Frauen ein regelrechter Kampf mit dem eigenen Bewusstsein“, erklärt die Psychologin Dr. Vivian Diller. „Wenn sie aber verstehen, warum sie sich so schlecht deswegen fühlen, haben sie schon bessere Chancen damit umzugehen. Es ist die Angst davor, die Kontrolle zu verlieren, was die meisten Patientinnen am meisten beschäftigt.“ Etwa Zweidrittel der 1000 Frauen, die an der Studie von We Can Face It, einer Kampagne aus dem Jahr 2010, in der Frauen mit Gesichtsbehaarung unterstützt werden sollen, haben angegeben, dass sie sich durch die Haare „weniger weiblich“ fühlten. Und 30 Prozent leiden deshalb sogar an einer klinischen Depression. Die Studie zeigt auch, dass vor allem Haarausfall einen sehr starken Einfluss auf die Psyche der betroffenen Frauen hat. Wir glauben zwar oft, dass die Tatsache kahl zu werden, nur Männern sorgen macht, aber, wenn Frauen betroffen sind, leiden sie darunter viel stärker als Männer.
„Ich hab eine riesige kahle Stelle direkt vorne auf meinem Kopf“, sagt die preisgekrönte Bloggerin the Slumflower. Ihr Haarausfall entstand durch chemische Mittel und Extensions. „Gerade, wenn man schwarz ist, schämt man sich oft für den Haarverlust. Wir lieben unsere Edges und buschigen Haare, aber ich hab leider keine Edges mehr, die ich schön zur Schau stellen könnte. Also fühl ich mich schnell ausgeschlossen und irgendwie nicht wie ein Teil meiner eigenen Community“, erklärt sie uns.
„Ich habe für mich aber beschlossen, nichts mehr zu verstecken, was ich eigentlich sowieso nicht verbergen kann. Die Tatsache, dass ich davor weglaufe, bedeutet gleichzeitig, dass ich vor mir selbst weglaufe. Wenn ich eine solide Beziehung zu mir selbst haben will, muss ich auch eine Beziehung zu den Dingen aufbauen, die ich an mir nicht unbedingt mag.“
Wenn man bedenkt wie viele Ursachen es für Unregelmäßigkeiten beim Wachstum unserer Haare gibt, sollten wir wirklich anfangen das Tabu um dieses Thema endlich zu brechen. „Uns wurde beigebracht unseren Wert am Aussehen fest zu machen, also kritisieren wir unseren Körper immer wieder“, meint the Slumflower. „Aber wir sind viel mehr als unsere Hülle. Wir sind Energie, wir sind Seelen. Und das ist so viel mehr wert.“

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