Mode muss inklusiv werden, um überhaupt eine Zukunft zu haben

von Natalie Shukur

Wellenlinie
Wenn wir uns für den Kauf eines Kleidungsstücks entscheiden, sind Aussehen und Originalität lange nicht mehr die einzig ausschlaggebenden Faktoren. Vielmehr interessiert uns die Intention hinter einer Kollektion – und die der Designer*innen. Als Konsument*innen wollen wir zunehmend unsere Werte, Politik und Identitäten nach außen tragen. Genau dieses Konzept – und keine Marketingstrategie oder ein flacher Nebengedanke – zeichnet die Kreationen von Nhu Duong aus, die Mode zunächst an der Accademia Italia in Florenz studiert und ihren Abschluss am Beckmans College of Design in Stockholm gemacht hat. Duong setzt sich mit kultureller Identität und deren Repräsentation auseinander und gerät damit nicht selten an die Grenzen der Mode. Dabei setzt sie auf „Gender Fluidity“, „Body Diversity“ und „Racial Dynamics“ – drei Begriffe, die zu prominenten Buzzwords in Modekreisen mutiert sind.
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Nhus Kreationen lassen sich schwer in eine Schublade stecken; sie vereinen unerwartete, verdrehte Elemente mit modernen Strickwaren und geschickter Maßschneiderei. „Ich spiele mit unterschiedlichen Referenzen, Materialien und Elementen, die man von woanders her kennen mag, oder die nach etwas ganz Anderem aussehen. Das Tragen von Stehkragen, Schlafanzügen oder Kunstpelz-Aufnähern wird etwas Performatives. Mir geht es darum, traditionelle Grenzen von Kulturen, Sexualität, Körperformen und Gesellschaftsschichten zugunsten einer fließenderen Auffassung von Identität zu hinterfragen“, sagt Duong.
Zu ihrer Herbst/Winter Kollektion 2018/19 gehörten beispielsweise sporadisch eingesetzte, von voluminösen Menschenhaar inspirierte, auf links gedrehte Stoffe mit losen Fäden, unkonventionelle Schnitte und Verschlüsse, die an Sicherheitsnadeln und Sitzgurte erinnern. Duong definiert dies als „eine animalische Deutung von Transformation im Sinne von Metamorphosis. Die Kollektion behandelt das Tierwerden; das Mutieren, aber auch Schamgefühl. Behaarung kann an unsere ursprünglichen Instinkte und tierische Vergangenheit erinnern – beides können wir nicht kontrollieren.“
„Meine Kleidungsstücke haben etwas Theatralisches“, sagt Duong, die Mode als Anpassungs- und Abgrenzungsmittel versteht. Sie hat früh gelernt, dass sie sich durch Kleidung ständig neu erfinden und gleichzeitig an ihre Umgebung anpassen kann – ein performativer Aspekt, der Duong bis heute deutlich prägt: „Es geht nicht bloß darum, sich besonders anzuziehen, sondern darum, unterschiedliche Identitäten anzuprobieren und mit Rollen zu spielen.“
Foto: Jenny Peñas für Freunde von Freunden
Dieser Ansatz schließt an ihren facettenreichen Werdegang an: Sie wurde in Vietnam geboren, ist dann in Schweden aufgewachsen und lebt und arbeitet heute in Berlin. „Da ich mit sieben Jahren von Vietnam nach Schweden gezogen bin, sind meine Erfahrungen immer durch die Frage, wie ich am besten in eine Gesellschaft passe oder zwischen verschiedenen Kulturen lebe, geprägt gewesen. Natürlich nimmt man Dinge aus einem kulturellen Kontext und überträgt sie auf etwas anderes. Es geht darum, diese Kontraste, die es in verschiedenen Kulturen sowie in einem selbst gibt, zusammenzubringen.“
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Interdisziplinarität ist ein wichtiger Bestandteil von Duongs Schaffen. Ihre vielfältigen Interessen bringen nicht nur frischen Wind in ihre Arbeit als Designerin, sondern ermöglichen es ihr, sich gleichzeitig kommerziellen und persönlichen Projekten zu widmen. Zu ihrer Kundenarbeit gehört beispielsweise eine Kollaboration mit Absolut Vodka, aus der Absolut Iconic, eine Show mit innovativen Designern geboren ist und während der Stockholmer Modewoche präsentiert wurde. Zu TROI OI, einem interdisziplinären Projekt, hinter welchem sie und die vietnamesische Künstlerin Sung Tieu stehen, gehört die Gruppenausstellung „Diaspora, Ma Homey“, die am 31. Oktober im Space 31 in Berlin eröffnet. Sie bringt Arbeitenvon Künstler*innen, Designer*innen und einem Musiker, die ursprünglich aus Südostasien kommen, zu den Themen Migration und Integration und der Bedeutung von Heimat zusammen. „Mode existiert nicht in einem Vakuum; es ist immer eine Art von Kommentar zu oder Reaktion auf die Kultur, in der wir leben“, sagt Duong. „Im besten Fall kann Mode ein Seismograf für Veränderung sein und dabei helfen, vorhandenen Gesellschaftswandel hervorzuheben.“
Eine längere Version dieses Textes ist zuerst in englischer Sprache auf freundevonfreunden.com erscheinen. Am 31. Oktober öffnet die Ausstellung „Diaspora, Ma Homey” im Berliner Space 31. Mehr Informationen findet ihr hier.
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