Das geheime Leben als Analphabetin

Der Bundesverband Analphabetismus geht von 7,5 Millionen Deutschen aus, die nicht richtig lesen und schreiben können. Das ist jeder 7. Erwachsene! Eine von ihnen war Sirikit aus Ludwigshafen, 55.

„Es war mir peinlich“, erzählt sie im Gespräch mit R29. Heute arbeitet die Sechsfach-Mama ehrenamtlich als Dozentin bei der SALuMa e.V. (Selbsthilfegruppe Analphabeten Ludwigshafen-Mannheim) der Volkshochschule Ludwigshafen. Hier hat auch sie erst als Mitvierzigerin lesen und schreiben gelernt. „Ich komme aus einer Familie mit elf Kindern und meine Eltern haben es nicht geschafft, mich dabei richtig zu unterstützen. Früher hat man die Kinder gleich in die Sonderschule abgeschoben“, erzählt sie. „Ich habe es immer verheimlicht, weil es mir so unangenehm war und weil ich mich in der Öffentlichkeit nicht getraut habe zu lesen oder zu schreiben. Nachdem meine sechs Kinder groß waren, habe ich gesagt: Jetzt bin ich dran! Jetzt muss ich etwas für mich tun.“

Wie bleibt man 40 Jahre lang heimlich Analphabetin? Mit Ausreden, Alltagslügen und Tricks. Hier verrät sie ihre 10 Täuschungsmanöver für verschiedenste Lebenslagen:

1. Nummer sicher
„Ich habe meine Brille vergessen ist das beste Argument, das funktioniert immer!“

2. Im Restaurant
„Man bestellt einfach je nach Landesküche einfache, traditionelle Sachen wie Pizza Margherita beim Italiener, Gyros beim Griechen. Und Pommes gehen immer.“

3. Beim Shoppen
„Preisschilder, also Zahlen, waren kein Problem für mich. T-Shirts mit Text-Aufdrucken habe ich sicherheitshalber liegen gelassen.“

4. Auf Reisen
Straßen-Karten? U-Bahn-Pläne? Nur hübsche, bunte Muster für Analphabeten. „Wenn ich unterwegs war, habe ich mich immer durchgefragt.“

5. Im Job
„Als Putzfrau habe ich die Putzmittel genommen, die ich auch kannte. Arbeitsverträge habe ich mit nach Hause genommen.“

6. Beim Arzt
„Bei spontanen Arztbesuchen habe ich bei meinem Mann angerufen oder bei meinen Kindern. Die mussten dann kommen, um die Formulare auszufüllen.“

7. Im Urlaub
Ein Buch lesen am Strand, eine Zeitschrift beim Ausflug an den Badesee mit Freunden? „Da habe ich oft einfach so getan. Es fällt auf Dauer auf, wenn man sagt, dass man keine Lust habe oder Kopfschmerzen.“

8. Spiele wie Stadt/Land/Fluss
„Spiele, bei denen man Lesen und Schreiben musste, habe ich meistens abgelehnt, weil ich sie langweilig fand.“

9. Schnelles S.O.S.
„‚Ich habe mir das Handgelenk verstaucht’ verhindert, schnell etwas aufschreiben zu müssen.“

10. Lese-Krankheit
„Ich habe Kopfschmerzen oder mir ist schwindelig sind auch bewährte Ausreden, um zu vermeiden, etwas lesen zu müssen.“
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