Über Twilight lachen wir bis heute – aber hat der Film das überhaupt verdient?

Es dauert eine Stunde und 15 Minuten, bis in Twilight endlich mal jemand geküsst wird, aber die Wartezeit lohnt sich: In den Minuten vor dem schicksalhaften Moment erzählt Bella Swan (Kristen Stewart) ihrer Mutter am Handy gerade von dem Typen, der ihr das neblige Dörfchen Forks versüßt, als besagter Typ plötzlich in ihrem Schlafzimmer steht. Bella legt auf, starrt Edward Cullen (Robert Pattinson), den Vampir mit harter Haut und glühenden Augen, fragend an. Der gesteht: Yup, er ist soeben durchs Fenster gestiegen und yup, das macht er schon seit ein paar Monaten. Aber darum geht’s hier nicht. Er ist hier, um etwas auszuprobieren: einen Kuss.
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Zwischen Stewart und Pattinson fliegen in dieser Szene ordentlich Funken. Die Sekunden vor dem Kuss sind voller gehauchter Seufzer und zitternder Lippen. Die beiden kommen einander immer näher, zucken zurück, nähern sich dann doch wieder, während Edward herauszufinden versucht, ob er den überwältigenden Durst auf Bellas Blut lange genug kontrollieren kann, um sie zu küssen. Außergewöhnlich ist aber vor allem Bellas Reaktion: Edwards zaghaften Schmatzer erwidert sie voller Begeisterung. Am Ende küsst sie ihn, zieht ihn näher zu sich ran, bis er in Panik gerät und vom Bett springt. Bella bleibt zwischen ihren Decken zurück, mit verwirrter Miene und jeder Menge Selbstzweifel. In dieser Szene dürften sich zahllose Teenagerinnen wiederkennen (vom Blutsauger-Aspekt mal ganz abgesehen): Du stehst auf einen Typen, der dir nicht gut tut, und letzten Endes sitzt du dann doch alleine im Bett und fragst dich, was zur Hölle du eigentlich falsch gemacht hast. Zehn Jahre nach seiner Erscheinung ist Twilight bis heute eine starke, düster-elegante Darstellung des Verlangens junger Frauen. Aber warum habe ich den Film dann irgendwie anders in Erinnerung?
Das könnte mit den größtenteils schlechten Kritiken zusammenhängen, die Twilight damals kassierte – die meisten von ihnen geschrieben von Männern, die Twilight meist als Futter für die kreischenden Mädchen-Massen abtaten. Für den Hollywood Reporterschrieb zum Beispiel Kirk Honeycutt: „Um Twilight wird jetzt schon so ein Hype gemacht, dass wir eigentlich nur den Horden an Teenagerinnen den Weg ins Kino freiräumen müssen, damit sie in dieser Romanze zwischen einem menschlichen Mädchen und einem Vampirjungen schwelgen können.“ (Sein Review beendete er mit der Hoffnung, dass wir im Nachhinein auf diesen Film als schlechtesten des Franchises zurückblicken würden – lol.) Roger Ebert nannte den Film „lauwarm“ und schrieb: „Twilight wird sein Zielpublikum verzaubern, nämlich 16-jährige Mädchen und deren Großmütter.“
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Auch einige Frauen hatten ihre Schwierigkeiten mit dem Film, wenn auch aus anderen Gründen. In der New York Timeskritisierte Manohla Dargis die Pro-Enthaltsamkeits-Message darin und nannte Twilight eine „zutiefst ernste, höchst alberne Vampirromanze für alle, die heiß auf Enthaltsamkeit sind.“ Auch sie machte sich aber über die Zielgruppe des Films lustig und kommentierte, dass Edward wie „Katzenminze für alle Jonas-Brothers-Süchtigen“ sei.
In dem Jahrzehnt seit ihrem Release ist die Adaption des ersten Bandes aus Stephenie Meyers Bestseller-Trilogie, unter der Regie von Catherine Hardwicke (Dreizehn), zu einem beliebten Witz geworden – obwohl (oder vielleicht weil) der Film heute eindeutig ein fester Bestandteil der Popkultur ist. Jede kleine Anspielung weckt lustige Erinnerungen an glitzernde Vampire und Werwolf-Liebesdreiecke. Und obwohl einige Aspekte von Twilight definitiv albern sind, ist es das Vermächtnis des Films eindeutig nicht. Schon am ersten Kino-Wochenende fuhr der Film 69,5 Millionen ein und brach damit nicht nur den Rekord für das erfolgreichste Auftakt-Wochenende eines Films unter weiblicher Regie, sondern auch den für das erfolgreichste Wochenende eines Films, in dem es um das (innere) Leben einer Frau ging. (Diesen Rekord hielt Twilight bis 2017, als sich Patti Jenkins und Wonder Woman die Titel schnappten.)
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Die Twilight-Saga ist zu so einem Phänomen geworden, dass sich kaum noch jemand an ihre bescheidenen Anfänge zurückerinnert. Hardwicke drehte den Film in 44 Tagen mit einem Budget von 37 Millionen Dollar. (Zum Vergleich: Sein Nachfolger New Moon hatte 2009 ein Budget von 50 Millionen Dollar, und als Breaking Dawn – Teil 2 im Jahr 2012 in die Kinos kam, hatte sich das Budget mit 120 Millionen mehr als verdoppelt. Bei beiden führten Männer Regie.) Twilight war Hollywoods halbherziges Geschenk an Teenagerinnen, aber die Erwartungen waren ebenso halbherzig. „Was glaubt ihr, warum ich den Job bekommen habe?“, fragte Hardwicke gegenüber The Daily Beast2018. „Was denkt ihr, warum die sich eine weibliche Regisseurin geholt haben? Wenn sie daran geglaubt hätten, dass das ein großer Blockbuster werden könnte, hätten sie mich nicht mal angestellt – weil keine Frau bis dahin irgendwas in der Blockbuster-Kategorie hatte drehen dürfen.“
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Twilight war effektiv ein Indie-Film. Doch dann wurde daraus plötzlich ein „großes Ding“ – und auf einmal wurde Hardwicke dieses gigantische Studio-Franchise nicht mehr anvertraut. Das ist wirklich schade, wenn man bedenkt, wie furchtbar die Sequels ausfielen – unter der Regie von Chris Weitz (New Moon), David Slade (Eclipse) und Bill Condon (Breaking Dawn 1 & 2).
Verglichen mit dem Rest der Saga ist Twilight ein merkwürdiger Film. Er ist seltsam ruhig, dabei aber visuell lebendig, voller Bilder vom grünen, nassen Wald. Dramatische Aufnahmen, in denen Bella etwas über Vampire liest, werden von gothisch-erotischen Schwarzweiß-Tagträumen von Edward durchzogen, in denen er sich wie Dracula über Bella beugt, während ihm grellrotes Blut von den Lippen tropft. Und abgesehen von einer Konfrontation zum Filmende hin ist Twilight auch kein Action-Film; wie auch Dreizehn, Hardwicks 2003er-Debütfilm mit Evan Rachel Wood und Nikki Reed (die auch in Twilight mitspielt) in den Hauptrollen, nimmt Twilight Teenager-Gefühle ernst und stellt sie dar, ohne sie zu verurteilen. Diese Herangehensweise ist vielleicht das, womit so viele Kritiker:innen Probleme hatten, die das Zielpublikum des Films herabschauend betrachteten. Das Resultat ist ein Film, der dann und wann etwas zu ernst rüberkommt, aber doch sehr überzeugend den Kampf eines Mädchens gegen ihre eigenen chaotischen Hormone darstellt. 
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Im Gegensatz zu den Büchern und Film-Fortsetzungen, die für ihre konservativen Messages rund um vorehelichen Sex und Abtreibung sowie Bellas passive Rolle kritisiert wurden, schreckt Hardwicke in Twilight überhaupt nicht von der dunklen Seite der Romanze zwischen Bella und Edward zurück. Ihre Interpretation von Liebe ist schräg, manchmal kindisch und würde in der echten Welt nach der Schulzeit nicht überleben; trotzdem wirkt sie in diesem Fall wie etwas für die Ewigkeit. Bellas Bestehen darauf, sie könne ohne Edward nicht leben, ist absurd – aber so fühlt es sich nun mal an, wenn man 17 und davon überzeugt ist, der:die Freund:in sei die Liebe des Lebens. (Und die Keuschheit zwischen den beiden ergibt im ersten Film auch noch deutlich mehr Sinn als in den folgenden; sie haben sich schließlich erst kennengelernt.) 
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Tatsächlich ist Twilights größtes Problem seine Buchvorlage. Die Drehbuchautorin Melissa Rosenberg und Hardwicke mussten bei ihrer Vision für den Film einige Kompromisse eingehen, um Meyers Wünschen zu entsprechen; dazu gehörte auch der Wunsch der beiden, die Hauptrollen diverser zu besetzen. Hardwicke hat seitdem erzählt, sie habe die Rolle der Alice eigentlich an eine japanische Schauspielerin geben wollen. Alice ging letztlich aber an Ashley Greene, nachdem Meyer Berichten zufolge klargestellt habe, sie habe sich die Cullens immer als weiß vorgestellt (und mit Ausnahme von Alice als blond). 
Trotzdem ist der Film fernab der Hauptrollen überraschend divers. Den bösen Vampir Laurent besetzte Hardwicke mit dem kenianisch-amerikanischen Edi Gathegi, und Bellas Freund:innen Eric und Angela werden von Justin Chon (koreanisch-amerikanisch) und Christian Marie Serratos (italienisch-mexikanisch-amerikanisch) gespielt. Die Regisseurin bestand außerdem darauf, die Mitglieder des Quileute-Stamms von uramerikanischen Darstellern spielen zu lassen. (Obwohl Taylor Lautner behauptet hat, entfernt von amerikanischen Ureinwohner:innen abzustammen, kassierte seine Besetzung Kritik von uramerikanischen Aktivist:innen, als sein Charakter Jacob mehr in den Vordergrund rückte.)
Und auch Film-Bella bekommt dank Rosenbergs Drehbuch mehr zu tun als in Meyers Buch-Version, wo Bella den Großteil ihrer Zeit damit verbringt, Edward anzuhimmeln. Ihr Charakter ist nicht so selbstbestimmt, wie wir heute von einer weiblichen Hauptrolle erwarten würden – Bella passiert immer alles, aber sie lässt selten Dinge passieren –, aber allein die Tatsache, dass Twilight ein Blockbuster mit weiblicher Hauptrolle war, stellte wichtige Weichen für die Zukunft.
Nicht zuletzt sollten wir Hardwicke anrechnen, dass sie Stewart und Pattinson gecastet hat – zwei Schauspieler:innen, deren Talent seitdem längst über ihren anfänglichen Teenie-Schwarm-Status hinausgewachsen ist. Sie gehen ihre Rollen hier sehr intensiv, aber auch humorvoll an und hauchen zwei Charakteren glaubhaftes Leben ein, die schnell zweidimensional hätten wirken können. Als Bella ist Stewart sowohl verletzlich als auch ungestüm und hat keine Angst davor, ihre Meinung zu sagen – sehr wohl aber davor, von ihrem Geliebten verletzt zu werden. In den Büchern hat Bella die frustrierende Tendenz dazu, andauernd hinzufallen, was die Vorstellung befeuert, sie käme wirklich niemals alleine klar. Stewart räumt damit allerdings auf und verwandelt die Tollpatschigkeit ihrer Rolle in einen Insider-Witz, der sie menschlicher macht, anstatt sie hilflos aussehen zu lassen. Noch dazu sieht sie hier wirklich aus wie eine echte Teenagerin aus dem Jahr 2008 – von ihren langärmeligen Tops über ihre Bootcut-Jeans bis hin zu ihren klobigen Schneestiefeln. 
Und auch Pattinson schafft es, die nasse Nudel Edward als gequälte Seele zum Leben zu bringen. Er spielt Edward als Traum eines jeden High-School-Mädchens: ultracool, immer kurz vorm Schmunzeln – und gleichzeitig supersensibel (er spielt Klavier!), seine Unsicherheiten hinter einer grinsenden Maske versteckend. Sein toxisches Bedürfnis, Bella immer zu beschützen, das direkt aus den Büchern stammt, ist bis heute problematisch, aber noch viel weniger spürbar als in den darauffolgenden Fortsetzungen. Zusammen ergeben Bella und Edward ein charismatisches Paar, und ihre überzeugende Chemie kratzt ein wenig an der Absurdität ihrer besessenen Co-Abhängigkeit. (Die spätere Beziehung von Stewart und Pattinson stellt uns vor die klassische Huhn-oder-Ei-Frage: Was kam zuerst, die Chemie im Film oder am Set? Sind die Funken in den Szenen nur so glaubwürdig, weil sich die beiden schon dateten – oder fingen sie an, sich zu daten, weil ihnen die Fake-Funken vor der Kamera gefielen?)
Die Twilight-Saga wurde im Laufe der Jahre immer beliebter und erfolgreicher. Anstatt aber weiterhin die Geschichte einer Teenagerin erzählen, verfilmt von einer Frau, präsentierten uns die Filme eine Story, die durch männliche Augen gefiltert worden war. Twilight war nicht perfekt – aber der Film verdient Anerkennung dafür, dass er ein ganzes Universum an Franchises losstieß, bei denen Frauen oder Mädchen im Fokus standen (denk nur mal an Die Tribute von Panem, Shadowhunters und Divergent). Das war revolutionär. Und obwohl es heute in Film und Fernsehen sicher eindrucksvollere Formen von weiblichem Empowerment gibt als Bellas Lust, haben wir Bella sicher einige davon zu verdanken. 

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