Bitte hört endlich auf zu fragen, ob ich eine Frau oder ein Mann bin

Als Sam Gee in der zehnten Klasse war, gab der Englischlehrer den Schüler*innen eine einfache Aufgabe: „Wenn ihr Spitznamen habt, schreibt sie auf“. Bisher wurde Gee immer mit „Samantha“ angesprochen, doch mit der Highschool begann ein neuer Lebensabschnitt. Das „pinke Prinzessinenleben“ von früher fühlte sich auf einmal falsch an – genau wie der Name Samantha. Der Spitzname Sam war geboren und die Suche nach der eigenen Genderzugehörigkeit begann.
Sam ist mittlerweile 20 Jahre alt, studiert an der Fairleigh Dickinson University in New Jersey und beschreibt sich selbst als nichtbinär, also als Person, die sich weder als Frau noch als Mann identifiziert. Diese Geschlechtsidentität wirft für Außenstehende oft Fragen auf wie „Bist du ein Junge oder ein Mädchen?“ oder „Bist du nicht vielleicht einfach nur etwas durcheinander?“. Als ob das nicht schon traurig genug wäre, fordert die Trump-Regierung auch noch, dass sich alle Menschen in den USA als entweder weiblich oder männlich definieren.
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Nachfolgend erklären fünf nichtbinäre Personen inklusive Sam, wie sie mit unangebrachten Fragen und neugierigen Blicken umgehen. Außerdem erzählen sie, wie ihnen Make-up dabei hilft, der Welt ihr wahres Ich zu zeigen.
Photographed by Savana Ogburn.
Jostyn Ferreira, 19, Künstler*in:
Ich bin aus der Bronx und habe mir wegen meines Aussehens immer Sorgen um meine Sicherheit gemacht. Als ich 16 war, wechselte ich von einer Schule, auf der ich jeden Tag gemobbt wurde, zur Harvey Milk High School. Dort gab es eine wundervolle Vertrauenslehrerin, die zu mir sagte: „Es ist okay anders zu sein. Es ist okay, wenn du dich mit keinem Geschlecht identifizieren kannst“. Für mich war das der Wendepunkt und ich fing an, mich durch meine Kleidung auszudrücken. Im September trug ich noch weiße T-Shirts und Sneaker, im November ging ich im Crop Top und Plateauschuhen zur Schule. Ich hatte das Gefühl, zum ersten Mal richtig atmen zu können.
Leute fragen mich ständig „Bist du einfach nur durcheinander?“ oder „Was bist du jetzt? Ein Junge oder ein Mädchen?“. Ich habe das satt. Ich meine: Wer legt denn bitte fest, was männlich ist? Gibt es ein Buch, das bestimmt, was feminin und was maskulin ist? Habe ich die Infomail nicht bekommen?
Früher gab es niemanden, der wie ich im Rock oder Kleid durch die Sozialbauten in meiner Nachbarschaft lief. Ich finde, das muss sich ändern. Ich möchte jemanden inspirieren. Eines Tages will ich das Vorbild für eine andere queere Person of Color sein. Denn alles, was nötig ist, ist eine Person. An all die Kids, die Angst haben, sie selbst zu sein: Vergesst nie, alles braucht ein bisschen Würze.
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Ich bin... eine menschliche Bratz-Puppe. Ich bin ein Bösewicht. Ich bin ein Buch, das niemals endet. Und ich bin neugierig, was das nächste Kapitel für mich bereithält.
Photographed by Savana Ogburn.
Sam Gee, 20, Studierende*r:
Bis vor kurzem wusste ich nicht wirklich, warum ich mich immer von meinem Namen distanziere. Meine Freundin sagte „Mir ist aufgefallen, dass du dich ab und zu mit maskulinen Dingen wohler und dich manchmal nicht so weiblich fühlst“. Und dann fragte sie, ob ich mich wohler fühle, wenn ich mit Sam angesprochen werde, weil es nicht eindeutig männlich oder weiblich ist. Das war das erste Mal, das ich mit jemanden darüber sprach.
Mich als nichtbinär identifizieren zu können, hilft mir dabei, mich wohler in meiner eigenen Haut zu fühlen – egal wie ich mich kleide oder style. Ich habe keine Angst mehr davor, einen bestimmten Look zu haben. Wenn jemand denkt, ich wäre eine Frau, nur weil ich ein Kleid trage, ist mir das egal. Ich kann mich schminken, High Heels anziehen und mit meinem pinkfarbenen Millimeterhaarschnitt rausgehen und tief im Inneren trotzdem wissen: Ich bin nicht weiblich, sondern nichtbinär. Ich bin nicht das, was andere als „klassisch schön“ bezeichnen würden. Aber das muss ich auch nicht sein. Ich bin meine eigene Version von schön.
Ich bin... mitfühlend und leidenschaftlich. Ich bin kreativ. Ich bin anders. Ich bin das, von dem andere denken, ich wäre es nicht.
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Yên Nguyen, 27, Freelance Moderedakteur*in und Stylist*in
So wirklich beschäftige ich mich eigentlich erst seit meinem Schulabschluss mit dem Thema Gender. Ich fing an, mehr mit meiner Kleidung zu experimentieren und mein Look wurde androgyner. Als sich Menschen wie Hari Nef und Laverne Cox outeten und eine riesige Trans*revolution in den Medien begann, fing auch ich langsam damit an, mein wahres Ich zu zeigen. Der digitale Wandel war sehr inspirierend für mich und half mir dabei, meine eigene Geschlechtsidentität mehr zu erforschen.
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Es fiel mir schon immer schwer, mich mit einem Geschlecht zu identifizieren. Ich sah mich selbst als eine Person außerhalb dieser Schubladen. Als ich dann zum ersten Mal von Begriffen wie genderfluid und nichtbinär hörte, war das wie eine Erleuchtung. Mir werden immer noch viele Fragen gestellt wie „Was bist du denn nun: ein Mann oder eine Frau?“. Früher war es sehr schwer für mich, darauf zu antworten. Meistens sagte ich dann einfach „Na ja, ich bin ein Mensch“. Heute kann ich mich mit einem einzigen Wort beschreiben. Es fühlt sich fantastisch an, endlich zu wissen, wer ich bin.
Ich bin... eine asiatische trans* Göttin. Ich bin eine schöne, starke, furchtlose Person, die stolz darauf ist, wer sie ist und hoffentlich andere dazu inspiriert, ihr bestes Leben zu leben.
Photographed by Savana Ogburn.
Maya Kotomori, 19, Studierende*r/Model
Ich habe mich schon immer gefragt, was mein Gender ist. Und als mir dann ein*e wirklich gute*r Freund*in an der Uni vom Begriff „nichtbinär“ erzählte, dachte ich: Na ja, ich mag „Mädchenkram“ und ich sehe wie ein Mädchen aus. Also kann ich mich doch nicht als nichtbinär identifizieren, oder? Aber je mehr Zeit ich in New York verbrachte, desto mehr wurde mir bewusst: Nichtbinär zu sein, hat nichts mit einem speziellen Look zu tun.
Noch fühle ich mich nicht zu 100 Prozent wohl damit, zu sagen, dass ich eine nichtbinäre Frau bin. Aber ich hatte auf jeden Fall schon Momente, in denen ich festgestellte habe, dass es sich falsch anfühlt, mich als Cis-Frau zu identifizieren. Das ist auch einer der Gründe, warum ich mir die Brüste verkleinern lassen habe. Ich hatte ein G-Körbchen, Rückenschmerzen und litt unter einer Geschlechtsidentitätsstörung. Die OP ist definitiv ein wichtiger Teil meiner Genderreise gewesen.
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Außerdem experimentiere ich mit meinem Aussehen und habe mir im Januar die Augenbrauen bleichen lassen. Ich war immer „Maya mit den Augenbrauen“. Irgendwann dachte ich Was, wenn ich „Maya ohne Augenbrauen“ wäre? Abrasieren wollte ich sie nicht, also ließ ich sie weiß färben. Vielleicht klingt es paradox, denn eigentlich habe ich das machen lassen, weil ich nicht wollte, dass mich meine Augenbrauen definieren. Jetzt definieren sie mich zwar immer noch, aber auf meine Art und Weise. Wenn du nicht wie ein menschliches Genderfragezeichen aussiehst, gehen die Leute immer davon aus, man sei cis. Aber in Wirklichkeit können nichtbinäre Personen so aussehen, wie sie wollen und das machen, was sie wollen.
Ich bin... vielleicht noch nicht am Ende meiner Reise angekommen, aber ich stehe zu mir. Wenn du damit nicht klarkommst, dann ist das dein scheiß Problem.
Photographed by Savana Ogburn.
Tristan Fox, 22, Model
Mit 19 ging ich in einen LGBT-Club auf dem Campus der NYU. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir der Begriff „nichtbinär“ komplett unbekannt – als ich davon hörte, wollte ich allerdings sofort mehr darüber wissen. Ich hatte jetzt keinen Aha-Moment oder so, aber ich begann, nachzudenken. Irgendwann wurde mir bewusst: Mir ist definitiv nicht wohl dabei, wenn Leute mich für männlich halten.
Meine Familie ist altmodisch und die Gegend, in der wir wohnen, sehr konservativ. Deshalb hat es auch lange gedauert, bis ich all die Dinge, dir mir über die Jahre beigebracht und antrainiert wurden, wieder ablegen konnte. Dazu zählen beispielsweise bestimmte Verhaltensweisen wie Frauen bei Sachen zu helfen, die sie auch problemlos alleine schaffen – sie sind nämlich nicht so schwach, wie es einige denken. Als ich realisierte, dass ich nicht männlich sein muss, dachte ich: Scheiß drauf.
Mittlerweile habe ich das Gefühl, langsam meinen Platz im Leben zu finden. Vor etwa einem Jahr habe ich angefangen, mit Make-up zu experimentieren, allerdings habe ich dabei immer noch gemischte Gefühle. Wenn ich in den Spiegel sehe, denke ich: Ich liebe es, aber ich muss mich abschminken, bevor ich das Haus verlasse. Sonst fühle ich mich komplett unwohl, denn die Leute werden mich anstarren. Ich habe keine Lust, eine halbe Stunde vor dem Spiegel stehen zu müssen, damit mich andere als die Person sehen, die ich bin. Ich möchte, dass man mich auch so wahrnimmt. Manchmal bin ich frustriert, denn das Konzept von Geschlecht fühlt sich wie ein Gefängnis an. Aber manchmal macht es mir auch einfach Spaß, mir Herzchen und Sterne aufs Gesicht zu malen. Ich versuche immer noch herauszufinden, wer ich bin. Aber jetzt in diesem Moment fühle ich mich frei.
Ich... arbeite noch an mir und versuche zu rennen, bevor ich laufen kann.

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