Ich spendete meine Haare für ein krebskrankes Kind

FOTO: CARINA PARKE
Meine Haare sind mir heilig. Ein kurzer Satz, der im Sprachgebrauch von so einigen Damen verankert ist. Unser natürlicher Haarschmuck macht eben einen großen Teil des Äußeren aus. Kleider machen Leute – und Haare irgendwie auch. Was für viele nur eine oberflächliche Rolle spielt, kann für andere so viel mehr bedeuten. Und jetzt stellt euch mal vor, ihr könntet damit sogar andere Menschen glücklich machen. Nicht mit dem reinen Anblick, sondern mit einer Spende der heiligen Haarpracht.

Sophie Lüttich hatte schon immer lange Haare. Als Kind sogar bis über den Po. Damals ärgerte sie sich, weil sie beim Schwimmen den nassen schweren Haarzopf hinter sich her zog. Kürzer als schulterlang wurden ihre Haare nie. Bis vor einem Jahr, als sie sich dazu entschied, einen 30-Zentimeter-Zopf abzuschneiden. Nicht aus der reinen Laune heraus, sondern für den guten Zweck. Auf dem Kinder-Kanal sah Sophie, Bloggerin und Presse-Referentin, mit ihren drei Kindern eine Dokumentation über ein Mädchen aus Israel, das ihre Haare für ihre krebskranke Freundin spendete. „ Meine Kinder waren schwer beeindruckt. Am Ende sagten sie: ‚Das ist eine total tolle Sache - weil Haare wachsen ja wieder nach. Wehtun tut es auch nicht.‘ Und dann kamen sie schnell zu dem Entschluss: ‚Mama, du bist ja die einzige, die so lange Haare hat. Willst du das nicht machen“, erinnert sich Sophie im Interview mit „Refinery29“ zurück. Und wie sagt man so schön? Schnipp schnapp, Haare ab…

Warum lag dir diese Aktion so am Herzen?
Mir war es wichtig, dass es für einen selbst eine Überwindung ist. Das ist etwas, das kostet kein Geld, das kostet nicht viel Zeit und man gibt etwas weg, wovon man ganz viel hat. Diese Kinder haben nach der Chemotherapie vielleicht den Krebs besiegt, aber die Haare sind weg. So eine Kassenperücke sieht einfach furchtbar aus, juckt auf dem Kopf. Etwas, was halbwegs gut aussehen würde, bewegt sich im vierstelligen Bereich, wie ich das erfahren habe. Ab 2000 Euro aufwärts. Eine gut gemachte Perücke gibt den Kindern ein Stück Normalität zurück. Tatsächlich muss man dafür kein Geld sammeln. Es ist etwas, was man vielleicht sogar sowieso vor hatte - gerade Frauen, die mit dem Gedanken spielen, mal eine Typveränderung zu machen. Man kann mit etwas, was beim Friseur sonst in der Tonne gelandet wäre, so viel Gutes tun.

Wie bist du an die Sache rangegangen?
Ich hätte das natürlich einfach machen und ein Foto davon auf meinem Blog reinstellen können. Aber da kam in mir die Bloggerin und Pressearbeitstante durch. Ich habe mich gefragt, was kann ich darüber hinaus tun. Ich habe meine Haar gemessen und bin auf 30 Zentimeter Zopf gekommen. Also habe ich eine Spendenaktion für ein Kinderhospiz in Berlin gemacht. Für jeden Zentimeter zehn Euro. Über 300 Euro hätte ich mich gefreut. Am Ende waren es fast 1500 Euro und ich bin völlig aus den Latschen gekippt. Danach habe ich mal alles zusammen geschrieben, wo und wie man spenden kann. Meinen Kindern war es zum Beispiel ganz wichtig, dass meine Haare ein Kind bekommt. Da gibt es den Verein „Haarfee“ in Wien (http://www.kinderkrebshilfe.at/ich-suche-hilfe/verein-haarfee). Der Prozess bis hin zur Perücke wird auch online dokumentiert - und da weiß man ganz genau, was mit den Haaren passiert.

Warum hast die Aktion denn so öffentlich gemacht?
Es gab auch ein paar wenige Stimmen, die sich gefragt haben, warum ich da jetzt so ein großes Ding daraus mache. Aber das hat eben etwas mit Reichweite zu tun. Wenn ich die Reichweite dafür nicht nutze, dann wäre ich ja total doof. Vielleicht sind ja Leute dabei, die das lesen und das Projekt auch unterstützen wollen. Es hat nichts mit an die große Glocke hängen zu tun, wenn man über gute Sachen berichtet.

Wie läuft so ein Haarespenden eigentlich ab?
Ich habe meine Haare beim Friseur Tim Kreutzfeld schneiden lassen. Er fand das, was sich vor hatte, so toll, dass er für mich den Laden geschlossen und mir eine Exklusiv-Behandlung gegeben hat. Und er hat es gratis gemacht. Dann habe ich meinen Zopf mit nach Hause genommen und diesen mit meinen Kindern zusammen in einem Umschlag gepackt und nach Wien zum Verein „Haarfee“ geschickt.

Weißt du, welches Kind deine Haare bekommen hat?
Das kann man gar nicht herausfinden. Ein Zopf reicht natürlich nicht für eine Perücke. Die werden gesammelt und dann wird geguckt, dass die natürliche Haarfarbe des Kindes wieder zusammengestellt werden kann. Je nachdem ergeben fünf bis acht Zöpfe eine Perücke.

Hast du dich denn noch fraulich gefühlt, als die Haare ab waren? Schließlich waren deine ja immer lang.
Ich habe mich ganz komisch gefühlt und habe mir ständig in den Nacken gefasst. Ich habe von ganz vielen Seiten das Feedback bekommen, dass ich ganz anders aussehe, es mir aber steht. Das hat mir total geholfen. Meine Kinder haben mir ganz oft auf den Kopf gefasst. Klar, ich fühle mich mit langen Haaren wohler, ich bin einfach nicht der Kurzhaar-Typ. Aber für diese Aktion habe ich es sehr gerne gemacht.

Du hast es also nie bereut?
Nie! Ich weiß jetzt selber, dass ich damit nicht meinen neuen Typ entdeckt habe. Ich freue mich, wenn ich wieder lange Haare habe. Aber ich habe das so gerne getan.

Haben sich ein paar deiner Leser von dir inspirieren lassen?
Ich bekomme auch ein Jahr nach der Aktion noch Kommentare zu meinem Blog-Artikel über das Projekt. Es gab Frauen, die schon 60 Jahre alt waren und gefragt haben, ob sie auch graue Haare einschicken könnten. Andere haben mir eine Mail geschrieben, dass sie durch meinen Artikel bestärkt wurden und auch ihre Haare gespendet haben. Die haben vielleicht auch andere Vereine gespendet. Es ist schön, dass ich wirklich immer noch Feedback dazu bekomme.

Würdest du deine Haare wieder spenden?
Ja, ich würde es wieder machen. Aber ich weiß nicht, ob ich die Haarlänge noch mal schaffe. Aber wenn, dann würde ich es noch mal machen. Mal schauen, wie lange es dauert.

Hier erfahrt ihr mehr Infos zu der Spende-Aktion: http://www.berlinfreckles.de/mutter-sein/mamas-zopf-haare-spenden-fuer-krebskranke-kinder
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