„Dark Academia“ ist der TikTok-Trend, dank dem du direkt (nochmal) studieren willst

Als sich Deutschland im späten Frühjahr in die soziale Isolation verabschiedete, verließen Schüler*innen und Student*innen im ganzen Land ihre Klassenräume und Vorlesungssäle, ohne zu wissen, wann sie wiederkehren würden. Zwar haben viele Schulen und Unis den Betrieb wieder aufgenommen, doch von einem „normalen“ Prä-Corona-Alltag sind wir immer noch weit entfernt. Und natürlich ist daraus ein neuer Social-Media-Trend entstanden: Dark Academia.
Das ist nicht so düster, wie es klingt. Unter „Dark Academia“ fallen Bilder und Videos, die eine Leidenschaft für Kunst und Wissen romantisieren. Konkret heißt das: hohe Bücherstapel; herbstliche Cord-, Karo- und Tweed-Looks; jahrhundertealte Uni-Campusse, die du selbst nie besuchen wirst; Bibliotheken à la Die Schöne und das Biest, in denen du dich ganz schnell verläufst. Obwohl niemand so genau weiß, wo der Trend eigentlich herkam, verfügt er inzwischen doch über einen eigenen kulturellen Kanon: Donna Tartts Roman Die geheime Geschichte von 1992 ist effektiv die Dark-Academia-Bibel, und filmische Inspiration liefern beispielsweise Der Club der toten Dichter (1989) und Kill Your Darlings – Junge Wilde (2013). Wie auch diese Werke, die dem Trend zugrunde liegen, zeichnet die Dark Academia ein verklärtes, nostalgisches Bild eines Lebens aus, das du selbst (noch) gar nicht gelebt hast: Das des Studiums in den heiligen Hallen uralter Universitäten. 
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Vielleicht träumst du von einem Kunstgeschichte-Studium in Oxbridge, oder von klassischer Literatur in Harvard. Genau diese Träume leben andere nun online aus – und das liebevoll kuratiert und mit viel Aufwand performt, wie du es vielleicht von anderen ästhetischen, studienverherrlichenden Internet-Trends wie beispielsweise #studygram kennst. Für Dark Academia werden simple Aktivitäten zur Online-Performance; so wird dem Lesen auf dem Sofa mit einer Tasse Tee mithilfe eines Sepiafilters, softer Klaviermusik und einer dekorativen Brille der Dark-Academia-Vibe verliehen. Dabei weiß eigentlich jede*r, der oder die selbst schon mal frischgebackene*r Ersti war: Diese künstlerische Version der Uni-Erfahrung entspricht selten der Realität. Dennoch dient Dark Academia im Jahr 2020 all denjenigen, denen die Pandemie einen Strich durch die Studien-Rechnung gemacht hat, als eine Art verträumter digitaler Ersatz. 
Und der kommt gut an: #darkacademia hat allein auf TikTok über 141 Millionen Views und mehr als 250.000 Posts auf Instagram. Ein Ende ist noch nicht in Sicht; schließlich sind wir mitten drin im thematisch gut passenden Herbst. Yazmin How, Redaktionsleiterin von TikTok UK, meint dazu: „Es ist immer inspirierend zu sehen, wie unsere Community einen neuen Trend wie #darkacademia kreiert, formt und verbreitet. Dieser Trend kam erstmals im Sommer auf und feiert jetzt ein Revival; die Inspiration dafür kommt aus allen möglichen Ecken – von der Herbstmode, über das Studium und dem Schauerroman bis hin zu Harry Potter.“ Dabei spielt vor allem das Styling eine große Rolle. Anleitungen gibt es in Form zahlloser Videos und Posts. Bist du noch ganz neu dabei, kannst du dich an den Klassikern orientieren: Tweed-Blazern mit Ellenbogen-Flicken, gestrickten Pullundern, Trenchcoats, Budapestern und Cardigans, Cardigans, Cardigans.
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Viele angehende Student*innen haben gerade den gefühlt längsten Sommer ihres Lebens hinter sich und Dark Academia trifft dabei einen Nerv: Der Traum vom Studium war einst so nah, doch erscheint durch Corona plötzlich unerreichbar. Das Gefühl kennt auch die 16-jährige Yukta. Sie hat einen Instagram-Account, auf dem sie Dark-Academia-Posts teilt. Dabei gehört sie schon zu den alten Hasen; sie stolperte schon vergangenes Jahr über den Trend, der perfekt zu ihrer belesenen Persönlichkeit passte. Andere hingegen sind erst ganz neu dabei. Lauren beispielsweise verknüpft auf TikTok Dark-Academia-Mode mit Harry-Potter-Charakteren und erzählt, dass sie sich zu Beginn des Lockdowns zum Trend hingezogen fühlte, weil er sie irgendwie tröstete. „Diese Ästhetik macht das Beste aus der jetzigen Situation“, sagt sie. „Was ich daran so mag, ist das Mysteriöse, das Unnahbare. An einer Uni in einem verschlafenen kleinen Städtchen klassische Literatur zu studieren ist einfach anders als die durchschnittliche Studienerfahrung.“ Und gerade in diesen unsicheren Zeiten ist es wohl völlig verständlich, sich in Tagträume und romantische Vorstellungen flüchten zu wollen.
Auch der diesjährige Cottagecore-Trend basiert auf Fantasien und dem Wunsch, allem zu entfliehen. Sowohl Cottagecore als auch Dark Academia wenden sich von unserer Realität ab; ihre verklärte Romantisierung ist eine Art kulturelle Gegenreaktion zum politischen Versagen und der scheinbar endlosen Tragödie einer globalen Pandemie. Während sich im Cottagecore allerdings alles um die Schönheit der Natur und die üppige, aber eben auch für viele unerreichbare Pracht der Welt da draußen dreht, punktet Dark Academia vor allem mit ihrer leichten Verfügbarkeit: Alles, was du für dein Dark-Academia-Starterset brauchst, sind ein paar Zopfmuster-Strickpullis und Secondhand-Romane von Jane Austen. Du musst dafür nicht in einem imposanten Landhaus wohnen oder zeitaufwendige Ausflüge ins Umland unternehmen – sondern bloß einen analog angehauchten Filter auf deine Fotos klatschen und im Idealfall eine Leidenschaft für dicke Schmöker haben.
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Wie auch Cottagecore wird der Dark-Academia-Trend aber immer wieder für sein eurozentrisches Elitedenken kritisiert. Wenig überraschend – widmet sich die ganze Subkultur schließlich der historisch weißen Ästhetik des literarischen Kanons der westlichen Welt. Wie auch Cottagecore wird der Trend aber vor allem von jenen zurückerobert, denen der Zutritt zu traditionellen kolonialistischen Institutionen verwehrt wurde. Das sind vorrangig People of Color: 2019 waren nur 22 Prozent der Oxford-Erstsemestler*innen Schwarz, asiatisch oder einer ethnischen Minderheit angehörig. Im Netz hingegen beanspruchen BIPoC den akademischen Ethos und seine Ästhetik für sich. Sumaiyya zum Beispiel leitet einen Buchclub, der sich speziell den Geschichten von Immigrant*innen und Muslim*innen widmet. Sie erklärt: „Dark-Academia-Liebhaber*innen wie ich können [dem Trend] unseren eigenen kulturellen Kontext einhauchen. Deswegen liebe ich diese Subkultur; jede*r kann etwas dazu beitragen und die eigene, ganz persönliche Dark-Academia-Perspektive teilen.“
Die 23-jährige Rachel, die auf Instagram und TikTok unter dem Namen @caffeaulait unterwegs ist, erklärt die Beliebtheit von Dark Academia folgendermaßen: „Durch COVID-19 sehnen sich Student*innen nach dem ‚Uni-Leben‘, das ihnen gerade entgeht. Durch Moodboards und Romane, die den Campus-Alltag verherrlichen, versuchen sie das auszugleichen.“ Doch wird der Trend auch hart für seine verklärte Darstellung von geistiger Gesundheit kritisiert – die dunkle Seite der Dark Academia, meint Rachel.
In Wahrheit wird vielen Studierenden ebenjener romantisierte akademische Druck nämlich häufig zu viel. Vor lauter Ästhetik gerät schnell in Vergessenheit, dass die Literatur, auf der Dark Academia aufbaut – Die geheime Geschichte, Das verborgene Spiel von M. L. Rio oder Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara –, häufig idealisierte und überspitzte Stereotypen nervöser, unglücklicher Student*innen zeichnet. Die Realität sieht hingegen deutlich tragischer aus: Studien haben nachgewiesen, dass die geistige Gesundheit von Studierenden seit etwa einem Jahrzehnt immer weiter leidet. Jede*r fünfte Student*in gab an, psychische Probleme zu haben, und jede*r Dritte klagte laut einer Mannheimer Studie über Einsamkeit. Das überrascht Sumaiyya wenig. Sie sagt, der Dark-Academia-Trend sei definitiv eine „Romantisierung toxischer Gewohnheiten, moralischer Korruption und sogar geistiger Probleme“. Während natürlich keines dieser Themen stigmatisiert werden sollte, sollte es ebenso wenig für eine Ästhetik herhalten müssen. Schließlich nehmen auch nur wenige der Dark-Academia-Inspirationsromane ein Happy End und sollten daher vielleicht eher als abschreckendes Beispiel statt als Lifestyle-Inspiration dienen. 
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Abgesehen davon bietet Dark Academia seinen Anhänger*innen aber eben auch enormen kreativen Freiraum. TikTok-User*innen nutzen den Hashtag, um ihre Fashion-Ideen zu teilen, Literatur zu empfehlen und von akademischen Einrichtungen zu schwärmen. Dabei kommen gleichzeitig auch veraltete Stereotypen unter die Räder: Zwar erinnert die Ästhetik zu großen Teilen an Männermode der 30er und 40er, doch der Fokus liegt eher auf Gender-Fluidität – also dem Aufbrechen von traditionell als „maskulin“ oder „feminin“ geltenden Äußerlichkeiten. Die Basis dafür findet sich auch schon in Romanen wie Ein wenig Leben und Filmen wie Kill Your Darlings: Oft liegen diesen Campusgeschichten explizit oder unterschwellig queere Themen zugrunde, und das haben sich auch TikTok-User*innen zu eigen gemacht.
Viele halten diese Repräsentation allerdings für oberflächlich. Rachel beispielsweise zweifelt am guten Ruf von Die geheime Geschichte; schließlich ist der Roman „geprägt von europäischer Kultur und weißen Charakteren“ und enthalte außerdem „eine ordentliche Portion Rassismus und Homophobie, trotz Queer-Baiting [also meist nur sehr oberflächlicher, oft stereotypischer queerer Repräsentation]“. Und tatsächlich finden viele der Figuren in diesen Geschichten ein tragisches Ende, oft wegen ihrer Sexualität. Das wiederum wirft die Frage auf, ob solche Repräsentation überhaupt wünschenswert sein sollte.
Es ist völlig richtig, Dark Academia wegen der genannten Punkte zu kritisieren. Genauso legitim ist es aber auch, die Ästhetik zu zelebrieren – insbesondere, da sie einer so schwierigen Zeit entsprungen ist und vielen eine Möglichkeit bietet, der tristen Realität zumindest vorübergehend zu entfliehen. Sumaiyya meint: „Das ist eine Möglichkeit für Bücherwürmer und Bibliophile, ihre Lesewut auszuleben und stolz darauf zu sein. Vor allem, wenn sie dafür [in der Schule] gemobbt und ausgelacht wurden.“
Die Pandemie mag Studierenden auf der ganzen Welt einen Stein in den Weg des Strebertums gelegt haben – doch Dark Academia eilte zur Hilfe. Jetzt gerade ist es völlig verständlich, die Welt da draußen zeitweise aussperren und uns in eine Welt der Fantasie und Fiktion flüchten zu wollen; hinein in prachtvolle Paläste des Wissens, der Neugier, Freundschaft und Mode.

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