Zu Besuch bei Schiaparelli: Paris & der Zauber der Haute Couture

Kann Mode Kunst sein? Mit dieser Frage im Gepäck besuchte ich Schiaparelli, ein französisches Luxuslabel, das seine Kreationen seit 2017 offiziell als Haute Couture bezeichnen darf.

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„Du kannst sie ruhig berühren“, werde ich ermutigt, als ich mir neugierig eine Abendjacke anschaue, die gut und gerne im oberen fünfstelligen Preissegment liegen dürfte. Während ich so meine Hände inspiziere und feststelle, dass sie definitiv zu schwitzig dafür sind, werde ich nochmals aufgefordert: „Na los! Trau dich!“
Es ist schwer, den Schauer zu beschreiben, der mir über den Rücken läuft, als ich zum ersten Mal ein echtes Haute-Couture-Teil sehe. Es ist elektrisierend. Es kribbelt in meinem Bauch (und in meinen Fingerspitzen), als hätte mich gerade ein Blitz getroffen. Aber ich überwinde mich und fasse das tragbare Kunstwerk an – schließlich will ich nicht umsonst Tausende von Meilen geflogen sein. Sinn dieser Reise ist es, in die Welt der Couture einzutauchen und innerhalb von fünf Tagen so viel wie möglich über sie und das Modehaus Schiaparelli zu lernen. Und das geht nur, wenn ich alles um mich herum mit allen Sinnen wahrnehme.
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Foto: Lucie Hugary
Eine Schneiderin zeigt mir, wie der Toile (der Probestoff) geschnitten und für anschließende Stickereiarbeiten vorbereitet wird (links). Die einzelnen Teile einer Jacke werden genauestens ausgemessen (rechts).
Ich weiß, ich gehöre nicht gerade zur Zielgruppe der Haute Couture: Zwar liebe ich Mode, aber ich bin weder reich, noch ist mein Terminkalender voll mit Events, für die ich mich in Schale werfen muss. Abgesehen davon wird Couture in den USA nicht einmal verkauft. Aber genau deshalb bin ich umso neugieriger und möchte alles über die Roben erfahren, die auf roten Teppichen, Fashion Shows und Konzertbühnen getragen werden. Außerdem frage ich mich, ob es möglich ist, eine Beziehung zu etwas aufbauen zu können, zu dem ich (und statistisch gesehen auch alle anderen Millennials) keinen Zugang habe. Die meisten von uns sind schließlich mit Fast-Fashion großgeworden und kennen nichts anderes. Auf die Idee, das hart verdiente Geld jahrelang zu sparen, um es dann für ein einziges Kleidungsstück auszugeben, kommen deswegen wahrscheinlich nur die wenigsten. Dennoch wird geschätzt, dass Millennials bis 2025 etwa 45 Prozent des Konsums persönlicher Luxusgüter ausmachen werden. Ich frage mich jedoch, ob sie das Handwerk und die Kunstfertigkeit dann auch schätzen können, die in jedem einzelnen Teil steckt. Oder ob sie diese Güter schlicht und einfach als Statussymbol sehen oder sie nur kaufen werden, weil sie es können.
„Die Leute heute haben andere Bedürfnisse und Wünsche als früher“, erklärt der ehemalige Valentino-, Givenchy- und Christian-Lacroix-Mitarbeiter und aktuelle Design Director von Schiaparelli Bertrand Guyon. Bei unserer Unterhaltung in seinem Office im obersten Stock des Gebäudes trägt er ein Uniqlo-Shirt mit einem Micky-Maus-Print. „Sie haben sich verändert – genau wie die Welt, in der sie leben. Sie wollen schnelle Mode, sind aber auch sehr anspruchsvoll was die Qualität angeht.“
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Mit schätzungsweise weniger als 2.000 weiblichen Kundinnen weltweit ist Haute Couture trotz seines Rufs nicht wirklich profitabel. Und das, obwohl die einzelnen Kleidungsstücke mehrere Zehntausend, wenn nicht sogar Hunderttausend Euro kosten und einige Klientinnen komplette Kollektionen kaufen. Trotzdem verdienen manche Labels mit Haute Couture gar kein Geld – oder machen sogar noch Minus.
Foto: Lucie Hugary
Design Director Bertrand Guyon und Mitglieder seines Ateliers beim Abstecken eines Kleidungsstücks am Model.
„Die Regeln der Haute Couture besagen, dass nicht mehr als drei bis sieben Stück pro Design verkauft werden dürfen“, erzählt Schiaparellis quirliger Communications Director Cédric Edon. Als ich ihn nach dem Grund dafür frage, antwortet er schlicht: „Sorry, aber das ist eben die Vorschrift“. Am Ende sind es wahrscheinlich Grundsätze wie diese, die auf der einen Seite für Exklusivität, auf der anderen Seite aber auch für den Untergang einer Brand sorgen können. Um letzteres zu verhindern, sehen sich einige Modehäuser dazu gezwungen, Zwischenwege einzuschlagen. So gab Guyon beispielsweise „Prêt-à-Couture“ eine Chance – einer Mischung aus Ready-to-wear und Couture. Allerdings blieb es erst Mal beim Versuch: „Es war ein Test. Wir wollen keine Prêt-à-porter-Kollektionen während der Fashion Week machen, weil es zu viel Arbeit ist“. Mittlerweile bietet Schiaparelli jedoch auch Ready-to-wear-Kleidung an, aber das nur nebenbei.
Im Nachhinein weiß ich gar nicht genau, warum mich gerade eine Jacke so faszinierte – und nicht eines der Ballkleider, deren Röcke durch keine Tür passen. Aber sie zog mich direkt in ihren Bann und spätestens am zweiten Tag meines Trips war ich dann restlos überzeugt: Mode ist nicht nur eine lebendige, ausdrucksstarke Form der Kunst, sie ist auch genauso bedeutend wie Van Goghs Werke, die ganz in der Nähe des Schiaparelli-Ateliers im Louvre hängen. Genau wie Gemälde sind auch Kleidungsstücke Objekte verblüffender Schönheit und Handwerkskunst. Das allein macht aber natürlich noch nicht den Zauber der Haute Couture aus. Auch die lange Geschichte, die die Modehäuser aufweisen, trägt einen Teil dazu bei. Wer Haute Couture verstehen will, muss also zwangsläufig einen Sprung in die Vergangenheit wagen – und genau das machen wir jetzt.
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Foto: Photo12/UIG/Getty Images
Portrait von Elsa Schiaparelli. 1935.
Zu Lebzeiten war Elsa Schiaparelli die bekannteste Designerin der Welt. Zwischen den Weltkriegen designte sie Kleidungsstücke, mit denen Frauen aus dem Alltag ausbrechen konnten. Ihr Ansatz stand dem anderer Modedesigner*innen – wie Christian Dior oder Jeanne Lanvin – gegenüber, die glaubten, Mode müsse den politischen und sozialen Wandel der damaligen Zeit widerspiegeln. Bevor sie in der Modebranche durchstartete, bereiste die gebürtige Italienerin die Welt, tauchte in die kreative Szene New Yorks ein (Dadaismus und Surrealismus interessierten sie besonders) und zog schließlich nach Paris. Schiaparelli war dafür bekannt „unattraktiv“ zu sein, aber auch dafür, die intimen Details des weiblichen Körpers auf eine Art und Weise zu sehen, wie es ihre Kollegen nie konnten. Außerdem wusste sie, dass auch die damals schon nicht so beliebten Figurentypen (kurvig, birnenförmig und petite) auch in der High-Fashion bedacht werden sollten. Da sie den Normen trotzte, gelang es ihr, in der Ära der Haute Couture in Paris herauszustechen. Und dass die Leute ihre Kreationen kauften, zeigte, sie waren bereit für eine Moderevolution. Wie aktuell ihre Denkweise immer noch ist, sieht man darin, dass ihre neu aufgelegten ikonischen Designs auch heute wieder Frauen ansprechen, die auf der Suche nach farbenfrohen Momenten im grauen Alltag sind.
Foto: Horst P. Horst/Condé Nast/Getty Images
Eine Frau, die einen Hut, eine Jacke und Handschuhe von Schiaparelli trägt. Vogue, September 1935.
Ihren großen Durchbruch verdankt Elsa einem schwarzen Strickpullover mit einer eingestrickten weißen Schleife, den sie bei einem Abendessen trug, zu dem die Pariser Vogue 1927 geladen hatte. Irgendwann designte sie dann nicht nur Pullis, sondern auch Kleider – und zwar die ersten mit einem sichtbaren Reißverschluss. Das hatte es so in der Haute Couture noch nicht gegeben. Außerdem kollaborierte sie mit befreundeten Künstler*innen wie Salvador Dalí, Méret Oppenheim, Elsa Triolet oder Jean-Michel Frank und schuf zusammen mit ihnen außergewöhnliche Kleidungsstücke und Accessoires. Auch die erste Culotte für die Tennisspielerin Lili Alvarez stammt von Elsa Schiaparelli. Obwohl sie Ikonen wie Mae West, Marlene Dietrich und Joan Crawford begeisterte und einkleidete, machte sie sich auch eine berühmte Feindin: Gabrielle ‘Coco’ Chanel. Das ging sogar soweit, dass Chanel Schiaparelli auf einer Party schubste, woraufhin sie in einen Kerzenständer fiel und ihr Kleid Flammen fing (es ging aber alles noch mal gut). Nicht nur privat, sondern auch beruflich setzte sich Chanel schließlich durch. Ihr Label schaffte es, bis heute erfolgreich am Markt zu bestehen – bei Elsa sah das jedoch anders aus. Als sie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Paris zurückkehrte (sie war nach New York geflohen), musste sie feststellen, dass sich die französische Mode stark verändert hatte. Statt sich anzupassen, blieb sie ihrem Stil treu. Das Ergebnis: 1954 meldete sie Konkurs an. Knapp 20 Jahre später (1973) starb sie in Paris und mit ihr verschwand auch das Modelabel von der Bildfläche.
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Nach 52 Jahren Pause, also im Jahr 2006, wagte der Modeunternehmer Diego Della Valle einen großen Schritt: Er erwarb er die Markenrechte an Schiaparelli. Dann kaufte er das ursprüngliche Atelier 21 Place Vendôme zurück und machte Marco Zanini, der schon bei Versace und Dolce & Gabbana gearbeitet hat, zum neuen Chefdesigner der Brand. Das lief allerdings nur mäßig gut, weshalb Zanini das Label nach nur einem Jahr (und zwei teilweise untragbaren Couture-Kollektionen) wieder verließ. Und so wurde schließlich Guyon ins Boot geholt und zum Design Director und Verantwortlichen für die Haute-Couture- und Prêt-à-Couture-Kollektionen ernannt. Um einem der ältesten Couture-Modehäuser neues Leben einzuhauchen und dem Stil trotzdem treu zu bleiben, stöberte Guyon die Archive des Labels durch. Ein Großteil der Schätze befindet sich in der Maison Lesage, einem Stickerei-Atelier in Pantin, außerhalb von Paris.
Haute Couture geht mit einem langen, komplizierten Fertigungsprozess einher – daher auch der Name Haute Couture, also gehobene Schneiderei. Den größten Teil der Arbeit übernehmen die Mitarbeiter*innen bei Lesage – gemäß den Vorgaben des Designers natürlich. So wurde in diesem Atelier beispielsweise Schiaparellis ikonenhaftes Phoebus-Cape gefertigt. Außerdem findet man hier das original Lobster-Dress sowie Regale kunstvoller Stickereien, die Guyon (oder Kund*innen) oft als Inspirationsquelle nutzen. Auch wenn viele Modehäuser ihre professionelle Beziehung mit Lesage nicht verheimlichen – weil es ein Tabu ist, dass so viele Kollektionen unter demselben Dach gefertigt werden –, ist die Einrichtung in Pantin eine Art Museum für einige der elegantesten Modekreationen der Welt. Es gibt über 75.000 Stickereiproben, von denen einige über 100 Jahre alt sind, und das Archiv ist ein wahr gewordener Traum für alle Fashion-Fans: Givenchy, Valentino, Dior, Balmain, Chanel (wegen der Fehde zwischen Elsa und Gabrielle allerdings erst, als Karl Lagerfeld übernahm) – alle haben schon mit dem 1858 gegründeten Lesage-Atelier zusammengearbeitet. Und natürlich auch Schiaparelli.
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Photo: Courtesy of Lesage (L); Photographed by Lucie Hugary (R).
Die Lesage-Schule in Paris, wo Studierende aus aller Welt die Kunst der Stickerei lernen.
Und so läuft der Designprozess in Zusammenarbeit mit dem Lesage-Atelier ab: Guyon bespricht seine Ideen mit der Lesage-Leiterin Murielle Lemoine, woraufhin ein Musterstück gefertigt wird. Das geschieht in drei Schritten. Le piquage: Mithilfe einer Art Tattootechnik wird ein Design auf ein dünnes, wachsartiges Papier gebracht. Le poinçage: Durch das Aufrauen der Oberfläche werden die Punkte sichtbar. Und last, but not least: Die Bestickung der matières – inklusive einer Legende, die beschreibt, welches Material an welcher Stelle eingesetzt wird. Die so entstandene Probe wird dann von Guyon inspiziert und wenn nichts mehr abgeändert werden muss, beginnt die Produktion. Mithilfe der Vorlage kann ein Design so oft gefertigt werden, wie es nötig ist. Das finale Resultat wird anschließend zur 21 Place Vendôme geschickt und auf den Probestoff oder den 3D-Entwurf einer Skizze gebracht.
Was den ganzen Prozess noch beeindruckender macht ist der Fakt, dass jeder einzelne Schritt nicht von Maschinen, sondern von Hand ausgeführt wird. Und all diese Menschen müssen natürlich bezahlt werden – genauso wie die Textilien (die, je nachdem was verwendet wird, sehr selten und kostspielig sein können) und zusätzliche Arbeiten (wie Einfärben oder neue Fertigungstechniken, die ausgelagert und von Expert*innen übernommen werden müssen). Es kann hunderte, wenn nicht sogar tausende Arbeitsstunden dauern, ein einziges Design zu fertigen. Dafür ist das Ergebnis aber auch etwas ganz Besonderes. Sollte das für eine*n Kund*in immer noch nicht exklusiv sein, kann sie oder er (natürlich für einen Aufpreis) erwirken, dass das Kleidungsstück nur ein einziges Mal gefertigt wird. Ganz selten können Looks, die bei einer Fashion Show gezeigt wurden, auch individuell an Kundenwünsche angepasst werden. „Couture ist eine Dienstleistung“, erklärt Edon. „Es geht nicht nur darum, zu verkaufen. Es geht darum, wie du mit den Menschen umgehst und was du ihnen bieten kannst – wie du die ganze Couture-Erfahrung zu ihrem Moment machst.“
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Photographed by Lucie Hugary.
Eine Schneiderin zeichnet Handschuhe an und schneidet sie anschließend aus (links); Verzierungen, die bereit dafür sind, auf eine Jacke übertragen zu werden (rechts).
Im Vergleich zu anderen Modehäusern wie Chanel, Nina Ricci und Cristobal Balenciaga ist es für Schiaparelli besonders schwer, Kund*innen zu finden, die die Kreationen nicht nur bewundern, sondern auch kaufen wollen. „Es ist schwierig, weil wir das Label gerade erst wiederbelebt haben“, sagt Guyon. „60 Jahre lang hat man nichts von uns gehört, während Dior, Givenchy oder Saint Laurent einfach ‚immer‘ da waren.“ Doch das heißt nicht, dass es eine schlechte Idee war, Schiaparelli zurückzuholen. „Wir haben Kundinnen aus Nord- und Südamerika, Europa und dem Nahen Osten. Junge wie ältere Frauen, die arbeiten gehen und einen aktiven Lifestyle haben. Es gibt dieses Klischee, Couture-Käuferinnen seien arabische Prinzessinnen, die nichts anderes tun, als den ganzen Tag im Palast rumzusitzen. Bei ein paar unserer Kundinnen mag das stimmen, aber sie machen nur einen kleinen Teil unserer Kundschaft aus“, erzählt Edon. Bestimmt fragst du dich jetzt, wie es mit Celebritys aussieht. Tatsächlich ist es nicht so, dass Schiaparelli nicht aktiv auf sie zugeht und ihnen Kleider anbietet – es läuft genau andersherum. Von Céline Dion bis Kendall Jenner kommen sie laut Edon alle zu ihnen. Auch wenn wir das nicht beweisen können, ist das natürlich die beste Werbung, die sich ein Label wünschen kann. Mundpropaganda war und ist extrem wichtig – vor allem, weil die Brand so lange von der Bildfläche verschwunden war.
Photographed by Lucie Hugary.
Guyon während eines Fittings 10 Tage vor der Herbst 2018 Fashionshow.
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Guyon lässt sich hauptsächlich von den früheren Werken Schiaparellis inspirieren. Eine Inspirationsquelle und künstlerisches Können allein reichen jedoch auch nicht aus, das Label zum Erfolg zu führen – ohne ein eingespieltes Team läuft praktisch nichts. „Eine der schwierigsten Aufgaben war es, die richtigen Leute für das Atelier zu finden“, erzählt mir Edon. Als ich nach oben gehe, um die anderen Mitarbeiter*innen kennenzulernen, werde ich von einer Hitzewelle erschlagen. In Paris sind gerade 26 Grad, aber hier oben in dem kleinen Atelier, in dem ein Duzend Profis am Werkeln ist, ist es gefühlt doppelt so heiß. Ich werde mit einem Lächeln begrüßt, gesprochen wird allerdings, wenn überhaupt, nur leise.
Die meisten der unterschiedlich alten Mitarbeiter*innen wirken sehr schüchtern. Sie haben verschiedene Backgrounds und kommen aus der ganzen Welt. Um ehrlich zu sein wusste ich nicht genau, was mich erwartet, aber nachdem was ich in Magazinen gelesen oder in Der seidene Faden gesehen hatte, hatte ich mir eher ältere französische Damen vorgestellt, die konzentriert und etwas grimmig über die Weitsichtbrillen blicken und in kompletter Totenstille arbeiten.
Photographed by Lucie Hugary.
Ein Mitarbeiter justiert den Reißverschluss eines Kleides während eines Fittings.
Neben Alain, dem Leiter des Ateliers, begrüßen mich die Französin Sandrine, die Syrerin Hanane, die Kurdin Huyla und Chantal, die von den karibischen Inseln stammt. Ansonsten gibt es noch die 23-jährige Französin Céline und Benjamin, der sich hinter einem riesigen Haufen Tüllrolle versteckt und etwa Mitte 30 sein dürfte. Der 60-jährige Joel ist der Grand-Père des Ateliers. Er hat schon für so gut wie jedes Haute-Couture-Haus gearbeitet. Ich hoffe, ich habe jetzt niemanden vergessen, aber in jedem Fall ist das hier ein wirklich unglaubliches Team an Expert*innen, die ihr Leben der Stickerei und Schneiderei gewidmet haben. Sie alle könnten problemlos auch für ein bekannteres Label arbeiten – und damit höchstwahrscheinlich eine größere finanzielle Sicherheit genießen. Dennoch haben sie sich bewusst dafür entschieden, zu Schiaparelli zu gehen. Sie vertrauen eben Guyons Vision. Und sie schenkten sogar mir ihr Vertrauen, obwohl sie mich kaum kannten. Das schmeichelte mir sehr und ich muss sagen, dass ich sie alle sofort vermisste, als ich das Atelier wieder verlassen musste.
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Es ist keine Überraschung, dass die heterogene Zusammensetzung des Teams auch einen Einfluss auf das Schaffen hat – und damit auch auf Guyons Vision und die Kreationen, die auf dem Laufsteg gezeigt werden. Und das ist prinzipiell natürlich eine gute Sache. Dennoch geriet der Designer für seine von fremden Kulturen inspirierten Kreationen bereits unter Beschuss. Für seine Hommage an Schiaparellis heidnische Kollektion verwendete er Techniken und Muster afrikanischer Kulturen. Als ihn WWD auf die Problematik der kulturellen Aneignung vs. Wertschätzung von Kulturen ansprach, entgegnete er: „Ich halte mich für sehr feinfühlig, was die kulturelle Identität jeder Religion und jedes Landes angeht – und zwar nicht nur in Bezug auf die Orte, die als exotisch angesehen werden, wie Afrika, sondern auch auf kulturelle Identitäten innerhalb eines Landes, wie Frankreich“. Später ergänzte er: „Ich weiß noch, als ein paar Leute über die afrikanisch inspirierten Stickereien sprachen. Das war sehr langweilig für mich. Wirklich langweilig. Ich bin ein Weltbürger. Ich komme aus der Bretagne und wenn jemand die Symbole oder Stickereien aus dieser Gegend für seine oder ihre Kollektion verwenden würde, fände ich das absolut okay. Ich verstehe das Problem nicht. Für mich ist es kein Problem. Es ist mir egal“. Diese Aussage ist definitiv problematisch und ich persönlich kann sie nicht so unterschreiben – trotzdem denke ich, man sollte die Marke Schiaparelli nicht auf dieses eine Thema reduzieren. Abgesehen davon ist der Umgang mit Cultural Appropriation vs. Appreciation ein laufender Prozess – wer weiß, wie sich das Label dahingehend in Zukunft positionieren wird.
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Schiaparelli Herbst 2018 Haute Couture.
Zurück zu eindeutig erfreulicheren Dingen: Ich hatte das große Glück, beim Fitting der Kollektion für den Herbst 2018 dabei zu sein, welche sich mal wieder um Elsas Look drehte. „Startpunkt war ihr persönlicher Stil, ihr Leben. Ich bezog mich also darauf, wie sie sich selbst kleidete und nicht auf ihre Kollektionen. Ich versuchte, Kleider zu kreieren, die einen Moment ihres Lebens widerspiegelten.“ Das erklärt auch, warum all seine Kollektionen mindestens ein Outfit in Shocking Pink enthalten und warum er einst ein Kleid aus Plastiktüten kreierte: „Ich liebe es, mit Materialien zu arbeiten, die zwar nicht gerade edel sind, dafür aber selten. Elsa ging es genauso. Echten Pelz verwende ich allerdings niemals. Ich denke, was das angeht, sind meine Kollektionen doch ein bisschen politisch“. Zwar hat er auch ein paar neue Motive und Details eingeführt (wie Hüte von Stephen Jones), aber er geht dabei mit Bedacht vor. „Es ist immer schwer, die Balance zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart zu finden; zwischen Erbe und Realität. Wenn eine Kreation zu nah an alten Designs ist, taugt sie nichts. Wenn sie zu weit weg davon ist, taugt sie aber auch nicht“. Das Ergebnis dieser Überlegungen sind beispielsweise ein transparentes, mit Blüten übersähtes Maxikleid, das durch einen Blütenhelm von Jones (im Valentino-Style) ergänzt wurde. Bei diesem Outfit hat sich Guyon beispielsweise von einer Schiaparelli-Legende inspirieren lassen: Die junge Elsa soll mit Blumensamen in ihrem Mund, ihren Ohren und ihrer Nase schlafen gegangen sein, weil sie hoffte, am nächsten Morgen bedeckt mit Blüten aufzuwachen – damit sie schön ist, wobei sie allerdings fast erstickte.
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Foto: Lucie Hugary.
Ein Spulenregenbogen ziert das Atelier.
Als ich an meinem letzten Tag des Besuchs das Atelier verlasse, bin ich überwältigt von dem, was ich gelernt und gesehen habe. Gleichzeitig habe ich auch ein bisschen Heimweh und vermisse die Staaten und die New Yorker 1-Dollar-Pizzastücken, die es bei uns an jeder Ecke gibt. Ich beschließe, mir the next best thing zu holen: einen herzhaften Crêpe. Und auf einmal wird mir schlagartig bewusst, dass ich mir noch vor ein paar Minuten 100.000-Dollar-Roben angeschaut habe, selbst aber Streetfood kaufen muss, weil ein Restaurant in der Pariser Innenstadt für mich zu teuer gewesen wäre. Und ich meine, ich verdiene Geld! Es gibt Menschen auf der Welt, die nichts haben. Irgendwie fühlte sich das alles falsch an… Auf der anderen Seite waren die Erfahrungen, die ich im Atelier gemacht habe schon fast spirituell. Für jemanden wie mich, der sich nicht mal den Ärmel einer Couture-Jacke leisten kann, war es unbeschreiblich aufregend und inspirierend, für einen kleinen Moment Teil dieser lächerlich frivolen, dekadenten und zugleich traumhaften Welt zu sein.
Foto: Lucie Hugary
Das Empfangszimmer für Kund*innen in Elsa Schiaparellis ursprünglichem Salon.
Besonders im Vergleich zu Fast Fashion weckt Haute Couture auf eine Art und Weise Emotionen, wie ich es nie geglaubt hätte. Tatsächlich muss ich zugeben, dass ich bei meinem Abschied feuchte Augen bekam – einfach, weil alle im 21 Place Vendôme so viel Freude an ihrem Kunsthandwerk hatten. Ich erinnere mich noch daran, wie jemand vor meiner Reise zu mir gesagt hatte, Mode könne keine Kunst sein: „Am Ende des Tages sind es einfach nur Kleidungsstücke, die getragen werden. Sie mögen vielleicht wertvoll sein, aber keine Kunst“. Doch meine Erfahrungen in Paris haben das Gegenteil bewiesen. Und ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass es immer Menschen geben wird, die es genauso sehen wie ich. Menschen, die glauben, Mode und Kunst beeinflussen sich gegenseitig. Menschen, für die Haute Couture etwas Magisches hat. Und genau deswegen wird diese kleine faszinierende Welt der Künstler*innen, Designer*innen, Kunsthandwerker*innen und Kund*innen auch nie untergehen.
Foto: Lucie Hugary
Guyons Entwürfe und sein Moodboard für die Herbstkollektion 2018.
Am Ende weiß niemand, was die Zukunft für das Haute-Couture-Business bereithält und wie viele Menschen dazu in der Lage und überhaupt bereit sein werden, sehr viel Geld für ein einziges Kleid auszugeben. Doch während immer mehr Billigmarken aus dem Boden schießen und Ready-to-wear immer austauschbarer und nichtssagender wird, wächst gleichzeitig die Sehnsucht nach opulenter, einzigartiger Kleidung. Und das dürfte meiner Meinung nach Grund genug dafür sein, dass auch zukünftige Generationen nach edlen, fantastischen Alternativen zum Mainstream suchen werden.

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