Warum ich kein Fan vom Kibbe-Körpertypen-System bin

Foto: Daantje Bons
Wenn dich jemand darum bitten würde, deinen Körpertyp zu beschreiben, was würdest du sagen? Wahrscheinlich würdest du Worte wie „kurvenreich“ oder „schlank“ wählen oder vielleicht deine Figur mit einer Frucht oder einem Gegenstand vergleichen (Apfel, Sanduhr…?). Weniger wahrscheinlich ist es, dass du dich selbst als „theatralische Romantikerin“ (TR) bezeichnen würdest. Es sei denn, du bist ein Fan vom Kibbe-Körpertypensystem.
Dieses unterteilt den weiblichen Körper in 13 verschiedene Körpertypen, die sowohl auf körperlichen Merkmalen als auch auf „Persönlichkeitseigenschaften“ basieren. Dieses Konzept wurde durch David Kibbes Buch Metamorphosis: Discover Your Image Identity And Dazzle As Only You Can, das 1987 erschien, bekannt. In letzter Zeit erfreut es sich in Gruppen auf Reddit, Facebook und in YouTube-Communities immer größerer Beliebtheit. Fans vom Kibbe-Körpertypensystem erzählen, dass es ihnen dabei geholfen hat, sich ihrem Körper bzw. ihrer Statur entsprechend zu kleiden. Seit 2020 nimmt die Popularität des Systems noch weiter zu. Wie die YouTube-Kommentatorin Savana King es ausdrückte: „Kibbe ermutigt dich dazu, deine Besonderheiten zu begrüßen und sie zu betonen, anstatt sie zu kaschieren. Meinen Typen herauszufinden, hat mir eindeutig dabei geholfen, nachhaltiger zu shoppen. Jetzt kann ich nämlich online einkaufen, ohne dass ich mich dazu verleiten lasse, Kleidung zu kaufen, die zwar an dünnen Models schick aussieht, an mir aber lächerlich wirkt.“
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Was kannst du dir unter diesem System also genauer vorstellen?
Die Antwort auf diese Frage ist komplex und mehr als nur ein bisschen verwirrend. Das liegt daran, dass dieses Konzept über das Kategorisieren von Körpern hinausgehen soll. Statt sich auf die Symmetrie zu konzentrieren, legt Kibbe den Schwerpunkt auf „Harmonie“ und das Verständnis deiner natürlichen Linien. Folglich sollen die Variationen innerhalb der jeweiligen Körpertypen die menschliche Vielfalt viel besser widerspiegeln – so weit, so gut.
Um das Konzept zu verstehen, musst du zwei wesentliche Kibbe-Prinzipien verstehen: Yin und Yang, sowie Kontrast und Mischung. Im Zusammenhang mit Körpertypen stehen Yin und Yang für jeweils weibliche und männliche Energie. Das bedeutet nicht, dass ein Körpertyp per se eher männlich oder weiblich aussieht, sondern dass die Linien deines Körpers durch Kurven, runde Kanten und Kreise (Yin) oder durch starke vertikale Linien, scharfe Kanten, längliche Konturen und geometrische Formen (Yang) kategorisiert werden. Marilyn Monroe weist zum Beispiel Yin-Linien auf, während bei Keira Knightley das Gegenteil der Fall ist. Mit dieser binären Aufteilung habe ich aber sehr wohl meine Schwierigkeiten.
Zwischen Kontrast und Mischung zu unterscheiden, ist komplizierter und bezieht sich auf das Verhältnis zwischen Yin und Yang in einem Körper. Wenn du eine Mischung aus ausgeprägten Yin- und Yang-Merkmalen aufweist, zählst du als kontrastreich. Wenn du jedoch eine Mischung von Merkmalen hast, die weder besonders Yin noch besonders Yang sind, giltst du als gemischt. Marion Cotillard zum Beispiel gilt als Frau mit gemischten Zügen, da ihr Körper irgendwo zwischen einer geradlinigen Figur und einer Sanduhr liegt. Mia Farrow hingegen hat kontrastreiche Züge: Während sie einen sehr geraden (oder Yang-) Körper hat, sind andere Züge sehr rund und daher Yin (wie ihre Augen).
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Die Typen lassen sich grob in fünf Kategorien einteilen: dramatisch, natürlich, klassisch, jungenhaft und romantisch. Als Beispiele werden jeweils Tilda Swinton, Jennifer Aniston, Grace Kelly, Audrey Tautou und Drew Barrymore genannt. Die weiteren acht Typen sind Mischformen davon. Anhand der Schlüsselkomponenten, zu denen der Knochenbau, das Körperfleisch und die Gesichtszüge gehören, werden die natürlichen Linien des Körpers entlang des Yin/Yang- und Kontrast/Mischungs-Spektrums definiert, um deinen endgültigen Typ zu bestimmen (hier geht es zum Test, falls du jetzt neugierig geworden bist).
… und mit diesen Schlüsselkomponenten habe ich auch so meine Probleme.
Obwohl das Kibbe-Körpertypensystem alles andere als simpel ist, hat es eine leidenschaftliche (wenn auch relativ kleine) Fangemeinde, die sich von der Detailfreudigkeit des Konzepts und dessen selbsterklärter körperpositiven Botschaft angezogen fühlt. Da der Schwerpunkt auf Linien und der Knochenstruktur liegt, wird jeder Körpertyp unabhängig von seiner Größe verstanden und für das gefeiert, was er ist, und nicht dafür, wie sehr er der vorherrschenden Ästhetik der Zeit entspricht. In Zeiten, in denen ein bestimmter Körpertyp – vor allem auf Instagram – immens fetischisiert wird (schmale Taille, breite Hüften, ein großer Hintern, größere Oberweite), kann es für einige eine Erleichterung sein, ihr Aussehen jenseits des losen Begriffs der „Body Positivity“ zu verstehen.
David Kibbe sah in dieser Art von Theorie eine Möglichkeit, Menschen zu stylen und Unterschiede zu zelebrieren, anstatt eine erstrebenswerte, homogene Vision zu vermitteln, in der alle gleich aussehen. The Concept Wardrobe ist ein Style-Blog, der sich sehr stark für das Kibbe-System einsetzt. Dort steht unter anderem, dass „Kibbe dazu ermutigt, ein echtes Gleichgewicht zu finden, indem eine Person ihren natürlichen Körpertyp begrüßt und betont. Außerdem schlägt Kibbe einen ganzheitlichen Ansatz vor, wenn es um Äußeres geht, anstatt willkürlichen Modetrends zu folgen“.
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Abgesehen von diesem Reiz kommt da auch noch ein psychologischer Aspekt ins Spiel, der darin besteht, Tests zu nutzen, um uns selbst unter die Lupe zu nehmen und uns so genauer kennenzulernen. Ob es sich dabei nun um den Myers-Briggs-Test handelt, mit dem du deinen Persönlichkeitstyp bestimmen kannst, dein Geburtshoroskop oder darum, herauszufinden, welcher Figur in Succession du am ähnlichsten bist (ich bin ein Shiv) – Tests geben uns ein Gefühl dafür, welche Rolle wir in der Welt spielen und helfen uns dabei, uns selbst besser zu verstehen. Das macht Spaß, ist selbstgefällig und fast schon tröstlich. Der Kibbe-Körpertypentest stellt da keine Ausnahme dar und beantwortet außerdem Fragen zu unserem Äußeren – einem Teil von uns, der aus gesellschaftlichen Gründen unsere größte Unsicherheit darstellt.
Für jede Person, die dieses System befürwortet, gibt es aber auch diejenigen, die es in Frage stellen. In ihrem Video „Deep Dive Into The Kibbe Body Types“ weist die YouTuberin Tiffany Ferguson darauf hin, dass bei den Beispielen für die verschiedenen Körpertypen fast keine Frauen of color dabei sind. Damit will ich nicht sagen, dass das Konzept an sich ausgrenzend ist, sondern dass die Gemeinschaft und die Bewegung dahinter nicht so inklusiv sind (zumindest in ihrem Werbematerial), wie sie behaupten – ein weiter Grund, warum ich kein Kibbe-Fan bin.
Darüber hinaus sorgt dieser Test dafür, dass wir uns übermäßig auf unseren Körper, insbesondere auf unser „Fleisch“, konzentrieren. Ob dich dieses Wort nun erschaudern lässt oder nicht, es kann unangenehm sein, sich selbst auf so offene und detaillierte Weise zu analysieren. Das ist vor allem dann der Fall, wenn du eine Vorgeschichte mit Körperdysmorphie, Probleme mit deinem Körperbild oder Essstörungen hast. Für solche Menschen gehört es zum Heilungsprozess, sich von ihrer Fixierung auf ihren eigenen Körper zu befreien. Den Körper durch diesen Test wieder in den Mittelpunkt zu rücken, selbst wenn der Blick darauf nicht wertend ist, kann für manche von uns triggernd sein.
Der Kibbe-Test zielt darauf ab, anderen beizubringen, wie sie sich typgerecht und „schmeichelhaft“ kleiden können. Es gibt eine ganze Seite auf The Concept Wardrobe, auf der beschrieben wird, welche Muster, Kleiderformen, Farben und Stoffstärken du tragen solltest und welche nicht – je nach Typ. Nach Kibbes Einschätzung sollte dein Typ deine gesamte Kleiderwahl bestimmen. Manche mögen Kibbe, weil es sich als nützliche Orientierungshilfe eignet, andere wiederum empfinden dieses Konzept als unnötig einschränkend. Außerdem ist es schwierig, es von der kulturell vorherrschenden Vorstellung zu lösen, dass „schmeichelnde“ Kleidung gleichbedeutend mit „lässt dich schlanker aussehen“ ist, was die Überzeugung mancher Menschen verstärken kann, dass dicke Menschen gewisse Dinge lieber nicht tragen sollten – noch ein Grund, warum ich kein Kibbe-Fan bin.
Handelt es sich bei diesem Test um etwas, das du unbedingt über dich selbst wissen musst? Ich finde, dass das wirklich davon abhängt, was für ein Mensch du bist und was für ein Verhältnis du zu deinem Körper hast. Wenn es dir hilft, mit deiner Figur im Reinen zu sein und dich mit Selbstbewusstsein zu kleiden, ist das eine tolle Sache. Wenn diese Information jedoch zu einer triggernden Form von Selbsteinschränkung werden könnte, solltest du Mitgefühl für dich selbst aufbringen und lieber die Finger davon lassen. Und wenn du dich irgendwo zwischen diesen beiden Polen befindest, kann dieser Test eine gute Möglichkeit sein, eine Stunde totzuschlagen.

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