Warum sind wir besessen von Teeniefilmen, obwohl wir erwachsen sind?

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Save The Last Dance
Ich muss etwas gestehen: Ich schaue mir regelmäßig Teeniefilme an. Save The Last Dance war, nicht nur als ich jünger war, einer meiner Lieblingsfilme – auch heute zählt er noch zu meinen absoluten Favoriten. Dank ihm habe ich mehr über diese „Liebe“ gelernt, als mir in dem Moment lieb war. Genauso wie über die damals total zeitgenössischen Spannungen in Beziehungen, bei denen die Partner*innen unterschiedlicher ethnischer Herkunft sind. Abgesehen davon habe ich eine Schwäche für Tanzeinlagen und Choreografien. Aber das nur am Rande.
Jahrzehnte nachdem sie im Kino liefen, gehören Clueless – Was sonst!, 10 Dinge, die ich an dir hasse, Club Girls – Vorsicht bissig!, Girls United und Co. immer noch zu den Filmen, zu denen ich im Zweifel greife. Als ich sie das erste Mal gesehen habe, fühlte es sich so an, als seien sie unendlich weit weg von meiner eigenen Realität. Mit der aktuellen Millennialkultur gibt es jedoch überraschend viele Überschneidungen, weshalb sie meiner Meinung nach auch immer noch relevant sind. Ich bin auf jeden Fall nicht aus ihnen herausgewachsen und ich glaube, so geht es vielen.
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Foto: Netflix/Kobal/Shutterstock
To All The Boys I Loved Before
Und ich muss sagen, auch die neuen Teeniefilme begeistern mich (falls du Booksmart, Eighth Grade, The Sun Is Also a Star, See You Yesterday und The Perfect Date noch nicht gesehen hast, solltest du das so schnell wie möglich nachholen!). Obwohl ich längst erwachsen bin, liebe ich Coming-of-Age-Geschichten, die sich eigentlich an jüngere Generationen richten. Ich liebe den schonungslos ehrlichen Ansatz, den die Netflix-Serie Sex Education verfolgt und die Art und Weise, wie sie Beziehungen zwischen Teenagern thematisiert. Ähnlich ist es bei To All The Boys I Loved Before, der übrigens für ein unglaublich hohes Engagement in den sozialen Medien sorgte und das zeigt, dass ich mit meiner Leidenschaft nicht alleine dastehe. Auch einige R29-Kolleg*innen und meine Mitbewohnerinnen stehen auf Rom-Coms mit jugendlichen Darsteller*innen – letztere besonders an Kater-Sonntagen. Aber warum sind wir auch im Erwachsenenalter so besessen von Filmen, die sich eigentlich an Teenager richten?
Schließlich ist die Handlung in neun von zehn Fällen komplett vorhersehbar: Ein superintelligentes Mädchen verliebt sich in den beliebtesten Jungen der Schule, der sie allerdings erst nicht wahrnimmt. Am Ende (nach dem Umstyling) verliebt er sich dann aber natürlich doch in sie.
Und trotzdem tauchen wir unglaublich gern in das US-amerikanische Highschool- oder Uni-Leben ein. Und das, obwohl (oder vielleicht gerade weil) es Unterschiede zum deutschen Schulsystem gibt und wir uns dadurch nur bedingt mit der Geschichte und den Charakteren identifizieren können. Dazu kommt, dass viele von uns froh sind, wenn die Schulzeit endlich vorbei ist und sie dieses Kapitel des Lebens ausblenden können – zumindest an den Tagen, an denen sie nicht von Facebook mit einem „Heute vor 10 Jahren“-Foto konfrontiert werden. Deswegen frage ich noch einmal: Woher kommt unsere Faszination?
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Ein Grund dafür könnte sein, dass uns Filme dabei helfen können, den Umgang mit potentiell schwierigen Emotionen zu lernen, erklärt die TV-Psychologin Honey Langcaster-James. „Du fragst dich vielleicht, warum manche Menschen Horrorfilme oder Thriller schauen. Warum tun sie sich das nur an? Warum gruseln sie sich freiwillig? Die Antwort lautet: Es kann etwas Beruhigendes haben, Emotionen aus der Ferne zu erleben. Ich könnte mir vorstellen, dass es bei Teeniefilmen ähnlich ist. Indem du dich in die Charaktere hineinversetzt, erlebst du herausfordernde Gefühle aus der Distanz. Allerdings hast du als Erwachsene*r einen viel größeren Erfahrungsschatz und bist reifer. Du kannst die Emotionen, die dich damals beinahe um den Verstand gebracht haben, mit Abstand betrachten und sie so aufarbeiten.“
Für mich klingt diese Erklärung absolut nachvollziehbar. Fast schon zu einleuchtend und einfach. Wenn wir vor dem Fernseher sitzen, lernen wir unterbewusst sehr viel über die Welt, unsere Kultur und andere Menschen. Vielleicht arbeiten wir also jedes Mal, wenn wir einen Film sehen, in dem Nerds gemobbt und Cheerleader geliebt werden, unbewusst unsere Vergangenheit auf. Vielleicht korrigieren wir sogar einige unserer Annahmen und Erfahrungen von damals.
Foto: ANNAPURNA PICTURES
Booksmart
Es muss aber nicht zwingend eine tiefgründige Erklärung hinter deiner Liebe zu Teeniefilmen stecken – zumindest nicht auf emotionaler Ebene, so die Psychologin Dr. Joan Harvey. Sie ist zwar auch der Meinung, dass wir mit diesen Filmen unsere Vergangenheit noch mal neu erleben können (und daran ist auch nichts auszusetzen), doch vielleicht trägt auch die aktuelle Bewegung der Popkultur einen Teil bei: „Heutzutage sind wir offener als früher und geben eher zu, dass wir an diesen Dingen Spaß haben“, erklärt sie. „Es ist fashionable die Teenie-Popkultur zu mögen. Es ist cool, als Erwachsene*r Harry Potter noch mal zu lesen. Noch vor zehn Jahren hätten sich das viele nicht getraut. Sie haben die Filme heimlich geschaut und niemandem davon erzählt, um nicht uncool zu wirken.“
Außerdem ist das Angebot mittlerweile einfach riesig. Die Wahrscheinlichkeit, beim Scrollen durch Netflix oder Amazon über eine Gen-Z-Serie, einen -Film oder ein -Buch zu stolpern, ist extrem hoch. Dass wir uns dann schlussendlich auch dafür und nicht für sagen wir mal eine Dokumentation entscheiden, hat mehrere mögliche Ursachen. Zum einen liegt es vielleicht daran, dass wir uns von niemandem vorschreiben lassen wollen, was wir schauen dürfen. Nur, weil wir schon älter sind als die Protagonist*innen heißt das ja nicht, dass wir nicht trotzdem Spaß an der Serie haben könnten. Zum anderen spielt natürlich auch der Nostalgie-Faktor eine Rolle – ebenso wie der Fakt, dass es Situationen gibt, in denen wir uns leichte Unterhaltung wünschen. Nach einem anstrengenden Tag auf Arbeit zum Beispiel. Oder, wenn wir das ganze Wochenende mit einem Kater auf dem Sofa liegen (jupp, ab 30 dauert ein Kater gut auch mal zwei Tage an…). Last, but not least können wir uns in die Charaktere hineinversetzen, weil wir selbst schon mal in ihrer (oder einer ähnlichen) Situation waren. Umso älter wir werden, umso mehr schwierigen oder unvorhersehbaren Problemen müssen wir uns stellen. Wenn wir Teenager beobachten, die unglücklich verliebt sind oder nur schwer neue Freunde finden, gibt uns das die Möglichkeit, einfach Mal abzuschalten. Wir können uns zurücklehnen und für einen Moment die eigenen Sorgen vergessen. Schließlich haben wir früher mit den gleichen Dingen kämpfen müssen und wissen es jetzt, da wir älter sind, besser.
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