News aus Cambridge: Unsere Libido ist vom Aussterben bedroht & Netflix ist schuld

Foto: Natalia Mantini.
Es scheint, als wäre die Euphorie um „Netflix and Chill“ deplatziert. Netflix hat uns nett angefixt und jetzt chillen wir mehr als uns lieb ist. Wir sprechen hier von einer Gemütlichkeit, die auch die Chipskrümel auf deinem Jogger umfasst. Abhängen, aber so richtig. Selbst, wenn unsere bessere Hälfte halbnackt neben uns liegen sollte, ist es sehr viel wahrscheinlicher, dass wir beide mit offenem Laptop auf dem Schoß einfach einschlafen, anstatt es krachen zu lassen. Aus dem Trott herausreißen und umhauen kann uns an so einem Abend höchstens die anstehende Not-OP im Grey Sloan Memorial Krankenhaus.

So sieht es zumindest aus, wenn man David Spiegelhalter, Professor und Statistiker der Cambridge Universität, glaubt. Er macht den vorherrschenden Trend des Binge-Watching sämtlicher Serien für unseren Mangel an Sex verantwortlich. Und zuerst dachten alle: „Ach Quatsch, David, wir vögeln die ganze Zeit“. Aber dann dämmerte es uns, „Oh, nein, warte mal. Ich glaube, ich habe 24 wirklich in 24 Stunden gesehen und mir sind Kit Harringtons Gesichtszüge wesentlich präsenter im Gedächtnis als die meines Freunds. Und ähm, ich freue mich tatsächlich mehr auf Versailles als aufs Wochenende...“. Verdammt, Spiegelhalter, du könntest vielleicht sogar Recht haben!

Laut Spiegelhalter konnte man in der prähistorischen, kabellosen Ära der 90er um 23 Uhr zwischen Wiederholungen von Frasier und Alle Lieben Raymond (niemand hat diese Serie jemals geliebt, nur um das mal klarzustellen) oder eben wildem Sex wählen – und die Wahl fiel seines Erachtens öfter auf letzteres. Er erklärt, dass ein Paar damals durchschnittlich fünf Mal im Monat Sex hatte. Das klingt schon nach sehr wenig? Finden wir auch. Aber diese Zahl scheint mit jedem Jahr in noch bodenlosere Tiefen zu verschwinden, als wir es uns erträumen: 2010 waren es nur noch laue drei Mal, laut einer Statistik des National Survey of Sexual Attitudes and Lifestyles.
Auf dem diesjährigen Hay Festival, auf dem Spiegelhalter sein Buch Sex By Numbers vorstellte, diskutierte er die stetig inniger werdende Beziehung zwischen Mensch und iPhone oder Tablet, und stellte ihr die Beobachtung gegenüber, dass der Bedarf nach sexuellen Höhepunkten ebenso gleichmäßig abzunehmen scheint. „Ich glaube, es ist der Reiz des Netflix Box Sets,“ so Spiegelhalter. „‚OMG. Ich muss die gesamte zweite Staffel von Game of Thrones auf einmal sehen.‘ Es ist diese massive Vernetzung, das kontinuierliche Checken des Telefons, ganz besonders auffällig im Vergleich zu unserem Verhalten von vor nicht allzu langer Zeit, als das Fernsehen um 22:30 Uhr Schichtschluss hatte und man sich anderweitig beschäftigen musste.“ Dann stellte er mal eben eine Zukunftsprognose auf: „Wir werden uns bis 2030 so entsexualisiert haben, dass wir dann mit großer Wahrscheinlichkeit gar keinen Sex mehr in Partnerschaften haben werden.“

Wenn dich deine Tinder-Bekanntschaft also das nächste Mal fragt, ob ihr euch nicht mal wieder zum „Besprechen der letzten GoT-Folge“ treffen wollt, solltest du deinen Zynismus ab- und diesen schrägen Jogginganzug anlegen. Oder vielleicht auch nicht...

Übersetzt von: Rea Mahrous.

Wir werden uns bis 2030 so entsexualisiert haben, dass wir dann mit großer Wahrscheinlichkeit gar keinen Sex mehr in Partnerschaften haben werden

David Spiegelhalter
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