Freitags kommt Frau P. – Ladies, das war aber gar nicht die feine Art!

Hier gibt’s jede Woche Highlife in Tüten.

Wer ist Frau P.? Die Berliner Autorin treibt es gern bunt, bekennt immer F­arbe und wird (was sie selbst ärgert) immer noch rot. Sie ist laut, ihr Rostkehlchen-Lachen (lieblich ist anders…) unüberhörbar. Sie hasst Langeweile, Ja-Sager und Männer ohne Eier. Dafür liebt sie Rührei mit Speck.

Ich sitze im Vorhof zur Hölle: beim Ladies Lunch. „Allein diese Bezeichnung schon“, hatte meine Freundin vorher lachend am Telefon bemerkt. Und dann die „Ladies“. Kinners, nee… das ist echt ein Schnack für sich, wie man bei uns im hohen Norden so schön sagt. Gut, mein Job verlangt es, dass ich mich in alles (oder zumindest vieles) reinfühle und reinfinde. Also bin ich ja generell allem (oder zumindest vielem) gegenüber sehr aufgeschlossen.

Die Ladies, anders als der Name vermuten lässt, aber ganz offensichtlich nicht. Da ich die einzige nicht verheiratete Frau – ähm, sorry, Lady –, und dazu auch noch kinderlos und Single bin… macht mich das verhaltensauffällig, klar – zumindest aus der Sicht der Damen hier an der spießig eingedeckten Tafel.

Dieser Mix an diesem Mittag besteht zunehmend aus weißen Blusen, so steif wie die gestärkten Tischdecken. Der Schmuck schwerer als das polierte Silberbesteck. Darunter eine Auf-Teufel-komm-raus-Möchtegern-Prominente der Kategorie Z, selbsternannte Fashionista. „Ich werde neuerdings von meinen Freundinnen Schneckchen genannt“, ruft sie mit stolz geschwellter Brust in die Runde. Pause, 21, 22, 23… Endlich das von ihr erwartete „Warum denn?“ von ihrer höflichen Tischnachbarin mit den Perlenohrringen. So erfahren wir, dass sich die Berlinerin gerade im Selbstversuch Schnecken ihrer „Ach so bekannten“-Schauspielfreundin übers Gesicht hat kriechen lassen. „Der neueste Schrei aus Asien, der Schleim glättet jede Falte. Aber manchmal machen sie dir dabei auch ihr Geschäft ins Gesicht, hihihi…“

Hat sie das wirklich gesagt?

Ich kann nicht mehr. Ich muss so laut lachen, weil ich denke, wir seien in einem Comedy-Programm. Aber kein anderer lacht. Die Ladies blicken mich an, als sei mit mir etwas nicht in Ordnung. Wo ist der Kellner? Kann mir jemand ganz schnell ein Glas Grauburgunder einschenken? Bitte im Affenzahn statt Schneckentempo.

Und dann rutscht eine der Ladies, die Gastgeberin, beinahe auf ihrer verbal gelegten Schleimspur aus. „Ilka müsst ihr mal fragen, die hat ja ein soo spannendes Leben. Darüber schreibt sie in ihrer Kolumne. Gerade war sie bei den Rolling Stones in der Wüste… Wo war das noch mal? Ilka, erzähl doch mal!“ Na, sowas liebe ich ja. Dieses „Erzähl doch mal.“ Ich hätte mich auch im Narrenkostüm mit Schellen tanzend auf den Tisch stellen können.

„Ach ja?!“, zischt es scharf von rechts. Die Zunge scheint jedenfalls deutlich beweglicher als die Stirn. Ups, das war aber gar nicht ladylike (von mir).

Die Garstige: „Wer ist dein Role Model?“
Ich: „Ich habe kein Vorbild!“
Die Garstige: „Was ist deine Message?“
Ich: „Ich drücke niemandem etwas auf, ich will mit meinen Stories einfach nur unterhalten.“
Die Garstige: „Wer ist deine Lieblingsband?“
Ich: „Die Red Hot Chili Peppers.“
Die Garstige: „Kenne ich nicht. Sonst kenne ich aber alle.“

Ich würde sagen: Et läuft… Um das Gespräch am Tisch wirklich wieder ins Laufen zu bringen, lenke ich ab – Reisen gehen immer als Thema. Jeder ist schon mal irgendwie gereist, jeder liebt nahe oder ferne Länder, jeder teilt gern seine Erlebnisse mit. Aber die schlaue Lady neben mir lässt sich nicht abwimmeln, jetzt geht es ans Eingemachte.

Die Garstige: „Hast du Kinder?“
Ich: „Nein.“
(Abwertender Blick)
Ich: „Ich bin eine sehr stolze Tante.“
Die Garstige: „Bist Du verheiratet?“
Ich: „Nein, ich glaube nicht an die Ehe.“

FREEZE. Es ist wie in einem dieser Filme, in dem plötzlich alles stillsteht, weil alle unter Schock stehen – und in der nächsten Hundertstelsekunde den Gästen alles aus dem Gesicht fällt – selbst die Schnecken von der Stirn, selbst die Salatblätter aus dem Mund. Und den Kellnern scheppert das edle Villeroy&Boch-Geschirr auf den frisch polierten Terrakotta-Boden.

Die Garstige: „Hast Du denn wenigstens eine Beziehung?“
Ich: „Nein.“
Die Garstige: „Warum nicht?“

Ihre Fragen schießen wie die Kugeln aus einer Kalaschnikow. Na gut, dann zünde ich sonst sehr friedliches Ding eben die nächste Bombe. Ich habe nichts zu verlieren, diese Frau (nicht Lady) wird mein Sein, mein Lebensgefühl sowieso nie im Leben verstehen. Also haue ich es Knall auf Fall raus, nur um das Gesicht von Frau Garstig zu sehen:

Ich: „Ich liebe die freie Liebe.“
Die Garstige: „Da würde ich aufpassen, das kann zur Sucht werden.“

Hat sie das wirklich gesagt?

Wenn das ein Ladies Lunch sein soll, dann frage ich mich, wo denn hier die Ladies sind? Also die, die eine von ihnen – also eine andere Frau – nicht vorführen, nicht die Grenzen überschreiten und sich mal eher in Zurückhaltung üben. Wir sollten doch alle zusammenhalten, warum dann dieser Angriff?

Bis zum Abend habe ich meine Mittagsstunde anscheinend immer noch nicht verdaut. Weder die Schnecken noch das unangenehme Verhör. Also gebe ich mein Erlebnis zum Besten. Bei einem Freund vom Fernsehen in dessen Loft in Kreuzberg. In wunderbar entspannter und gemütlicher Wein-Wodka-Tonic-Runde mit dem weltbesten Bœuf bourguignon. Die Hälfte der Runde kennt sich auch nicht, aber anders als am Mittag gibt es hier keine Verbalattacken, schon gar nicht unter den Frauen.

Die eine (Single-Frau): „Ha, das kenne ich. Ich wurde kürzlich von meiner Freundin, kaum hatte sie geheiratet und ihr Kind bekommen, verurteilt. Für mein Partyleben! Obwohl ich es war, die sie immer nachts betrunken vom ,King Size’ nach Hause getragen hat. Und dann setze sie noch einen drauf, als sie mir ernsthaft sagte: ‚Du kannst mich künftig gern in Charlottenburg besuchen, aber in Mitte kann ich nicht mehr für dich da sein!’“

Hat sie das wirklich gesagt?

Die andere (mit ihrem Mann im Arm): „Relax, Darling, warte ab… Der Pfad der Ungefickten leads her back to Mitte, very soon.“
Schallendes Gelächter. Nicht ladylike, das wussten wir alle. Das machte den kleinen, aber feinen Unterschied.
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