Mal ehrlich: Was halten wir wirklich von BeReal?

Illustration: KRISTINE ROMANO.
Social-Media-Müdigkeit haben wir alle schon mal erlebt – und hey, ist das wirklich so verwunderlich? Immerhin haben Apps wie TikTok, Instagram und Co. jede Menge Schönheitsfehler; sie können unser Körperselbstbild verzerren, setzen unfaire Zensurstandards, sammeln unsere Daten, treten politische Skandale los, und, und, und. Es scheint, als gäbe es jeden Tag ein neues Drama in der glitzernden Welt der sozialen Netzwerke.
Kein Wunder, dass inzwischen immer mehr Stimmen laut werden, die zum Beispiel das „alte“ Instagram zurückfordern (das noch nicht so stark an TikTok erinnerte) oder in Tumblr-Erinnerungen schwelgen. Viele empfinden Social Media mittlerweile mehr als Belastung, von der sie einen „Detox“ oder einen „Entzug“ brauchen. Im Kontext von Social Media verwenden wir immer mehr Begriffe, die wir ansonsten im Zusammenhang mit Süchten in den Mund nehmen – und das durchaus zurecht. Anstatt aber ausschließlich darauf zu hoffen, dass das nächste Update oder die nächste Algorithmus-Umstellung alles zum Besseren verändern könnte, haben wir inzwischen auch immer mehr andere, neue Social-Media-Apps zur Auswahl. 
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Eine dieser Apps ist BeReal, eine Plattform, die sich selbst als „Kein weiteres Social Media“ bezeichnet. Mit sozialen Netzwerken verbinden wir inzwischen vor allem bearbeiteten, handverlesenen Content – BeReal will aber genau das ändern und unseren Online-Interaktionen mehr Authentizität einhauchen.
Bei BeReal geht es um Spontaneität. Jeden Tag zu einer anderen Zeit gibt die App allen User:innen ein Zwei-Minuten-Fenster, um etwas zu posten. Die einzigartige Technologie nimmt dabei aber zwei Fotos gleichzeitig auf – mit der Front- und Hauptkamera. Dieser Moment wird dann mit den „Freund:innen“ geteilt.
Hier gibt es keine Filter, keine „Likes“, keine Follower:innen. „BeReal wird dich nicht berühmt machen. Influencer bitte bei TikTok und Instagram bleiben“, steht ganz deutlich in der Beschreibung der App. Stattdessen können User:innen auf die Posts mit „RealMojis“ reagieren – personalisierten Selfie-Versionen von Emojis.
Fotos: via BeReal.
Aber wie kommt die App denn so an? Wir haben mit drei Frauen gesprochen, die BeReal selbst schon ausprobiert haben.

Jade, 21

Die 21-jährige Jade lernte die App bei einem gemeinsamen Abendessen mit Freund:innen kennen. „Sie meinten, BeReal sei total neu, lustig und locker. Ich lud sie mir runter und mag die App total! Sie hilft mir dabei, mit meinen Freund:innen in Kontakt zu bleiben, weil ich einfach kommentieren kann, was sie so machen“, erzählt sie. „Das erfordert so wenig Aufwand und ist oft ziemlich lustig.“

Tilda, 23

Für die 23-jährige Tilda sind die großen Vorteile von BeReal die Spontaneität und Lockerheit des Ganzen. Sie vermutet aber, die große Beliebtheit der App könnte nur von kurzer Dauer sein.
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„Mir gefällt, dass die Aufnahmen immer komplett ungeplant sind, weil du nie weißt, wann du die Benachrichtigung bekommst. Ich mag auch, dass meine Freund:innen und ich uns dabei oft über uns selbst lustig machen und es nicht so ernst nehmen. Wir posten lieber alberne Bilder als die typischen bearbeiteten Social-Media-Posts“, sagt sie. „Ich finde die Idee toll, glaube aber auch, dass der ganze Spaß nicht von langer Dauer ist.“

Imogen, 19

Für die 19-jährige Imogen hat BeReal schnell seinen Reiz verloren. „Ich habe die App benutzt, um mit Freund:innen in Kontakt zu bleiben, die weit weg wohnen. Irgendwann fühlte sich das aber an wie eine Pflicht. Wenn ich mit meinen Freund:innen reden wollte, konnte ich ihnen ja auch einfach schreiben oder sie anrufen. Mit der Zeit wurde das Ganze einfach unpraktisch, und ich hatte in dem Zwei-Minuten-Fenster nicht immer Zeit, wenn ich zum Beispiel bei der Arbeit oder im Unterricht war“, sagt sie.
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BeReal wurde 2020 gegründet und ist momentan die Nummer 1 der Social-Media-Charts im App Store. So schnell wird der Trend also sicher nicht nachlassen; im März 2021 hatte BeReal 10.000 tägliche Nutzer:innen. Heute sind es mehr als 400.000
Social-Media-User:innen verlieren definitiv die Lust auf das, was uns bisher geboten wurde. Sieh dir nur mal Facebook an, das gegen Ende 2021 rund eine halbe Million seiner täglichen Nutzer:innenverlor.
Aber lässt sich Feuer wirklich gut mit Feuer bekämpfen? Ist eine neue Social-Media-Plattform wirklich die Lösung für unseren nie enden wollenden Strudel aus Unruhe, Content-Übersättigung und steigende Bildschirmzeit-Stunden? 
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Wir werden es sehen.
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