Meine Familie will mich mit 18 verheiraten – und da mache ich nicht mit

Meine Eltern zogen von Bangladesch in die USA, ohne zu ahnen, wie ihr Leben dort aussehen würde. Sie wussten nur: Ihre Kinder würden es mal besser haben als sie – durch Bildung.

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Ich war mir schon immer sicher: Ich will ein Diplom in meiner Hand halten, ehe ich einen Ring am Finger trage. Natürlich hört sich ein Diamantring erstmal nett an – doch brauche ich ihn als Frau of color nicht so dringend wie einen Universitätsabschluss. Denn der ist ein greifbarer, handfester Beweis meiner Fähigkeiten in einer noch immer patriarchischen Welt.
Meine Eltern zogen damals von Bangladesch in die USA, ohne zu ahnen, wie ihr Leben dort aussehen würde. Sie wussten nur, dass sie ihren Kindern durch die richtige Bildung ein besseres Leben ermöglichen würden, als sie selbst gehabt hatten. Das hatte jedoch seinen Preis: Als meine Eltern Bangladesch hinter sich ließen, zogen sie damit den Hass von Freund:innen und Verwandten auf sich; das Land zu verlassen, galt als Verrat. Um zu beweisen, dass sie eben keine Landesverräter:innen waren, musste ich also eine echte Grätsche vollbringen. Ich sollte mich nicht nur an unsere neue Heimat anpassen, erzählte mir meine Mutter immer wieder, sondern sollte gleichzeitig meine Wurzeln nicht verlieren.
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Schon als Sechsjährige hing ich demnach in der Schwebe zwischen zwei völlig unterschiedlichen Kulturen, die mich sogar unterschiedlich nannten: Zu Hause wurde mein Name anders ausgesprochen als in der Schule. Ich fühlte mich kulturell verloren, bis mir meine Mutter eines Tages ein paar kleine Jhumkas schenkte; das sind traditionelle Ohrringe. Um in der Schule nicht gemobbt zu werden, hatte meine Garderobe bis dahin ausschließlich aus Klamotten und Accessoires bestanden, die quasi schrien: „Ich bin Amerikanerin!“ Jetzt zwang mich meine Mutter allerdings dazu, die Jhumkas zu tragen, um mich meiner Kultur gegenüber dankbar zu zeigen. Es war mir zwar wahnsinnig peinlich, doch tat ich am nächsten Tag wie geheißen – und war total irritiert, als ich Komplimente dafür bekam. Dieses winzig kleine Accessoire meiner Kultur hatte mir plötzlich die Augen geöffnet: Ich war Bengali-Amerikanerin, und ich wollte eine sein.

Die Konsequenz meiner Reise war, dass die Geschichten der Frauen in meiner Familie erneut an meiner kulturellen Identität nagten.

2017 reiste ich dann nach Bangladesch, weil ich mehr über meine bengalische Seite wissen wollte. Und während ich viel über meine Herkunft lernte, erfuhr ich gleichzeitig einiges über die Frauen in meiner Familie. Meine Tante war in ihrem zweiten Studienjahr gewesen, als sie einen Heiratsantrag bekommen hatte. Sie hatte eigentlich Ernährungsberaterin werden wollen – doch dieser Traum zerplatzte, sobald ihr Vater entschied, dass sie nun lieber heiraten sollte. Eine meiner anderen Tanten hatte ihr Studium nicht abschließen können, weil es ihrer Schwiegermutter nicht gefallen hatte, dass eine verheiratete Frau die Uni besuchte.
Meinen beiden Tanten war gesagt worden, das Mutter- und Ehefraudasein sei wichtiger als ihre Lebensträume. Und das verwirrte mich – hatten meine Eltern mir schließlich immer versichert, meine Bildung würde mir dabei helfen, in dieser Welt zu bestehen. Die Konsequenz meiner Reise war, dass die Geschichten der Frauen in meiner Familie erneut an meiner kulturellen Identität nagten. Ich brauchte Klarheit: Wie würde meine Zukunft in dieser traditionsreichen Familie aussehen? 
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An meinem 15. Geburtstag wollte ich also von meinen Eltern wissen, was denn passieren würde, wenn auch bei mir ein Heiratsantrag einging, bevor ich meine Karriere beginnen konnte. Sie schwiegen – und diese lange, unangenehme Stille schallte lauter in meinen Ohren als jede Lektion, die sie mir je erteilt hatten. Ihre Angst davor, wieder den Zorn ihrer Verwandten und Bekannten auf sich zu ziehen, war stärker als ihr Traum davon, ihrer Tochter in den USA zum Erfolg zu verhelfen. Inzwischen hatten sie den Ruf als Verräter:innen daheim abgeschüttelt, doch war der gesellschaftliche Ruin effektiv garantiert, sollten sie sich offen gegen Traditionen wenden. Es dauerte ganze zwei Jahre, bis sie meine kulturellen Fesseln lösten, indem sie mir mitteilten: „Wenn dir jemand sagt, du solltest zuerst einen Ehering tragen, bevor du dir ein Stethoskop um den Hals legst, richtest du ihnen bitte aus, dass deine Eltern so oder so stolz auf dich wären – egal, was die Tradition sagt.“

Es ist an der Zeit, dass die Mädchen in unserer Familie endlich ihren Träumen folgen dürfen, ohne sich dafür schuldig fühlen zu müssen.

Ich war stolz auf meine Eltern: Sie hatten sich endlich gegen traditionelle Normen gewandt. Und dennoch kam es, wie es kommen musste. An meinem 18. Geburtstag bekam ich von Verwandten nämlich kein „Happy Birthday“ zu hören, sondern die gefürchtete Frage: „Und wann heiratest du?“ Meine Onkel und Tanten wurden plötzlich zu meinem ganz persönlichen Tinder und präsentierten mir zahlreiche vielversprechende Junggesellen. Vergeblich. „Ich werde noch lange nicht heiraten“, sagte ich ihnen. „Das heißt aber nicht, dass ich meine Herkunft nicht ehre. Ich finde einfach, es ist an der Zeit, dass die Mädchen in unserer Familie endlich ihren Träumen folgen dürfen, ohne sich dafür schuldig fühlen zu müssen.“ Dafür kassierte ich jede Menge verächtliche Blicke, aber ich wusste genau: Wenn ich nicht irgendwo anfing, würden wir uns nie weiterentwickeln.
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Die Straße eures Lebens ist keine traditionsbedingte Sackgasse.

Wir leben in einer Zeit, in der Frauen in westlichen Ländern inzwischen dazu ermutigt werden, eine Ausbildung oder ein Studium abzuschließen, bevor sie heiraten. Ihnen wird gesagt, sie sollten unabhängig sein und sich nicht auf den Haushalt beschränken müssen. Zwar hört man immer wieder von Frauen, die mit 18 heiraten, aber ist es inzwischen doch irgendwie unüblich geworden – zum Glück. Solche Veränderungen fordern aber eben auch Opfer, und häufig verlangt die Balance zwischen Alt und Neu danach, dass wir unsere Träume hinausschieben oder gleich ganz aufgeben. Doch insbesondere die Generation Z ist bemüht, die Mauer zwischen Tradition und Fortschritt niederzureißen – durch einen offeneren Umgang mit Sexualität, durch mehr politisches Engagement, durch mutige Träume. Und meine jüngeren Cousinen haben jetzt endlich ein Vorbild in der Familie, das ihnen beweist: Ihr könnt mehr sein als Haus- und Ehefrauen, denn die Straße eures Lebens ist keine traditionsbedingte Sackgasse.

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