Freundschaft im Zwangsurlaub: Wie Corona unser soziales Leben verändert

Photographed by Serena Brown
Montag war ich mit einer Freundin was trinken. Einfach so. Zu Beginn der Arbeitswoche! Erst trank ich, meinen Berechnungen zufolge, eine ganze Flasche Wein, dann plünderte ich zu Hause kurz vor Mitternacht meinen Kühlschrank. Als jemand, der eigentlich mindestens acht Stunden Schlaf braucht (idealerweise neun) und schon immer einen richtig langen Arbeitsweg hatte, hätten sich mir normalerweise schon allein beim Gedanken an den Kater am nächsten Tag die Nackenhaare aufgestellt.
Normalerweise. Denn wenn du gerade entlassen wurdest, verschwindet der Respekt vorm Montagabend. Genauso wie das dringende Bedürfnis und die Notwendigkeit, pünktlich schlafen zu gehen.
Dieses neue Freiheitsgefühl hat natürlich seine Grenzen. Klar kann ich jetzt unter der Woche so lange unterwegs sein, wie ich will. Ich muss mir nur vorher Geld für Getränke bei meinem Freund schnorren. Und den nächsten Tag verbringe ich dann damit, rumzujammern, weil ich so unvernünftig war und Geld ausgeben habe, obwohl ich gerade kein festes Einkommen habe.
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Um ganz ehrlich zu sein, bin ich jetzt schon einige Male mit Freund*innen ausgegangen, in dem Wissen, dass ich gar nicht dort sein sollte. Dass ich mir das bisschen Cash, das noch in meinem Portemonnaie ist, eigentlich für meine Rechnungen aufheben sollte. Das Problem ist, aktuell haben in meinem Freundeskreis alle unterschiedliche Ausgangslagen: Manche sind im Zwangsurlaub, andere arbeiten härter denn je, wieder andere sind plötzlich arbeitslos. Wenn alle völlig unterschiedliche Budgets und Tagesabläufe haben, ist es wirklich schwer, alle unter einen Hut zu bekommen und auf alle Bedürfnisse einzugehen.
Erst jetzt wird mir die Bedeutung von Tagesabläufen und Einkommen in meinem Freundeskreis so richtig bewusst. Eigentlich verdienten und arbeiteten wir ungefähr gleich viel, und obwohl meine Freundschaften natürlich auf mehr beruhen als diesen Oberflächlichkeiten, machten solche Gemeinsamkeiten doch irgendwie alles leichter.

Es ist kein Wunder, dass der Begriff „Social Distancing“ für viele inzwischen auch eine metaphorische Bedeutung angenommen hat.

Doch jetzt ist alles anders. Viele von uns können es sich nicht mehr leisten, schick essen zu gehen – alles was drin ist, ist ein Picknick im Park, beim dem jede*r was mitbringt. Andere arbeiten von früh bis spät im Home Office und müssen mitlesen, wie ihre arbeitslosen Freund*innen in WhatsApp-Gruppen gemeinsame Pläne für den Tag schmieden. Manche kehren langsam aus der Null-Prozent-Kurzarbeit ins Büro zurück, während ihre Freund*innen entlassen werden. Und wer es doch schafft, sich mit anderen zu treffen, muss dann schon wieder verkünden: Nein, immer noch kein Job in Sicht. Es ist kein Wunder, dass der Begriff „Social Distancing“ für viele inzwischen auch eine metaphorische Bedeutung angenommen hat.
Tatsächlich ist der Rückzug aus dem sozialen Leben eine typische Nebenwirkung der Arbeitslosigkeit. Eine US-amerikanische Studie untersuchte diesen Zusammenhang in Bezug auf die Wirtschaftskrise von 2008. Sie zeigte, mehr als ein Drittel der Befragten (35 Prozent) verlor den Kontakt zu engen Freund*innen nach nur drei Monaten Arbeitslosigkeit. Nach sechs Monaten ohne Job waren es sogar 43 Prozent.
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Ob die Corona-Krise für ähnliche Zahlen sorgen wird, wissen wir zwar noch nicht, aber feststeht: Seit Beginn der Pandemie waren allein in Deutschland zeitweise 6,7 Millionen Angestellte in Kurzarbeit und fast 640.000 wurden entlassen. Währenddessen müssen viele derjenigen, die noch einen Job haben, schuften wie nie zuvor – da so viele ihrer Kolleg*innen nicht mehr da sind.
Aber sind Freundschaften nicht gerade in einer solchen Krise besonders wichtig? Ja, erklärt mir die Psychotherapeutin Katerina Georgiou. „Mit den Jahren ziehen immer mehr Menschen immer weiter von zu Hause weg. Wir neigen daher dazu, uns Freund*innen zu suchen, die uns die Unterstützung geben, die wir vorher aus der Familie bekamen.“ Dabei sind vor allem für diejenigen, die in unsicheren Familienverhältnissen aufgewachsen sind, Freundschaften besonders wichtig. „Sie versuchen, familiäre Beziehungen außerhalb der Verwandtschaft aufzubauen. Möglicherweise bringen sie in ihre Freundschaften aber auch einige Traumata mit, was sich auf die Beziehung auswirken kann.“
Sich aus den Beziehungen zurückzuziehen, von denen die eigene psychische Gesundheit abhängt – und das auch noch in einer solchen Krisenzeit –, wirkt erstmal kontraproduktiv. Dennoch tun manche genau das, ob nun absichtlich oder nicht. Nach außen hin kann eine Arbeitslosigkeit die Dynamik der Freundschaft verändern, aber innerlich geht es um viel mehr als nur Finanzen und Tagesabläufe: In Zeiten wie diesen spielt vor allem die mentale Gesundheit eine Rolle.
Vom Kopf her weißt du zwar, deine Entlassung hatte nichts mit deinem Können oder deiner Person zu tun, sondern nur mit den wirtschaftlichen Umständen. Doch das heißt nicht, dass die Situation leicht für dich ist. Es ist vollkommen verständlich, wenn du dich jetzt schämst oder deinen eigenen Wert anzweifelst – auch, wenn es dafür eigentlich keinen Grund gibt. Wenn dich dann auch noch eine Freundin besorgt fragt: „Und was willst du jetzt machen?“, fühlt es sich vermutlich an, als würde sie mit dem Finger direkt in deiner klaffenden Wunde herumstochern. Und das, obwohl sie es sicher nur gut gemeint hat. Ich persönlich hasse diese Frage wirklich, denn ich verfluche mich selbst dafür, mir nie Gedanken über einen Plan B gemacht zu haben, als ich noch einen Job hatte. „Du schaffst das, ich mache mir da gar keine Sorgen“ fühlt sich ebenfalls wie ein Schlag in die Magengrube an, trotz der netten Absicht dahinter. Wenn deine Freundin völlig unbekümmert wirkt, während du selbst in den Klauen der Verzweiflung gefangen bist, zuckst du schon mal zusammen – ganz egal, wie es gemeint war.
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Die 32-jährige Jamila wurde von ihrer PR-Agentur erst freigestellt und kurz darauf entlassen, nachdem ihr Team alle Kund*innen verloren hatte. Sie schätzt sich selbst glücklich darüber, einen tollen Freundeskreis zu haben, der auf ihre News mit Zuspruch reagierte, doch es gab auch den einen oder anderen Ausreißer.
„In einer WhatsApp-Gruppe hatte eine meiner guten Freundinnen meine Nachricht zur Entlassung scheinbar überlesen und fing plötzlich an, über was ganz anderes zu schreiben“, erzählt sie. „Ich erwähnte es nicht nochmal – es fällt mir nicht leicht, darüber zu sprechen. Sie arbeitet in einer Branche, die seit März quasi stillliegt. Ich frage mich, ob sie meine Neuigkeit daher vielleicht einfach nicht sonderlich getroffen hat.“
Da jede*r momentan ein eigenes Pandemie-Päckchen mit sich herumzuschleppen hat, sind teils unsensible Reaktion irgendwie auch nachvollziehbar. Das heißt allerdings nicht, dass wir dagegen völlig immun sind – schließlich hat das eigene Selbstwertgefühl einige Risse. Hat man seinen angeknacksten Stolz einmal heruntergeschluckt, ist das dringendste Problem nach der Entlassung oder während der Kurzarbeit das fehlende Einkommen. Auch das kann sich schnell auf unsere Freundschaften auswirken.

Wenn sich unsere Freund*innen in einer Bar verabreden, antworten wir meistens, wir können uns gerne wann anders sehen. Momentan können wir es uns einfach nicht leisten.

Claire, eine 30-jährige Flugbegleiterin, wurde im März freigestellt und hat keine Ahnung, ob sie am Ende des Ganzen überhaupt noch einen Job haben wird. Sie wohnt mit ihrem Freund zusammen, der schon zu Beginn der Krise entlassen wurde. „Wenn sich unsere Freund*innen in einer Bar verabreden, antworten wir meistens, wir können uns gerne wann anders sehen. Momentan können wir es uns einfach nicht leisten“, erzählt sie. „Manchmal bieten sie uns dann an, für uns zu bezahlen. Das will ich aber nicht, weil ich nicht weiß, wann ich mich dafür revanchieren kann.“
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Doch nicht nur kostspielige Verabredungen können jetzt zum Problem werden, sagt die Psychotherapeutin Katerina. „Der Verlust des Einkommens kann uns auch in völlig neue gesellschaftliche Situationen bringen – zum Beispiel, wenn man jemanden um Geld bittet oder selbst anderen Geld anbietet. Das kann für Unmut sorgen oder Erwartungen aufzeigen, die wir bisher nie hinterfragt haben.“

Vom sicheren Einkommen in den Geldmangel zu rutschen, von der täglichenBeschäftigung in die neue gähnende Leere, kann sich auch auf unsere geistige Gesundheit auswirken. Stress,Ängste und ein geschwächtes Selbstwertgefühl können uns belasten, ohne dass wires sofort mitbekommen.

Ob wir jetzt über Tod oder Entlassung sprechen – es geht dabei immer um Verlust. Wir durchleben also die Phasen der Trauer.

Simon Coombs
Simon Coombs ist Psychotherapeut, Verhaltenscoach, Gründer der Organisation Working Minds und Spezialist für die mentale Unterstützung arbeitsloser Menschen. Er meint, wir sind uns häufig gar nicht über den Zustand unserer psychischen Gesundheit bewusst. Tatsächlich fällt es uns selbst in einer Krise schwer, uns die Ernsthaftigkeit unserer psychischen Lage einzugestehen. „Ob wir jetzt über Tod oder Entlassung sprechen – es geht dabei immer um Verlust. Wir durchleben also die Phasen der Trauer“, sagt er. „Leugnen, Wut, Verhandeln, Akzeptanz. Das ist oft das, was man beobachten kann, wenn jemand stirbt. Aber es ist auch das, was passiert, wenn jemand den Job verliert. Eine Depression kann einsetzen, man fühlt sich unruhig. Das Selbstbewusstsein kann darunter leiden. Oft bemerken die Leute aber nicht, dass es ihnen immer schlechter geht“, warnt er. „Unser Umfeld bekommt dann vielleicht mit, dass wir anders wirken als sonst, während wir es selbst gar nicht sehen.“
Simon fügt hinzu, dass das meistens mit einem Rückzug aus Beziehungen einhergeht. Obwohl eine solche Pause manchmal hilfreich sein kann, um in sich zu gehen, kann sie auch kontraproduktiv sein. Selbst, wenn du lieber bei 36 Grad die ganze Dachgeschosswohnung putzen würdest, als auf die ungelesenen Nachrichten deiner Freund*innen zu antworten, der Rückhalt, den dir deine Lieben geben können, würde dir sicher guttun.
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„Wir müssen uns selbst immer wieder vor Augen halten, worin wir gut sind“, sagt Simon. „Dazu gehört, ein*e gute*r Freund*in zu sein. Denn wer einen Job verliert, hat daraufhin nicht bloß mit Geld- und Selbstwertproblemen zu kämpfen – das wirkt sich auch auf die Sinnfrage aus. Du kannst dich schnell nutz- und haltlos fühlen, als würdest du ohne Anker umhertreiben. Gute, starke Freundschaften sind gerade dann wichtiger denn je.“
Du solltest immer bedenken: Freundschaften sind kompliziert. Je näher du jemandem bist, desto komplexer ist das Netz euer Beziehung – und desto mehr Erwartungen stellt ihr aneinander. Freundschaften sind außerdem zyklisch und durchlaufen Phasen der Nähe und Distanz. Falls du also das Gefühl hast, Verluste eingebüßt zu haben, kannst du dir sicher sein, dass die Brücken hinter dir noch längst nicht abgebrannt sind.
Dementsprechend haben auch viele momentan den Eindruck, ihre Beziehungen seien durch diese verlustreiche Zeit umso enger geworden – vor allem, weil ein Gefühl von Solidarität in der Luft liegt. Meinen Job zu verlieren hat mich definitiv dazu gebracht, eingeschlafene Kontakte wiederzubeleben. Und es hat mir gezeigt, wie bereitwillig meine Freund*innen meine Bedürfnisse anerkennen und sich für sie einsetzen – sogar, wenn ich selbst denke, es gehe mir gut.
Aktuell ist es sicher eine gute Idee, mal eine Pause einzulegen und über vieles nachzudenken. Genauso ist jetzt allerdings auch der ideale Zeitpunkt, die Hilfe deiner Freund*innen anzunehmen und dich von deinem eigenen Wert überzeugen zu lassen – im Privat- und Arbeitsleben.

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