Lippen aufspritzen mit 11 – Warum Schönheits-OP-Apps für Kinder krank sind

Princess Plastic Surger
Als ich ein kleines Mädchen war, spielte ich gern im Wald, baute mir aus Pflanzen und Ästen meine Welt, ich tobte auch auf dem Spielplatz, liebte Brettspiele wie „Mensch ärgere dich nicht", nahm Kasetten mit meiner Fantasiesprache auf oder performte mit anderen Kindern Mini-Playbackshow – und ja, ich war auch ein Barbie-Kind, aber ich mochte die Puppen nicht ihrer perfekten Figur wegen, sondern weil sie meine Freundinnen waren. Idealmaße kamen mir nicht in den Kopf, wieso auch? Ein Körper ist wie er ist, dachte ich mir.

Heute denken Kinder anders. In Deutschland fühlen sich ein Drittel der 11-jährigen Mädchen zu dick, wie die aktuelle HBSC-Studie besagt. Und sie sind alle von Bildern und Videos umgeben, in denen es um Schönheit und deren Ansprüche geht. Kein Wunder, dass Schönheits-OP-Apps für Kinder ein Thema sind. Bauchstraffungen und Botox sind plötzlich Teil des Kinderspiels – mit verheerenden Folgen: Viel früher beginnt also der Druck, schön, dünn, eben, glatt und einheitlich zu sein, aus einem unsicheren Kind wird eine unsichere und unglückliche Frau.

In der beliebten App „Princess Plastic Surgery" heißt es in der Beschreibung: „Verpasse die Chance nicht, ein professioneller Schönheitschirurg zu werden. Operiere und mache das wahr, wovon Prinzessinnen träumen. Gesicht, Nase, Augen, Lippen, du kannst jede Schönheits-OP durchführen!" Das Spiel richtet sich an Kinder – das ist doch krank.

„Diese Apps tragen maßgeblich dazu bei, eine selbstliebende Beziehung zu dem eigenen Körper zu ruinieren", sagt die Psychologin Gudrun Wiborg. Sie ist Mutter einer 11-jährigen Tochter und startete die deutsche Petition, um diesen Spiele entgegenzuwirken. Konkret fordert sie Apple, Google und Amazon auf, ihre App-Stores kinderfreundlich zu gestalten und die Spiele aus dem Angebot zu entfernen.
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Den Stein ins Rollen brachte das internationale Netzwerk „Endangered Bodies – Körper in Gefahr“, die zunächst in Amerika die Petition auf Change.com einreichten, die Briefe aus anderen Ländern folgten schnell.

„Als Psychologin und Psychotherapeutin arbeite ich unter anderem mit jüngeren und älteren Frauen. Viele der Frauen leiden unter ernsthaften Problemen mit ihrer Körperwahrnehmung, die zu Essstörungen, Schönheitsoperationen, Depressionen und damit verbunden zu einem selbstschädigenden und reduzierten Leben führen", schreibt Wiborg in der deutschen Forderung. „Selbst viele der Frauen mit weniger schwerwiegenden Körperbildproblemen glauben, ihren Körper verändern zu müssen. Diese Probleme sind die Konsequenz einer Gesellschaft, die sich selbst auf "Top Model, Perfekte Körper, Für-immer-Jung-Bleiben-müssen", sprich auf Schönheit als standardisiertes Konzept reduziert. Als Mutter einer fast 11jährigen Tochter beobachte ich die Manipulation dieser Kinder durch die vielzähligen Schönheits-Apps, die die obsessive defizit-suggerierende Beschäftigung mit dem eigenen Aussehen zum Ziel haben."

Ich möchte, dass meine Tochter und alle Kinder in Freiheit aufwachsen: in Freiheit, sich selbst lieben und akzeptieren zu dürfen in der Diversität und Schönheit, die jedes Kind in sich trägt - innerlich und äußerlich.

Gudrun Wiborg
Über 15.000 Frauen haben ihren Brief hierzulande schon unterschrieben und die Arbeit ihrer internationalen Mitstreiterinnen sorgt ebenfalls für Wirbel. Gut so, denn #SurgeryIsNotAGame muss um die Welt gehen.

Auch wenn ich noch keine Tochter habe, erschreckt es mich, dass Menschen Geld damit verdienen, kleinen Kindern Unsicherheiten einzupflanzen. Auch wenn sich die Zeiten geändert haben und Kids heutzutage lieber am Tablet oder am Handy spielen, statt in den Wald zu gehen, glaube ich wie immer an die goldene Mitte: Wie wärs mit einem Waldspiel auf dem Handy? Ich jedenfalls habe die Petition unterschrieben.
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