Toleranz ist ein ständiger Prozess, der nur mit Hilfe gelingen kann

Ich habe ein dickes Buch in meinem Kopf. Es ist für mich Tage-, Notiz- und Wörterbuch, Bedienungsanleitung und Post-it in einem. Dieses Buch in meinem Kopf schreibe ich regelmäßig um. Füge Fußnoten hinzu, mache mir Eselsohren an Stellen, die ich mir merken möchte oder ich markiere Passagen dick mit einem neonfarbenen Marker. Das ist mal mehr, mal weniger oft der Fall und nicht selten denke ich, dass ich ein Kapitel abgeschlossen habe, nur, um es kurze Zeit später erneut aufschlagen und umschreiben zu wollen – und zu müssen.
Das Buch in meinem Kopf ist ein Sinnbild für meine Ansichten und Einstellungen. Es hilft mir, Dinge einzuordnen und Sachverhalte zu bewerten. Es ist eine Autobiografie und als solche sehr, sehr subjektiv und persönlich. Niemals würde ich erwarten auf einen Menschen zu treffen, der exakt die gleichen Wortfolgen in seiner*ihrer persönlichen Ausgabe im Kopf umherträgt. Es kommt aber nicht selten vor, dass ich auf Personen treffe, die einen ähnlichen Wortlaut nutzen oder mit den gleichen Metaphern spielen. Diese Menschen sind mir dann sehr sympathisch und manchmal entsteht aus diesen Gemeinsamkeiten dann eine Freundschaft.
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Die Ereignisse in Chemnitz sind nicht nur der Anfang einer wichtigen Erkenntnis, sie haben mir eine Sache noch mal ganz klar vor Augen geführt: Es reicht nicht aus, wenn ich meinen Horizont, sprich mein persönliches Buch selbst stetig erweitere. Fast noch wichtiger als die Regelmäßigkeit der Auseinandersetzungen mit Sachverhalten, sind die Quellen, auf die ich zurückgreife. Etwas genauer ausgedrückt: Als weiße Deutsche mit blonden Haaren und blauen Augen werde ich in Deutschland niemals Rassismus erfahren müssen und nachvollziehen können, wie es jemand tut, der*die nicht mit solchen vermeintlich eindeutig „deutschen“ Features durchs Leben geht. Ergo kann ich schlicht nicht von alleine auf bestimmte Gefühle oder Ängste kommen und brauche Input von außen.
Ich war vielleicht etwas naiv oder lebe schon zu lange in meiner toleranten Berlin-Bubble, aber ich habe die Gedankenkette „Aussehen definiert Herkunft“ schon lange ad acta gelegt. Ebenso wie auch Namen niemals eine handfeste Auskunft über die Wurzeln eines Menschen geben können. Jetzt mal ganz außen vor, dass auch die Herkunft eines Menschen niemandem das Recht gibt, ihn*sie wie ein Tier durch die Stadt zu jagen. Genau das ist nämlich vergangene Woche erneut in Chemnitz passiert. Ich schreibe erneut, weil es immer wieder passiert und es eben jetzt unter den Augen der breiten Öffentlichkeit geschehen ist.
Menschen werden aufgrund ihrer Haut- und Haarfarbe eingeordnet und in Sippenhaft genommen für das Verbrechen zweier Individuen. Ich habe das Glück durch meine Erziehung, meine Arbeit hier bei Refinery29 und meine tollen Kolleg*innen und Freund*innen in einem Umfeld und mit einem Mindset zu leben, das mich nicht nur selbstkritisch und neugierig macht, sondern mir auch die Möglichkeit gibt in den Dialog zu treten. Aber auch der engagierteste Dialog und die größten Bemühungen können nicht ihr volles Potenzial erfüllen, wenn ÜBER gewisse Menschen gesprochen wird, anstatt MIT ihnen.
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Ich könnte den ganzen Tag über die Ungerechtigkeiten sprechen, die POCs, Flüchtlingen oder Migranten angetan werden, aber ab einem gewissen Punkt (am besten schon von Beginn an), muss ich MIT diesen Menschen sprechen und ihnen zuhören. Wie soll ich sonst verstehen, wie sie sich fühlen? Wie soll ich sonst wissen, was sie durchmachen? Die stärkste Waffe, die wir gegen Unverständnis, Fremdenhass und vor allen Dingen Angst haben, ist, uns vor Pauschalisierung und Halbwissen zu schützen. Und das erfordert Eigeninitiative und ist Arbeit.
Um die Individuen hinter einer Gruppe zu sehen, muss ich das Gespräch suchen. Das gilt im Übrigen auch für andere an den Rand gedrängte Gruppen wie körperlich behinderte Menschen, Obdachlose, Arbeitslose, die LGBTQ+ Community: Es gibt nicht DIE Rollstuhfahrer*in, DEN*DIE Wohnungslose*n, nicht alle Arbeitslosen sind faule Sozialschmarotzer und es gibt nicht nur schwul, lesbisch und hetero. Unsere Gesellschaft neigt inzwischen wieder dazu, die Handlungen einzelner Individuen auf ganze Bevölkerungsschichten zu übertragen und daraus ein allgemeingültiges Profil zu erstellen (bei uns Deutschen machen wir natürlich eine Ausnahme, klar) – und, Freunde, da waren wir schon mal und wenn ihr mal in die Geschichtsbücher schaut: Das ist nicht allzu gut ausgegangen damals.
Wir können das Buch in unserem Kopf nicht alleine schreiben. Zumindest nicht, was das Kapitel „Zusammenleben in einer Gesellschaft“ angeht. Dieses Kapitel sollte, ähnlich wie Poesiealben in der Grundschule, so viele individuelle Charaktere und Erfahrungen aus allen Bereichen unseres Lebens und unserer Gesellschaft beinhalten, wie nur irgend möglich. Denn nur auf diese Weise kannst du sicherstellen, dass du immer das Individuum siehst und niemals anfängst zu pauschalisieren.
Nichts ist jemals in Stein gemeißelt und auch beim auf den ersten Blick hoffnungslosesten Fall gebe ich niemals die Chance auf eine Neuauflage auf!
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