Das Finale von Die Schlange ist eine (zu?) brutale Warnung vor toxischen Männern

Foto: bereitgestellt von Netflix
Achtung: Spoiler für Netflix’ Miniserie Die Schlange direkt voraus!
„Ich dachte, ich könnte mich auf dich verlassen… darauf, dass du an mich glaubst“, beschwert sich einer von den Guten, Herman Knippenberg (Billy Howle), in der zweiten Hälfte von Netflix’ Mini-Serie Die Schlange während einer hitzigen Diskussion mit seiner Frau Angela (Ellie Bamber). Daraufhin macht sich Angela erstmal über ihn und sein unberechtigtes Gemecker lustig – schließlich hat sie ihm zu diesem Zeitpunkt durchgehend treu zur Seite gestanden. Und das zieht Angela auch weiter durch. Zumindest bis zum letzten Akt des Serienfinales. 
In der letzten Folge von Die Schlange macht es bei Angela schließlich Klick; sie erkennt, dass Hermans besessener Egoismus ihm komplett das Urteilsvermögen vernebelt. Fast gleichzeitig, Tausende Kilometer entfernt, begreift auch Marie-Andrée Leclerc (Jenna Coleman), wie naiv und verklärt sie ihre eigene Beziehung mit dem Bösewicht der Serie, Charles Sobhraj (Tahar Rahim), betrachtet hat. Fakt ist nämlich: Charles ist ein selbstsüchtiger Narzisst, der auch vor Mord und Betrug nicht zurückschreckt, um zu bekommen, was er will. Selbst dann, wenn damit wehrlose Mütter oder gar Marie selbst zu seiner Zielscheibe werden. 
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Das Action-Highlight des Serienfinales ist sicherlich, wie Charles – dessen Charakter übrigens auf dem gleichnamigen echten Kriminellen basiert – am Ende von Herman zu Fall gebracht wird. Weniger aufregend, dafür aber unheimlich interessant: Die Episode zeigt, wie sehr sich das Leben einer Frau in dem Moment verändert, als sie begreift, wie enttäuschend (oder sogar tödlich) ihr Partner in Wahrheit ist
Angela fällt es deutlich leichter als Marie-Andrée, mit dieser Realität Frieden zu schließen. In der sechsten Folge der Serie wird sie beinahe von einem paranoiden Herman erschossen, der zur Waffe greift, als er mitten in der Nacht jemanden durch sein Haus schleichen hört. Dieser „Eindringling“ ist allerdings nur eine schockierte und verängstigte Angela – und die glaubt zu diesem Zeitpunkt noch, ihr Mann würde sich schon wieder zusammenreißen, sobald die Polizei seine Ermittlungen ernst nehme. Dazu kommt es dann endlich im Finale: Interpol übernimmt den Fall und bittet Herman darüber, seine Akten rüberzureichen. Das tut er auch – aber erst, nachdem er alles für sich kopiert hat.
Die Jagd nach Charles ist nun also endlich in professionellen Händen; Angela vermutet daher, ihr Leben könne endlich zur Normalität zurückkehren und sie sich an einem schönen thailändischen Strand ein wenig Ruhe gönnen. Es ist genau dieser Traum, über den sich Angela und Herman schließlich streiten: Herman weigert sich, mit seiner Frau in den Urlaubsmodus zu schalten und behauptet, er würde ja vielleicht noch von der Polizei gebraucht. Als Angela einsieht, dass Herman an einem „normalen“ Leben außerhalb dieser Ermittlung überhaupt kein Interesse hat, verkündet sie, nach Deutschland zurückzukehren – und hält Wort. Kurz darauf findet Herman ihren Abschiedsbrief.
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„Pass auf dich auf“, bittet Angela ihn darin. Das nächste Mal, als wir sie sehen, sind einige Jahre vergangen – und die Knippenbergs inzwischen geschieden. Getrennt von ihrem Mann hat es Angela zu diesem Zeitpunkt geschafft, die Karriereleiter der Vereinten Nationen ordentlich hochzuklettern. Die Message ist klar: Herman mag kein schlechter Mensch sein – war aber nie bereit, die Wünsche, Bedürfnisse und Ziele seiner Frau zu erkennen.
Bei der anderen Protagonistin der Serie, Marie, sieht es währenddessen nicht besser aus. Die Schlange widmet der Beziehung zwischen ihr und Charles viel Zeit und macht deutlich, wie treu sie an ihm hängt – trotz seiner furchtbaren Verbrechen. Bei jedem kriminellen Treffen trägt sie ein Lächeln im Gesicht, sieht dabei zu, wie Charles ein Opfer nach dem anderen vergiftet, und serviert diesen Opfern die tödlichen Drinks oft sogar selbst. Diese Taten sieht Marie eindeutig als Liebesbeweise an Charles. Erst in der vorletzten Episode wird ihr klar: Liebe ist für so ein Monster gar nicht möglich, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich das Monster gegen dich richtet. Dieses unvermeidbare Ende sieht Marie immer schneller auf sich zurasen, als Charles’ Mutter ihr erste Zweifel einflüstert und die Polizei dem Verbrecherpärchen näher und näher kommt. Schließlich flieht Marie tränenüberströmt aus Paris – aus der Stadt, in der sie glaubte, mit Charles eine Familie gründen zu können –, mit der Polizei dicht auf den Fersen.
Was folgt, ist tragisch. Ob Maries Schicksal in der Serie wirklich so tragisch hätte ausfallen müssen, ist Geschmackssache. Ihr Untergang wird jedenfalls besonders grausam dargestellt: Während sich Marie in Delhi versteckt, wird sie von Charles’ neuen Verbündeten ausgeraubt. Als sie schließlich in ihr heruntergekommenes Apartment zurückkehrt – endlich mit einem klaren Blick auf Charles’ Verbrechen –, schlägt er sie. Die Schlange zeigt uns in einer langen Szene, wie er auf sie einprügelt; was nicht direkt sichtbar ist, hören wir durch die Wand. Diese Aufnahmen geben uns nichts, sondern lassen uns als Publikum verstört zurück – verstörter, als uns die Serie ohnehin schon macht. Nach Jahrzehnten voller häuslicher Gewaltszenen in Film und Fernsehen, die das Ganze angeblich „realistischer“ machen sollen, bringen uns solche übermäßig sadistischen Szenen überhaupt nichts Neues.
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Kurz danach werden Charles, Marie und ihre übrigen Verbündeten endlich verhaftet – und Marie erzählt der Polizei detailgetreu, was sie und Charles verbrochen haben. Jahre später, als Marie in einem ausländischen Gefängnis an ihrem Gebärmutterkrebs zu sterben droht (!!), wirft Charles ihr das polizeiliche Geständnis vor: Sie habe ihn dadurch betrogen. Marie akzeptiert seine mitleidlose Einstellung und verabschiedet sich von ihm, um ihre letzten Tage in Québec auszuleben. „Du wirst frei sein… und ich in Québec, unter der Erde“, prophezeit sie. Und selbst zum Abschied weigert sich Charles, Marie gegenüber auch nur ein nettes Wort zu sprechen.
Am Ende behält Marie jedoch einen Funken Macht über ihren selbstsüchtigen Ex. Nachdem er das Gefängnis verlässt, reist Charles nach Kathmandu – und wird endlich, endlich, durch Maries Aussage verhaftet. Die Schlange endet mit Charles’ Inhaftierung.
Hat Marie also gegen Charles „gewonnen“? Nein. Nach Jahren der Manipulation und des Missbrauchs durch ihren eigenen Partner landet sie schließlich, wie sie selbst vorhersagte, „unter der Erde“. Diese letzten Szenen behandelt Die Schlange aber glücklicherweise aber genau wie das, was sie sind: eine letzte Tragödie. 

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