Die nackte Wahrheit kann wehtun: Als meine Freundin Leo Bartsch fragte, ob ich mich schäme

Billig, geldgeil, famegeil – ich wollte sie unbedingt vor solchen verletzenden Adjektiven beschützen und habe ihr am Ende aber selbst wehgetan...

„Ich muss dir unbedingt was sagen" lauteten die verheißungsvollen ersten Worte meiner Freundin, als sie eines Sonntags nervös vor meiner Tür stand. Ihr zweiter Satz „Setz dich lieber" klang auch nicht weniger beunruhigend. Es war also klar, dass sie mir gleich etwas sagen würde, das mich schockt, mir zumindest nicht gefällt, mich verletzt, mich traurig macht – vielleicht auch all das zusammen. Die gute Nachricht: Sie ist weder krank, noch hat sie ein Verhältnis mit meinem Freund. Die schlechte ist, dass sie eine Entscheidung traf, die ich absolut nicht verstehen kann, die mir unangenehm ist und unsere Freundschaft auf die Probe stellen sollte: Meine Freundin ist Leo Bartsch. Vor kurzem sah man sie nackt im Fernsehen, in der RTL-Show „Adam sucht Eva – Promis im Paradies". Das ist die Kuppelshow, in der Kleidung nicht vom Eigentlichen ablenken soll. Nun FKK-daten Prominente für Geld auf der Insel mit.

Es ist ihr Leben, ihr Körper und ihre Entscheidung: Und trotzdem schmerzt es mich, dass sie ihr Intimstes auf diese Weise für alle sichtbar macht und sich mit einer Aktion für immer verbrennen kann. Dass sie diesen Stempel eventuell nie wieder von der Haut bekommt, dass sie sich einreiht in eine Liga von Frauen, die ihre Berühmtheit Affären mit bekannten Männern verdanken. Ich kenne die anderen Frauen nicht und möchte sie auch nicht verurteilen, aber ich kenne Leo. Seit sechs Jahren sind wir enge Freunde, seit sechs Jahren weiß ich, wie sehr sie gegen das Casting-Show-Image gekämpft hat. Sie war 18 als sie das erste Mal bei Popstars mitgemacht hat, 20 als sie dann in die Band „Queensberry" kam. Was viele nicht wissen: Sie studiert heute Literatur- und Medienwissenschaften, sie arbeitet hart, mit zwei Jobs parallel und Auftritten als Sängerin. Ich weiß, wie fleißig, liebenswert und klug sie ist. Genau aus diesem Grund mache ich dieses Fass auf.

Dass wir in diesem Punkt nicht konträrer denken könnten, hat uns beide sehr mitgenommen und verletzt. Sie, weil sie von mir nicht die Unterstützung bekommen hat, die sie sich gewünscht hat. Mich, weil ich enttäuscht von ihr war. Und weil ich mich selbst immer frage: Bin ich eine schlechte Freundin? Hätte ich sagen müssen: Ich steh hinter dir, egal was du tust? Hätte ich nicht darüber nachdenken dürfen, was andere Menschen nun über sie sagen werden?

Immer wieder haben wir in der Vergangenheit über ihre Anfragen vom Dschungelcamp gesprochen. Im Scherz sagte ich ihr einmal leichtzüngig, dass ich ihr die Freundschaft kündigen werde, sollte sie sich in Australien erniedrigen lassen. Jetzt hat sie sich auf die Nacktnummer eingelassen – was ist jetzt besser?

Nach einigen Wochen Fast-Funkstille haben wir beschlossen, unser kritisches Zwiegespräch zu veröffentlichen. Was nun kommt, ist also kein normales Interview, es ist vielmehr Auseinandersetzung und Annäherung zugleich. Weil wahre Freundschaft ausgetragen werden muss, weil - Achtung, Spoiler – wir nur danach wieder sein konnten wie vorher...

Ich dachte erst, du machst Witze. Ich versteh es wirklich nicht, bitte erklär mir, warum du bei dieser Show mitgemacht hast?
Ich hab mich nie da gesehen und das Ganze forciert, aber als das Angebot reinkam, hat es mich direkt gereizt. Ich höre immer auf meinen Bauch und ich hatte von Anfang ein positives Gefühl. Meine Intuition hat mir gesagt, dass ich darüber nachdenken soll. Ich hab mich gefragt: Was spricht dagegen?

Alles!? Wo soll ich nur anfangen?
Das stimmt nicht. Sieh es mal so: Moralisch finde ich das Format vertretbar, weil es nicht darum geht, die Schwächen von Menschen bloßzustellen. Es geht vielmehr darum, bei sich und seinem Körper zu sein. Jeder Teilnehmer, hat die Entscheidung getroffen, nackt zu sein und kann das mit sich vereinbaren. Ich kann das auch.

Du reduzierst dich in dieser Show selbst auf deinen Körper.
Ich würde das so nicht sagen, weil ich meine Nacktheit nicht als etwas Sexuelles oder Falsches sehe, sondern als etwas Natürliches. Ich reduziere mich auf mich selbst und zeige mich wie ich bin. Ich zeige mich in meiner Imperfektion.

Das ist ein schöner Ansatz, aber ist RTL der richtige Sender und das die richtige Show, um deine Message rüberzubringen?
Wahrscheinlich nicht. Natürlich würde ich mir von Herzen wünschen, dass es so ein Format auf ARTE oder Phoenix geben würde. Aber ich habe das Angebot von RTL bekommen! Ja, vielleicht wird die breite Masse der Zuschauer das nicht so auffassen, wie ich das meine. Das ist auch okay, das ist eine Unterhaltungsserie. Ich bin mir auch bewusst, dass ich mich da auf ein Format einlasse, dass als trashig eingestuft wird. Ich glaube aber dennoch, dass es für mich eine Möglichkeit ist, eine positive Erfahrung zu sammeln.

Damit bist du jetzt offiziell Z-Promi. Du positionierst dich meiner Meinung nach falsch.
Das ist mir egal, wie ich mich positioniere. Weil das nicht meine Intention ist. Ich will mich zeigen, wie ich bin und dazu habe ich so das erste Mal seit zehn Jahren die Chance. Vorher habe ich mich oft in dieser Branche verbogen. Ich glaube in Bezug auf dieses Gerede und die Einstufung von anderen habe ich nichts mehr zu verlieren. Ich bin eh schon abgestempelt als Casting-Sternchen und das trage ich mein Leben lang mit mir rum. Ich denke, es ist wichtig das zu machen, was sich für einen selbst richtig anfühlt und nicht darauf zu hören, was die Öffentlichkeit dazu sagt.

Du hast mit deinem Studium in Literatur- und Medienwissenschaften hart dafür gearbeitet, deinen Casting-Stempel wegzuwischen oder andere Perspektiven zu schaffen. Diese Mühe machst du damit doch wieder zunichte.
Ich habe mich in den letzten Jahren auf etwas anderes konzentriert, ich habe nicht darauf gewartet, dass noch irgendwas im Showgeschäft für mich geht. In der Zeit habe ich gemerkt, dass mir das alles nichts mehr bedeutet. Und wenn man sich erst mal davon losgelöst hat, kann man befreit bei so etwas mitmachen und kann mit beiden Mittelfingern oben seinen Hintern in die Kamera halten. Alle die 'was dagegen haben, können mir gerne ein Küsschen darauf geben. Es macht mich nicht weniger schlau oder perspektivloser, dass ich bei „Adam sucht Eva" mitmache.

Ein Küsschen auf den Hintern? Soll ich dir etwa nicht ehrlich meine Meinung dazu sagen?
Jeder kann seine Meinung dazu haben und kann sie auch äußern. Es ist mir auch nicht egal, vor allem was meine Freunde und Familie sagen. Ich bin überzeugt davon, dass Freundschaften von Ehrlichkeit leben und ich glaube, dass man durch den Dialog, den wir auch gerade führen, alles überwinden kann. Man kann sich trotzdem unterstützen, auch wenn man nicht einer Meinung ist oder etwas scheiße findet, was der andere macht. Oder nicht?
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Es wäre gelogen zu sagen, dass das nichts an der Sicht auf dich verändert hat. Weil ich dich zu klug für so einen kleinen Funken falscher Aufmerksamkeit gehalten habe.
Ich bin zu klug, um ein gutes Angebot einfach so abzulehnen. Wenn ich weiß, dass es mir Dinge ermöglicht, die ich absolut und bedingungslos brauche, um glücklich zu sein und in Freiheit zu leben.

Also sind wir ehrlich: Hast du es des Geldes wegen gemacht?
Tun wir nicht alle eine Menge Dinge wegen des Geldes? So läuft die Welt und das Wirtschaftssystem, in dem wir leben. Du weißt: Ich bin kurz davor, meinen Bachelor in Literatur- und Medienwissenschaft abzuschließen. Ich habe mich die letzten drei Jahre meinem Studium gewidmet und nebenbei in drei verschiedenen Jobs gearbeitet: als Sängerin und Songwriterin, bei einem lokalen Radiosender und in einer PR- und Küstlermanagement-Agentur. Ich brauchte das Geld nicht. Aber ich WOLLTE es. Weil in manchen Fällen Geld Freiheit kaufen kann, zum Beispiel in Form eines original '91er Baujahr T4 VW Campingbusses oder eines „around the world“-Tickets. Dennoch hätte ich das Format nie gemacht, wenn ich nicht noch andere Beweggründe hätte außer das Finanzielle.

Du hast vorhin die Imperfektion angesprochen. Warum siehst du die Teilnahme als eine Art körperliche Rebellion?
Für mich ist die Teilnahme ein absoluter Befreiungsschlag. Es war sicherlich auch ein Grund, der Welt zu zeigen, dass man nicht Größe XS tragen muss, um seinen Körper zeigen zu dürfen. Vor allem wollte ich mir das selbst richtig beweisen.

Das sehe ich auch so, trotzdem kannst du dich auf fiese Kommentare gefasst machen.
Natürlich. Dadurch, dass ich alles von mir gezeigt habe, bin ich verwundbarer als jemals zuvor. Aber: Ich weiß zu 100 Prozent, dass es das für mich wert war. Ich muss mich für nichts schämen und ich habe kein Problem mit meinem Körper, sondern mir haben immer Menschen eingeredet, dass ich ein Problem mit meinem Körper haben sollte. Ich will ausdrücken, dass man verdammt nochmal das Recht hat, sich auszuziehen und sich nicht durch die Gesellschaft einschränken lassen muss. Ich habe keine Showgschäft-Maße mehr, na und? Ich wünsche mir, dass ich ein paar Frauen ermutigen kann, auch zu sich zu stehen. Ich bin endlich an den Punkt gekommen, an dem ich ich mich so akzeptieren kann. Dafür bin ich dankbar.

Hast du wirklich gehofft, dadurch den Partner fürs Leben zu finden?
Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass aus jeder Begegnung etwas Schönes entstehen kann. Es gibt natürlich keine Garantie, aber ich glaube man kann immer hoffen, Liebe zu finden.

Wenn man dich googelt, wird es in Zukunft Nacktbilder von dir geben. Das wird dir in den verschiedensten Bereiche Steine in den Weg legen...
Das kann schon sein, ich bin es aber sowieso gewohnt, Hindernisse zu überwinden und das werde ich auch in Zukunft so halten. Ich hoffe, dass wir alle in 2016 so tolerant sind, dass es nicht zu skandalös eingestuft wird. Ich glaube, dass wir zu diesen Zeiten größere Probleme haben als meine Nacktheit. Ist es nicht schlimmer, dass die AfD in Berlin 14 % bekommt? Das sind Dinge, über die ich mir wirklich Sorgen mache.

Klar. Aber die AfD ist sowas von nicht meine Freundin. Im Ernst, glaubst du nicht auch, dass zukünftige Arbeitgeber das ansprechen könnten?
Auch hier kann ich nur an Offenheit appelieren, weil ich nicht denke, dass die Teilnahem einer Fernsehshow meine Qualifikation oder mein Talent schmälert. Mir ist es vor allem wichtig, weiter zu lernen und zu reisen. Die Welt kennen zu lernen und darüber zu schreiben und Musik zu machen, die Menschen erreicht, vielleicht weiter zu studieren und selbst einmal zu lehren. Ich vertraue darauf, dass mich mein Leben in die richtige Richtung führt. Und ich auf die Leute treffe, die auch mit diesem Punkt in meinem Leben klar kommen.

Findest du mich intolerant?

Am Ende weiß ich, dass du mich beschützen willst. Ich wünsche mir aber, dass du auf mich und meine Entscheidungen vertraust. Es hat auch damit zu tun, wie man Nacktheit selbst für sich einstuft. Und ich bin natürlich ein kleiner Hippie, das haben mir meine Eltern mit auf dem Weg gegeben. Nackt sein war für mich nie etwas Schlimmes. Im Gegenteil: Es ist ein Ausdruck von Einklang mit mir und meiner Umwelt. Die Vorstellung, dass ich dir peinlich bin, ist nicht schön. Sag ehrlich: Schämst du dich für mich?

Billig, geldgeil, famegeil – sollte ich diese verletzlichen Adjektive hören, weiß ich jetzt, was ich darauf antworten kann.

Ich schäme mich unter oberflächlichen Gesichtspunkten. Ich schäme mich, Leo nun immer wieder ins richtige Licht rücken zu müssen und ich schäme mich für die Blicke und die Abstufung, die sie nun erfährt und nicht verdient. Nach der Frage der Scham, haben Leo und ich uns lang umarmt. Es fühlte sich so an, als wäre nun alles gesagt. Auch wenn ich abgesagt habe, die erste Folge mitzugucken, haben wir uns zum Spazierengehen verabredet. Im Herbstmantel.
Ab sofort schreibt Leo auf ihrem Blog nakedandalive.com über ihre Reisen und Abenteuer des Lebens.
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