Genitalverstümmelung in Kenia: Der Kampf einer Frau gegen eine blutige Tradition

PHoto: Courtesy of Melissa Findley/Intrepid Travel.
„Alle Kühe auf der Welt sind grau, weiß, braun oder schwarz. Hast du jemals eine lila Kuh gesehen?“, fragt die kenianische Aktivistin Hellen Nkuraiya. Damit will sie sich jetzt nicht über eine gewisse Schoko-Marke lustig machen. Nkuraiya hat etwas anderes im Sinn: eine lila gestrichene Schule namens Enkiteng Lepa, (unsere Kuh-Schule). „In der Massai-Gemeinschaft sind Kühe das wertvollste Gut“, so die Aktivistin gegenüber Refinery29. „Wir lassen unser Geld nicht auf der Bank, sondern legen es in Vieh an.“
Nkuraiya gründete die Schule speziell für Mädchen, die von der weiblichen Genitalverstümmelung (oder kurz FGM – aus dem Englischen: Female Genital Mutilation) betroffen sein könnten. „Tausche Mädchen nicht gegen Kühe ein, sondern gib ihnen Bildung.“ Bei den Massai müssen sich Mädchen einer Beschneidung unterziehen, um den Übergang von der Kindheit zur Weiblichkeit zu ritualisieren. Ab dann können sie verheiratet werden – und als Mitgift, bringen sie Kühe mit in die Ehe. Sobald sie verheiratet sind, dürfen die meisten von ihnen auch nicht mehr in die Schule gehen.
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Das Ergebnis dieser Traditionen: Während 48 von 100 Massai-Mädchen in Kenia in der Grundschule eingeschrieben werden, machen nur fünf von ihnen einen Abschluss und besuchen weiterführende Schulen. Und weniger als eine von ihnen beendet laut der Nonprofit-Organisatino Massai Girls‘ Education Fund diesen Werdegang.
Genau dieses Schicksal ereilte auch Nkuraiya. Sie wurde als Kind verstümmelt und anschließend verheiratet und aus der Schule genommen. „Ich wollte meiner Gemeinde aber unendlich viele Kühe geben“, sagt Nkuraiya. „In der Schule melken Kinder Wissen. Nicht so bei einer echten Kuh – die stirbt eines Tages an einer Krankheit oder der Dürre.“
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Ich lernte Nkuraiya auf einer Pressereise mit Intrepid Travel kennen. Der kleine Gruppenreiseveranstalter organisiert Frauenreisen nach Kenia. Neben Fahrten in die Nationalparks und einem Tag in der Hauptstadt Nairobi, können Frauen an bestimmten Erlebnissen teilnehmen, die Männern untersagt sind. Dazu gehören Gespräche mit weiblichen Wildhüter*innen im Mount Kenya National Park, ein Treffen mit einer Gruppe alleinerziehender Mütter in Samburu und der Besuch einer Keramikperlenwerkstatt in Nairobi. Ein Höhepunkt der Expedition war der Nachmittag in dem Massai-Dorf, in dem Nkuraiya lebt. Dort bekamen wir die Chance, mit ihr zu reden und mehr über ihre Arbeit gegen FGM zu erfahren.
Bei der weiblichen Genitalverstümmelung werden die äußeren Geschlechtsteile der Mädchen entweder zum Teil – in manchen Fällen sogar vollständig – entfernt. Dieser Eingriff hat viele kurz-, aber auch sehr viele langfristige Folgen für die Gesundheit. Laut der Weltgesundheitsorganisation sind das unter anderem folgende: chronische Schmerzen, Infektionen, eine eingeschränkte Menstruation, Komplikationen bei der Geburt, ein erhöhtes Risiko, sich mit HIV zu infizieren, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Anorgasmie, posttraumatische Belastungsstörungen und Tod. Kein Wunder, dass diese Praxis in vielen Teilen der Welt als Menschenrechtsverletzung angesehen wird.
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Seitdem ein Gesetz aus dem Jahr 2011 die Praxis komplett verboten hat, ist die Zahl der Beschneidungen in Kenia zurückgegangen. Es gibt aber noch einige ethnische Gruppen, die trotz des Verbots mit der Verstümmelung weitermachen. So berichtet UNICEF, 21 Prozent der kenianischen Mädchen und Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren wurden einer FGM unterzogen, aber das kenianische Statistikamt gab an, dass fast 78 Prozent der Massai-Frauen bis 2014 verstümmelt wurden.
PHoto: Courtesy of Melissa Findley/Intrepid Travel.
FGM ist aber nicht nur in Kenia ein Problem. In den Nachbarländern wird es sogar noch häufiger durchgeführt. In Äthiopien zum Beispiel wurden 74 Prozent aller Frauen und Mädchen einer Genitalverstümmelung unterzogen; in Somalia sind es laut der United Nation Population Fund sogar 98 Prozent. Weltweit wurden rund 200 Millionen Frauen und Mädchen beschnitten, davon knapp 50.000 in Deutschland.
Obwohl viele Organisationen daran arbeiten, FGM zu bekämpfen, sind Aktivist*innen der Meinung, der Druck von außen könne keine wirkliche Veränderung auslösen; das Umdenken muss von der Gemeinschaft selbst kommen. Im Jahr 2019 versammelten sich über tausend Massai in der Region Loita Hills in Kenia, um dabei zu sein, wenn die Ältesten öffentlich das Ende der weiblichen Beschneidung verkündeten – die erste Erklärung einer Gemeinde dieser Größe im Land. „Am Anfang dachten wir nicht, dass das möglich wäre. Aber wir haben uns mit den kulturellen Führer*innen, der Gemeinde, den Mädchen und ihren Eltern zusammengetan“, sagte Sarah Tenoi, eine Massai-Frau und Anti-FGM-Aktivistin gegenüber The Christian Science Monitor. „Wir können nicht allein diesen Weg beschreiten. Wir brauchen jemanden, der oder die uns an der Hand nimmt und mit uns handelt“, fügte sie hinzu.
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Als Nkuraiya selbst etwa acht oder neun Jahre alt war – die Massai achten nicht auf Geburtstage – überlebte sie die Verstümmelung. Nach etwa einem Jahr der Heilung übergab ihr Vater sie einem 70-jährigen Mann als fünfte Frau, im Austausch gegen eine Mitgift von drei Kühen. Mit der Heirat wurde Nkuraiya aus der Schule genommen. Um ihren Leben zu entkommen, lief sie zweimal weg. Letztendlich wurde sie irgendwann von Nonnen gerettet. Sie finanzierten ihre Ausbildung. Und dank eines Stipendiums, begann sie ihre Ausbildung als Lehrerin.
Nach ihrem Abschluss wollte Nkuraiya sich für den Kampf gegen die Bedrohungen einsetzen, denen Massai-Frauen und -Mädchen ausgesetzt sind. Damit engagierte sie sich gegen die Genitalverstümmelung und der Zwangsverheiratung im Kindesalter. Außerdem setzte sie sich für das Bildungsrecht für Mädchen, Witwenrechte und die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frau ein. Als sie anfing, zu arbeiten – zuerst als Lehrerin, dann als Schulleiterin – kam sie mit vielen Mädchen in Kontakt, die von der Genitalverstümmelung bedroht waren. Unabhängig von den Folgen tat sie immer, was sie konnte, um es zu verhindern. Sie wurde geschlagen und aus der Stadt vertrieben und trotzdem tat sie dasselbe an der nächsten Schule, an der sie unterrichtete; und an der nächsten.
2009 beschloss sie, mit der Unterstützung von anderen Wohltäter*innen eine eigene Schule zu gründen. „Ich sagte mir: ‘Wenn sie mich im Kampf für die Rechte der Mädchen töten, werde ich in Würde sterben‘“, erklärt sie. Durch ihre Arbeit hat sie über 80 Mädchen vor der FGM retten können.
Mithilfe der Spenden ließ Nkuraiya Wasser ein Bohrloch graben. Das Wasser aus dem Loch bietet sie den Menschen als Tränke für ihr Vieh an, wenn sie im Gegenzug ihre Kinder in die Schule gehen lassen.
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Nkuraiya ist stolz darauf, Massai zu sein. Und sie möchte, ihren Schüler*innen das gleiche Gefühl vermitteln. „Ich möchte, dass die Mädchen mit Kultur in der einen und Bildung in der anderen Hand aufwachsen“, sagt sie. „Nehmen wir mich als Beispiel: Ich war in der Schule, bin an viele Orte gereist, aber ich bin immer noch Hellen. Ich bin immer noch Massai. Und ich bin immer noch Kenianerin. Das wird sich nie ändern.“
Nkuraiya ehrt die Traditionen ihrer Kultur aber lieber auf eine neue Art. Sie hat sogar einen neuen Zeremonie-Ritus für den Übergang entwickelt, der die FGM nachahmen soll. Anstatt Mädchen zu beschneiden, malt sie ihre Oberschenkel symbolisch mit rotem Ocker an. „Rot ist eine heilige Farbe für uns. Man kann keine Zeremonie ohne roten Ocker durchführen“, erklärt sie.
Auch wenn sie immer noch mit Rückschlägen zu kämpfen hat, so konnte sie einige durch ihren Einsatz schon zu einem Umdenken überzeugen – auch die Frau, die Mädchen früher beschnitten hat. Sie gab ihr Werkzeug an Nkuraiya ab, als diese ihr anbot, stattdessen Perlenschmuck zu verkaufen. „Sie hat die Mädchen verstümmelt, um Geld zu verdienen, damit sie überleben konnte“, sagt sie. „Manche Menschen tun Dinge, weil sie keine andere Wahl haben“, sagt sie. „Ich gab ihr Optionen.“
Intrepid Travel organisierte die Pressereise, an der die Autorin dieser Geschichte teilnahm. Dabei hat das Unternehmen diese Story weder genehmigt noch überprüft.

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