Freitags kommt Frau P. – Liebe braucht keinen Fallschirm

FOTO: Philip Nürnberger
Hier gibt’s jede Woche Highlife in Tüten.

Wer ist Frau P.? Die Berliner Autorin treibt es gern bunt, bekennt immer F­arbe und wird (was sie selbst ärgert) immer noch rot. Sie ist laut, ihr Rostkehlchen-Lachen (lieblich ist anders…) unüberhörbar. Sie hasst Langeweile, Ja-Sager und Männer ohne Eier. Dafür liebt sie Rührei mit Speck.

„Warum?“ frage ich. „Warum?“ Immer wieder ein und dieselbe Frage. Die nun schon seit Tagen durch meinen Kopf geistert. Die ich jetzt mit ihr, meiner Freundin, teile. Um so, ganz vielleicht, eine Antwort zu finden. Oder dieser zumindest irgendwie näher zu kommen. „Ich verstehe es einfach nicht. Nicht einen einzigen Satz. So oft ich mir seinen Abschiedsbrief durchlese. Ich habe einfach keine Antwort darauf.“

„Dinge kommen, Dinge gehen“, sagt sie in einem Sing-Sang. Sitzt auf ihrem „roten Baron“, wie sie ihr Rennrad nennt. Holt ihre iPhone-Ohrstöpsel raus, klemmt mir den rechten ins Ohr, stoppt mein lautes Denken mit einem „Hör mal, genau dein Lied…“ Und ich lausche… Wir beide am Zionskirchplatz in Berlin, nach einem Abend im „Ich koof mir Dave Lombardo wenn ick reich bin“, kurzum „Dave“, unserer Stammkneipe.

Und ich schließe die Augen vor all diesen Fragen,

weil es schwer ist die Zweifel auf den Schultern zu tragen.

Also schließe ich die Augen, um an etwas zu glauben,

das es wert ist zu lieben,

um das Leben zu lieben, hier auf Wolke 7

(„Wolke 7“, Max Herre feat. Philipp Poisel)

Ich habe dieses Lied schon immer geliebt. Aber noch nie so gefühlt wie eben diesen Sommer. Mein Song, eins zu eins. Weil das Leben dazwischen kommt, wenn man gerade ganz andere Pläne macht. Wie John Lennon es schon gesagt hat. So in etwa jedenfalls…

Wir sind die Marionetten unseres eigenen Kopfkinos. Wir glauben, die Strippen in der Hand halten zu können, bis die Realität einschreitet beziehungsweise einschneidet. CUT! Schnipp-Schnapp, Fäden ab! Und dann fallen wir… Das geht oft schneller als man denkt. Ganz unerwartet. Moment: Wir sind doch noch mitten im Vorspann, der Film geht doch gerade erst los! Und ich bin doch der Regisseur! Diese verdammten Bilder, diese verdammten Erwartungen…

Sagt mal ganz ehrlich: Welche Frau von uns kennt das nicht? Egal, wie locker wir uns auf etwas Neues einlassen und uns treiben lassen… wollen… Anfangs sind wir noch Meisterin unserer Sinne. So meinen wir. So täuschen wir oft uns selbst… und andere. Denn sobald sich Gefühle einschalten, läuft eben nicht mehr alles nach Drehbuch. Emotionen sind unberechenbar, Emotionen sind unplanbar. Genau deshalb machen sie ja so vielen Menschen so viel Angst. Weil sie die Kontrolle verlieren können.

Dinge kommen, Dinge gehen

Sinn und Unsinn des Lebens

Kopf in den Wolken, Kopf im Sand

Hoch geflogen und so oft verbrannt

Ich wollte immer die Wolke 7 (statt die ebenfalls besungene Wolke 4). Ich will immer das Ganze, keine halben Sachen. Die Angst, tief zu fallen, reist dabei immer mit. Natürlich, ganz normal. Aber es lohnt sich, den Kopf aus- und das Herz einzuschalten. Sich auf etwas Neues einzulassen. Weil das mutig ist. Weil man den emotionalen Rucksack ablegen muss. Weil der andere doch nichts für deine angesammelten Erfahrungen kann.

Diesen Sommer wollte ich ohne Gepäck reisen. Ganz leicht. Ganz frei. Ich wollte abheben! Mit ihm. High in the Sky. Und noch viel weiter. Am liebsten nonstop. Und er war mein Käpt’n! Ay-ay, Sir! Kommando Lust und Leidenschaft. Drei Monate schwerelos.

Plötzlich war der Höhenrausch vorbei. Ein Blumenstrauß und ein handgeschriebener Brief holten mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Bruchlandung made in Berlin. Dabei wollte er doch planmäßig am Wochenende mit mir abheben. Ich hatte mich gedanklich schon tagsüber für die Air Love 69 am Samstagabend eingecheckt: „Bitte schnallen Sie sich nicht an, bitte ziehen Sie Ihren Sitzgurt nicht fest. Lassen Sie sich fallen. Wir wünschen Ihnen einen himmelhochjauchzenden Flug!“

Und jetzt das Warum? Die schlimmste aller Fragen, wenn es darauf keine Antwort gibt. Außer: „Es wird Zeit, einen neuen Weg einzuschlagen.“ Eine andere Route – mit Sicherheitsvorkehrungen, mehr Freiheit oder einer anderen Flugbegleiterin?

Und ich schließe die Augen

vor all diesen Fragen

Ich bin müde vom Zweifeln

nach all diesen Tagen

Dein Albtraum auf Wolke 7

Flug gecancelled. Pilot up and away. Und ich ohne Rückflugticket in sichere (Gefühls-)Bahnen. Ich falle aus allen Wolken. Kommt Euch das bekannt vor? Wenn er plötzlich sang- und klanglos aus unserem Leben tritt, nicht mehr auf SMS, Whatsapp, Mails oder Anrufe reagiert – oder einfach nur einen Blumenstrauß mit Brief hinterlässt…

Das Herz war doch eben noch im siebten Himmel, wollte (mindestens) einen Sommer lang weiter fliegen. Und bebt jetzt – aus Angst vor dem nächsten Absturz bei dem nächsten Anflug von Leidenschaft. Aber ich rate Euch: Lasst Euch fallen, hebt ab! Liebe braucht keinen Fallschirm, Liebe fühlt sich wie Fliegen an! Also: Habt keine Angst vor dem freien Fall!
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