Warum Mädchen in Pakistan noch immer zwangsverheiratet werden

Frauen und Mädchen machen die Hälfte der Weltbevölkerung aus und doch kämpfen wir immer noch für Gleichberechtigung. Und nicht nur das: Allein aufgrund unseres Geschlechts sind wir ständig der Gefahr von Gewalt ausgesetzt; wir haben noch nicht die gleichen Bildungschancen und haben schlechteren Zugang zu einer guten Gesundheitsvorsorge und wirtschaftlichen Ressourcen.
Fundamental ist eine neue Doku-Serie auf YouTube, die von Global Fund For Women, der weltweit führenden Stiftung für Frauenrechte, und der preisgekrönten Regisseurin Sharmeen Obaid-Chinoy geschaffen wurde. Die Filmemacherin stellt uns in fünf Episoden die unglaublichen Frauen vor, die weltweit gegen den Patriarchat, Konservatismus und die Unterdrückung der Menschen am Rande der Gesellschaft kämpfen.
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In dieser Folge von Fundamental treffen wir die Aktivistin und Menschenrechtsanwältin Rukshanda Naz. Naz widmet ihr Leben einer Aufgabe: zwangsverheirateten Frauen und Mädchen in Pakistan zu helfen.

Jedes fünfte Mädchen (21 Prozent) heiratet vor ihrem 18. Geburtstag.

Unicef
Nach Angaben von UNICEF hat Pakistan die sechsthöchste Zahl an Kinderbräuten weltweit – 1.909.000 sind es um genau zu sein. Kinderehen sind noch heute eine weit verbreitete Praxis in dem Land. Jedes fünfte Mädchen (21 Prozent) heiratet vor ihrem 18. Geburtstag und drei Prozent sogar noch bevor sie 15 Jahre alt sind. In drei der vier Provinzen Pakistans ist das gesetzliche Heiratsalter für Frauen auf 15 Jahre und für Männer auf 18 Jahre festgelegt.
Naz kämpft gegen die sozioökonomischen und politischen Barrieren, die Frauen der Gefahr einer Kinderheirat aussetzen. In der Episode wird auch erklärt, warum Kinderehen in Pakistan immer noch weit verbreitet sind und welche Tatsachen den Kern der Sache ausmachen.
„Der Platz einer Frau ist entweder im Haus oder im Grab – das ist die Meinung vieler in Pakistan. Hier wird das Leben von Frauen und Kindern von extremistischen Überzeugungen dominiert. Sie machen die Gesetze und bestimmen über unsere Ausbildung oder Ehe“, sagt Naz.
„Laut dem Rat für islamische Ideologie ist eine Neunjährige körperlich schon bereit eine Braut zu werden.“ Sie haben sogar Gesetze herausgebracht, in denen das Verbot von Kinderehen als islamfeindlich gesehen wird.

Der Platz einer Frau ist entweder im Haus oder im Grab.

Rukshanda Naz
Für Naz ist dieses Thema eine Herzensangelegenheit. Deshalb hat sie sich auch auf die Doku-Reihe von Obaid-Chinoy eingelassen. Refinery29 erzählt sie, dass auch ihre Mutter im Alter von 13 Jahren zwangsverheiratet wurde. Und die Geschichte ihrer eigenen Mutter hat sie im Endeffekt dazu motiviert Aktivistin zu werden. „Wenn ich nicht so unabhängig wäre, dann hätte ich wohl das gleiche Schicksal gehabt. Ich wusste gleich, dass ich eine Ausbildung, einen Job und mein eigenes Haus brauchte, um unabhängig zu bleiben.“
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„Wenn eine Frau geboren wird, dann ist ihr erstes Zuhause das ihres Vaters. Wenn sie heiratet, gehört ihr Haus ihrem Ehemann. Und wenn sie dann alt ist, gehört ihr Haus ihrem Sohn. Sie hat nie ein eigenes Zuhause.“
Naz hat die Frauenschutzorganisation Mera Ghar (Mein Zuhause) gegründet. Dort können Frauen und Mädchen, die Hilfe brauchen, Zuflucht finden. Und eben dort hat sie auch die 13-Jährige Zarmina kennengelernt. Sie war eine Kinderbraut und lebt jetzt in Mera Ghar. Im Laufe der Episode sehen wir, wie Zarmina zum ersten Mal in ihrem Leben ihre Mutter fragt, warum sie sie zu der Ehe mit einem 28-jährigen Mann gezwungen hat.
„Ich war die Jüngste in meiner Familie und hing fast ständig am Rockzipfel meiner Mutter. Aber eines Tages, als ich von der Schule nach Hause kam, änderte sich mein ganzes Leben. Plötzlich waren da so viele Leute im Haus. Anfangs freute ich mich noch, weil ich mit meinen Cousin*en spielen konnte“, erinnert sich Zarmina. „Aber dann sagte mir meine Mutter, ich dürfe nicht mehr in die Schule gehen und solle am nächsten Tag heiraten. Sie sagte mir, ich bekäme neue Kleider, alle möglichen schönen Dinge, ein großes Zimmer und alles würde mir gehören. Als Kind reizt es dich natürlich, von solchen schönen Dingen zu hören. Ich war glücklich. Ich war gierig, denn ich war noch ein Kind und wusste es nicht besser.“

Manchmal hat er mich mit einem Stock geschlagen. Mein Rücken und meine Beine waren mit blauen Flecken übersät.

Zarmina
In einer besonders herzzerreißenden Szene erklärt Zarminas Mutter, dass sie einfach keine andere Wahl gehabt hätte, weil die Familie in finanziellen Schwierigkeiten gewesen sei. Zarmina beschreibt dann, wie traumatisch ihr Eheleben wirklich war. „Manchmal hat er mich mit einem Stock geschlagen. Mein Rücken und meine Beine waren mit blauen Flecken übersät. Sie gaben mir sieben bis acht Tage lang nichts zu essen. Ich hätte immer noch leiden müssen, wenn meine Eltern nicht die Wahrheit gesehen hätten.“
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Für ihre Mutter ist eine frühe Ehe bei Mädchen aber einfach nur Tradition. „Menschen vertrauen ihren Töchtern nicht. Auch ich wurde sehr jung verheiratet – genau wie alle meine Schwestern.“
Naz glaubt, solche Ideologien könnten durch ein Bewusstsein und das nötige Engagement von Frauen irgendwann der Vergangenheit angehören. Auch Bildung spielt für sie dabei eine wichtige Rolle. „Es würde weniger Kinderehen geben, wenn junge Mädchen Zugang zu höherer Bildung hätten“, meint sie. „Familien, aber auch die Regierung sollten mehr Geld in die Bildung von Mädchen investieren. Und sie brauchen bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.“
„Ich glaube wirklich, dass sich die Lage in Pakistan langsam verbessert. Mehr und mehr Mädchen fordern ihren Platz in der Gesellschaft. Doch leider erschweren uns kulturelle Vorbehalte noch immer den Weg zur völligen Gleichberechtigung.“
Die Doku-Serie “Fundamental“ kannst du dir jetzt auf YouTube ansehen.
Bist du oder eine Person in deinem Umfeld von Zwangsheirat oder Kinderehe betroffen? Dann kannst du dich beispielsweise unter der Nummer 08000 116 016 oder per Online-Beratung an das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ wenden – ein vertrauliches, kostenfreies 24-Stunden-Beratungsangebot, das anonyme, mehrsprachige und barrierefreie Unterstützung bietet.
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