#FragR29: Warum wollen wir immer das, was wir nicht haben können?

Foto: Sophia Giesecke
Es ist total absurd, geradezu bekloppt, möchte man sagen. Aber es ist leider so, dass ich immer genau das haben möchte, was ich nicht haben kann. Nicht nur ich, eigentlich geht es ziemlich vielen Personen so. Wenn ich in einer Beziehung bin, sehne ich mich nach Zeit für mich und wenn ich niemanden habe, dann will ich am liebsten ganz schnell wieder eine Beziehung haben, weil mir die Nähe fehlt. Habe ich einen festen Job, träume ich von den Freiheiten, die das Leben als Freelancerin bietet und jetzt als Freelancerin wünsche ich mir sehr oft die Sicherheit der Festanstellung zurück. Wenn ich zu Hause bin, dann will ich reisen und wenn ich reise, dann habe ich Heimweh.
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Es scheint fast so, als sei das Gras auf der anderen Seite des Zauns immer mindestens doppelt so grün und das, was wir haben, ist nur so vertrocknetes Gestrüpp, das dringend, aber wirklich sehr dringend, entsorgt werden sollte. Dieses Phänomen fängt schon im frühen Kindesalter an. Das Spielzeug der anderen ist immer viel spannender, aber wenn man nach ganz viel Terz und Gebrüll dann endlich jenes ersehnte Spielzeug hat, ist es plötzlich gar nicht mehr so interessant. Dieses Streben nach dem anderen fängt im Kleinen an, wenn wir zum Beispiel im Restaurant das Essen unserer Tischnachbarin viel spannender finden als das, was wir uns bestellt haben und kann unendlich weitreichend sein, wie wenn wir an grundlegenden Lebensentscheidungen zweifeln, zum Beispiel an unserer Beziehung oder der Arbeitssituation.

Der Motor, der uns antreibt

Es ist ja so, dass so eine Unzufriedenheit oder das Streben nach etwas ganz anderem wahnsinnig motivierend sein kann, denn es bietet die Möglichkeit sich ständig zu verändern oder zu verbessern. Wenn es wirklich mehr da draußen gibt, ist Stillstand nämlich nicht unbedingt optimal – und das bringt einen automatisch in Bewegung, was ja nicht unmittelbar schlecht ist. Man kann diese Unzufriedenheit also durchaus in etwas Positives umwandeln, allerdings muss man dafür in die Aktion treten, denn nur vom Meckern wird's nicht besser. Wenn wir uns dazu motivieren können, diesen Wünschen wirklich nachzugehen, neue Dinge zu lernen, neue Länder zu bereisen oder uns endlich mal darum zu kümmern eine glückliche Beziehung zu führen, dann hat diese Unzufriedenheit etwas bewirkt, sie hat unser Leben besser gemacht. Aber was ist, wenn wir alle Hebel in Bewegung gesetzt und uns eben jene Träume erfüllt haben, nach denen wir so lange schmachteten und dann voller romantischer Verklärtheit auf unser altes Leben blicken und uns eben jene Zeiten zurückwünschen?
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It's a Hard Knock Life

Ich verrate dir jetzt ein kleines Geheimnis: Das Leben ist verdammt schwer. Es ist für absolut niemanden leicht, wirklich nicht. Sogar Kylie Jenner hat's manchmal schwer, denn die Gute steht unter echt viel Druck ständig Perfektion abzuliefern. Okay, im Lamborghini weint es sich wesentlich komfortabler als in der U-Bahn, aber du weißt schon, was ich meine. Wenn du also wirklich hart daran gearbeitet hast oder sehr mutig warst und deine Ziele erreicht hast und dann sehnst du dich plötzlich nach deinem alten Leben, dann heißt das, dass du 1. dein altes Leben romantisierst und die Unzufriedenheit von damals ausblendest und 2. du kapiert hast, dass das Gras auf der anderen Seite des Zauns eben doch nicht ganz so strahlend grün ist, wie erhofft. Wahrscheinlich ist es nicht mal hellgrün, aber sehr viel grüner wird's woanders auch nicht. Es wird vermutlich einfach nur einen anderen Grünton haben. Das Ding ist ja, dass uns durch Werbung und den Kapitalismus ständig das perfekte Leben vorgegaukelt wird: Pures Glück ist erreichbar, es ist eine reale Sache, die so existiert und die man, wenn man sich ganz doll anstrengt oder ganz viel Segen und Geld hat, wirklich erreichen kann. Und natürlich kann man sich im direkten Vergleich immer sowohl auf- als auch abwärts vergleichen. Du wirst immer jemanden finden, dem oder der es schlechter geht als dir. Aber hier geht es erst einmal darum, nicht immer das zu wollen, was du jetzt aktuell nicht hast – ganz losgelöst von Vergleichen und dem, was andere haben oder nicht haben. Es geht darum, dass wir das Andere, das Unerreichbare grundsätzlich als Maßstab aller Dinge nehmen, was ehrlich gesagt nicht nur verblendet, sondern oftmals auch undankbar und auch für eine*n selbst schädlich ist. Es nimmt dir nämlich die Sicht auf wirklich wichtige Dinge, wie ehrliche Bedürfnisse und realistische Life Goals, die dir zumindest zeitweise das Gefühl von Glück geben können.

Hätte, hätte, Fahrradkette

Wenn ich eine andere Beziehung hätte, dann wäre ich glücklich. Wenn ich einen anderen Job hätte, dann würde es mir besser gehen. Wenn ich einen anderen Körper hätte, dann wäre ich endlich sorglos. Unerreichte oder gar unerreichbare Ziele verantwortlich für das eigene Glück zu machen, ist eine großartige Methode, wenn man langfristig unglücklich sein möchte. Wir belügen uns mit diesen Ausreden, unser Leben sei viel besser, wenn wir dies oder jenes hätten. Und weil das eben nicht erreichbar ist oder wir es jetzt in diesem Moment nicht haben, können wir ja auch nicht glücklich sein, logisch. Darüber hinaus ist es auch, wenn man ganz ehrlich zu sich selbst ist, gar nicht so einfach herauszufinden, was man wirklich will. Außerdem kommt noch erschwerend dazu, dass der Mensch an sich tendenziell ein eher träges Wesen ist, das sich gar nicht mal so gut auf Veränderungen einlassen kann und will. Also lieber meckern, träumen und alles beim Alten lassen? Nicht ganz, denn wie weiter oben im Text bereits erwähnt, kann so eine latente Unzufriedenheit auch sehr motivierend wirken. Das Träumen von einem besseren, anderen Leben kann eine super Zuflucht sein, um sich den Alltag etwas erträglicher zu gestalten, aber du solltest dich niemals darauf ausruhen und in die Resignation driften, sondern in die Aktion treten, mutig sein und wenn etwas nicht klappt, ja dann darfst du ruhig auch mal meckern. Es ist nun mal so, dass Glück und Zufriedenheit vor allem bei dir selbst anfängt, nämlich bei der allzu oft besungenen Selbstliebe. Nur wenn du lieb zu dir bist und auf dich und deine Bedürfnisse hörst, kannst du dir realistische Ziele setzen und dieses irrationale Streben nach dem ewig Unerreichbaren endlich hinter dir lassen. Und hey, wenn du ganz lieb fragst, dann lässt dich dein Tischnachbar im Restaurant vielleicht von seinem Teller probieren. Little Steps.
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