Deutsche Sprache, diskriminierende Sprache?

Wir sagen, dass wir zum „Arzt“ gehen, wir laden unsere „Freunde“ ein und sprechen über unsere „Chefs“. Wenn wir ausdrücken wollen, dass es um noch mehr Geschlechteridentitäten als Frau und Mann geht, nutzen wir meist das englische Wort „queer“. Wie kann es sein, dass unsere Sprache im 21. Jahrhundert immer noch männlich geprägt ist und sich kaum Alternativen durchsetzen, die alle Menschen ansprechen? Übrigens ja auch in den Medien. Kaum jemand schreibt: Liebe LeserInnen.

„Sprache ist Macht und wird in Deutschland als hohes Kulturgut angesehen. So wird besonders auf dem Althergebrachten und Bekannten beharrt“, sagt Lann Hornscheidt (50). „Das zeigt aber auch, dass sexistisch geprägte Strukturen noch wirken. Wenn wir also von Professoren sprechen, haben wir dabei auch immer noch ein männliches Bild im Kopf und sind nicht neutral." Hornscheidt hat eine Professur für Gender Studies und Sprachanalyse an der Humboldt-Universität Berlin und empfahl, eine neutrale X-Form zu wählen. Also, hieße es Professx" (gesprochen: Professiks), losgelöst von der Vorstellung von zwei exklusiven Geschlechtern.

Für diesen Vorstoß wurde Hornscheidt verhöhnt, sogar per Hass-Mails mit Morddrohungen belästigt. „Das alles zeigt, was für eine große Rolle die Sprache spielt", sagt Hornscheidt. Das sei auch derzeit bei der Einwanderungsdebatte spürbar: „In Deutschland wird wie in kaum einem anderen Land darauf geachtet, dass mensch aktzentfrei spricht." Dazu kommt, dass die deutsche Sprache allgemein sehr kompliziert beim Genus ist. Das stellt jede Person fest, die Deutsch lernt. Wieso heißt es „der Stuhl", aber „das Möbelstück"? MuttersprachlerInnen wissen dies instinktiv, Neulinge müssen das einfach lernen.
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Sexistisch geprägte Strukturen wirken noch immer in der deutschen Sprache

Lann Hornscheidt


Mit Absicht will Hornscheidt keine neuen Regeln aufstellen, sondern alle dazu motivieren, selber nachzudenken und mindestens Worte zu wählen, die respektvoll und nicht diskriminierend sind. „Leute sollten Lust bekommen, kreativ und bewusst mit Sprache umzugehen. So können wir gesellschaftlich wirken", so Hornscheidt. Dies sollte schon in der Schule und im Kindergarten mehr vermittelt werden. Bei Berufsbezeichnungen oder Ansprachen müsste es eher um die Funktion oder Rolle gehen – ohne Geschlechter zu benennen.

Aber bei der Herausforderung, zwischen Mann und Frau zu unterscheiden, hört es nicht auf. So ist das Binnen-I (also: FreundInnen), das in den 80er-Jahren aufkam, schon auf der Strecke veraltet. Denn es schließt die Menschen aus, die ihr Geschlecht jenseits von Zweigeschlechtlichkeit definieren, u.a. Homosexuelle, Transsexuelle. Was ist seitdem Neues passiert? Nicht viel! Die Argumente gegen eine Etablierung von neuen Sprachformen im Mainstream seien immer noch dieselben, so Hornscheidt: Zu unverständlich, nicht ökonomisch. Es heißt ewig: Jede Person wisse schließlich, dass alle gemeint sind, wenn da „Lehrer“ steht. Heißt es das wirklich? Ist das Bequemlichkeit oder die Angst vor der Auseinandersetzung mit den diskriminierenden Tendenzen in der Gesellschaft?
ILLUSTRATION: ANNA SUDIT


„Natürlich macht es Angst, wenn sich die Gesellschaft verändert. Besonders denen, die Macht und Privilegien genießen“, so Julia Lemmle (35), Coach und Dozentin, die Seminare zum Thema Rhetorik, Genderkompetenz & Empowerment hält. Dass oft Protest und Hohn folgen, wenn jemand sich politisch korrekter als die Norm ausdrückt, sei eine Abwehrreaktion, um Unsicherheit und Machtverlust zu vermeiden. „Wenn gesagt wird, es seien im männlichen Plural die Frauen mitgemeint und das sei eben einfach schon immer so, ist das schlichtweg gelogen“, so Lemmle. 1928 zum Beispiel nahmen Schweizer Bürgerinnen diese Aussage ernst und wiesen daraufhin, dass sie als „stimmberechtigte Bürger“ laut Verfassung ja auch wählen dürften. Antwort: nein. Denn wenn es um Zugang zur Macht geht, sind Frauen plötzlich nicht mehr einbegriffen. „Deshalb ist die Beschäftigung mit geschlechtergerecher Sprache nicht ein kurioses Uni-Hobby, sondern betrifft die Grundlagen einer wirklich gerechten Gesellschaft“, sagt sie.

Für mich bedeutet der bewusste Umgang mit Sprache Freiheit, Weiterentwicklung und Mitgestaltung

Julia Lemmle
Wenn Gesellschaft sich verändere, verändere sich auch die Sprache. Die Frage ist einfach, wer sich der Erweiterung der eigenen Perspektive so konsequent verweigert und warum? „Für mich bedeutet der bewusste Umgang mit Sprache Freiheit, Weiterentwicklung und Mitgestaltung. Eine bestimmte Form festzuhalten, macht keinen Sinn. Wir sprechen schließlich auch nicht mehr wie im 19. Jahrhundert miteinander“, so Lemmle.

Andere Länder sind da schon viel kreativer: In Schweden wurde etwa ein drittes Pronom („hen“) eingeführt, das alle Menschen einschließt und nicht nach weiblich und männlich differenziert. Lemmle selbst wählt für ihre Seminare einfach eine neutralere Sprache. Sie spricht nicht von Mann oder Frau, sondern Personen. Oder sie sagt „Studierende und Teilnehmende“.

Es ist wie bei vielen anderen Dingen: Je mehr Menschen sich gegen die Norm entscheiden, umso selbstverständlicher wird es, wenn jemand sagt: Ich habe gleich eine Lesung bei meinem Professx. Oder: In Zukunft sollte mensch mehr auf Sprache achten.


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